Alberto Nessi

Schattenblüten

Erzählungen

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

2000, 171 Seiten, gebunden

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Kurze Inhaltsangabe

Schattenblüten: das Thema aller Texte dieses Buches sind das Leben im Herbst und seine Erinnerungen an verflossene Träume, seine skurrile und wehmütige Gegenwart. Alberto Nessi versammelt Erlebnisse und Geschichten von Menschen am Rand, zusammengewürfelt in diesem oder jenem Gedächtnis, heraufbeschworen durch Beobachtungen im Alltäglichen, gebündelt in der Frage: Wann war ich glücklich? War ich glücklich?

Alberto Nessis erzählt von diesen ‹unwichtigen› Persönlichkeiten und ihren Schicksalen in seiner poetischen Prosa, die mit leichter Hand Bilder zeichnet von den Stimmungen und Empfindungen seiner Protagonisten. Und fast immer dominiert die Melancholie, eine feine Wehmut, die aufgehoben ist in einem Gespür für den Kreis des Lebens und einem grossen Respekt davor.

Textprobe

Das Kind hat ein weisses Schneckenhaus, eine Handvoll Brombeeren und die roten Früchte der Kornellkirsche gesammelt, Beeren, die Ende August reifen. Sie hat den Hühnern die noch grünen Trauben des Weinstocks hingeworfen. Jetzt versucht sie, auf einem Grashalm zu blasen, den sie zwischen die beiden Daumen gespannt an ihre Lippen hält.

Auch am letzten Sonntag, als ihr Vater sie an einem Tisch im Wirtshaus hinter der grünen Gazosaflasche betrachtete, hatte sie unter ihrem Chicco-d’Oro-Hütchen gelacht. Dann war sie nachdenklich geworden, hatte gesagt:

«Da, jetzt. Wir sind schon einmal so dagesessen. Die Dinge wiederholen sich.»

Der Vater legt sich neben der Scheune ins Gras und betrachtet die Halme, die sich am Spätnachmittag näher herunterbeugen. Er erinnert sich an einen Spaziergang, den er vor vielen Jahren auf diesem Weg gemacht hat. Er war mit Silvana und Renzo beim Beerensammeln. Die gleichen Beeren, die seine Tochter jetzt verwendet, um Halsketten zu machen.

«Was mag aus Silvana geworden sein?», denkt der Vater, im Gras ausgestreckt. Er war mit ihr in den alten, stillgelegten kleinen Bahnhof am Rand der Felder gegangen wie in einem amerikanischen Film; sie aber wollte lieber Beeren pflücken.

Und Renzo? Eine Medaille, mit grau gewordenem Gesicht und leicht verwegener Baskenmütze. Er sieht ihn weit weg und klein, im Spiegel der Bar, wo er ihm das letzte Mal begegnet war: da ist sein Bild, hinter den Aperitif-Flaschen, mit einem beschlagenen Lächeln. Er sieht das Haus im Dorf wieder, wo Renzo sich in Gesellschaft einer Ziehharmonika niedergelassen und wo er ihm die Geschichte des Sakristans aus dem letzen Dorf oben im Tal erzählt hatte, einem, der Die Verlobten seitenweise auswendig konnte: er war fasziniert von Einzelgängern, der Renzo. Einmal hatte er ihm seine Aufzeichnungen gezeigt. Ein Satz fällt ihm ein: «Die Natur ist keine gute Mutter.» Wo hatte Renzo es hergenommen, dieses Zitat? Aus einem Kalender? Aus einem Buch? Oder stammte der Satz von ihm selbst? Dieser Junge verstand von allem ein bisschen was und lehnte Spezialisierung ab. Aber um zu leben, muss man sich spezialisieren. Das ist es, Renzo konnte mit seinem Leben nichts anfangen. Bei der Beerdigung hatte der Pfarrer gesagt, dass ihn die schlechte Gesellschaft ruiniert habe. Eine dumme Pfaffenpredigt. Warum hatte Renzo sich bloss umgebracht? Und warum hatten er und Silvana sich nicht geliebt?

«Hilfe», schreit das Kind von ihrem Haus aus. Wie schön wäre es, diese Scheune mit dem Rosmarin davor zu besitzen und jeden Tag mit dem Vater auf diese Wiese zu kommen, um auf Grashalmen zu blasen!

Jetzt hat sich das Kind die Beeren um den Hals gelegt, eine Kette, die stärker leuchtet im letzen Sonnenlicht.

Pressestimmen / Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Pressestimmen
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zürcher Zeitung vom 18. November 2000 
Rd_tri.gif (202 Byte) Aargauer Zeitung vom 7. Dezember 2000 
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Bund vom 9. Dezember 2000 
Neue Zürcher Zeitung vom 18. November 2000

 

Die Alltagsprotokolle eines Poeten

Alberto Nessi feiert im Literaturhaus Geburtstag

Er wird 60, und er feiert in Zürich: der Tessiner Schriftsteller Alberto Nessi. Am Sonntag wird darum ins Literaturhaus der Museumsgesellschaft geladen, wo neben Alberto Nessi auch Klaus Merz, Anna Felder und Isolde Schaad aus seinem Werk lesen.

Dass ein Tessiner Autor wie Alberto Nessi seinen sechzigsten Geburtstag in Zürich feiert und bei diesem Anlass aus seinem soeben auf Deutsch erschienenen Erzählungsband «Schattenblumen» liest, ist ein schöner Beweis dafür, dass die kulturellen Beziehungen zwischen den Sprachregionen der Schweiz funktionieren können. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Alberto Nessi in der deutschen Schweiz der bekannteste und am meisten übersetzte Tessiner Schriftsteller ist: Seit 1983 sind im Zürcher Limmat Verlag fünf Bücher von ihm erschienen, vier erzählende Werke und eine Auswahl seiner Gedichte. - Die Gründe seines Erfolgs liegen nicht auf der Hand: Er ist kein Unterhalter, kein Vielschreiber; seine Erzählungsbände oder Kurzromane sind fast so schmal wie seine Gedichtsammlungen; seine bevorzugte literarische Gattung ist die Lyrik, und auch wenn er Erzählungen schreibt, geht es ihm nicht um eine spannende Handlung, sondern um die Evokation der Vergangenheit, die Stimmen der Toten,
das knappe und farbige Protokoll des gelebten Alltags.

Alberto Nessi steht als Lyriker und als Erzähler in der Tradition des dokumentarischen Realismus, dem die Tessiner Literatur der letzten Jahrzehnte ihre wichtigsten Bücher verdankt. Er wurde 1940 in Chiasso geboren und hat die Verwandlung der lieblichen Hügellandschaft des Mendrisiottos in eine Industrie- und Strassenzone als Augenzeuge erlebt. Er hat auch gesehen, wie sich Chiasso, die ehemalige Kleinstadt der Eisenbahner und Spediteure, zu einem Bankenzentrum entwickelte, wo der Auto- und Lastwagenverkehr kaum je abbricht und die Luftverschmutzung nicht nur kantonale, sondern auch schweizerische Höchstwerte erreicht. Er hat den südlichsten Teil seines Heimatkantons nie verlassen: Viele Jahre wohnte er in Coldrerio und war Lehrer am Gymnasium von Mendrisio; seit einiger Zeit lebt er als freier Schriftsteller im Valle di Muggio, unweit der Grenze.

Wie gründlich und engagiert er über seinen Heimatkanton nachgedacht hat, zeigt seine Anthologie «Rabbia di vento», die 1983 auf Italienisch, Deutsch und Französisch erschien und ein recht ungemütliches Bild des Tessins entwirft. Es handelt sich um ein Porträt des Tessins, das im Umbruch zwischen Bauerngebiet, Touristenparadies und Finanzplatz für italienische Fluchtgelder seine Identität verloren hat. Ein Porträt, das die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Probleme des Inselkantons vielfältig beleuchtet in den Analysen von Historikern, Wirtschaftsexperten und Sprachforschern, in den Texten vonSchriftstellern und in den Zeugnissen von Emigranten, Bauern und Angestellten.

Schon früher hatte Nessi sich als Lyriker einen Namen gemacht, der in seinen sparsamen und treffenden Versen an den prosanahen Rhythmus der Lyrik von Cesare Pavese anknüpfte. Er ist ein aufmerksamer Beobachter der Grenz- und Umbruchsituationen, unter denen gerade diejenigen am meisten leiden, die sich nur schwer mitteilen können: die Alten, die Armen, die Unterdrückten, die Zugewanderten, die einsam nebeneinander, aber nicht mehr zusammenleben. Ihnen gibt er eine Stimme, indem er sie häufig in der Ich-Form von ihrem Alltag erzählen lässt: stockend und ungefähr, doch immer in konkreten Details, die eine Situation unverwechselbar machen.

Auch in Nessis Erzählungen sind die Protagonisten Aussenseiter: Schmuggler, Anarchisten, Gauner, Spinner oder sonst schräge Vögel, deren knapp skizzierte Geschichten sich immer wieder in ein Netz von präzisen Einzelzügen auflösen. Die letzte Prosasammlung «Schattenblüten» ist eine Art Spoon River des Mendrisiottos geworden, in dem die toten Weggenossen mehr in den Vordergrund treten und die Friedhöfe, wo jeder Grabstein seine Geschichte erzählt, lebendiger werden als die dazugehörigen Dörfer. So dass man schliesslich vermuten kann, dass das Leben nur ein Bündel von Geschichten ist, «die zwischen den Blättern im Unterholz, zwischen den Abfällen im Rinnstein enden, wenn sich keiner mehr an sie erinnert». 

Alice Vollenweider
© Neue Zürcher Zeitung

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Aargauer Zeitung vom 7. Dezember 2000 und
Der Bund vom 9. Dezember 2000  

Aus der Tiefe des Lebens

Poetisch. Alberto Nessis «Schattenblüten» - ein Erzählband

Eine Wundertüte öffnet sich: Ihr entnehmen wir eine Kurzerzählung nach der andern - oftmals sind es nur Miniaturen -, lauschen augenblicklich auf den einfachen, klaren Ton und die transparente Sprache, die vieles unausgesprochen lässt, hingegen aussagestarken Gesten, wunderschönen Bildern und Stimmungen die Erklärung für die Liebe zu einer Landschaft überlässt, die in keiner Weise mehr derjenigen von Alberto Nessis Kindheit gleicht: das Mendrisiotto hat sich von einer bäuerlichen Gegend in eine kompakt überbaute, grenznahe Industrielandschaft und Finanzdrehscheibe verwandelt.
Diese Agglomeration zwischen dem Tessin und Italien hat ihre ländliche Identität von einst weitestgehend verloren und einer mehr oder weniger amorphen Strukturlosigkeit von heute Platz gemacht. Viele Einwanderer haben sich in den letzten Jahrzehnten in und um Chiasso niedergelassen, aber es kommt nicht zu einem Miteinander, sondern lediglich zu einem Nebeneinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Aber die Erinnerungen bleiben, sie melden sich, sind präsent und bestimmen das Klima dieses Buches.

(...)

Jeder der Tessiner Dichter hat seinen eigenen Ton und seine unverwechselbare Handschrift. Von allen scheint Nessi die grösste Leichtigkeit zu haben, um mit hingetupfter Klarheit Menschen, Originale, Stimmungen, Farben, Regungen und Bewegungen zu bannen. Seinem Stil eignet eine schimmernde Schönheit, die Mühsal nicht überdeckt, sondern dank scharfer Beobachtung Bilder entwirft, die im Gedächtnis haften. Selbst der sinnierende alte Mann im Park im frostigen Spätherbst verströmt zurückhaltende Zuversicht, weil er sich nicht vor seinem Tod fürchtet; sturzbetrunkene Angehörige, die man im Strassengraben findet, gehören eben zum Leben, und die Friedhöfe bergen unter ihren Grabsteinen viele, viele Geheimnisse.
Die Schattierungen des Lichts auf den Hügelketten, das alles durchdringende Sommerlicht, die Regungen der bestellten Felder unter dem darüberstreichenden Wind und die Blüten des Tessiner Frühlings und Herbstes - sie geben den Erzählungen Nessis das unwiderstehliche Fluidum, das gute Literatur auszeichnet.
Der Schluss der letzten und titelgebenden Erzählung «Schattenblüten» ist tiefsinnig: die unscheinbare, unattraktive Dorfschullehrerin träumt von Alfonsina Storni, der 1892 in Sala Capriasca geborenen, nachmalig hochberühmten Lyrikerin aus Argentinien, die sich 1938 mit 46 Jahren im Meer in Mar del Plata ertränkte. Die beiden begegnen sich - im Traum - auf dem Dorfplatz des Dorfes vor dem Haus, in dem Storni geboren wurde und das eine Gedenktafel trägt. Ruhm, Vergänglichkeit und die Mühsal des täglichen Broterwerbs bündeln sich in einer von unerfüllten Wunschträumen und nicht ausgelebten Sehnsüchten gesättigten Fata Morgana, die - vom Winde verweht - nur als Erinnerung weiterlebt.

Gertrud Raeber
© Der Bund

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