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Alberto Nessi Terra matta Drei Erzählungen Nachwort von Fabio Soldini Aus dem Italienischen von Karin Reiner 2005, 192 Seiten, gebunden sFr. 22.– , € 22.–
Die deutsche Erstausgabe erschien 1983 in der Übersetzung von Karin Reiner, die für diese Ausgabe vonüberarbeitet wurde. |
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Terra matta Teilnehmendes Erzählen «Drei Geschichten führen uns aus der Vergangenheit bis in die heutige Zeit: die eines Sozialbanditen aus der Mitte des l9. Jahrhunderts; die der streikenden Tabakarbeiterinnen zu Anfang unseres Jahrhunderts; die Familiengeschichte eines Sozialisten, die diesen zum Spanienkämpfer werden lässt. Nessi hat mit seinen Geschichten Dokumente erstellt, die in ihrer Direktheit niemanden kalt lassen.» Der Bund «Dieses schmale Buch wiegt für mich eine Jahresproduktion österreichischer Belletristik auf. Behutsam und verantwortungsvoll gegenüber den historischen Vorlagen erreicht Alberto Nessi in seiner Prosa eine Dichte, eine Farbigkeit, eine epische Breite auch. ‹Terra matta› ist die Kunst des Spurenlesens.» Erich Hackl |
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Terra matta Im Jahre 1843 fiel Mariä Heimsuchung auf einen Sonntag. Es wurde ein grosses Fest. Nachdem sie die ersten Glocken losgebunden hatten, die Maultiere und Esel aus Moltrasio, Cernobbio, Rovenna und Piazza Santo Stefano bepackt waren, verliessen die Teilnehmer der Prozession ihre Dörfer auf Wegen, die zu dieser Stunde und Anfang Juli noch ganz finster waren. In der Morgendämmerung begannen die Figuren deutlicher Gestalt anzunehmen: die Kapuzen rot und weiss die Kutten der Amtsbrüder, leichter trug sich der Baumwollstoff auf den Schultern der jungen Mädchen, aus den geblümten Kopftüchern tauchten die Gesichter der Bäuerinnen hervor. Der Vollmond und die Sterne, die noch am Himmel verharrten, kündigten eine schöne Kirch-weih an. Als die Vögel die Stille der Berge über dem Comer See brachen, fing auch der Pfarrer inmitten laubiger Zweige zu psalmodieren an. Die Gesänge waren jedoch matt und erlaubten jedem, seine persönlichen Angelegenheiten zu überdenken, die, aus den Nebelschleiern des Schlafes aufgestiegen, sich mit all ihren frischen Wunden den Blicken darboten. Man konnte die Bauern sehen, die an der pellagra litten, da sie nur Polenta, Kastanien, Kleiebrot, Gersten- und Hirse-suppe, die mit Nussöl gewürzt war, zu essen hatten; die Papiermacher aus Piazza und Maslianico, die Tag für Tag in den Betrieben entlang der Breggia mit Lumpen hantierten und nun ihre Klarinetten und Flügelhörner an die Lippen setzten, die Coconwäscherinnen, Aufputzerinnen und die Anreisserinnen, die ihre grobe Arbeitsschürze gegen eine bestickte Festtagsschürze eingetauscht hatten. Das Licht der Morgensonne fiel weniger auf Lucias von bescheidener Schönheit als auf Mädchen, die abgearbeitet und mitgenommen waren von den langen Stunden, die sie in der Spinnerei beim Haspeln und beim Einheizen des Ofens zugebracht hatten. Unter ihnen waren Mädchen, deren Los es war, vorzeitig zu altern, um den Seidenherren zu ermöglichen, sich ihre Landhäuser in der Brianza zu halten, Kinder, die in den Spinnereien mit ihren feinen -Fingerchen die Seidenfäden wieder verknüpften und die manchmal mit dem Gewicht ihres Körpers nachhalfen, dass sich die Spulmaschine drehte. Auch auf Schweizer Seite stieg man den Monte Bisbino hinauf, mit Umhängetaschen, Armkörben, Tragkörben, grossen und kleinen Flaschen. Mitten unter den Kindern, die schon recht lärmten, schritt ein Maultier mit einem Fass Wein auf dem Rücken. Einige waren bereits kurz nach Mitternacht aufgebrochen, um den Sonnenaufgang zu sehen, ihre Sünden zu beichten und in der Wallfahrtskirche einen Platz zu ergattern ÿ denn, fällt Kirchweih auf einen Sonntag, gibt es so viele Leute, dass man meinen könnte, man sei am Gründonnerstag in Como, um das Kruzifix in der Kirche der Annunciata zu küssen. Zwischen den Buchen, Eichen und Kastanien hindurch sah man im ersten Tageslicht die Gewänder der Pfarrer vorbeiziehen, die Barchentkleider der Bauern, die Samtkittel und die blumenbestickten Gilets der Burschen, die Schleier und die Röcke der Frauen und die kurzen Hosen der Buben. Sie kamen von Sagno, Morbio, Vacallo, Mendrisio, Caneggio und aus anderen Dörfern des Mendrisiotto. Nachdem sie aus dem schattigen Dunkel des Waldes hinaus auf die grasbewachsenen Kuppen gelangt waren, hielten sie inne, um die Wallfahrtskirche auf der Höhe zu bewundern. Sie war wie eine kleine Festung umschlossen von einer mächtigen Mauer, diese Stätte der Wundertätigkeit, die der Blitz vor zwanzig Jahren als Zielscheibe benutzt hatte, wobei er einen Jagdhund verkohlen, siebenundzwanzig Wallfahrer, beschützt durch die Heilige Maria vom Bisbino, jedoch unversehrt liess. Die Breva, die aus der Ebene heraufblies, fegte über die lange gewellte Kruppe der Rücken hinweg, liess die Filzhüte und die Mützen der Männer fliegen. Sie standen eng in einer Gruppe zusammen, um mit ein paar Pfarrherren zu diskutieren, die sich Heuschrecken von der Soutane schüttelten unter den Eschen mit ihrem bedrohlichen Laubwerk und den Vogelbeerbäumen, deren rote Trauben sich bewegten. Augen und Schnurrbärte glänzten in der Morgensonne. (…) |
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