Das hohe C der Konventionen

Alberto Nessi

Die Wohnwagenfrau

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

1998, 120 Seiten, gebunden

Rd_tri.gif (202 Byte) Alberto Nessi Rd_tri.gif (202 Byte) Zum Buch Rd_tri.gif (202 Byte) Text Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen

Kurze Inhaltsangabe

Tosca, ein armes Tessiner Mädchen, träumt schon im Kinderheim von der Liebe und von der Musik. In Zürich, wo sie als Magd zu arbeiten beginnt, nimmt sie abends Gesangsstunden am Konservatorium. Aber die Oper ist sehr weit weg für eine junge Frau mit der falschen Herkunft, die Liebe ist schwierig für eine, die unkonventionell liebt. Tosca versucht es trotzdem. Ihr Schicksal zeigt die Geschichte einer Frau, die sich in der Schweiz der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ihren eigenen Weg freizukämpfen versucht.

Textprobe

Wohin geht Tosca heute an ihrem freien Tag? Wenn sie das Ohr an das Geländer der Seeuferpromenade legt, trägt ihr der Wind die Geräusche des Lebens zu: Der Stiefvater summt ein Lied und klimpert dazu auf der Gitarre, zu einer anderen Musik, der des Wischlappens, putzt die Mutter im Haus fremder Leute die Fenster, die Nonnen huschen durch die Gänge, im Samt eines Kinosaals sagt das Mädchen vom Land glückliche Worte, die Möwen kreischen über den Wellen.

Nun verläßt sie das Zentrum in Richtung Vorstadt, angezogen von den windgezausten grasbewachsenen Grundstücken, wo sich immer etwas zu verstecken scheint, das es zu entdecken gilt.

Während sie zwischen abseits liegenden Villen herumspaziert, hört sie eine Stimme, die ihren Schritt stocken läßt. Die Stimme dringt aus einem gelben Haus mit Kirschlorbeer im Garten, Lanzenspitzen am Gittertor und einer von kleinen Säulen getragenen Terrasse. Hoch vibriert sie in der Luft, höher als die Stimmen, die Tosca im von Mentlen gehört hat, wo sie sich von den Toten befreite, indem sie in der Kirche sang, und wo sie zum ersten Mal das Gefühl hatte, daß die Schlacken des Alltags von ihr abfielen.

Sie schlüpft durch das halboffene Tor. Auf dem Kies stehen steinerne Stühle, als warteten sie auf jemanden. Sie nähert sich, und ihr ist, als öffnete sich ein Vorhang: Am Fenster im Erdgeschoß singt eine große Frau mit toupierten Haaren eine Romanze und begleitet sich am Klavier. Die Vögel im immergrünen Gezweig schweigen verstört. 

Casta diva che inargenti
queste sacre antiche piante
a noi volgi il bel sembiante
senza nube e senza vel …

Im Auf und Ab der Klangwelle erfaßt sie vereinzelte Worte.

Was ist denn ein sembiante? Und die Diva: so eine wie Grace Kelly?

Von da an geht das Mädchen oft bis zum gelben Haus, um der Welle jener neuen Stimme zu lauschen, die in ihr Platz genommen und ein Repertoire bereichert hat, das von Kyrie Eleison und Mira il tuo popolo bis Grazie dei fior reicht, ohne das Pfeifen des jungen Burschen unter dem Kornelkirschenstrauch zu vergessen, eine kleine Melodie, die in Momenten der Leichtigkeit wiedererwacht. Und jetzt diese diva chinar genti …

Einmal will sie mit Miria hingehen, um die Sängerin zu beobachten, die bogenförmige, mit dem Stift nachgezogene Augenbrauen hat. Schweigend spähen sie hinter den kleinen Säulen hervor, und Miria preßt sich die Hand auf den Mund, um nicht loszulachen.

«Ich weiß nicht, was du daran findest», sagt sie dann, während sie Arm in Arm mit der Freundin nach Hause geht.

«Es ist eine Stimme, die sich von der Erde loslöst, sie trägt mich davon.»

«Ich muß lachen, wenn ich sie höre. Es ist nicht natürlich, so zu singen. Und außerdem versteht man nichts.»

«Was heißt denn natürlich?»

Miria versetzt einer Dose auf der Straße Fußtritte, bricht ein Zweiglein von einem Strauch ab und reicht es der Freundin: «Hier ist dein Lorbeerkranz. Ich kröne dich zur Königin der Sängerinnen.»

Dann stiehlt sie im Vorbeigehen beim Obsthändler zwei grüne Äpfel aus den auf dem Bürgersteig ausgestellten Kisten; und mit ihren jungen Zähnen hineinbeißend schlendern die Mädchen davon.

Pressestimmen / Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Pressestimmen
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zürcher Zeitung vom 12. September 1998
Rd_tri.gif (202 Byte) SFD / Beat Sterchi vom 15. Februar 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) St. Galler Tagblatt vom 29. Mai 1999
Neue Zürcher Zeitung vom 12. September 1998

Die Bergdorf-Traviata

Alberto Nessi: «Die Wohnwagenfrau»

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    Scheitern auf der ganzen Linie also in einem Buch der sozialen Anklage, das gleichzeitig lirico sein möchte. Diesem hohen Anspruch wird der zweifellos poetisch wortbegabte Auto leider nur bedingt gerecht. Er hat es sich gewiss nicht leichtgemacht. Und sein Bemühen, die Seele einer aussergewöhnlichen, vom Künstlertum durch eine starre Gesellschaft abgedrängten Frau auszuleuchten, führt tatsächlich manchmal ins Dichterische: wenn er etwa beschreibt, wie sich die einsame Tosca für die «tanzenden Schneeflocken eine Stimme erfindet» und wenn «die Melancholie» der Städte ihr «die Welt plötzlich unbewohnbar» erscheinen lässt.

    Doch fast als schämte er sich dieser subtilen Schwingungen, überdeckt Nessi sie oft gleich im nächsten Satz mit klischeehafter, ja trivialer Hohltönerei. Ob da nun ein «Fluss seine kupplerischen Lieder singt», Tosca «unter ihrem Rock erste Schimmer beginnenden Frauseins zeigt» und ihr danach das «Wohnzimmer» als eine «Camera obscura voller Träume und Begehren» erscheint - das ist Kitsch, sind geschmackliche Entgleisungen. Man verzeiht es diesem Autor um so weniger, als er immer wieder beweist, dass er es besser kann. Ein sorgfältigeres Lektorat und eine vielleicht auch etwas kritischer mitdenkende Übersetzerin (spricht man in Basel etwa von «Kneipe»?) hätten dazu beitragen können, dass dieses kleine, so human engagierte Buch den Niederungen der Sentimentalität weniger nahe kommt.

Ute Stempel
© Neue Zürcher Zeitung

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Porträt einer Tessinerin mit Kraft und Kanten

(sda/bhe) Ein entbehrungsreiches Leben als Dienstmädchen wird ihr vorausgesagt, aber Tosca, «Die Wohnwagenfrau», beharrt schon als Kind auf ihrem Recht zu träumen: Sie will Opernsängerin werden. Ein packend-tragisches Frauenschicksal aus dem Tessin, von Alberto Nessi meisterlich erzählt.

Opernsängerinnen sind keine Wohnwagenfrauen. Der Titel des Buches verrät, dass die Träume des musikbegabten, aber unterprivilegierten Internatskind Tosca nicht in Erfüllung gehen werden. Es ist auch nicht die Ungewissheit über den Ausgang ihrer Karriere, es ist die Spannung im Leben dieser Frau selbst, die ihre Geschichte äusserst packend macht.

Denn ihre Liebe zur Musik und ihre Lebensfreude sind stärker als der Druck zur Anpassung an die Normen eines noch schwarz katholischen Tessins. Gerade weil das Leben dieses unehelichen Kindes in Internaten und Heimen gebändigt werden soll, bäumt es sich auf und bricht aus.

Gesang als Befreiung

Toscas Startbedingungen sind miserabel. Der leibliche Vater verschwindet gleich in der Nacht ihrer Zeugung, der Stiefvater macht alles noch schlimmer, die Mutter ist überfordert. Tosca wächst unter der Obhut von lebensfeindlichen Nonnen auf. Früh wagt sie den Sprung über den Gotthard nach Zürich, obschon die Leute dort in den Augen einer Freundin «aussehen wie gekochte Kartoffeln».

Erst arbeitet sie als Dienstmädchen und Tellerwäscherin, dann, sobald es die Sprachkenntnisse zulassen, als Angestellte beim Einwohnermeldeamt, wo sie an Schalter Drei für die italienischen Gastarbeiter zuständig ist. Abends studiert sie dann jenen Gesang, von dem sie Befreiung erhofft. Bald muss sie jedoch lernen, dass der Mensch ein ziemlich «freudloses Wesen» ist. Die Kunst steht schlecht im Kurs.

Tanz über dem Abgrund

Auf die an Verletzungen reiche Jugend folgt jedoch nicht die soziale Abrechnung. Es geht nicht um ein äusserliches Scheitern an der Ungerechtigkeit der Welt, vielmehr wird der wagemutige Gang über die Abgründe der Konventionen einer ausserordentlichen Frau besungen.

Als erfolglose aber geborene Künstlerin wird sie zwar zur ausnützbaren, nur noch geduldeten Randfigur, aber sie singt, liebt und lebt. Spätestens als sie sich jedoch in einen Priester verliebt, ist ihr inneres und äusseres Zerbrechen nur noch eine Frage der Zeit.

Lyrische Bildersprache

Alberto Nessi erzählt diese Geschichte in Bildern, in schönen, bleibenden und schmerzenden Bildern. So lyrisch seine Sätze sein können, so ökonomisch er sie einsetzt, so treffend und unausweichlich vermitteln sie viel Welt auf wenig Seiten.

Die Geschichte der Wohnwagenfrau Tosca basiere auf einer wahren Begebenheit, die Personen aber seien Figuren der Phantasie, heisst es vorne in dem tadellos aus dem Italienischen übersetzten Buch. Sei es in den hervorragend montierten Selbstzeugnissen, in Briefen oder in der erzählenden Prosa, immer ist «Die Wohnwagenfrau» wirklicher und damit berührender als die Wirklichkeit.

Beat Sterchi / SFD
© 1999 News-Window

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St. Galler Tagblatt vom 29. Mai 1999

Sonnenstube mit Schattenseiten

Eine Begegnung mit dem Erzähler und Lyriker Alberto Nessi im Mendrisiotto

Seine Figuren sind tragisch - denn auch das Tessin sei im Innersten melancholisch, sagt Alberto Nessi. Im Mendrisiotto wurzeln seine Erzählungen, und dort haben wir den Autor getroffen.

Alle seine Werke - die Erzählungen wie die Lyrik - atmen den Geruch des Tessins. Alberto Nessi schreibt über das Leben der kleinen Leute im Mendrisiotto, das manchmal wie durchdränkt ist von Trauer und Melancholie in einem ungleichen Lebenskampf. Es ist die Gegend, wo Ankommen und Weggehen die Menschen mehr geprägt haben als Sonnenscheindauer und Merlot.

Kleine grosse Welt

Auch in der jüngsten Erzählung Nessis, «Die Wohnwagenfrau» («La Lirica»), träumt Tosca schon im Kinderheim von einer Karriere als Sängerin. In Zürich, wo sie als Dienstmädchen arbeitet, nimmt sie Gesangsstunden. Zurück im Tessin, muss sie ihren Traum begraben und bewegt sich statt dessen auf der Bühne des Lebens, auf der sie liebt und kompromisslos-erfolglos kämpft. Gegen das Etikett des Provinzialismus wehrt sich Nessi. «Ich sehe mich als bescheidenen, aber realistischen Schriftsteller, der im Mendrisiotto seine Wurzeln hat. Diese meine Welt taucht in und vor mir auf, wenn ich schreibe. Das ist keine Inszenierung. Toleranz, Liebe, Geborgenheit, kurz alles, was uns umtreibt, hat keine Geographie, denn es handelt sich um universale Werte.» An der Frankfurter Buchmesse gehörte er zur dreizehnköpfigen «Delegation» der italienisch schreibenden Schweizer Autoren. Frankfurt, «Schau- und Rummelplatz», wie Nessi sagt, hat bei ihm zwiespältige Gefühle ausgelöst. «Es war eine Ehre für mich, nach Deutschland eingeladen zu sein. Das zeigte mir, dass man mich als Schriftsteller wahrnimmt. Wäre ich nicht angefragt worden, wäre ich wahrscheinlich verbittert. Aber den grossen Durchbruch habe ich von dieser Reise nicht erwartet.»

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Die Übersetzung von «La Lirica» («Die Wohnwagenfrau») durch Maja Pflug wurde von der Kritik gerühmt. Nessi weiss um die unumgänglichen Kompromisse. Das fängt beim Titel an - würde «Die Lyrikerin» die Leserschaft zum Kauf animieren? Unabhängig davon enthielte die Übersetzung nur einen Teil des Assoziationsfeldes, welches das Wort im Italienischen hat. «La Lirica» meint hier die Frau, die gefühl- und stimmungsvoll einen Gleichklang mit ihrer Umwelt herzustellen sucht. Nessi ist mit Frau Pflugs deutschem Titel einverstanden, auch wenn er sieht, dass dieser die Persönlichkeit der Protagonistin eingrenzt. Die Beziehung zu Maja Pflug beschreibt er als eine Art Komplizenschaft, genährt aus gegenseitigem Respekt und dem Wissen, dass die Übersetzerin liebt, was sie übersetzt, dass sie ihn und sein Werk gut kennt. Für den Originaltext trage er die Verantwortung. Sobald er beim Verlag in Druck gehe, gebe er ihn aus der Hand. «Er verlässt mich im wahrsten Sinn des Wortes. Die Übersetzung ist dann nur ein weiterer Teil dieses Abrückens. Eine Übertragung ist vergleichbar mit der Transkription eines Musikstückes für ein anderes Instrument.»

Kathrin Zellweger
© St. Galler Tagblatt

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