Rückspiel

Giorgio Orelli

Rückspiel / Partita di ritorno

Gedichte italienisch/deutsch

Ausgewählt und aus dem Italienischen übersetzt von Christoph Ferber
Mit einem Gespräch von Alice Vollenweider mit Giorgio Orelli und einem Nachwort von Maria Antonietta Grignani

1998, 232 Seiten, gebunden
ISBN 3-85791-318-5

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Kurze Inhaltsangabe

Dieser Gedichtband stellt den Tessiner Lyriker Giorgio Orelli, der zu den wichtigsten Stimmen der italienischen Lyrik dieses Jahrhunderts gehört, zum ersten Mal auf Deutsch vor. In einer Auswahl, die zeigt, wie mühelos dieser Dichter die Erinnerung an seine bäuerliche Heimat mit der kritischen Wahrnehmung der Gegenwart verbindet und Gedichte schreibt, deren reiche und kunstvolle Struktur sich mit präziser rhythmischer und melodischer Schönheit paart.

Foto Felix von Muralt/LOOKAT Giorgio Orelli, geboren 1921 in Airolo. Lebt in Bellinzona als Lyriker und Literaturwissenschaftler. Unter anderem 1988 ausgezeichnet mit dem Großen Schillerpreis.

Lyrik
Né bianco né viola, Lugano 1944
Poesie, Milano 1953
L'ora del tempo, Milano 1962
Sinopie, Milano 1977
Spiracoli, Milano 1989

Prosa
Un giorno della vita, Milano 1960

Übersetzung
J.W. Goethe, Poesie Scelte, Milano 1974

Literaturkritik
Accertamenti verbali, Milano 1979
Accertamenti montaliani, Bologna 1979
Il suono dei sospiri, Torino 1990
Quel ramo del lago di Como, Bellinzona 1990
Foscolo e la danzatrice, Parma 1992

2 Gedichte

Né bianco né viola

Nulla più chiedo. Contemplare i cielo
che trasfigura la mia terra.
Lontano
dagli incantevoli luoghi di nausea
dove l'anima è fredda,
simile a un crisantemo
né bianco né viola.

Nicht weiss und nicht violett

Nichts anderes wünsche ich. Den Himmel beschauen,
der meine Erde verwandelt.
Fern aller reizenden Orte
des Ekels,
in denen die Seele
kalt ist, ähnlich der Chrisantheme,
nicht weiss und nicht violett.

Le anguille del Reno

Le anguille che ci arrivano dal Reno
sono dure a morire. Stimolate
dal pescivendolo s'agitano
nerastre in scarso ghiaccio
tra un bianco di polistirolo.
Il compaziente fatto compratore
ne chiede due. Le pesa una donna
che a un tratto grida: è scappata.
Con un guizzo più piccola
è balzata dal piatto sul profido
dela piazza, ma è subito calma,
è facile riprenderla.
Tagliarle a pezzi non basta
per farle cessare di vivere.

Die Rheinaale

Die Rheinaale, wenn sie zu uns
kommen, wollen nicht sterben. Vom Fisch-
händler gereizt, zappeln sie schwärzlich
im spärlichen Eis zwischen Wänden
aus weissem Polystyrol.
Der Mitleidende, der nun zum Käufer wird,
nimmt deren zwei. Es wägt sie eine Frau,
die auf einmal «Einer ist ab» schreit.
Mit einem sicheren Ruck ist der kleinere
aus der Schale hinab aufs Porphyr
des Platzes gezuckt, doch sogleich ist er ruhig,
ihn wiederzufangen ist leicht.
Nicht reicht's, sie in Stücke zu schneiden,
um ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Pressestimmen

Link Pressestimmen
Link Neue Zürcher Zeitung vom 12. September 1998
Link Süddeutsche Zeitung vom 7. Oktober 1998
Link Frankfurter Rundschau vom 7. Oktober 1998

«Endlich stellt ein Verlag den Tessiner Lyriker, der seine bäuerliche Heimat thematisiert, ohne an der Gegenwart vorbeizuträumen, auf deutsch vor.» Neue Zürcher Zeitung

«Gedichte, die in der italienischen Literatur der Gegenwart einen reinen und eigenen Klang haben.» Neue Zürcher Zeitung

«Giorgio Orelli, der grosse italienischsprachige Lyriker aus dem Tessin, ist im deutschen Sprachraum so gut wie unbekannt. Aus seinem Gesamtwerk liegt nun eine von Christoph Ferber übertragene Auswahl vor, die von dem frühesten, schon 1944 erschienenen Gedichtband «Né bianco né viola» («Weder weiss noch violett») bis zu den spätesten - noch nicht zu einem eigenen Band vereinigten - Gedichten reicht.

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Einmal gelesen, sind diese Gedichte kaum mehr zu vergessen. Sie haben Widerhaken, mit denen sie sich im Gedächtnis des Lesers festsetzen. Das ist ein untrüglicher Ausweis lyrischer Qualität. Orelli zeigt, wozu Gedichte noch immer gut sind - wenn sie gut sind.

Christoph Ferber hat die Gedichte lebendig und plastisch in ein Deutsch mit diskreter Schweizer Färbung übersetzt, hinter dem man eine Tessiner Färbung des italienischen Originals erahnen mag. Von Maria Antonietta Grignani stammt das schöne, kenntnisreiche Nachwort, das Orellis Platz im Kontext der neuen italienischen Lyrik beleuchtet und den Leser für Orellis «improbabili epifanie evocate da brandelli di realtà» (unwahrscheinliche Epiphanien, hervorgerufen aus Bruchstücken von Wirklichkeit) vorbereitet, freilich - im letzten - nur den Leser, der des Italienischen mächtig ist.» Neue Zürcher Zeitung

 

«Vor dreißig Jahren galt der in Bellinzona lebende Poet als ein Verwegener, der zwar zum einen in der Nachfolge Chiesas stand, zum anderen aber dessen klassisches Literaturideal bekämpfte. Orelli versteht sich als Mann der Moderne, der bei den Italienern Ungaretti, Montale und Saba lernte, sich seine «lebensnotwendige Nahrung» aber auch «im Norden» holte, wie er in einem dieser Auswahl vorangestellten Gespräch mit Alice Vollenweider sagt. Herablassend als Tessiner Heimatdichter getätschelt zu werden, passiert ihm nicht mehr. Ediert von der Nummer eins unter Italiens PoesieVerlegern, Mondadori in Mailand, hat er längst den Ritterschlag des Kulturbetriebs empfangen. «Giorgio Orelli: Si», sprach bereits Pasolini. Und heute zählt die Kritik ihn zu der kleinen Handvoll erstklassiger Dichter im Land, wohlgemerkt: in Italien.

Als begabter Selbstdarsteller behauptet Orelli von sich, gut lesbar zu sein; ein Celan sei neben ihm unverständlich. Hartnäckig bewahrte er sich den Blick nach draußen. Sein Vers will sozusagen nie mit der Sprache einsam sein. Beim Schreiben arbeitet der Dichter an sich und seiner Wirklichkeit. Er treibt sich auf Sportplätzen herum, besteigt die Alpenberge und kennt sich auch auf TrimmdichPfaden aus. «VitaParcours», was für ein Fund für den Poeten, der ein LebensGleichnis, ein DaseinsInbild für die gehetzten, absturzgefährdeten Heutigen sucht. Hoher und weniger hoher Ton rücken bei Orelli eng zusammen, vor allem in profan erscheinenden Augenblicken, etwa im Supermarkt; dort kann er «mit dem Draht/ korb die Verkäuferinnen rammeln,/ um Augen wie Beeren zu ernten».

Zum Tessin hat er ein entspanntes Verhältnis. Es ist für ihn selbstverständliche Heimat und wird nüchtern gesehen. Chauvinismus oder auch nur auftrumpfende Bodenständigkeit liegen Orelli fern. Im Gespräch sagt er, daß die meisten Menschen – heute verwirrt vom Fortschrittsdenken – nicht mehr recht unterscheiden könnten, was man sinnvollerweise erneuern und was man bewahren solle. Wenn unter den Sprachminderheiten in der Schweiz das Deutsche auf dem Vormarsch sei und andere Sprachen zurückdränge, so bedeute das nicht, daß dort von einem Verfall der Werte gesprochen werden müsse. Die Tessiner Polenta aber, die echte aus drei Mehlsorten, sei durch nichts zu ersetzen. Purismus ist das keiner.

Viel eher spiegelt sich darin ein schweizerischrepublikanischer Vorsatz, den schon Gottfried Keller teilte: der, mit so wenig Ideologie wie möglich durchs Leben zu kommen.» Süddeutsche Zeitung

«Für Orelli ist das Schreiben von Lyrik eine «unerschöpfliche Erfahrung meiner selbst und der Wirklichkeit». Das «und» ist wichtig. Es hält das dichtende Ich offen für die Welt inner- und außerhalb der Sprache, zunächst als Landschaft und Natur um Bellinzona, später dann als die alltägliche, kleinstädtische Szenerie der Menschen dort. Orelli, der sich jahrzehntelang mit Goethes Lyrik beschäftigt hat, ist kein romantischer Dichter. Wäre seine «fortwährende Erfahrung . . . sehr verworren», müßte er an sich und seiner Fähigkeit zweifeln, «der Welt in verbis eine wie auch immer geartete Ordnung zu geben».

Diese Ordnung in Worten täuscht freilich keine klar geordnete, gar ordentliche Welt vor. Vielmehr wird in diesem Sinn «die Klarheit auch ein moralisches Engagement» mit dem Ziel der «Identität von Klang und Sinn». Nur Philister erblicken darin ein gesinnungsästhetisches Plädoyer. Zwar «sieht und hört» man das Tessin, auch die übrige Schweiz in diesen Gedichten. Aber dieses Land, sagt Orelli, «stimmt nicht überein . . . mit dem Land der Poesie, das in den Chiffren der lyrischen Sprache erscheint». Orellis Lyrik hat also ihre eigene Wahrheit. Sie spiegelt die Welt nicht wider, sondern durchleuchtet sie, weniger um sie auszuleuchten als vielmehr, um etwas von ihrem Glanz zu zeigen.» Frankfurter Rundschau

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