Giovanni Orelli

Vom schönen Horizont / E mentre a Belo Horizonte …

Gedichte Italienisch und Deutsch

Ausgewählt und übersetzt von Christoph Ferber  und mit einem Nachwort von Georges Güntert

2003, 160 Seiten, gebunden

ISBN 3 85791 436 X

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Kurze Inhaltsangabe

Leben, Tod, Heimat, Erotik, Sehnsucht sind Themen, die Orelli in seinen Gedichten zur Sprache bringt – poetisch, sinnlich, mit feiner Ironie und mit einer Vorliebe für Einsprengsel aus anderen Sprachen. Oft in traditioneller Form geschrieben, wird die überlieferte Struktur spielerisch aufgelöst, und Orelli findet eine Möglichkeit, dem Chaos der Welt die flüchtige Ordnung der Kunst entgegenzusetzen. Manchmal bezeichnet sich der Dichter als Clown oder Harlekin, der in der sinnlosen Komödie des Lebens auftritt, häufig legt er sich aber auch mit  seinem eigenen Tod an.

Durch die zweisprachige Ausgabe lernen wir auf Deutsch zum ersten Mal den Lyriker Giovanni Orelli kennen. Die Sonette und Gedichte sind eine Auswahl aus seinen bisher drei Lyrikbänden. Dazu kommen aber auch unveröffentlichte Gedichte

«Vielleicht war das Sonett nie dazu ausersehen, so vieles und so verschiedenes zu sagen.» Remo Fasani

 

Inhalt / Indice

Sonette

Konzertstücke

Vermischte gedichte – vierzeiler

Note dell’autore

Anmerkungen

Giovanni Orelli als Lyriker, von Georges Güntert

Nachweis, Werkverzeichnis

 

Textprobe

Giovanni Orelli als Lyriker

Diesseits der Alpen ist Giovanni Orelli (Bedretto, 1928) vor allem als witzig-sarkastischer Autor von gesellschaftskritischen Kurzromanen (Monopoly, 1986) bekannt. Man bewundert sein profundes Wissen, seine Ironie und seinen spielerischen Umgang mit der Sprache, ein Talent, das besonders in den neuesten Erzählungen (Il sogno di Walacek, 1991) üppige Blüten treibt. Den Lyriker hat man bisher kaum wahrnehmen wollen, sei es, weil sich schon sein Cousin Giorgio Orelli dieser Gattung verschrieben hat, sei es, weil seine Gedichtbändchen – mit Aus-nahme des im Dialekt der Leventina verfassten Erstlings (Sant’Antoni dai padü, 1986) – jüngeren und jüngsten Datums sind. Dennoch hätte man den lyrischen Ton auch aus dem Prosawerk heraushören können: etwa aus jenen stimmungsvollen Bildern des eingeschneiten, von der Lawine bedrohten Bergdorfes (Der lange Winter, 1966), in dem die Alten in Resignation ausharren, derweil die Jungen an Auswanderung denken. Die hier vorliegende, von Christoph Ferber ins Deutsche übertragene Auswahl von Gedichten – dreissig Sonette aus den Sammlungen Né timo né maggiorana (1995) und L’albero di Lutero (1998), dazu eine Reihe von Dichtungen aus dem Concertino per rane (1990) sowie eine grössere Zahl unveröffentlichter Texte – wird vermutlich den einen oder andern Leser dazu bringen, seine Meinung hinsichtlich der wahren literarischen Begabung unseres Autors zu ändern. Wir jedenfalls sind der Ansicht, dem Lyriker Giovanni Orelli gebühre innerhalb der italienischsprachigen Literatur der Schweiz ein Ehrenplatz.

(...)

Furlana

Dell’inosabile osando

Perché biancovestita

desiderata sposa venga

che gli invitati abbraccia

sarò scolara alla lavagna

smarrita che al compagno

bravo dell’ultima fila

l’inosabile osando

segretissima manda

appallottolata sotto banco

una lettera e trema

se mi risolvi il problema

sarò la tua amorosa

vienimi morte: sposami.

Furlana

Wagen was niemand wagt

Damit in weissem Kleid

begehrte Braut erschein

die Gäste froh empfang

werd Schülerin ich sein

vor einer Tafel blank

und wag was niemand wagt

dem Knaben der es kann

ganz heimlich unterm Bank

schick ich zerknittert zu

ein Brieflein und erbeb

wenn du den Dreisatz löst

will ich dein Herzschatz sein

komm Tod und führ mich heim.

Pressestimmen

Rd_tri.gif (202 Byte) Tages-Anzeiger vom 6. November 2003
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zürcher Zeitung vom 22. November 2003

Rd_tri.gif (202 Byte) Basler Zeitung vom 6. Februar 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) Die Zeit vom 22. Juni 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) Tessiner Zeitung vom 2./3. Juni 2005

«Geprägt von wunderbarem rhythmischem Gespür und von schmeichelnden Assonanzen kreiert Orelli lyrische Bilder, manche paradiesisch hell und gelassen, manche infernalisch finster und bitter, in denen sich ein grosses Herz spiegelt. Das schalkhafte Lachen in Verbindung mit grandioser Verknüpfungskompetenz und vorgetragen mit unbezwingbarem Charme: Dies sind die Kennzeichen Giovanni Orellis, die er in den Bücher wie in den Lesungen demonstriert.» Aargauer Zeitung

«Zwar hält er sich in diesen Gedichten mit Vorliebe an die strenge Sonett-Form; freilich nur, um diese effektvoll zu konterkarieren. Es scheint ihm eine geradezu diebische Freude zu bereiten, die verwegensten Reime zueinander zu fügen, die Assonanzen wie Irrlichter durch seine Gedichte tanzen zu lassen, mit Worten Schabernack zu treiben oder das nur ähnlich Lautende, aber gänzlich Verschiedene dennoch zusammenzuführen. So begegnet dem Leser denn in diesen Gedichten ein wortmächtiger Causeur, dessen Ausdruckskraft sich alles mit Leichtigkeit anverwandelt, der von der Gentechnologie mit der gleichen Selbstverständlichkeit handelt wie von den Folterungen in südamerikanischen Diktaturen oder von der Verzweiflung einer Kindsmörderin, dem die Trauer über den Verlust geliebter Menschen so sehr vertraut ist wie das überschäumende Glück in den Quartinen auf das Enkelkind. Und bisweilen blitzt ein irrwitziges Lachen zwischen den Versen hervor: Dann fällt er mit der gleichen Inbrunst, mit der er zuvor sich dem Eros der Sprache hingab, über seine Gedichte her: «auf allen vieren / kommt ihr daher», heisst es dann von den Sonetten, «ihr seid meine verquer geborenen, trottenden / Ziegen – und ich bin der Ziegenbock, längst zu kastrieren».

Das Burleske, die wilden Sprachorgien und die Zuspitzungen ins Groteske können nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Gedichte Teile eines nie endenden Totengedenkens sind. Zuletzt freilich ist es ein heiteres Totengedenken, und unter den toten Seelen wird kaum einer häufiger gedacht als jener der verstorbenen Mutter. Hier überschneiden sich denn auch und vor allem die Motivlinien aus «Der lange Winter» und dieser für die deutsche Ausgabe aus verschiedenen Büchern zusammengetragenen Gedichte Giovanni Orellis.» Roman Bucheli

«Dass Giovanni Orelli auch als Lyriker ein Autor von grosser Kunstfertigkeit ist, dokumentiert der ebenfalls bei Limmat erschienene zweisprachige Auswahlband «Vom schönen Horizont/ E mentre a Belo Horizonte». Hier hat das lyrische Ich sowohl den Hedonismus als auch den lässigen Agnostizismus von dem frühen Romanhelden Orellis geerbt. Schon die ersten beiden Gedichte, zwei von dreissig Sonetten, zeigen, wohin die Erkenntnis-Reise geht: Sarkastisch verweigert Orelli seinem lyrischen Ich die Selbsterhöhung. Das lyrische Subjekt erscheint zwar durchweg als ketzerische Person, bereit zum Boxkampf mit dem Tod, aber zugleich wenig am Eingedenken der Nachwelt interessiert: Vergesst mich, Kinder, wie auch ich meinen Vater vergessen. / Missachtet mich, wie auch ich meine Mutter missachtet.

Der von Christoph Ferber übersetzte Band präsentiert eine Auswahl aus drei Gedichtbüchern, die zwischen 1990 und 1998 in Mailänder Verlagen erschienen sind, dazu einige boshaft ironische Vierzeiler aus den letzten beiden Jahren. Der Übersetzer hat nicht überall die Assonanzen und Reimfügungen der Sonette zu übertragen vermocht. Aber in seiner textgenauen Übertragung hat sich der vitalistische, respektlose Tonfall Orellis erhalten. Seine spielerische Sonett-Kunst ist zu frecher Entzauberung aller frommen Fundamentalismen aufgelegt: sei es zur Sabotage des Christengotts oder zur mokanten Sicht auf Allah in Pantoffeln». Michael Braun, Basler Zeitung

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