Oscar Peer

Akkord | Il retuorn

Rätoromanisch und Deutsch

Mit einem Nachwort von Mevina Puorger

2005, 240 Seiten, gebunden
ISBN 978 3 85791 486 3

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Kurze Inhaltsangabe

Nach einer Gefängnisstrafe kehrt Simon in sein Dorf zurück. Es ist Abend, über den Häusern kalte Schatten, hinter den beleuchteten Fenstern die Dörfler an der Wärme. Simon tritt seine zweite, diesmal lebenslängliche Strafe an, ein Geächteter am Rande seiner eigenen Dorfgemeinschaft.

Der 65-Jährige nimmt eine Aufgabe an, die nicht zu erfüllen ist: Er soll Holz fällen an einer schwer begehbaren Stelle im Wald. Doch Simon stellt sich dem Schicksal – und überschreitet die irdischen Grenzen in vielfacher Hinsicht. 

Textprobe

Als er nach drei Jahren Gefängnishaft zurückkehrte, besass er nichts mehr. Alles hatten sie ihm weggenommen, die so genannten Mitmenschen – das Haus, den Stall, auch die Felder, die er früher bebaut hatte. Das Haus war allerdings nie sein Eigentum gewesen; er hatte nur sein Leben lang darin gewohnt und mit der Zeit das Gefühl gehabt, es gehöre eigentlich ihm. Besitzerin war eine nach Übersee ausgewanderte Verwandte, Tante und Patin seiner Frau, von der man schon lange nichts mehr gehört hatte; sie zahlten keinen Mietzins, es kamen weder Briefe noch Rechnungen, so dass er sich fragte, ob sie überhaupt noch am Leben sei.

      Doch während seiner dreijährigen Haft (gleich nach dem Tod seiner Frau) war diese vermeintlich nicht mehr existente Tante im Dorf erschienen und hatte das Haus einem Ingenieur aus dem Unterland verkauft, der es nun als Feriensitz genoss. Die zum Anwesen gehörenden Wiesen sowie zwei kleine Waldparzellen ergatterte sich ein Spekulant. Geblieben war ihm, dem Heimkehrer, einzig ein kleiner Acker, auf den niemand erpicht gewesen zu sein schien, zumal er sich an einem felsigen Berghang befand. Später wird Simon diesen Acker einmal besuchen, aus purer Neugier; er findet ihn voller Unkraut – Kletten oder wie das Zeug heisst, Katzenschwänze, dazu Disteln, ein paar mannshohe gelbe Königskerzen, am Rande etwas roter Mohn.

      So besass er nichts mehr, als er, ein Mann von fünfundsechzig Jahren, an einem Maiabend mit dem letzten Zug heimwärts fuhr. Es war ein schon sommerlich heisser Tag gewesen, die Fahrt hatte etliche Stunden gedauert. Jetzt sass er fast allein in einem Wagen, nur mehr das monotone Gerumpel, hie und da Geächz in den Wänden. Er fragte sich, wie es wäre, wenn alles plötzlich auseinanderkrachen würde. Das war nicht Angst, höchstens eine gewisse Übermüdung. Vielleicht störte ihn auch die Gegenwart eines Unbekannten, der noch mit ihm im Wagen sass: ein an sich schlicht aussehender Mann mit einem ruhigen Blick, etwa gleich alt wie er selbst. Simon kannte ihn ganz sicher nicht, der war nicht von hier, und doch hatte er das Gefühl, diesem Gesicht schon begegnet zu sein. Es störte ihn, dass er immer wieder zu ihm herüberschaute. Er war froh, als der Mann an der nächsten Station seinen Rucksack nahm und ausstieg.

       Einmal dachte er an seine Frau, die gestorben war und ihn daheim nicht mehr empfangen würde. Er dachte an den Sohn, der 1920 nach Amerika ausgewandert war und von dem man seit Jahren nichts mehr gehört hatte. Simon wussste nicht einmal, ob er überhaupt noch lebte.

Cur ch’el es tuornà davo trais ons our da praschun, nu possedaiva’l plü inguotta. Tuot til vaivna tut davent, seis uschedits conumans – la chasa, stalla e tablà, eir quels pêr prats ch’el cultivaiva üna jada. Id es vaira cha la chasa nu d’eira in fuond sia, ma el vaiva adüna vivü laint, daspö l’infanzia, el cugnuschaiva mincha chantun, mincha sfessa, i’s vaiva oramai surgni ün pa la listessa odur. Possessura d’eira üna parainta emigrada sur mar, la madrina da sia duonna. Quella nu’s vaiva lönch na plü fatta viva, nu faiva neir pajar fit, i nu gnivan plü ne quints ne chartas, tant chi’s dumandaivan sch’ella saja insomma amo in vita.

      Ma uossa, dürant seis trais ons da praschun (e quai güsta davo la mort da sia duonna), d’eira quista tanta inaspettadamaing cumparüda e vaiva vendü la chasa ad ün indschegner da la Bassa, ün chi gniva qua in vacanzas. La prada d’eira ida in mans d’ün speculant, üna parcella da god vaiva tut il cumün. Restà d’eira unicamaing ün chompet da pac, sün üna terrassa suot la grippa. Ün di giarà Simon a far üna visita a quist er. El til chattarà plain zizagna – charduns, morders, cuas d’besch jelgas, grondas sco el svessa.

      Uschena vaiva’l ils mans vöds cur ch’el, ün hom da sesantatschinch ons, gniva vers chasa cun l’ultim tren, üna saira da mai. I d’eira stat ün di chod, il viadi vaiva dürà varsaquantas uras. Uossa d’eira’l bod sulet in ün cumpartimaint, suot el il ramplunöz da las roudas, minchatant üna scruoschida da las paraids. El as dumandaiva co chi füss, scha’l vagun gess dandettamaing in tocs? Quai nu d’eira temma, el d’eira simplamaing ün pa giò da nerva, stanguel da quist viadi vers chasa. Aintasom, sulet cun el in quist cumpartimaint, sezzaiva ün hom, circa da sia età. Simon nu til cugnuschaiva, e tuottüna vaiva’l il sentimaint d’avair fingià vis d’alchvarts quista fatscha. Sa mâ perche ch’el guardaiva adüna nan sün el, tuot quiet. Üna jà ha’l perfin surris. Plü bod füss Simon i via e vess dumandà chi ch’el saja, ma uossa, davo trais ons praschun, as vaiva pers l’adüs da far cugnuschentschas. Finalmaing, pro la prosma staziun, es l’hom stat sü, ha tut sia buscha ed es i oura.

      Intant gniva not. Simon pensaiva a sia duonna, chi d’eira morta e chi nu sarà oramai plü sün porta a til retschaiver. El pensaiva eir a seis figl, emigrà dal 1920 in America. Daspö ons nu’s vaiva’l plü fat viv, Simon nu savaiva gnanca sch’el saja amo in vita.

Pressestimmen / Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Tages-Anzeiger vom 11. November 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Bündner Tagblatt vom 19. Dezember 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) 52 beste Bücher Schweizer Radio DRS 2 vom 25. Dezember 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Aargauer Zeitung vom 21. Dezember 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Engadiner Post vom 21. Januar 2006
Rd_tri.gif (202 Byte) La Quotidiana vom 23. Januar 2006
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zürcher Zeitung vom 2. Februar 2006
Rd_tri.gif (202 Byte) Terra Grischuna 1/2006
Rd_tri.gif (202 Byte) ORF vom 2. März 2006 (Terra incognita)
Rd_tri.gif (202 Byte) Klosterser Zeitung vom 6. April 2006
Rd_tri.gif (202 Byte) Riehener Zeitung vom 7. April 2006
Rd_tri.gif (202 Byte) St. Galler Tagblatt vom 10. April 2006

«In Augenhöhe mit Charles Ferdinand Ramuz.» Tages-Anzeiger

«Der Bündner Schriftsteller Oscar Peer, geboren 1928 in Lavin und in Chur lebend, gehört zu den bedeutenden Vertretern der heutigen rätoromanischen Literatur. In seiner Novelle Akkord / il retuorn erzählt er die Geschichte eines Mannes, der aus dem Gefängnis in sein Dorf zurückkehrt. Doch der Neuanfang erweist sich als schwierig. Das Geflecht aus Schuld und Abhängigkeit, in dem auch die Dorfgemeinschaft befangen ist, kann schliesslich nur in einem besonderen Kraftakt zerrissen werden.» Radio-Magazin

«Akkord bietet eine ungewöhnlich dichte Lektüre; mit sparsamem Gestus evoziert der Autor immer wieder intensive Stimmungen. So zeigt Oscar Peer, wie vor ihm eigentlich nur Charles Frediand Ramuz, dass helvetisches Bergdorfkolorit keineswegs eine künstlerische Hypothek bedeuten muss.» Aargauer Zeitung

«Eine melancholische Stimmung durchzieht Peers Roman, etwa wenn Simon sich in seinen letzten Jahren die Vergangenheit in Erinnerung ruft und ihm die Vergänglichkeit bewusst wird: ‹Die Zeit vergeht, unerbittlich. Gestalten, Gesichter, Stimmen kommen auf dich zu, sind eine Weile da und leisten dir Gesellschaft, dann geht alles wieder vorbei. Und nichts
kannst du zurückholen.›

‹Akkord / Il retuorn› überzeugt durch die präzisen Stimmungsbilder von Landschaft und Innenleben, und die Tatsache, dass Peer die deutschsprachige und die rätoromanische Version als eigenständige Texte verfasst hat, macht das Werk für rätoromanisch- wie auch deutschsprachige Leser gleichermassen interessant.» Neue Zürcher Zeitung

«So zeigt Oscar Peer, wie vor ihm eigentlich nur Charles Ferdinand Ramuz, dass helvetisches Bergdorfkolorit keineswegs eine künstlerische Hypothek bedeuten muss.» Bündner Tagblatt

 

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