Oskar Pfenninger

Vaters Liebe

 

2004, 158 Seiten, gebunden

sFr. 32.–, € (D) 20.50, € (A) 21.10

ISBN 3-85791-451-3

 

Rd_tri.gif (202 Byte) Oskar Pfenninger Rd_tri.gif (202 Byte) Zum Buch Rd_tri.gif (202 Byte) Text Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen
Kurze Inhaltsangabe

Der Junge ist knapp zwei Jahre alt, als seine Mutter im Herbst 1932 stirbt. Zusammen mit dem einige Jahre älteren Halbbruder, dem Vater und dem Grossvater wächst er im Pfarrhaus eines Dorfes auf. «Tanti», die der Vater in den Haushalt holt, wird für den Knaben zur wichtigsten Bezugsperson, die ihm jedoch wieder genommen wird, als Lydia, die neue Mutter, ins Haus kommt. Dass der Vater der Erziehung der beiden Kinder keine besondere Aufmerksamkeit schenkt, ist eher seiner Überforderung als seiner Überzeugung zuzuschreiben, auch wenn er liberal denkt. So bleiben sie mehrheitlich auf sich selbst gestellt.

Oskar Pfenninger zeichnet das Heranwachsen des Jungen und die Vater-Sohn-Beziehung in einer knappen, schnörkellosen Sprache. Der Ich-Erzähler stellt sich mit Neugier dem Leben und entwickelt früh grosse Selbständigkeit. Obwohl viel allein, spürt er, «dass etwas um mich war, mich behütete».

Textprobe

Zeppelin

Einen Tag nach meiner Geburt flog, vom Bodensee her kommend, der Zeppelin über unser Dorf. Zwei Jahre später starb meine Mutter – gesund und tot. Knapp ein halbes Jahr danach kam draussen in Deutschland Hitler an die Macht.

Zu meinen frühesten Erinnerungen gehören die Friedhofrundgänge an der Hand von Tanti. Der Friedhof lag vor unserer Haustür. Wir besuchten unsere Gräber, zuerst das Grab meiner Mutter, dann, hinter der Kirche, dasjenige von Hannes’ Mutter; Hannes war mein Bruder. Auf dem hellen Stein meiner Mutter stand Marie – das erste Wort, das ich entziffern konnte. Auf dem fünf Jahre älteren Stein von Hannes’ Mutter stand Margrit. Verwittert und stets im Schatten der Kirche, kam er mir unendlich alt vor. Hannes nahm an diesen Rundgängen nie teil. Sieben Jahre älter als ich, besuchte er die Schule.

Tanti, unsere Haushälterin, war an die Stelle meiner Mutter getreten. Als Papa sie trotz Grossvaters Protest ins Haus holte, war sie siebzig; viel zu alt, fand Grossvater, der, fünf Jahre älter als Tanti, bei uns lebte. Laut Papa war Tanti mit uns verwandt. Grossvater bestritt dies vehement.

Der Grossvater, geboren 1858, war auf den Namen Hartmann Johannes getauft; man nannte ihn Hartmann. Von seiner Frau Lina war bei uns nie die Rede. Dass sie existiert hatte, wusste ich nur dank der Urne in Grossvaters Stube. Von einem schwarzen Schleier bedeckt, thronte sie auf dem Sekretär. Ich hätte brennend gern hineingeschaut, aber Grossvater war nicht bereit, das metallene Gefäss für mich zu öffnen. Es heimlich selber zu tun, wagte ich nicht.

Zwischen Grossvater Hartmann und Tanti gab es ständig Reibereien. Meist ging es um den Garten oder meine Erziehung. Hartmann baute in unserem grossen Garten Gemüse an, Tanti pflanzte und hegte Blumen. Ihre Blumenrabatten nahmen nur wenig Platz ein, aber auch den machte ihr Hartmann streitig. Blumen waren für ihn nutzlos.

Was meine Erziehung betraf, so hielt sich Tanti an Papas Prinzipien: keinerlei Zwang, machen lassen und vor allem Liebe. Hartmann, der noch mit der Rute erzogen worden war, hielt dies für vollkommen falsch. Er bezichtigte Tanti einer äffischen Liebe. Für ihn, den Anhänger Darwins, stammte der Mensch vom Affen ab. Tanti, obwohl nicht ausgesprochen fromm, verwahrte sich gegen diese Behauptung.

Eskalierte der Streit zwischen Hartmann und Tanti, beklagte sich Tanti bei Papa. Er stellte sich stets auf ihre Seite und wies seinen Vater in die Schranken.

 

Hindenburg

Tanti, die kinderlos geblieben war, vergötterte mich. Ich war ihr Ein und Alles. Für meinen Bruder Hannes reichte ihre Liebe nicht aus. Sie hielt ihn für verstockt. Er war nicht süss, verstand sich nicht auf das Schmeicheln.

Hannes hatte seine Mutter nicht gekannt, sie starb drei Tage nach seiner Geburt. Erst als Papa fünf Jahre später wieder heiratete, kam er zu einer Mutter, der Frau, die mich gebar. Sie hatte Hannes lieb. Nach vier glücklichen Jahren, den besten seines Lebens, wie er später sagte, verlor er auch sie. Das war entschieden zu viel. Von da an war etwas in ihm für immer zerbrochen.

An einem Vormittag im Frühling nahm Tanti mich mit in den Kindergarten, für den ich alt genug geworden war. Vor dem Eingang des Kindergartens warf ich mich platt auf den Boden und schrie wie ein Schwein, das zur Schlachtbank gezerrt wird. Da stand für Tanti fest, dass ich nicht reif für den Kindergarten sei. Sie nahm mich wieder mit, und ich blieb noch ein Jahr zu Hause. Hartmann war wütend und sagte, Tanti wolle mich partout für sich behalten.

Spätabends sass Tanti an meinem Kinderbett und erzählte Märchen oder las aus «Der Held von Tannenberg», eine Anekdotensammlung über Feldmarschall Hindenburg, den Tanti verehrte. Ich zog das Einschlafen in die Länge. Wann immer Tanti auf den Zehenspitzen aus dem Zimmer gehen wollte, rief ich sie zurück. Im Winter war es im Schlafzimmer, das ich mit Hannes und Papa teilte, bitterkalt, und Tanti fror. Papa kam erst ins Bett – meist lange nach Mitternacht –, wenn ich schlief.

Am Morgen kleidete mich Tanti in der Stube an. Ich stellte mich auf die Chaiselongue und streckte Tanti zeigelustig mein Glied entgegen. Sie nannte es das Vorwitzchen.

Wenn es abends dämmerte, setzte sie sich ans Fenster und nahm mich auf den Schoss. Einmal streckte ich die Zunge in ihren Mund. Es schmeckte bitter, so dass ich das nie wiederholte.

Der Hof hinter unserem Haus war mein Spielplatz. Ihn durfte ich nicht verlassen. Einmal stand das Tor auf die Strasse offen. Ich verliess den Hof, überquerte die Strasse und trat durch die offene Tür in den Kuhstall unseres Nachbarn. Er liess gerade ein Kalb Milch aus der Flasche saugen. Ich schaute fasziniert zu. Wieder zu Hause, wollte ich Tanti von meiner Entdeckung berichten. Sie aber war entsetzt. Der an mir haftende Stallgeruch verriet, wo ich gewesen war. Tanti zog mir andere Kleider an und nahm mir das Versprechen ab, nie mehr einen Stall zu betreten.

Pressestimmen / Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Schweizer Bibliotheksdienst vom 30. April 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zürcher Zeitung vom 25. Mai 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) WochenZeitung WoZ vom 3. Juni 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) buch 2000 informationen, Juni 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) «Reflexe», Schweizer Radio DRS 2, vom 7. September 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) Buchjournal, Herbst 2004
Rd_tri.gif (202 Byte) Kirchenbote 5/2005

«Pfenningers kraftvolle und schöne Sprache fesselt vom ersten Satz an — ein kleines, wunderbares Buch. Für alle!» Schweizer Bibliotheksdienst

«In diesem Buch steckt eine ansteckende Unbefangenheit.» Neue Zürcher Zeitung

«65 Episoden fügt der Autor zum losen Entwicklungsroman, zu einem aufschlussreichen Stimmungsbild.» Buchjournal

«Oskar Pfenninger zeichnet das Heranwachsen des Jungen und die Vater-Sohn-Beziehung in einer knappen, schnörkellosen Sprache.» buch 2000 informationen

WochenZeitung WoZ vom 3. Juni 2004

«(…)

Vor dem Hintergrund des verehrten und zugleich irgendwie unnahbaren Vaters gelingt dem Sohn ein sehr authentisches Selbstporträt. Die ganze Spannung zwischen Liberalität und Puritanismus, zwischen intellektueller Neugier und ländlicher Enge, zwischen Freiheitsdurst und sittlicher Pflicht, wie sie Zwingli verordnet hatte, kommt hier meisterhaft zur Darstellung. Anders als Judith Giovanelli-Blocher, die in ihrer Geschichte der Pfarrfamilie Blocher («Das gefrorene Meer») grosse gedankliche Ausschweifungen macht, konzentriert sich Pfenninger auf seine präzisen, gefühlsfreien Erinnerungsbilder, die er hervorholt, uns unverblümt hinstellt und nicht hinterfragt. Das ist spannend, mitunter irritierend, aber auch wohltuend. Er steht zu seinem Ich und zeigt es, wie ein Gegenüber, keineswegs nur in einem schmeichelhaften Licht.

(…)

Auch in Christoph Heins grossartigem Roman «Von allem Anfang an» begegnen wir der Wirklichkeit eines protestantischen Pfarrhauses - jedoch lutherischer Prägung und in der DDR. Bei Pfenninger ist die zürcherische und schweizerische Wirklichkeit der frühen dreissiger bis in die frühen fünfziger Jahre die Reibungsfläche. Hautnahe soziale Not im Armenhaus, von den Nazis verfolgte Emigranten, die Landesausstellung und die Kinderlähmungsepidemie, von der Hannes, der ältere Bruder, erfasst wird. Die Angst vor dem Einmarsch der Deutschen, der rote 1.-Mai-Bändel, der Koreakrieg. In diesem Zeitraum mausert sich der schulfaule Junge, der sich gern verwöhnen lässt und zu Beginn des Kriegs für die deutsche Wehrmacht schwärmt, zu einem sehr eigenständigen Zeitgenossen, der sich auf seine Weise die Vorteile des Pfarrhauses zu Eigen macht und nach einer kaufmännischen Lehre Schauspieler wird, sich als Grenadier für die Waffenstillstandskommission zwischen Süd- und Nordkorea meldet und angenommen wird.

Später - das erfahren wir nicht in diesem Buch - wird Pfenninger lange in Japan leben. Das Rückflugbillett Korea-Schweiz liess er verfallen. In Ostasien hat Oskar Pfenninger zu seinem klaren Blick aufs väterliche Pfarrhaus und zu seiner scheinbar schwerelosen, unerhört konzisen Sprache gefunden.»

Paul L. Walser
© WoZ

Rd_tri.gif (202 Byte) Zurück zu Pressestimmen

© Limmat Verlag

Limmat Verlag Homepage

Web-Betreuung