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Beat Portmann Alles still
2011, 240 Seiten, Pappband sFr. 32.50, € 27.–
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Eine junge Frau aus einem alten Luzerner Patriziergeschlecht möchte herausfinden, wer ihr Vater ist, nachdem ihre Mutter das Geheimnis mit ins Grab genommen hat. Gemeinsam mit einem vermeintlichen Privatdetektiv macht sie sich auf die Suche nach den Spuren, die das Liebespaar in den frühen Siebzigerjahren hinterlassen hat. Dabei dringen sie immer tiefer in die Psyche einer Stadt vor, die mit dem Namen der Patrizierin eng verbunden und bis heute über ihren Bedeutungsverlust nicht hinweggekommen ist. In wechselnden Begegnungen mit frommen Kindermädchen, wortkargen Marktfrauen und mysteriösen, kettenrauchenden Jesuiten kommen sie einem Verbrechen auf die Spur und schliesslich einer Liebesgeschichte, die sie auf verhängnisvolle Weise in ihren Bann zieht. |
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Beat
Portmann, geboren 1976 in Luzern. Vorkurs an der Jazzabteilung der
Musikhochschule Luzern, lebt als freier Autor und Singer/Songwriter in
Luzern. Er wurde mit einem Werkpreis des Kantons und der Stadt Luzern
ausgezeichnet. Sein Kartenspiel «jarmony» wurde von der Musikhochschule
Luzern herausgegeben. Im Limmat Verlag ist sein erster Roman «Durst»
lieferbar, der ins Albanische übersetzt wurde.
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| Die apart gekleidete
Frau, die auf der goldbestickten Tagesdecke des antiken Bettes lag, schien
friedlich zu schlafen. Ihre Lider waren geschlossen, ihre Züge entspannt,
ihre schmalen Hände über der Brust gekreuzt und zu Fäusten geballt, als
hielten sie unsichtbare Insignien pharaonischer Macht. Mit der beringten
Rechten umklammerte sie ein Paar weisse Handschuhe, am Hals trug sie eine
goldene Kette. Das Seltsame ihrer Erscheinung rührte indessen von dem
folkloristischen und zugleich mondänen Stil ihrer Garderobe her. Sie trug
eine langärmlige weisse Bluse mit Spitzeneinsätzen, darüber ein leuchtend
rotes Trägerkleid, das mit goldgefassten dunkelgrünen Bändern versehen war
und ihr bis zu den Knöcheln reichte. Die kleinen Füsse steckten in
hochhackigen Sandaletten, die Zehennägel waren dunkelrot lackiert. Das
naturblonde, ins Silberne spielende Haar war zu einer kunstvollen
Kranzfrisur geflochten mit einem gelben Stoffblümlein hinter dem linken Ohr.
Es sah aus, als hätte sie sich nur kurz hingelegt, aber ihre Tochter
versicherte mir, dass sie tot sei.
«Sie ist eiskalt …», brachte die junge Frau hervor. Mit einer fahrigen Bewegung machte sie mich auf die Medikamente aufmerksam, die auf dem Nachttisch neben einem schwarzen Buch lagen. «Die habe ich im Papierkorb gefunden …» Ich sah sie mir an, dankbar, den Blick von der Toten abwenden zu können. Sie trugen den Namen Digoxin und wurden offen bar bei Herzkrankheiten angewendet. Ich zog die Blister aus den Packungen. Die Pillen waren restlos herausgebrochen. «Sie hat sie allesamt geschluckt …», sagte Salesia Pfyffer mit erstickter Stimme. Ich legte den leeren Blister, den ich noch in der Hand hielt, auf die Kommode und wandte mich meiner Klientin zu. Sie hatte eine durchschimmernde blasse Haut, eine verletzliche kleine Nase – und erstaunliche Augen. Noch nie in meinem Leben hatte ich Augen von solcher Grösse gesehen. Ihr Gesicht war umrandet von einer dunkelbraunen Pagenfrisur und einem schwarzen Rollkragen. Ich schätzte sie auf Ende zwanzig. Um der entstehenden Intimität etwas entgegenzuhalten, fragte ich, ob ihre Mutter einen Abschiedsbrief hinterlassen habe. Sie schüttelte den Kopf und bedrängte mich von Neuem mit ihren grossen braunen Augen. Kein Zweifel, sie erwartete von mir Antworten; Erklärungen, Mutmassungen, irgendetwas, was ihr das weitere Vorgehen aufzeigen würde. Oder erhoffte sie sich am Ende gar Trost? Ich trat ans Fenster und blickte auf den schneebedeckten Klosterplatz hinaus. Er war leer bis auf eine Gruppe alter Frauen vor dem Marienbrunnen und einen Pater im schwarzen Ordenskleid, der vorsichtig die Freitreppe hinunterstieg. Über dem Nordturm schimmerte es blassblau zwischen den faserigen Wolken. «Wir hatten eine Auseinandersetzung, gestern Nacht …», vernahm ich Salesia Pfyffers Stimme. «Bevor … bevor ich mit Ihnen telefonierte.» Ich drehte mich langsam um. «Ich habe Sie nach Einsiedeln bestellt, um meine Mutter unter Druck zu setzen … Verstehen Sie?» Ich nickte, obschon ich gar nichts verstand. «Und ungefähr eine halbe Stunde, bevor Sie eintreffen … Weil es den ganzen Morgen über so still war … gehe ich nach ihr schauen und entdecke – entdecke das hier.» Sie sah mich an und liess die Arme sinken. «Sie sollten sich kein Gewissen machen», begann ich vorsichtig, «Menschen tun das auf eigene …» «Ich mach mir kein Gewissen», fiel sie mir ins Wort. «Habe ich etwas in der Art gesagt? Ich versuche nur die Kausalitäten darzulegen.» Sie wandte sich ab und schlug die Hände vors Gesicht. Die Art, wie sie lautlos und in sich gekehrt weinte – nur ihre schmalen Schultern zitterten unmerklich –, hätte wohl auch den abgebrühtesten Kriminalbeamten in Verlegenheit gebracht. Ich hätte jetzt einfach gehen können. Die Tür zum Schlafzimmer stand offen – mit wenigen Schritten wäre sie zu erreichen gewesen. «Sie müssen mir helfen», drang ihre Stimme wie von fern an mein Ohr. Sie drehte sich um und liess den Blick an mir hinuntergleiten, sah wieder auf und erklärte: «Ich bezahle Sie gut.» «Was haben Sie vor?», sagte ich nicht eben begeistert. «Ich möchte meine Mutter in ihr Geburtshaus bringen. Dies hier ist nicht der Ort, wo sie hingehört.» Die Tote lag in meinen Armen wie eine lebensgrosse Dreikönigskuchenfigur. Salesia Pfyffer hatte sie zuvor in die Tagesdecke gewickelt – mit flinken Fingern und knappen Anweisungen, wie ich den steifen Körper zu wenden hatte. Während sie ihren Wagen vor den Hinterausgang stellte, trug ich ihre Mutter in den Flur und setzte sie vorsichtig ab. Es war nie meine Absicht, solche Szenen zu schreiben, geschweige denn darin vorzukommen. Zudem widerstrebte es mir, mich als etwas auszugeben, was ich in Wirklichkeit nicht war. Also beispielsweise einer verzweifelten jungen Frau, deren Mutter gerade Selbstmord begangen hatte, den Privatdetektiv vorzuspielen. «Kommen Sie …», flüsterte sie, als sie im Eingang erschien. Da ich zögerte, setzte sie hinzu: «Na machen Sie schon, wir haben nicht ewig Zeit!» |
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| «Man staunt ohnehin
über die Lust am Ungehorsam gegen gängige Erzählweisen und gegen die
etablierte Gattung des Krimis. Beat Portmann hat mit seinen beiden Romanen
den Schweizer Krimi auf einzigartige Weise fortgeschrieben. Das liegt gerade
am starken Fokus aufs Lokale: Die vom Autor teils aufwendig recherchierten
Stadtgeschichten lassen sich nicht in die grosse Form des Kriminalromans
giessen, der oft in Metropolen oder in irgendwelchen wüsten Landstrichen
spielt. Das voralpine Leben reibt sich am Genre, daran entzündet sich das
Politische. Portmanns Detektiv soll nicht einfach Fälle lösen, er mischt auf
– und bringt die Dinge gerade dort zum Sprechen, wo gewöhnlich
‹alles still›
bleibt. Und so lässt sich der Titel des Romans als Hinweis auf eine
Schweizer Gesellschaft verstehen, die nur ungern Einblick in ihre Halb- und
Schattenwelten gibt.» WochenZeitung WoZ Mit dem wendigen Blick des Ortskundigen, gepaart mit Brüchen und Überraschungen in Erzählung und Sprache, schafft es Beat Portmann, dass uns seine Romane unmittelbar angehen: Wenn das, was vertraut erscheint, durcheinandergerät, kommen wir nicht umhin, uns dazu zu verhalten. «‹Alles still› ist ein Lesevergnügen, spannungsgeladen, aber mit Niveau und Geschichtsbewusstsein. Inhalte, die Werken dieses Genres nur allzu oft abgehen. Ein fein komponiertes Werk, das sich betont leger gibt und gerade deshalb den Graben zwischen Vergangenheit und Gegenwart anstrengungslos überschreitet. Mit dem erfreulich eigenen Erzählduktus des Autors, so glasklar, dass man durchaus glauben mag, diese Geschichte habe sich so zugetragen, wie sie auf die Seiten gedruckt steht. Was auch der Detailverliebtheit geschuldet ist, die den inneren Film evoziert.» 041 Kulturmagazin «Blick sagt, welche zehn Bücher Sie lesen müssen. ‹Alles still›, der Krimi ist gut erzählt, spannend und bietet Lokalkolorit aus Luzern.» Blick «Beat Portmann schreibt fein differenziert und flicht mit schöner Selbstironie sein eigenes Porträt in den Roman ein – der fürwahr etwas Besseres ist als bloss ein Krimi und mehr zeigt als die intimeren Seiten von Luzern und Umgebung.» Zentralschweiz am Sonntag «Beat Portmann hat einen kurzweiligen und spannenden Krimi über das katholische Luzern, die Jesuiten, die heuchlerische bessere Gesellschaft und die harten Sitten in den Vororten geschrieben.» 20minuten «Wie schon in ‹Durst› erzählt B. Portmann einen eher ruhigen Krimi, den er vor die Kulisse der Kleinstadtidylle Luzerns stellt. Weniger politisch als der Vorgänger, das Interesse gilt mehr dem Beziehungsgeflecht seiner Figuren und der (mitunter) zerstörenden Kraft der Liebe. Empfohlen.» EKZ Bibliotheksservice «Dabei durchstreifen sie die Luzerner Gassen, Plätze und Lokale, die der Autor im Roman mit klarem Strich erkennbar skizziert. Sie dringen mit der Zeit immer tiefer in die Psyche einer Stadt vor, die mit dem Namen der Patrizierin eng verbunden ist – und die bis heute über ihren Bedeutungsverlust nicht hinwegkommt.» Books «Beat Portmann schreibt fein differenziert und flicht mit schöner Selbstironie sein eigenes Porträt in den Roman ein – der fürwahr etwas Besseres ist als die intimeren Seiten von Luzern und Umgebung.» Emmen-Mail
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