Zweiter Traum / Secondo sogno
Franco Beltrametti

Zweiter Traum / Secondo sogno

Ausgewählte Gedichte

Mit Texten von Stefan Hyner, Anna Ruchat / Herausgegeben von Roger Perret

256 Seiten, 14 x 23 cm, gebunden mit Schutzumschlag, farbige Wortbilder
April 2014
SFr. 38.–, 38.– €
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978-3-85791-682-3

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Zum ersten Mal erscheint ein repräsentativer Sammelband mit unveröffentlichten und veröffentlichten Gedichten des Tessiner Poeten, Künstlers und Performers Franco Beltrametti (1937–1995). Freundschaften und Begegnungen mit Dichtern und Künstlern der italienischen und amerikanischen Avantgarde prägten sein Leben und Werk. Dieser «Reisende in Poesie» (Stefan Hyner) schrieb auf Italienisch, Englisch und Französisch und schuf gleichzeitig Bilder, die zum Teil ebenfalls mit Texten in diesen Sprachen versehen sind. Seine der Poesie des Alltags verpflichteten Gedichte – einige verdichtet wie Haiku, andere erzählend oder sprachspielerisch – sind Ausdruck des nomadischen Daseins dieses Autors. Sie zeichnen sich durch Leichtigkeit und eine «Anmut des Unnützen» (Beltrametti) aus. «Für mich ist jedes Gedicht eine geistige (oder schamanenhafte) Reise, die man immer und immer wieder unternehmen kann.» Franco Beltrametti

Franco Beltrametti
© Fondazione Franco Beltrametti

Franco Beltrametti

Franco Beltrametti, geboren 1937 in Locarno, beschäftigte sich schon während des Architekturstudiums an der ETH in Zürich intensiv mit Literatur und Kunst. Seit den Sechzigerjahren zahlreiche Reisen in Europa, nach Japan und den USA. Der Wohnsitz in Riva San Vitale war Ausgangspunkt einer vielfältigen künstlerischen Tätigkeit in einem internationalen Künstlernetzwerk. Während der Vorbereitung der ersten Retrospektive starb er überraschend 1995 in Lugano.

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Roger Perret
© Erik Bruehlmann

Roger Perret

Roger Perret, geboren 1950 in Zürich. Studierte Philosophie, Literaturkritik und Komparatistik in Zürich. Arbeitet als Projektleiter Darstellende Künste und Literatur bei der Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bundes in Zürich. Herausgeber der Werke von Nicolas Bouvier, Alexander Xaver Gwerder, Hans Morgenthaler, Annemarie Schwarzenbach, Sonja Sekula und Annemarie von Matt. Mitherausgeber des Hörbuchs «Wenn ich Schweiz sage ... Schweizer Lyrik im Originalton von 1937 bis heute».

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Secondo sogno | Zweiter Traum

Secondo sogno

Caro Raffaello, la guerra era scoppiata
le legioni romane seminavano
la controrivoluzione in Etruria.
Noi in collina
alta su S. Vincenzo
(alle spalle Volterra amica e arroccata)
si guardava
dai pirati il mare. Giocavamo agli scacchi
e già mi tenevi
la regina
     in un angolo
     a un cavallo incatenata
     sotto tiro di un fante.
Fuori Settimo fumava
sotto un olivo
appoggiato al trattorino
fermo per il razionamento.
          Quando
un furgone salì tra i cipressi
uno scende dice: compagni
la casa è requisita. D ... cane
dicesti tu
ora che vincevo
questo maledetto ti salva la regina
– ammetti – già bella fregata
nell’angolo serrata
dal cavallo, dal fante e
dallo sbaglio tuo.
– Je regrette – disse quello
beaucoup. Tra poco viene
     il commissario
     che non ama
     (in confidenza)
     che non ama
gli scacchi, gioco occidentale
da città –
My Friends
disse il commissario cinese,
I only come to see
La Corsica dal balcone
e Tunisi bianca sul mare
non statevi a preoccupare.
Quanto alla requisizione
è questa la prassi della
rivoluzione la casa
vi è assegnata a vita.
Intanto o scultore
c’è una notizia:
sei nominato
commissario delle arti
per Toscana, Tibet e Oregon
devi poi
se te la senti
fare un monumento
la nascita di Yin-Yang
il grande sacramento
per una piazza di Pekino.
Per te architetto
anche un lavoro: case
per i cavatori e lizzatori
di Colonnata
e in pineta
una rivendita di sale, olive,
vino e Nazionali.
Ma prima
dobbiamo con ogni mezzo
convincere i romani
che quanto vogliono fare
è illusione.

Zweiter Traum

Lieber Raffaello, der Krieg war ausgebrochen
die römischen Legionen säten
die Konterrevolution in Etrurien.
Von den Hügeln
hoch über San Vincenzo
(hinter dem befreundeten und
verschanzten Volterra)
bewachte man
das Meer vor den Piraten. Wir spielten Schach
und du hieltest schon meine Dame
gefangen
     in einer Ecke
     an einen Springer gekettet
     n Schussweite eines Bauern.
Draußen rauchte Settimo
unter einem Olivenbaum
an ein Traktorchen gelehnt
das wegen der Rationierung stillstand.
          Als
ein Kastenwagen zwischen Zypressen heraufkam
einer aussteigt und sagt: Genossen
das Haus ist beschlagnahmt. S.......hund
sagtest du
jetzt wo ich gewinne
dieser Saukerl rettet dir die Dame
– gib’s zu – die ist ziemlich angeschmiert
in der zugeriegelten Ecke
vom Springer, dem Bauern und
von deinem Fehler.
– Je regrette – sagte jener
beaucoup. In Kürze kommt
     der Kommissar
     der mag kein
     (im Vertrauen)
     der mag kein
Schach, dieses abendländische Spiel
für Städter –
My friends
sagte der chinesische Kommissar,
I only come to see
Korsika vom Balkon
und das weiße Tunis am Meer
kein Grund zur Sorge.
Diese Beschlagnahmung
ist eine Gepflogenheit der
Revolution das Haus
ist euch lebenslang zugeteilt.
Zu guter Letzt, oh Bildhauer,
noch eine Mitteilung:
Du bist ernannt
zum Kommissar für die Kunst
von der Toskana, von Tibet und Oregon
später Mal
wenn dir danach ist
machst du ein Denkmal
über den Ursprung von Yin und Yang
dem großen Sakrament
für einen Platz in Peking.
Für dich Architekt
auch eine Arbeit: Häuser
für die Bergarbeiter und Kämpfer
von Colonnata
und im Kiefernwald
einen Laden für Salz, Oliven,
Wein und Nazionali.
Doch zuerst
müssen wir mit allen Mitteln
die Römer überzeugen dass
das was sie tun wollen
eine Illusion ist.

Corriere del Ticino, 7. Juni 2014
Literatur+Kunst Nr. 41, 08/14
Orte. Schweizer Literaturzeitschrift, Nr. 179/2014
Junge Welt. Die Tageszeitung, 1. Dezember 2014
Quaderni grigionitaliani, Nr. 84/2015

«Eine poetische Reise in drei Sprachen.» Corriere del Ticino

«Vor seinem Tod schuf Beltrametti eine Serie von Wort-Bildern, in Anlehnung an die Toshiba-Inselgruppe in Japan. Jede dieser Inseln ist ein Kontinent für sich, einige sind in Sichtweite, wie ein Synonym für ein Gedicht.» Literatur+Kunst

«Unversehens schlägt da eine beltramettihafte Form des ‹Pop› herein, die das Alleralltäglichste, das Beiläufige, sogar das Triviale ins gehaltvoll Vieldeutige hinüberkippt.» Peter K. Wehrli, Orte

Wann Was Wo
28. Nov. 17
19:00 Uhr
Das Literaturfenster
Lesung mit Anna Ruchat
Kellertheater GZ Buchegg
8057 Zürich
 
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