«Alljährlich im Frühjahr schwärmen unsere jungen Mädchen nach England»
Simone Müller

«Alljährlich im Frühjahr schwärmen unsere jungen Mädchen nach England»

Die vergessenen Schweizer Emigrantinnen. 11 Porträts

Mit Fotografien von Mara Truog

256 Seiten, gebunden, 59 Fotografien und Dokumente
Oktober 2017
SFr. 38.–, 40.– € / eBook sFr. 33.90
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978-3-85791-845-2

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Als junge Schweizerinnen nach England gingen
In der Zwischenkriegszeit gingen sie zu Hunderten, in den späten Vierziger- und Fünfzigerjahren zu Tausenden. Sie hiessen Emma, Bertha oder Marie und kamen aus Wilderswil, Urnäsch oder Bellinzona. Sie arbeiteten als Hausangestellte, Kindermädchen oder Gesellschafterinnen in Liverpool oder London und auf Landgütern von Adligen.

Sie gingen, obwohl die Medien warnten: vor dem britischen Wetter, vor dem englischen Klassendünkel, vor unerwünschten Schwangerschaften. Ein Massenexodus von Frauen, wie er in der Schweizergeschichte wohl kein zweites Mal vorkam. Und wenn sie in England geblieben sind, dann fast immer deshalb, weil genau das passierte, wovor sie so eindringlich gewarnt worden sind: Sie verliebten sich, wurden schwanger, haben geheiratet.

Simone Müller erzählt elf beispielhafte Lebensgeschichten dieser Frauen, die heute fast ganz aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden sind. Und sie erzählt auch von einer der grössten Repatriierungsaktionen der Schweiz, als fast tausend Frauen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zurückgeholt wurden.

Simone Müller

Geboren 1967 in Boston (usa), aufge­wachsen in Bern. Studium der Germanistik und Ethnologie in Bern und Wien, 2003–2005 lebte sie in London. 2015 veröffent­lichte sie die Biografie «Über London und Neu­seeland nach Eggiwil. Die Geschichte der Claire Parkes-­Bärfuss». Simone Müller lebt als freie Jour­nalistin und Autorin in Bern.

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Mara Truog

Mara Truog

Mara Truog, geboren 1977 in Bern, studierte in London und Zürich Fotografie. Mehrere Ausstellungen und Publikatio­nen zum Thema Alter/Frauen im Alter, 2016 wurde sie dafür mit dem 1. Preis des Swiss Press Award in der Kategorie Porträts ausgezeichnet. Sie lebt als frei­schaffende Fotografin in Zürich.

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Inhalt


Die vergessenen Emigrantinnen

«Sieben Meter Stoff für einen Kilt»
Maria Gibbs-Schwaninger (1932–2016)
Guntmadingen SH — Glemsford

«Ich habe das Glück auch in London gefunden»
Annetta Diviani-Morosi (*1926)
Dangio TI — London

«In Dover versprach ich den Hafenbehörden, innert drei Wochen zu heiraten»
Anna-Maria Webb-Eggen (*1930)
Zwieselberg BE — Chelmsford — Newcastle

«Wie die Queen»
Helene Alexandrou-Neeser (*1927)
Schlossrued AG — London

«Sie verstanden nicht, dass ich aus der Haut ging»
Bea Laskowski-Jäggli (1917–2016)
Basel — London — Basel

«I am not talking to you in this language, Grandma!»
Rosa Bruce-Weber (*1930)
Pfannenstiel ZH — Epping

«Abends beim Leuchtturm von Lossiemouth»
Berta Salt-Bhend (*1919)
Schwandi BE — Abingdon

«Ich habe immer vom Meer geträumt»
Augusta Bedding-Mariotta (*1931)
Muralto TI — Eastbourne

«Ich war die erste Fahrerin der britischen Post»
Myrtha Parsons-Biedermann (*1927)
Winznau SO — Shepperton

«Die Fenster klapperten, und der Wind wehte durch jede Ritze»
Anna Noël-Roduner (*1939)
Wil SG — Northampton

Die grosse Repatriierung

«Wir sahen die Schweizer Mobilmachung in London im Kino»
Mina Rui-Oppliger (*1919)
Rohrmatt LU — London — Laufen BL

Bildlegenden
Quellen
Literatur

Die vergessenen Emigrantinnen

(Aus der Einleitung)


«Man sollte – wenn immer möglich – nie im Herbst nach London reisen. Der englische November und auch der Dezember sind mit ihren düsteren, nasskalten Nebeltagen für viele Jungen unerträglich. Zum natürlichen Heimweh kommt das trostlose Wetter, und dann entwickelt sich jene Panik, die oft ins Verderben führt.» «Das Englandjahr», Merkblatt Verein «Freundinnen junger Mädchen», 1959

 

In ihren Wohnungen hängt das Bild der Queen neben einem geschnitzten Holzlöffel aus der Käserei Trubschachen, und auf dem Kaminsims steht ein kleiner Bergkristall aus Davos neben einer bunten Postkarte der Kathedrale von Canterbury.

Sie leben seit mehr als sechzig Jahren in England. In ihren Biografien treffen zwei Kulturen und zwei Sprachen aufeinander, was sich auch in ihren Doppelnamen spiegelt: Bruce-Weber; Gibbs-Schwaninger; Webb-Eggen.

Wie Tausende von jungen Schweizerinnen gingen sie in den Dreissiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahren als Hausangestellte oder Au-pairs nach England, weil sie Englisch lernen wollten. Anders als viele, die nach ein oder zwei Jahren in die Schweiz zurückkehrten, sind die in diesem Buch porträtierten Frauen jedoch in England geblieben. Einige zögern am Telefon und sagen, sie wüssten nicht, ob sie das noch könnten: Schweizerdeutsch. Wie Myrtha Parsons-Biedermann zum Beispiel – sie versteht dann doch jedes Wort. Über dem Kamin in ihrem Wohnzimmer in Shepperton hängt eine Kopie des Bundesbriefes.

 

Ein Exodus

In den späten Vierzigerjahren machten sich jährlich ungefähr 4000 bis 5000 junge Schweizerinnen nach England auf, in den Fünfzigerjahren waren es gemäss zeitgenössischer Medienberichte und Statistiken von Hilfsstellen wie dem «Sozialsekretariat für Schweizerinnen im Ausland» etwa 7000 pro Jahr – genaue Zahlen gibt es nicht. Frauen, die im Ausland lebten, wurde die Anmeldung auf einer schweizerischen Konsularvertretung zwar empfohlen. Im Unterschied zu den Männern, die sich wegen der Wehrpflicht zwingend anmelden mussten, gab es für sie jedoch keine Meldepflicht. Viele Frauen liessen sich nie registrieren. Und weil sie nur für eine befristete Zeit gingen, mussten sie sich in der Schweiz nicht abmelden.

In den Fünfzigerjahren wurde in den Medien ausführlich über diese jungen Frauen berichtet. Von einem «Exodus» war die Rede und von einem «Massenphänomen». Die Thurgauer Zeitung schrieb im Februar 1956: «Alljährlich im Frühjahr schwärmen unsere jungen Mädchen in Scharen gegen England an eine Haushaltsstelle.» Dennoch sind diese Frauen – und damit ein Kapitel Schweizer Emigrationsgeschichte – aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Es gibt keine historische Publikation, die sich mit dem Massenphänomen beschäftigt.

In Erinnerung geblieben sind jedoch persönliche Geschichten: Die Erzählungen von Grossmutter Johanna, die in den Dreissigerjahren an der schottischen Küste eine lange Wanderung unternommen und in einem selbst gebastelten Zelt aus Farn übernachtet hatte; die Geschichte von Grosstante Elsa, die in Nordlondon täglich die gleichen Silberlöffel putzen musste. In Erinnerung geblieben ist auch die Bedeutung, die der zweijährige Englandaufenthalt für die Mutter zeitlebens gehabt hatte – sie, die nachher kaum noch weggekommen war aus dem Dorf im Zürcher Oberland. Bilder und Bruchstücke aus den Erzählungen von Urgrosstanten, Cousinen, Schwiegermüttern und Grossmüttern sind in der Schweiz präsent. Weil so viele gegangen sind, gibt es kaum eine Familie, in der nicht irgendjemand von einer nahen oder entfernten Verwandten weiss, die als junge Frau auch einmal in England war – und wieder zurückgekommen oder für immer dort geblieben ist.

 

Schweizerinnen statt Österreicherinnen

Bereits in den Dreissigerjahren sind Hunderte von jungen Schweizerinnen nach England gegangen, manche auch nach Irland oder Schottland. Weil sie Englisch lernen wollten oder aus wirtschaftlichen Gründen. Mina Rui-Oppliger, 1919 geboren, erzählt im Porträt «Wir sahen die Schweizer Mobilmachung in London im Kino», wie schwierig es für Hausangestellte in der Schweiz war, Arbeit zu finden: «Niemand hatte Geld, und es gab fast keine Stellen. Und wenn man Arbeit hatte, verdiente man kaum genug, um davon zu leben.» Die 2016 verstorbene Irene Schenker-Odermatt, die ebenfalls in den Dreissigerjahren in England war, schickte ihrer Familie in Engelberg jeweils fünf Pfund nach Hause – ihr jüngerer Bruder erzählte sein Leben lang, wie froh die Familie über diese Unterstützung gewesen sei.

In England, wo die Klassengesellschaft besonders stark ausgeprägt war, beschäftigten vor dem Zweiten Weltkrieg auch Familien des unteren Mittelstandes ein oder zwei Hausangestellte, und nicht einmal während der Weltwirtschaftskrise in den Dreissigerjahren war genug einheimisches Personal da, um den Bedarf zu decken.

Auch viele Österreicherinnen waren in englischen Haushalten angestellt. 1938, nach dem Anschluss von Österreich an Deutschland, konnten sie jedoch nicht mehr ausreisen. Agenturen und Privatpersonen suchten in der Schweiz nach Ersatz – eine Entwicklung, die das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit biga kritisch beobachtete. In einem Schreiben vom 10. Juni 1938 an den Verein «Freundinnen junger Mädchen» FJM heisst es: «Der Anschluss Österreichs an Deutschland hat die Tendenz der gewerbsmässigen Agenturen, möglichst viele Schweizerinnen in England zu plazieren, noch stark begünstigt. Der unerfreuliche Zustand hat sich verschärft.»

Die FJM wurden im 19. Jahrhundert zur Bekämpfung der Prostitution gegründet und arbeiteten eng mit den Behörden zusammen. Sie betrieben in Bern ein eigenes «Englandplazierungsbüro», das Stellen in englischen Familien vermittelte. Die privaten Agenturen hingegen waren den Behörden ein Dorn im Auge. Sie hatten den Ruf, die Stellen nicht seriös genug zu prüfen. Dem Bund fehlten jedoch die rechtlichen Grundlagen, um gegen sie vorzugehen.

 

(…)

 

Die Frauen erzählen, was ihnen wichtig ist. Was sie erzählen wollen und woran sie sich erinnern. Gleiche Themen nehmen in den einzelnen Porträts unterschiedlich viel Raum ein. Während eine Frau ausführlich von ihren ersten Monaten in England erzählt, handelt eine andere diese Zeit mit ein paar wenigen Sätzen ab. Manchmal sind sie nicht mehr sicher, wann genau etwas stattgefunden hat, und die eine oder andere Begebenheit hat sich vielleicht nicht genauso zugetragen, wie sie in Erinnerung geblieben ist.

Oft sind sie erstaunt, wenn sie hören, wie viele damals gegangen sind. Aber alle erzählen von anderen jungen Schweizerinnen, die gleichzeitig wie sie nach England gekommen oder mit denen sie befreundet gewesen waren.

Die porträtierten Frauen wurden zwischen 1917 und 1939 geboren. Zehn von ihnen sind noch vor dem Krieg oder in den Vierziger und Fünfzigerjahren nach England gegangen und geblieben. Im elften Porträt erzählt die 1919 geborene Mina Rui Oppliger, wie sie im Oktober 1939, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, in einer der grössten Repatriierungsak tionen in der Geschichte des Landes von England in die Schweiz zurücktransportiert wurde.

In allen Biografien verbirgt sich sehr viel Zeitgeschichte – noch können die Frauen von ihren Erfahrungen erzählen. Sie sind die letzten Zeitzeuginnen eines vergessen gegangenen Kapitels Schweizer Emigrations- und Frauengeschichte.

SRF Tagesgespräch, Simone Müller: Die vergessenen Schweizer Emigrantinnen, 25. Oktober 2017

SRF 10 vor 10, 31. Oktober 2017
Der Bund, 28. Oktober 2017
Basler Zeitung, 13. November 2017
bluewin.ch, 16. November 2017
Basellandschaftliche Zeitung, 17. November 2017




10 vor 10 SRF 1:




«Simone Müller hat elf Frauen in fesselnden Porträts festgehalten, die Erzähltext und O-Ton locker miteinander verbinden und ein Stück Zeit- und Mentalitätsgeschichte vermitteln. Die Fotos von Mara Truog tragen dazu atmosphärisch dichte Bilder bei.» Der Bund

«Man kann von einem Massenphänomen sprechen. Und dennoch wäre die Emigration junger Schweizerinnen um ein Haar der totalen Vergessenheit anheimgefallen. Dank der Berner Journalistin Simone Müller erhalten jetzt aber all die zahlreichen jungen Frauen, die in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts die Schweiz in Richtung Grossbritannien verlassen haben, ein Denkmal.» Basler Zeitung

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