Gesammelte Werke in Einzelausgaben / Erzählungen (2 Bände)
Meinrad Inglin

Gesammelte Werke in Einzelausgaben / Erzählungen (2 Bände)

894 Seiten, Leinen
Januar 1991
SFr. 48.–, 48.– €
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978-3-85791-663-2

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Schlagworte

Literatur Erzählungen
     

Auf neunhundert Seiten werden hier sämtliche Erzählungen, die Inglin zu seinen Lebzeiten in Buchform herausgegeben hat, vorgelegt; mit Ausnahme von «Über den Wassern» (bereits 1925 entstanden und hier wieder in der Urfassung abgedruckt) gehören sie alle in die zweite Lebenshälfte des Autors. In «Güldramont» (1943) gestaltet Inglin auf der Höhe der Meisterschaft mit der für ihn typischen Verhaltenheit in knapper, gedrängter Form den Abschied von der Kindheit und den schwierigen Übergang zur Reife: in der «Furggel» den Bergtod des Vaters beim ersten gemeinsamen Jagdgang, in der «Entzauberten Insel» die bedrängende Gewalt des erwachenden Eros, in der Titelerzählung den knabenhaft gläubigen Aufbruch ins Unbekannte. Über allem Geschehen liegt ein Hauch von Frische und unverlierbarer Jugendlichkeit.

Atmosphärisch völlig anders wirken die Erzählungen, die der Autor 1947 im Novellenband die Lawine zusammengefasst hat. Manches schein hier vom Alltäglichen auszugehen, so etwa der Fall eines Soldaten, der irgendein Divisionsgericht beschäftigt haben könnte und in dem doch ein archaisch anmutendes Fatum waltet, während im Schwarzen Tanner das Verhalten eines renitenten Bauern sich unversehens zum packenden Schicksal eines Einzelnen ausweitet, der es in seinem unbändigen Freiheitsdrang aufs letzte ankommen lässt. Ein elementares Naturgefühl durchdringt und trägt das Geschehen dieses Bandes, der die ganze Spannweite der erzählerischen Möglichkeiten Inglins in immer neuen Facetten aufscheinen lässt.

In seinen kurzen Urlaubswochen während des Zweiten Weltkrieges hatte Inglin begonnen, kleinere Geschichten zu schreiben. Die umfangreicheren, mehr novellenartigen wurden in den Erzählbänden Güldramont und Die Lawine zusammengefasst; daneben plante der Dichter aber ein eigentliches «Geschichtenbuch», in dem sich alle möglichen erzählerischen Elemente - realistische, abenteuerliche, legendenhafte, phantastische, lustige und ernste - von der Anekdote bis zum Märchen in bunter Folge ablösen sollten. Manches davon ist 1958 in die Verhexte Welt eingegangen. Hier gönnt sich der Dichter, der ein Leben lang gewohnt war, «die schweifende Phantasie an kurze Zügel» zu nehmen, für einmal das freie Spiel der Einfälle und findet für seine Fabulierlust immer neue überraschende Freiräume.

Scheinbar in vertrautere Bahnen lenkt Inglins letzter grösserer Erzählband Besuch aus dem Jenseits (1961) zurück. Und doch beschreitet auch hier das Riedauer Paradies ganz neue Wege: In der geschlossenen Sphäre einer Revierjagd läuft ein sich selbst genügendes Geschehen ohne greifbare Handlung ab, während in Herr von Birkenau (dem seine Umgebung vorspielt, er sei noch immer Herr über längst verlorenen Grundbesitz) der fliessende Übergang von Realität und Wahn alle üblichen Kategorien in Frage stellt. Die Titelerzählung schliesslich, worin der Teufel als Ordnungsfanatiker auftritt, führt in einem fast szenisch gestalteten Dialog an die Schwelle einer Wirklichkeit, die der Wanderer auf dem Heimweg (1968) in Inglins letzter Erzählung gelassen überschreiten wird.

Meinrad Inglin
© Keystone / Photopress Archiv

Meinrad Inglin

Meinrad Inglin (1893–1971) aus Schwyz zählt zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern. Nach Abbruch einer Uhrmacher- und Kellnerausbildung sowie des Gymnasiums studiert er Literaturgeschichte und Psychologie in Genf und Neuenburg. Arbeit als Zeitungsredaktor und ab 1923 als freier Schriftsteller. Für sein Werk (vor allem Romane und Erzählungen, einzelne Aufsätze, Notizen und eine Komödie) wurde Inglin vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grossen Schillerpreis und dem Gottfried-Keller-Preis.

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Die Furggel

Der Vater wanderte mit seinem zwölfjährigen Sohne im grauen Frühlicht eines Septembermorgens gegen Osten durch ein leicht ansteigendes Bergtal hinauf. Über dem Flüßchen, das hier zwischen Erlengebüschen und krautigen Wiesen noch breit und ruhig dahinzog, schwebte ein dünner Nebel, den die Wandernden als kühlen Hauch im Gesichte spürten, wenn der Weg sie in die Nähe des Wassers oder über eine Holzbrücke auf das andere Ufer führte. Die dunklen Waldhänge aber sah man auch durch den Nebel auf beiden Talseiten steil gegen den blaßblauen Morgenhimmel steigen.

Der Knabe durfte den Vater zum erstenmal in eine Gegend begleiten, die nächstens für die Gemsjagd freigegeben wurde, und wartete mit froher Spannung auf alles, was ihm dieser lang ersehnte Tag bescheren würde. Er konnte mit dem großen stattlichen Manne noch nicht Schritt halten, doch hätte er niemals zugegeben, daß man deshalb auch nur um Fingersbreite mäßiger ausgeschritten wäre. Mühelos und freudig aufgeregt blieb er neben ihm, schaute mit dem klugen Gesicht, in dem sich schon die kräftig bestimmten väterlichen Züge abzeichneten, neugierig nach allen Seiten, hörte mit wachen Ohren auf jedes Wort und folgte mit raschem Blick jedem Hinweis. Auf einer kurzen ebenen Strecke pfiff der Vater einen Marsch und ging nun doch etwas kürzer, weil der junge, weit ausholend, durchaus im Takte bleiben wollte. Als der Marsch bei der nächsten Steigung zu Ende war und jeder wieder in sein eigenes Schrittmaß fiel, blickten sie einander lachend an; sie waren gute Kameraden.

Bald kamen sie an den Fuß eines bewaldeten Rückens, wo das Tal sich in zwei Täler gabelte, das Flüßchen in zwei Bäche, die Bergstraße in einen schmalen Fahrweg und einen Fußpfad. Während sie den Pfad einschlugen, der nach Südosten in das engere, steilere Tal hinaufführte, deutete der Vater in den Waldrand hinein auf einen mannshohen, von Efeu, Moos und Bärlapp überwachsenen Felsblock. «Von jener grünen Kanzel herab», sagte er, «hab' ich den großen Fuchs geschossen, den jetzt die Mutter als Pelz trägt. Er wog achtzehn Pfund.»

«Das ist viel, nicht?»

«Ja, sehr viel. Gewöhnlich wiegen unsere Füchse hier etwa zwölf bis vierzehn Pfund, wenn sie ausgewachsen sind.»

«Aber gelt, es kommt mehr darauf an, ob ein Fuchs in den Haaren gut ist als wieviel er wiegt?»

«Richtig! Und dieser Bergfuchs war gut, er hatte schon das schöne lange Winterhaar, darum hat Mutter ihn auch bekommen. Am schönsten war er freilich, als er flüchtig aus dem dunklen Tannenwald herabkam, in raschem Trab, gespannt, lautlos, und dann da unten zwischen entlaubten Buchen in der Sonne auf einmal prächtig rotgelb aufleuchtete, oder als er überhaupt noch lebend in diesen Wäldern herumstrich.»

«Ja, das glaub' ich … Aber ich hätte ihn auch geschossen.»

Der Vater lachte. «Da siehst du! Viele Menschen verstehen nicht, daß man an den wildlebenden Tieren die größte Freude haben und sie dennoch erlegen kann. Das sei ein Widerspruch. Kann sein, daß es einer ist, aber das Leben hat viele Widersprüche, man kann nicht alle lösen, und es ist trotzdem schön.»

Neue Luzerner Zeitung, 5. Mai 1993


«Schon die erste der sieben Erzählungen, ‹Die Furggel› gestaltet dieses Schwindelgefühl an den Grenzen der Existenz. Die Furggel bezeichnet die Scheide zwischen da und dort, nicht allein den Ort, wo Weg und Wasser sich scheiden, sondern auch den Übergang, wo das Diesseits ins Jenseits hinüberführt.
… Meinrad Inglin weiss packend und mit einer Intensität zu erzählen, die keine Umschweife macht und dennoch lebendige Bilder heraufbeschwört. Und immer sind es jene Schwindelaugenblicke, wo sich Glück vollzieht, wo Schmerz greifbar wird oder eine Entscheidung auf Leben und Tod die Menschen nicht frei von Schuld und dennoch unverschuldet in ihr Schicksal eingebunden zeigt, wie in der aufwühlenden Erzählung ‹Drei Männer im Schneesturm›.

‹Das Riedauer Paradies› zeigt, wie Meinrad Inglin zwar naturalistisch die Welt zu schildern weiss, die ihm aus Erfahrung vertraut ist, die Natur, die Sphäre der Jagd, sie macht aber auch sichtbar, wie diese Natur im erzählten Werk überhöht wird, wie der Autor die Erfindung dazu einsetzt, das Existenzielle auszudrücken. Mit dem, was aus der Wirklichkeit gegriffen erscheint, redet Inglin vom Menschen, seinem Eingebundensein in die Natur, in sein Schicksal, die beide mächtiger sind als er. Und doch geht es Inglin um die ‹Eigenrichtigheit›, diese Mitte jedes einzelnen Menschen, die jeder für sich verfehlen oder erfüllen kann.» Neue Luzerner Zeitung
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