Gesammelte Werke in Einzelausgaben / Die Welt in Ingoldau
Meinrad Inglin

Gesammelte Werke in Einzelausgaben / Die Welt in Ingoldau

Mit einem Nachwort von Werner Weber

568 Seiten, Leinen
2., Aufl., Januar 1994
SFr. 24.–, 26.– €
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978-3-85791-656-4

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«Die Welt in Ingoldau» erschien 1922 als erster Roman Meinrad Inglins und machte den Autor sofort bekannt. Das Werk gibt einen Querschnitt durch die Welt eines Innerschweizer Dorfes um die Jahrhundertwende. Eine Gruppe junger Menschen, deren geistiger Mittelpunkt der Pfarrhelfer Reichlin ist, löst sich aus der religiösen Tradition, aus dem ideenarmen und leidenschaftslosen Dasein des bürgerlichen Alltags, der ihren Forderungen nicht mehr genügt, und aus einem Erziehungssystem, das die besten Kräfte in starren Konventionen zu ersticken droht. Eine Fülle schar umrissener Gestalten wird mit unerbittlichem, aber nicht unversöhnlichem Realismus gezeichnet. So strahlt diese Welt im ganzen doch eine ungemeine Kraft und Sicherheit aus, denn sie wird nicht nur in ihrer Unzulänglichkeit, sondern auch in ihrem unerschöpflichen Reichtum erlebt und mit dem Willen zu bedingungsloser Wahrhaftigkeit in früher Meisterschaft gestaltet.

Meinrad Inglin
© Keystone / Photopress Archiv

Meinrad Inglin

Meinrad Inglin (1893–1971) aus Schwyz zählt zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern. Nach Abbruch einer Uhrmacher- und Kellnerausbildung sowie des Gymnasiums studiert er Literaturgeschichte und Psychologie in Genf und Neuenburg. Arbeit als Zeitungsredaktor und ab 1923 als freier Schriftsteller. Für sein Werk (vor allem Romane und Erzählungen, einzelne Aufsätze, Notizen und eine Komödie) wurde Inglin vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grossen Schillerpreis und dem Gottfried-Keller-Preis.

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In lngoldau starb ...

I.

In lngoldau starb am zweitletzten Samstag vor Ostern unerwartet und unter sonderbaren Umständen der Pfarrer Klemens Bolfing.

Das Tal von Ingoldau bildet einen weiten Kessel, der nur auf der Westseite gegen den See hin offen liegt. Der scheinbar zusammenhängende, hufeisenförmige Wall, der jedoch aus verschiedenen waldreichen Vorgebirgszügen besteht, hebt sich im Osten unvermittelt zu einer kegelförmigen Höhe, die unter dem Namen «Ingoldauer Rothorn» bekannt ist. In der Mitte zwischen See und Berg liegt das Dorf Ingoldau. Die Sonne trifft es spät, denn das Rothorn wirft am frühen Morgen seinen Riesenschatten über den ganzen Talkessel hin bis an das Seeufer.

Die im romanischen Stil gebaute katholische Pfarrkirche erdrückt mit gewaltigen Flanken die bescheidenen Nachbarbauten. Rings um die Kirche und den Hauptplatz herum scharen sich zwei- und dreistöckige Giebelhäuser; zunächst noch eng gedrängt, folgen sie in unregelmäßiger Linie den fünf Straßen, die vom Hauptplatz ausstrahlen; allmählich stehen sie lichter, werden von Gärten und Rasenplätzen unterbrochen und verlieren sich endlich in die grüne Landschaft. Mehrere Herrschaftshäuser von gemeinsamem Gepräge, die bald dem Dorfe selbst, bald der Umgebung angehören, unterscheiden sich durch ihre Größe und architektonische Gliederung deutlich von den einfachen Bürgerhäusern, so die Stammsitze derer von Rickenbach, von Schönenbuch und von Sagenmatt. In breiter Behäbigkeit wachsen sie mit ihrer weißen, von Klebdächern überschatteten Vorderseite aus reichen Obst- und Blumengärten heraus. Beachtenswert sind das Rathaus und der sehr alte «Ingoldauer Hof», die mit der Kirche und zwei Bürgerhäusern zusammen den sorgfältig gepflasterten Hauptplatz umrahmen. Mitten auf diesem Platze steht ein runder Brunnen, dessen geschweifte Säule eine steinerne Madonna trägt.
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