Zwischen Gotthelf und Godard
Thomas Schärer

Zwischen Gotthelf und Godard

Erinnerte Schweizer Filmgeschichte 1958-1979

704 Seiten, 16 x 24 cm, Broschur, 182 Fotos und Abbildungen
Januar 2014
SFr. 78.–, 84.– €
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978-3-85791-653-3

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Dieses Buch verleiht über vierzig Schweizer Filmschaffenden eine Stimme. Ihre Erfahrungen im Übergang vom «Schweizer» zum «neuen» Film in der Schweiz verdichten sich zu einer facettenreichen Gesamtschau der Kinolandschaft in der sich rasch wandelnden Gesellschaft der 60er- und 70er-Jahre. Zu Wort kommen nicht nur Regisseure, sondern auch Cutter, Beleuchter, Skript, Labormitarbeiter, Schauspielerinnen, Schauspieler und Produzenten. Und auch Verleiher, Filmkritiker und Kinobesitzer schildern ihren damaligen Alltag, ihre Sorgen, Hoffnungen und Ziele. Das Buch zeichnet über die Filmlandschaft hinaus die politisch-kulturelle Atmosphäre der 60er- und 70er-Jahre nach und bietet auch Kennern viele neue Informationen. Unzählige unedierte Quellen und Fotos bereichern und kontrastieren die individuellen Erinnerungen. Die beiliegende dvd mit vier thematischen Filmen macht diese mündliche Geschichte hör- und sehbar.

Thomas Schärer
© Markus Frietsch

Thomas Schärer

Thomas Schärer, geboren 1968, Studium der Geschichte und der Filmwissenschaft in Zürich und Berlin. Mitarbeit bei Ausstellungen (u. a. «L’histoire c’est moi, 555 Versionen der Schweizer Geschichte», «Die andere Seite der Welt. Die Expo zur humanitären Schweiz»). Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste und an der Universität Basel. Von 2007 bis 2010 Leitung des Forschungsprojektes «Cinémémoire.ch» an der ZHdK.

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Inhalt

1. Einführung

2. Erste Momentaufnahme: Das Jahr 1958

3. Die Nobilitierung des Films

4. Das Filmgesetz und die Association suisse des réalisateurs de films

5. Zweite Momentaufnahme: Das Jahr 1964

6. Wie komme ich zum Film? Autodidaktik und Ausbildung

7. Die Suche nach Neuem: Aufbrüche und Erneuerungsversuche

8. Die Krise des Alten, Darben in der Hochkonjunktur

9. Auftragsfilme/Werbefilme als Pflicht und/oder Kür

10. Unsichtbares Ferment: Experimentalfilme

11. Solothurner Filmtage: Plattform und Katalysator

12. Grenzen: Röstigraben, innen, aussen und dazwischen

13. 1968 und danach

14. Dritte Momentaufnahme: Das Jahr 1969

15. Scharnierfilme: Kurt Frühs Dällebach Kari und Der Fall

16. Gründerzeit: Arbeitsgemeinschaften, Kooperativen, Firmen und Verbände

17. Die Bastion Kino

18. Die Vermittler: Filmkurse und Kritiken

19. Film und Fernsehen in der Deutschschweiz: Eine schwierige Annäherung

20. Vierte Momentaufnahme: Das Jahr 1975

21. Publikum und Erfolg

22. Lebensläufe: Kontinuität und Wandel

Biografien der Interviewpartnerinnen und -partner

Chronologie

Bibliografie

Einführung (1.)

Ende der Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts geriet die Filmindustrie in vielen Ländern der westlichen Welt in eine Krise. Neue Generationen von Filmschaffenden machten sich bemerkbar und eroberten, ausgehend von Frankreich, in «neuen Wellen» die Kinos. Mit Erklärungen und Manifesten sagten sie sich vom bisherigen Filmschaffen los.

In der Schweiz lässt sich in den Sechzigerjahren ebenfalls ein Generations- und Paradigmenwechsel beobachten, der jedoch – im Gegensatz etwa zur Situation in Deutschland und Frankreich – eher von Desinteresse am alten Filmschaffen als von konfrontativer Ablehnung geprägt war. Die neue Generation von Filmschaffenden trat so zögerlich auf die Bildfläche, wie die alte abtrat. Seit Ende der Fünfzigerjahre sind wiederholte Anläufe zur Erneuerung des Films auszumachen, oft unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit. Aber erst Ende der Sechzigerjahre wurde aus zahlreichen Einzelkämpfern eine Art Bewegung, und ein neuer Zugang zum Film entstand.

Thomas Christen bemerkte in jüngster Zeit zu Recht, dass diese Übergangszeit «schlecht dokumentiert und kaum systematisch untersucht ist»1. Diese Lücke möchte die vorliegende Publikation schliessen, indem sie die Perspektive auf die Praxis der Menschen, die an der Produktion und der Verbreitung von Schweizer Filmen in den Sechziger- und Siebzigerjahren beteiligt waren, öffnet. Neben Brüchen und Kontinuitäten werden so auch Überschneidungen und länger andauernde Ablösungsphasen sichtbar, die bisher kaum beachtet wurden. Ein Schattendasein in der autorenfixierten Schweizer Filmgeschichtsschreibung fristete etwa bislang die Filmtechnik, also Kamera, Licht, Ton, Postproduktion, deren jeweiliger Entwicklungsstand die Ästhetik und die Erscheinungsform der Filme massgeblich beeinflusste. Schweizer Filmtechniker genossen und geniessen international einen hervorragenden Ruf und entwickelten in einem Spannungsfeld aus limitierten finanziellen Mitteln, hohem technischem Sachverstand und überdurchschnittlichem Qualitätsanspruch immer wieder innovative Lösungen.

Das Sterben des alten Films in der Schweiz setzte Ende der Fünfzigerjahre ein und zog sich, begleitet von verschiedenen Reanimationsversuchen und Rückzugsgefechten, bis in die Siebzigerjahre hin. Die lange Übergangsperiode war geprägt von der Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem. Diese parallel ablaufenden Entwicklungen erschweren eine klare Periodisierung ebenso wie die Rekonstruktion von Kausalitäten. Dennoch, oder gerade deswegen, wurde der Übergang vom alten zum neuen Schweizer Film in der Filmgeschichtsschreibung meist im Sinne eines radikalen Bruchs interpretiert. Das oft zitierte «Jahr null» markiert den Zeitpunkt, an dem Betrachtungen abbrechen oder beginnen. So enden die beiden Standardwerke von Aeppli/Wider und Dumont zur Schweizer Filmgeschichte 1964 respektive 1965. Hervé Dumonts und Maria Tortajadas Folgeband Histoire du cinéma suisse setzt 1966 ein. Das 1987 erschienene Überblickswerk der beiden Filmkritiker Martin Schaub und Martin Schlappner, Vergangenheit und Gegenwart des Schweizer Films, behandelt den alten und den neuen Schweizer Film gesondert, wenngleich auch gewisse motivische und thematische Kontinuitäten ausgemacht werden. Weitere Publikationen untersuchen Filme ab Mitte der Sechzigerjahre und fokussieren das Neue am neuen Schweizer Film oder dokumentieren die Werdegänge von einzelnen Regisseuren, unter ihnen Alain Tanner, Daniel Schmid, Fredi M. Murer und Rolf Lyssy, deren Karrieren in dieser Zeit begannen. Differenzierte filmpublizistische und -kritische Beobachtungen zum Aufbruch finden sich in mehreren Aufsätzen der Zeitschrift Cinema oder auch in der Revue Travelling, die zum Spiegel der Bestrebungen für und der Forderungen nach einem neuen Schweizer Kino wurden.

Die bisherige Geschichtsschreibung lässt den Schluss zu, dass es einen ästhetisch und thematisch nachvollziehbaren Bruch zwischen dem alten und dem neuen Schweizer Film gab, der durch das Selbstbild und das Kritikerbild zusätzlich zementiert wurde. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Übergangsperiode selbst fand bisher nur in Ansätzen statt. Der Filmkritiker Martin Schaub, ein engagierter Anwalt des neuen Schweizer Films, formulierte in Bezug auf den Tod des alten Schweizer Films: «Es wird nie völlig geklärt werden können, aus welchen Gründen ein Filmschaffen, das in kurzer Zeit einen internationalen Standard erreicht hatte, in noch kürzerer Zeit völlig aus der internationalen Entwicklung des Films fallen konnte. Auf der einen Seite erschwerten die Kompromisse, mit denen Lazar Wechsler die Kooperation von internationalen Partnern bezahlte, die künstlerische Arbeit, auf der anderen Seite liessen die Drehbuchautoren, Techniker und der Starregisseur der grossen Zeit die nötige Beweglichkeit vermissen.»2 Massgebende Filmkritiker entwickelten sich, nach einer anfänglich skeptischen Haltung dem Wirken der neuen Generation in den Sechzigerjahren gegenüber, zu aktiven Förderern des neuen Schweizer Films und interessierten sich kaum noch für die weiter aktiven Exponenten der alten Garde.

Erleben und Erinnern

Ein Angestellter in einem Filmlabor wie Charly Huser oder ein Auftragsfilmer wie René Boeniger erlebte die späten Sechzigerjahre völlig anders als die vielen «Jungfilmer», die autodidaktisch ihre ersten Filme realisierten. Kontinuierlich sich entwickelnde Arbeitspraxen stehen in dieser Zeit dem Aufbruchswillen, der Lust zum Experiment und zur Provokation gegenüber.

Basierend auf vierzig individuellen Erinnerungen und Erfahrungen soll im Folgenden die alltägliche Berufspraxis in den Sechziger- und den Siebzigerjahren beleuchtet werden. Befragt wurden Kinobetreiber, Beleuchter, Kameramänner, eine Verleiherin, ein Verleiher, Cutter, ein Drehbuchautor, Regieassistenten, Regisseure, Produzenten, ein Schauspieler, zwei Schauspielerinnen, eine Scriptfrau, Filmtechniker, Auftrags- und Amateurfilmer, Fernsehredaktoren, Filmjournalisten und ein Filmfunktionär.

(...)

 schaer1

NZZ am Sonntag, 23. Februar 2014
Cinebulletin, März 2014
Tages-Anzeiger, 1. April 2014
Der Landbote, 6. Mai 2014
Horizonte, Nr. 102, September 2014

«Das Buch wird zweifellos zum Standardwerk werden.» NZZ am Sonntag

«‹Zwischen Gotthelf und Godard› est une histoire culturelle et sociale qui se concentre sur la pratique professionnelle au quotidien. En revanche le livre de Schärer est une véritable mine d'or de récits de narrateurs parfois doués, et sa joie narrative, sa richesse de détail sont quasiment inépuisables. Et son écriture claire et accessible – on a envie de dire peu académique – ne font qu'accroître le plaisir du lecteur.» Cinébulletin

«Eine glänzende Arbeit.» Tages-Anzeiger

«‹Zwischen Gotthelf und Godard› ist im schönsten Sinn des Wortes ein Schmöker. Ein dickes Buch, das süffig geschrieben und illustriert zum Blättern und Verweilen einlädt. Eine Filmgeschichte im klassischen Sinne ist ‹Zwischen Gotthelf und Godard› nicht. Es ist vielmehr eine mit unendlich viel Liebe zum Sujet, Detailgenauigkeit, Erzählfreude, aber auch mit dem kritisch einordnenden Blick eines Historikers verfasste ‹Anthologie› über die Zeit, in der sich der ‹alte› Schweizer Film in den ‹Neuen› verwandelte.» Der Landbote

«So umfassend, dicht und doch fesselnd ist dieses Kapitel der Schweizer Filmgeschichte wohl noch nie erzählt worden; einzig eine Art Résumé vermisst man; der Autor schient manchmal hinter den Materialmassen zu verschwinden.» Horizonte
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