Eine kleine Ungarin und andere Geschichten
Raymond Naef

Eine kleine Ungarin und andere Geschichten

128 Seiten, Broschur, 34 Fotografien / Abbildungen
Juni 2011
SFr. 24.50, 24.50 €
sofort lieferbar
978-3-85791-636-6

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Wie Grandmama Cécile von den Penacook-Indianern gefangen wurde und von ihnen Korbflechten lernte. Wie «Oncle Georges» bereits als 13-jähriger Artist im «Moulin Rouge» auftritt, wo er prompt vom noch unbekannten Toulouse-Lautrec aufs Tischtuch gebannt wurde. Wie dessen Schwager und Partner Grock Bilder von Nazigrössen an die Wand hängt, bis das bewunderte Deutschland von ihm selbst einen Arierausweis verlangt … Raymond Naefs Grosseltern, Eltern und Verwandte haben ihm immer wieder Abenteuer und Andekdoten aus der Familiengeschichte erzählt. Als er im Jahr 2008 selbst Grossvater wurde, begann er aufzuschreiben, was er davon für bewahrenswert hielt. Auch selbst erlebte ‹kleine Sensationen› fügte er hinzu. Die dreissig «wahren» Geschichten mit illustrierenden Abbildungen sind ein überraschendes Familienalbum über ein ganzes Jahrhundert. Sie erzählen von Ferdinand Hodler oder Fritz Brupbacher wie von russischen Offizierstöchtern und Nazis, von Revolutionären wie revoltierender Jugend.

Raymond Naef

Raymond Naef

Raymond Naef, 1948 in Zürich geboren, lebt als Grafiker und Ausstellungsgestalter in Zürich Aussersihl. 2002 veröffentlichte er die Biografie «Grock – eine Wiederentdeckung des Clowns» und konzipierte gleichzeitig eine grosse Ausstellung über den legendären Musikclown, die im Museum Neuhaus in Biel und im Zürcher Stadthaus gezeigt wurde.

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Eine kleine Ungarin

Moulin Rouge

Begegnung im «Sonnental»

Bei den Penacook-Indianern

Arzt und Revolutionär

Die Kugel im Kopf

Das Frontkämpfer-Kreuz

Rettung auf hoher See

Die Tochter eines Offiziers des Zaren

Der Schürzenfabrikant

Araber und Juden

Scherben aus New York

Streit in der Familie

Flucht aus dem goldenen Käfig

Ausflug ins Verzascatal

Auftritt für die Heilsarmee

Die beiden Brüder

Riso amaro

Sommerferien in Oneglia

Die Asche des Clowns

Ferdinand Hodler

Maria und Stefan

1. Mai 1967

Geschmuggelte Uhren

Schreckminuten in Mandalay

Mohammad Saber hoseyni

Jona's weiter Weg

Zürich in «Bewegig»

«Ochs im Saft»

Grüsse aus Bremgarten

Personenverzeichnis

Moulin Rouge

Das Allgemeinwissen von «Oncle Georges» war in der Familie legendär. Der weit gereiste und belesene Grossonkel war unter dem Namen «Géo Lolé» als Artist und Komiker auf den Bühnen in aller Welt aufgetreten. Er war ein ausgezeichneter Tänzer, spielte Geige, Banjo, Saxophon und hatte auch ein paar Kurzgeschichten verfasst. 1966, bei meinem Besuch an der Rue Véron 27 in Paris-Montmartre, las er mir eine seiner Geschichten vor. Darin war von einer schrecklichen Cholera-Epidemie in Neapel, von Liebe, Verrat und bitterer Rache die Rede. Die Einzelheiten habe ich vergessen, und die Manuskripte dieser unveröffentlichten Texte blieben nach seinem Tod im Jahre 1969 verschollen.

Noch spannender waren Onkel Georges' Schilderungen aus seinem eigenen, langen und bewegten Leben. Georges stammte aus dem Baskenland. Seine Eltern Catherine und Edouard Laulhé unterhielten als singende, tanzende und musizierende Akrobaten das Publikum unzähliger Variété-Theater in Frankreich und Spanien. Schon sehr früh lehrten sie ihren Sohn Kunststücke vorführen, Geige und Banjo spielen. Und weil sie immer unterwegs waren, besuchte der kleine Georges keine Schule. Lesen und Schreiben brachten ihm seine Eltern bei. Der Knabe liebte dieses Wanderleben zu dritt, doch das Glück der kleinen Familie währte nur wenige Jahre. Während eines Gastspiels in Bordeaux starb Georges Mutter völlig unerwartet an einer Lungenentzündung.

Kaum zehn Jahre alt, musste Georges nun mit seinem Vater eine neue kleine Nummer einüben. Schon bald traten Vater und Sohn unter dem Namen «Lolé & Lolé» auf, 1895 auch im legendären «Moulin Rouge» in Paris. Eigentlich durften 13-jährige Kinder nicht auf die Bühne, doch Monsieur Zidler, der Direktor des Theaters, erhielt bei der Stadtverwaltung eine Spezialbewilligung. Schon bald war der Knabe bei den Tänzerinnen und Artisten «Hahn im Korb». Sie bewunderten und förderten das Talent des Jungen. «La Goulue», Cancan-Tänzerin und vor kurzem noch grosser Star der Revue, sorgte sogar dafür, dass der Knabe Tanzund Gesangsunterricht erhielt. Kein Wunder also, fühlte sich Georges im «Moulin Rouge» wie zuhause, auch mit den Stammgästen verstand sich der Knabe bestens. Nur ein kleingewachsener Kunstmaler, der fast jeden Abend im Theater sass, war ihm etwas unheimlich. Stumm, streng, scharf beobachtend, was rund um ihn und auf der Bühne so geschah, bannte der Besucher Publikum und Artisten mit ein paar Strichen auf ein grosses Blatt, manchmal auch direkt aufs Tischtuch aus Papier.

Eines Abends bewunderte Georges nach der Vorstellung die Silhouetten von «Lolé & Lolé» und einigen Tänzerinnen auf zwei eben hingeworfenen Skizzen. Da räumte der Künstler Glas und Flasche weg, faltete das Tischtuch sorgfältig zusammen und schenkte dem jungen Georges dieses und ein kleines Blatt mit weiteren Zeichnungen, als Erinnerung an seine ersten Auftritte im «Moulin Rouge».

Erst viele Jahre später hat Georges es bitter bereut, diese Skizzen des danach weltberühmt gewordenen Kunstmalers Henri de Toulouse-Lautrec irgendwann achtlos weggeworfen zu haben.
P.S., 22. Juni 2011
Neue Zürcher Zeitung, 11. August 2011
Züriberg, 15. September 2011

«Dabei kommen die kurzen Texte, deren Inhalt meist durch eine Fotografie aus Naefs Familienarchiv beglaubigt wird, in trockenem, sparsamem, ja fast schon bürolistisch-faktischem Tonfall daher – und vermögen vielleicht gerade deshalb auch immer wieder einen Hauch von Rührung hervorzuzaubern: Wenn man da etwa vom abenteuerlichen Fronteinsatz von Grocks Variété-Kumpan Lolé liest, der zusammen mit einem Kameraden als Einziger seiner Kompanie den Ersten Weltkrieg überlebt hat, oder wenn sich die kleine Ungarin des Titels als Grossmutter Cécile entpuppt, die als Kind kurze Zeit in Ungarn lebte und dort zufällig der österreichisch-ungarischen Prinzessin Marie Valerie bei deren Besuch als vermeintlich waschechte Eingeborene ein Lied vorsingen darf, dann trifft da jeweils das kleine Alltagsgeschehen still, eindringlich und doch mit einem Blick fürs Kuriose im Gewöhnlichen auf die grosse Weltgeschichte.» Neue Zürcher Zeitung

«In einer einfachen, pointierten und gut lesbaren Sprache erzählt Naef von den alltäglichen Leiden und Freuden seiner Familie. Gleichzeitig wirken diese Geschichten wie ein Streifzug durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Kriege, Flucht, Wirtschaftswunder, gesellschaftliche Veränderungen, Pubertät, Liebe und Alter – das Buch von Raymond Naef umfasst unprätentiös das Leben von Menschen und zeichnet ein Bild des 20. Jahrhunderts. Schön ist zudem, dass ‹Eine kleine Ungarin› auch Fotos der ‹guten› alten Zeit enthält.» Züriberg
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