Ein Letztes noch
Ernst Strebel

Ein Letztes noch

Das Königsfelder Tagebuch von Konrad Liechti. Roman

176 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
August 2010
SFr. 29.80, 29.80 €
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978-3-85791-608-3

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In den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts arbeitet der Kantonsschüler Konrad Liechti für einen Sommer als Praktikant in der «Heil- und Pflegeanstalt» Königsfelden. In der Klinik hält sich auch der berühmte Dichter Conrad Ferdinand Meyer auf. Als dessen persönlicher Begleiter soll Konrad Liechti letzte Informationen für seinen Deutschlehrer und ersten Biografen des Dichters sammeln. Der alte Dichter aber erzählt ihm nicht seine eigene Geschichte, sondern die von Doktor Rainer Ernst. Dieser hatte sich in eben dieser Klinik in die Patientin Adelheid verliebt, deren Krankheit unheilbar schien. Nach kurzem, intensivem Liebesglück brachte er sie auf ihr Bitten um und folgte ihr in den Tod. In den täglichen Notizen Konrads vermischen sich die Wahnwelten aus dem Klinikalltag mit der unsicheren Suche des Schülers nach sich selbst und den letzten Versuchen des alten Dichters, eine dichterische Ordnung zu schaffen.

Ernst Strebel
© Yvonne Böhler

Ernst Strebel

Ernst Strebel, geboren 1951, lebt in Kölliken.

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«Wir wollen uns hier ...»

«Wir wollen uns hier unter diese schwarzschattende Kastanie, die eigentlich eine Platane ist, setzen», sagte er, als wir auf dem Kiesplatz vor der Klosterkirche angekommen waren. Von mir gestützt liess er sich langsam und schwer ächzend auf der Bank unter dem mächtigen Baum nieder.

«Pfarrer Pauli hat dich mir empfohlen. Er meint, du tuest mir gut, und Direktor Wiederkehr und der gescheite Professor Frank sind auch dieser Meinung.»

«Ja?», sagte ich etwas verlegen und fügte dann hinzu: «Ich bin ein grosser Bewunderer Ihres Werkes, einige Ihrer Gedichte kann ich auswendig.»

«Gedichte von mir? Was für Gedichte?»

«‹Das Spätboot›, ‹Eingelegte Ruder› ...»

«Aber das sind ja Gedichte meines grossen Landsmanns Keller, Konrad!»

«Nicht doch!», widersprach ich höflich, «Herr Professor Frank ist mein Deutschlehrer, bei ihm haben wir diese Gedichte besprochen und auswendig gelernt.»

«Und der sagt, die seien von mir?»

«Gewiss.»

«Ja, wenn der Frank das sagt – das ist ein ganz Gescheiter, der weiss weiter, frank und frei, alles ist gar bald vorbei, in dem grossen Einerlei, und ich war gar nie dabei.»

Der alte Dichter kicherte, tat dann ein paar keuchende Atemzüge und stiess Laute aus, als lache er oder ringe nach Luft. Ich schaute ihn ängstlich an und wusste nicht, ob ich einen Wärter zu Hilfe rufen sollte. Da fuhr der alte Dichter mit ruhiger Stimme fort:

«Pfarrer Pauli und Direktor Wiederkehr meinen, es schade meinen Nerven nicht, wenn ich versuche, dir das Schicksal von Doktor Rainer Ernst als Novelle zu erzählen. Das Thema der Novelle hätten wir ja: Ist es dem Liebenden erlaubt, der leidenden Geliebten den erflehten Tod zu geben? oder: Wie leben wir, wenn das Leiden uns mit aller Garstigkeit umgarnt?»

Der alte Dichter schaute mit weit offenen Augen auf eine alte Irre, die gebückt über den Kiesplatz auf die Kirche zuschlurfte und bei jedem vierten Schritt, wie ich erstaunt feststellte, einen schrillen Schmerzensschrei ausstiess, der in ein schluchzendes Gekicher überging.

«Meine selige Mutter hat viel gelitten», flüsterte der alte Dichter mit schreckerfüllten Augen. «Sie war die liebste Mutter und hat viel gelitten meiner Garstigkeit wegen. Du weisst, dass sie ins Wasser ging?»

«Herr Professor Frank hat davon erzählt, als wir ‹Eingelegte Ruder› lasen.»
Aargauer Zeitung vom 21. September 2010
Neue Zürcher Zeitung vom 4. November 2010
ekz Bibliotheksservice, 6. Dezember 2010
Basler Zeitung, 4. Februar 2011
Wiener Zeitung, 14. Mai 2011

«‹Ein Letztes noch› ist eine verspielte, aber wohltuend unaufgeregte Geschichte geworden, die im Porträt des alten Meyer auch ein kritisches Schlaglicht auf die (nur literarische?) zeitgenössische Tendenz zur Überhöhung des Leidens bis in den Wahn wirft.» Neue Zürcher Zeitung

«Die spannend erzählte tragische Liebesgeschichte verknüpft Strebel mit einem Porträt des berühmten Poeten, bettet beides ein in eine sozialkritische Darstellung des damaligen Alltags innerhalb und ausserhalb der Klinik mit einer Vielzahl skurriler Patientenschicksale.» Aargauer Zeitung

«Das vielschichtige Werk gibt nicht nur Einblick in einen wesentlichen Lebensabschnitt des berühmten Dichters, sondern zeigt auch den Alltag in einer psychiatrischen Klinik und die gängigen Behandlungsmethoden jener Zeit.» ekz Bibliotheksservice

«Ernst Strebel unternimmt es also, dem in einer Nervenheilanstalt verwahrten Dichterkollegen ein Denkmal zu setzen, indem er ihn eine Novelle erzählen lässt, wie der reale C. F. Meyer sie hätte erfinden können, wenn es ihm gelungen wäre, sich über alle Schranken seines Ichs und seines gesellschaftlichen Umfeldes hinwegzusetzen.» Basler Zeitung

«Ernst Strebel gelingt mit ‹Ein Letztes noch› ein so poetischer wie zutiefst existenzieller Roman. Der Leser taucht ein in eine Zeit vor hundert Jahren, in eine Atmosphäre, die im besten Sinn authentisch ist. Gleichwohl bleibt der Roman nicht in der Vergangenheit verhaftet, sondern wirft jene letzten Fragen auf, die von Generation zu Generation weitergereicht werden. Fragen, die auch einen anderen Schweizer Schriftsteller beschäftigten, der sich vor nicht allzu langer Zeit in dieselbe Klinik einwiesen ließ: Hermann Burger.» Wiener Zeitung

«Hält man sich diesen komplexen Hintergrund vor Augen, so begreift man besser, dass Ein Letztes noch trotz seinem schmalen Umfang ein Buchg von ganz ausserordentlicher Dichte geworden ist, in dem Realität und Fiktion ganz eigenwillige Verschränkungen eingehen. So wird Ein Letztes noch schliesslich zu einem subtil hintersinnigen Roman über Wahn und Wirklichkeit, der sich so anregend wie vergnüglich liest.» Orte
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