An verschwundenen Orten
Bessa Myftiu

An verschwundenen Orten

Roman

Übersetzt von Katja Meintel / Mit einem Vorwort von Amélie Nothomb

248 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Februar 2010
SFr. 29.80, 29.80 €
sofort lieferbar
978-3-85791-597-0

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Bessa Myftiu geht in ihrem Roman den Orten der eigenen Kindheit nach. Das Mädchen wächst in einem Quartier von Tirana auf, sie lebt mit der Familie, mit Nachbarn und Freundinnen, sie beobachtet ihre Umgebung. Ihr Alltag ist geprägt von alltäglichen Erlebnissen und kleinen Liebesgeschichten ebenso wie vom Schicksal ihres Vaters, der beim Regime Enver Hoxhas in Ungnade fällt, psychiatrisiert wird, Schreibverbot erhält und danach sein Leben als Kioskverkäufer verdient.
Die aus der Perspektive eines Mädchens erzählten Erinnerungen geben einen poetischen, humorvollen und subtilen Einblick in das von Totalitarismus und Patriarchat geprägte Land. Der Roman ist ein wundervolles feines humoristisches Geflecht von Geschichten aus einer Welt, die für die Heranwachsende immer weiter wird.

Bessa Myftiu
© Fadil Berisha

Bessa Myftiu

Bessa Myftiu, geboren in Tirana, Albanien. Nach dem Literaturstudium an der Universität von Tirana als Journalistin tätig. 1992 Übersiedlung nach Genf. Lehrauftrag an der dortigen Universität im Bereich Erziehungswissenschaften. Veröffentlichte verschiedene wissenschaftliche Publikationen, Übersetzungen aus dem Albanischen sowie Lyrik- und Erzählbände auf Französisch.

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Mein Geliebter hat funkelnde, schwarze Augen ...

Mein Geliebter hat funkelnde, schwarze Augen. Er ist der einzige Sohn, vernünftig, diszipliniert. Er ist auch im Viertel der einzige Junge. Es gibt zu viele Mädchen in unserer Straße, und sie sind alle sehr schön. Aber sie kommen nicht zu Rakie. Wenn sie Lust haben, mit Beni zu spielen, rufen sie ihn. Ich nicht. Ich bin stolz. Ich warte weiter im Schatten des Orangenbaums, sogar, nachdem ich bis dreihundertzweiundzwanzig gezählt habe, immer noch falsch, laut meiner Schwester.

Bei dreihundertdreiundzwanzig kommt er und füllt am Brunnen eine Karaffe mit Wasser. Ich tue so, als würde ich mir die Schnürsenkel binden, er, als würde er mich nicht bemerken. Er füllt seine Karaffe und fängt an, sich mehrmals die Hände zu waschen. Dann streicht er um den Orangenbaum herum; ich dagegen drehe ihm beharrlich den Rücken zu. Schließlich ruft man ihn von drinnen.

«Beni, wo bleibt das Wasser?»

Er nimmt das Gefäß und rennt weg. Ich binde meine Schnürsenkel fertig und gehe wieder nach Hause. Vielleicht würde ich am Nachmittag mehr Glück haben, wenn die Mädchen Lust bekommen, mit Beni Doktor zu spielen ...

Das Spiel wird ausschließlich bei mir daheim gespielt, im Hof hinter dem haus. Vor den Blicken der Erwachsenen geschützt, widmen wir uns einem Zeitvertreib, dessen Warum und Wozu wir vage begreifen. Der Beweis: Wir verstecken uns. Wir alle wissen, dass wir etwas Schlechtes tun. Ich aber weiß es besser als die anderen. Ich will nicht, dass Beni meinen Po sieht. Und er will ihn auch nicht sehen: Deshalb gibt er mir die Rolle der Krankenschwester. Ich fühle mich einzigartig, privilegiert, die Auserwählte. Ich bereite die Medikamente vor, während ein Mädchen nach dem anderen das Höschen herunterlässt und dem Arzt seinen Hintern entgegenstreckt. Trotz seines Eifers muss er ein sehr schlechter Arzt sein, denn nie werden sie gesund! Jeden Tag verabreicht er den Kranken Spritzen, ohne dass sich ihr Zustand bessern würde. Er untersucht sie und weist mich jedes Mal an, ihm die Spritze zu reichen, die er dann in ihre weißen Pos hineindrückt. Sie schreien vor Schmerz auf, aber natürlich leise, und manchmal hört sich ihr Schrei an wie ein wonniges Seufzen: Glücklicherweise hat die Spritze keine Nadel mehr. Ich tue jedes Mal so, als würde ich eine neue aufsetzen und das gebrauchte Fläschchen wegwerfen. Der Arzt lobt mich. Die Mädchen wollen wissen, wann ich mich denn in den Po stechen lasse, aber Beni antwortet, dass Krankenschwestern nie krank werden. Und um sich vor weiteren Forderungen zu schützen, behauptet er, dass gute Ärzte nie ihre Krankenschwester wechseln.
Siesta, DRS 1, 19. März 2010
St. Galler Tagblatt, 20. März 2010
EKZ Bibliotheksservice, 3. Mai 2010
Berliner Zeitung, 17. Juni 2010
Die Presse am Sonntag, 27. Juni 2010
P.S.-Buchbeilage, 1. Juli 2010
Neue Zürcher Zeitung, 9. September 2010

Schweizer Illustrierte, 4. Oktober 2010
Evangelisches Literaturportal, August 2016


«Dieses Buch ist wunderbar, weil es vor unserem inneren Auge eine Welt öffnet. Es ist durch und durch geprägt von einer Fabulierlust, von der Freude am Geschichtenerzählen.» DRS 1

«Bessa Myftiu erzählt mit einem Lächeln. Dabei legt sie ihr erzählerisches Gewicht auf das Absurde dieser Welt der Diktatur unter Enver Hoxha und der Düsternis. Und darum liest man dieses Buch trotz des Ernstes und manchmal der Verzweiflung gern. Mit einem Lächeln eben.» DRS 1

«Bessa Myftiu, die in Tirana aufgewachsen ist, heute aber in Genf lebt und französisch schreibt, hat sich an ihre Kindheit und Jugend in Albanien erinnert. Sie tut dies voller Anmut und Witz, weil sie die Menschen, die ihr lieb sind, neu erschafft: schön und verletzlich. Myftiu erzählt so talentiert wie Ismail Kadaré, aber vergnüglicher: Ihr Buch gibt der Jugend, selbst jener in einer Diktatur, einen verklärten Glanz.» St. Galler Tagblatt

«Unverkennbar Virginia Woolf'schen Anklänge» Die Presse am Sonntag

«Bessa Myftiu ist in Tirana gross geworden und beschreibt ihr Aufwachsen auf poetische, oft symbolische, traurige und gleichzeitig lockere, humorvolle Art.» P.S.

«Bessa Myftiu schreibt mit Lust und Geschick sowie aussergewöhnlichem Erzähltalent. Das Fabulieren liegt in der Familie: Der Grossvater war ein grossartiger Erzähler, der Vater war ein Geschichtenschreiber und die Tochter, Elena Duni hat schon als Kind angefangen, ihre Erlebnisse singend zu vermitteln.» P.S.

«Leser, die amüsante, realistisch geschriebene biografische Romane zu schätzen wissen, werden ihre Freude haben.»  Evangelisches Literaturportal

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