Der Kleine
Friedrich Glauser

Der Kleine

und andere Geschichten aus der Kindheit

130 Seiten, 12 x 19 cm, gebunden
August 2009
SFr. 19.80, 19.80 € / eBook sFr. 19.90
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978-3-85791-586-4

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Friedrich Glauser hat nicht nur autobiografische Erinnerungen an seine Kindheit in Wien aufgeschrieben, einzelne Episoden hat er gleich mehrmals in Erzählungen aufgenommen.

Seine Geschichten zeichnen ein sehr lebensnahes Bild einer Wiener Kindheit um 1900. Da ist ein gestrenger Vater, der seinen Sohn «abhärten» will fürs Leben. Da ist eine verständnisvolle Mutter, die stirbt, als er vier ist. Da gibt es warmherzige Dienstmädchen, intrigante Gouvernanten, einen Grossvater, der Goldgräber war, eine Stiefmutter, die nett ist und Geld hat und sich bald wieder scheiden lässt. Dass da Lehrer sind, die ihre Prügel nach elterlichem Einkommen der Schüler bemessen, nimmt der Sohn aus gutem Haus mit wachem Gerechtigkeitsempfinden wahr. Glausers Erzählungen sind ein bohrendes Suchen nach den Ursprüngen seines unsteten Lebens.

«Der Glauser mit seinem gläsernen Herzen – noch heute sieht man in diesen klaren, wahren Kern hinein» Vogue

Friedrich Glauser
© Gotthard Schuh / Fotostiftung Schweiz

Friedrich Glauser

Biographie

1896 4. Februar: Friedrich´Karl Glauser in Wien geboren.
1900 Die  Mutter stirbt.
1902 Eintritt in die Evangelische Volksschule am Karlsplatz.
1906 Eintritt ins k. u. k. Elisabeth-Gymnasium.
1909 Berufung des Vaters an die
Handelshochschule Mannheim.
1910 Eintritt ins «Schweizer Landerziehungsheim
Glarisegg» am Bodensee.
1913 Selbstmordversuch; Rauswurf aus Glarisegg und Eintritt ins Collège de Génève. 
1915 Freiwillig vorgezogener Wehrdienst in der Schweizer Armee. Erste Veröffentlichungen.
1916 Volljährigkeit. Abbruch der Beziehungen zum Elternhaus.  Matura am Institut Minerva in Zürich. Immatrikulation als Chemiestudent an der Universität Zürich. Bekanntschaft mit Dada-Künstlern.

1917

Weigerung des Vaters, Glausers Schulden weiter zu bezahlen; Antrag auf psychiatrische Untersuchung. Teilnahme an den ersten beiden Dada-Soiréen. Entmündigungsverfahren. Tätigkeit als Milchausträger. Beginnende Lungentuberkulose,
Morphiumbehandlung.
1918 Flucht und Entmündigung durch die Amtsvormundschaft Zürich in Abwesenheit. Anfang Juni Verhaftung in Genf nach kleineren Diebstählen. Einweisung in die Psychiatrische Klinik als Morphiumsüchtiger. Diagnose: Dementia praecox. 
1919 Flucht aus der Anstalt.
1920 Zusammenleben mit Elisabeth von Ruckteschell in einer alten Mühle bei Ronco. Erneute Morphiumabhängigkeit und Verhaftung in Bellinzona, Selbstmordversuch. Nach heftigen Entzugserscheinungen und einem  Blutsturz Einlieferung ins Inselspital Bern.
Nach versuchter Rezeptfälschung Einweisung in die Irrenanstalt Hollingen.
Flucht mit Hilfe Elisabeth von Ruckteschells zu Hans Raschlenach Baden. Eintritt in die Psychiatrische Klinik Burghölzli in Zürich. Ab Oktober mit Billigung der Behörden bei Hans Raschle in Baden.
1921 Aushilfe bei einem Lebensmittelhändler. Volontär bei der «»Schweizerischen Freien Presse». Erneute Morphiumsucht, Flucht zum Vater nach Mannheim. Eintritt in die Fremdenlegion. 
1922 Selbstmordversuch, Malaria.
1923 Ausmusterung wegen eines Herzfehlers. In  Paris längerer Spitalaufenthalt und Arbeit als Tellerwäscher-Arbeit in einer Kohlegrube in Charleroi (Belgien).
1924 Malaria, Morphiumsucht, Selbstmordversuch. Nach einem im Morphiumdelirium verursachten Zimmerbrand Einweisung in die Irrenanstalt Tournai.
1925 Rückschaffung in die Schweiz; Psychiatrische Klinik Münsingen. Einweisung in die Haft- und Arbeitsanstalt Witzwil.  Selbstmordversuch.
1926 Entlassung aus Witzwil. Handlanger in der Gärtnerei Heinis in Liestal. Erneute Morphiumsucht und Rezeptfälschungen.
1927 Verhaftung wegen fortgesetzten Opiumdiebstahls in einer Apotheke. Eintritt in die Anstalt Münsingen. Psychoanalyse bei Max Müller.
1928 Hilfsgärtner. Gemeinsame Wohnung mit Beatrix Gutekunst in Basel. Beginn der Arbeit am Legionsroman «Gourrama».  Opiumrückfälle. Zusage eines Kredits von 1500 Fr.
für «Gourrama» durch die Werkbeleihkasse des Schweizer Schriftstellervereins. Aufgabe der Gärtnerarbeit und Umzug
nach Winterthur zu Beatrix Gutekunst, die dort eine Tanzschule eröffnet hat.
1929 Erneute Morphiumsucht.  Schwierigkeiten mit der Werkbeleihkasse,
die ihre letzte Ratenzahlung von einer Überarbeitung des Romans abhängig macht. Arbeit als Gärtner und  Verhaftung nach einer Rezeptfälschung.
1930 Anstalt Münsingen. Abschluss von «Gourrama». Gartenbauschule Oeschberg. Findet keinen Verlag.
1931 Gartenbauschuldiplom. Selbstentwöhnungsversuch. Anstalt Münsingen. Nachanalyse bei Max Müller. Beginn an «Tee der drei alten Damen».
1932 Übersiedlung nach Paris mit Beatrix Gutekunst. Versuch, als freier Journalist und Schriftsteller zu leben. Opiumrückfälle. Abbruch des Pariser Experiments und Besuch beim Vater in Mannheim. Festnahme wegen Rezeptfälschung. Antrag des Vaters,
Glauser lebenslänglich in der Schweiz zu internieren. Ausweisung.  Anstalt Münsingen. Ende der Beziehung mit Beatrix Gutekunst.
1933 Beginn der Freundschaft mit Berthe Bendel.  Zusage für die Stelle als Verwalter eines kleinen Gutes in Angles bei Chartres. Zustimmung des Vormunds und der Anstaltsleitung, Versicherung Berthes, Glauser zu begleiten, sie kündigt.
1934 Weigerung der Anstaltsleitung und des Vormunds, Glauser nach Angles gehen zu lassen. Unbefristete Internierung. Verlegung in die Anstalt Waldau bei Bern. Erster Preis beim Kurzgeschichten-Wettbewerb des «Schweizer-Spiegel.» Verlegung in die Kolonie Anna Müller in Münchenbuchsee. «Tee der drei alten Damen» beendet. Entlassung, Opiumrückfälle, Rezeptfälschungen.
1935 Erneute Internierung in der Waldau. Versetzung in die offene Kolonie «Anna Müller» in Schönbrunnen bei Münchenbuchsee. «Schlumpf Erwin Mord» wird fertig, Einsendung an den Morgarten-Verlag. Flucht aus der Kolonie «Anna Müller». Lesung im Rabenhaus bei Rudolf Jakob Humm.  Berthe Bendel gibt ihr Stelle in Kreuzlingen auf und kommt zu Glauser nach Basel. Rückkehr in die Waldau. Beginn mit der Arbeit an der «Fieberkurve»
1936 Annahme von «Schlumpf Erwin Mord» durch die «Zürcher Illustrierte» und den Morgarten-Verlag. Vergebliche Versuche, «Gourrama» bei der Büchergilde unterzubringen. Entlassung aus der Waldau. Kurzer Aufenthalt bei Josef Halperin in Zürich, «Matto regiert» wird fertig und von der Zeitschrift «Der öffentliche Dienst» angenommen. Lesung bei Humm im «Rabenhaus». Ankunft in Angles bei Chartres; in der Folge Bewirtschaftung des kleinen Gutes von Ernst Jucker, eines Schweizer Bankiers in Paris. Annahme der «Fieberkurve» durch den Morgarten-Verlag unter der Bedingung, dass Glauser den Roman überarbeite. Aufnahme in den Schweizerischen Schriftstellerverein. Auftrag für einen kurzen Studer-Roman vom «Schweizerischen Beobachter». «Wachtmeister Studer», Glausers erstes Buch, erscheint im Morgarten-Verlag, Zürich.
1937 «Matto regiert» erscheint im Jean Christophe Verlag, Zürich. Glausers Exposé zum Roman «Der Chinese» wird für den Wettbewerb des Schweizerischen Schriftstellervereins angenommen. Umzug nach La Bernerie (Loire). Beendigung der zweiten Fassung der »Fieberkurve».
Aufnahme einer Radiolesung ( O-Ton). 
Beendigung von «Krock & Co.». Artikel über Gides «Retouches à mon retour de l'U.R.S.S.» und nach Erscheinen im «ABC» heftige Kontroverse mit Humm über Gides, den Stalinismus und die Linke. Tod des Vaters.
1938

Eintritt in die Klinik Friedmatt, Basel, zur Entziehungskur. Unfall im Baderaum der Klinik; Schädelbasisbruch und schwere Gehirnerschütterung. 1. Preis im Wettbewerb des Schweizer Schriftstellervereinsfür «Der Chinese». Vergebliche Bemühungen, in Basel zu heiraten. Die Schweizer Schillerstiftung spricht Glauser eine Anerkennungsgabe von 500 Franken zu. Übersiedlung nach Nervi bei Genua. Arbeit an drei verschiedenen Roman-Projekten (Ascona-Roman, Charleroi-Roman, «Mord in Angles»). Am 6. Dezember: Glauser bricht am Vorabend der Hochzeit beim Abendessen zusammenund stirbt am 8. Dezember

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Alle Text sind der vierbändigen Ausgabe Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Herausgegeben von Bernhard Echte und Manfred Papst des Limmat Verlags entnommen und folgen den dort wiedergegebenen Fassungen. Auskunft über Entstehung und textkritische Anmerkungen findet sich dort in den Anhängen.

Alle vier Bände sind als Taschenbuch lieferbar im Unionsverlag.



Damals in Wien

Gesprungenes Glas

Der Kleine (I)

Der Kleine (II)

[Ohne Titel]

Damals in Wien

Meine Eltern mieteten eine Wohnung in der Starhemberggasse, und dort habe ich meine ersten Jahre verbracht. Die Starhemberggasse liegt im vierten Bezirk, läuft parallel der Favoritenstraße, in der es das berühmte Theresianum – eine Art Kadettenschule – gab, und ganz in unserer Nähe war der Südbahnhof. Als erste Erinnerung ist in mir das Pfeifen der Züge haften geblieben, und fast hat es mich froh gemacht, daß nun die Bahnen elektrisch betrieben werden. Die Pfiffe der Maschinen weckten immer zuviel alte Dinge in mir auf.

Da ist die Erinnerung an das Mädchen Frieda, das eines Morgens im Speisezimmer weint, weil es entlassen worden ist. Ich hocke in einem kleinen Stuhl, der mit einem Tischlein verbunden ist, und dieses Gestell besitzt an seinen sechs Beinen winzige Röllchen, auf denen es weitergeschoben werden kann. Das Ganze ist eigentlich ein kleiner Wagen, und ich sitze darin, bearbeite mit einem Suppenlöffel eine feuchte Semmel, bis sie wie ein kleiner Kuchen auf dem Holze klebt. Die Mutter aber geht herum im Zimmer, trägt einen roten Schlafrock und wischt den Staub von den vielen Möbeln.

Da betritt Frieda das Zimmer und ist angekleidet zum Ausgehen – sonntäglich eigentlich. Das ist merkwürdig, denn ich habe die Frieda nie so gesehen, ein großer Hut, auf dem Blumen kleben, schwankt auf ihrer Frisur, die ein ‹Chignon› ist – und dann nimmt Frieda Abschied von mir.

«Mama! Warum muß die Frieda fort?»

«Darum!»

Die Antwort wundert mich, denn sonst spricht meine Mutter nie in so verärgertem Tone zu mir. Frieda aber hat verweinte Augen und schneuzt sich in ein großes Taschentuch.

«Bist du traurig, Frieda?»

Da nickt das Mädchen, und ich spüre, daß sie mir etwas erzählen will. Aber sie wagt es nicht, weil die «gnädige Frau» (wie man in Wien sagt) im Zimmer ist. Frieda kommt ganz nahe zu mir, beugt sich über mich und sagt: «Leb wohl, junger Herr ...» Das sagt sie laut, dann schielt sie zur Seite, um zu wissen, ob die «gnä' Frau» sie hören kann, und flüstert mir dann zu: «Weil ich einen lieb hab, muß ich fort.»

«Gehen Sie jetzt!» sagt meine Mutter. Und das Mädchen geht zur Tür, ihr Hut schwankt auf ihrem Kopf, der lange Rock schleift auf dem Boden nach. Draußen pfeift ein Zug.

«Weil ich einen lieb hab, muß ich fort ...»

Warum sind diese Worte in den Teich gefallen, als seien sie ein einziger großer Stein? Warum bleibt dieser Stein auf dem Grunde liegen, wendet sich bisweilen, läßt Blasen aufsteigen, schillernde Blasen ...? Kaum dreijährig, hab ich sicher nicht gewußt, was das heißt: «Weil ich einen lieb hab ...»

Und doch. Ich weiß gut, daß nach dem langen Pfiff des Zuges von der Südbahn drunten ein Fiaker über die Pflastersteine gefahren ist. Es war kein Gummiradler, ich hörte die Räder klappern, die Hufe der Pferde – ich weiß sogar noch, daß es sicher ein Zweispänner war – klopften, klopften ... Und dann fiel die Gangtüre zu.

Meine Mutter aber hält das Staubtuch in der Hand und steht mitten im Zimmer. Sie starrt zu Boden. Dann schreckt sie auf, blickt mich an und geht zum Schreibtisch. Dort fängt sie wieder an, mit dem Staubtuch zu wischen, denn dieses Möbel ist wichtig. Es ist der Tisch, an dem mein Vater arbeitet, den ich «Patschika» nenne – warum, weiß ich nicht, es ist eine Erfindung wie eine andere auch – und mit dem ich französisch spreche, während ich mit der Mama nur deutsch rede.

Nach einer Weile fragt mich die große Frau: «Was hat dir die Frieda zugeflüstert, Bub?»

Ich schweige. Die Mama putzt weiter am Schreibtisch; er hat viele Säulchen und ist aus hellbraunem, maseriertem Holze gebaut. Sie dreht sich nicht um, wischt und wischt.

Und da ich nicht antworte, schweigt auch sie. Ein paar Minuten später beginnt sie mir das Märchen vom «Schatzhauser im grünen Tannenwald» zu erzählen. Von der Frieda haben wir nie mehr miteinander gesprochen.
Sax, das Dresdner Stadtmagazin, Nr. 11, November 2009

«Glausers Kindheitserinnerungen sind ein Suchen nach den Ursachen seines unsteten Lebens, das ihn in Erziehungsheime, Gefängnisse und Anstalten führen wird.» Sax, das Dresdner Stadtmagazin
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