Nächste Woche, vielleicht
Alberto Nessi

Nächste Woche, vielleicht

Roman

Übersetzt von Maja Pflug

170 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
März 2009
SFr. 29.80, 29.80 € / eBook sFr. 26.80
sofort lieferbar
Titel der Originalausgabe: «La prossima settimana, forse»
978-3-85791-578-9

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«Ich heisse José, bin einunddreissig Jahre alt und Buchhändler in Lissabon. Ich bin lungenkrank und will die Welt verändern.» Mit diesen Worten stellt sich der Protagonist José Fontana im neusten Roman von Alberto Nessi vor. Er erzählt von seiner Kindheit im Tessin, von der Zeit als Uhrmacherlehrling in Le Locle und seiner Emigration nach Lissabon, wo er den Sozialismus in Portugal kennengelernt hat und zur historischen Buchhandlung Bertrand fand.

Einmal mehr gelingt es dem Tessiner Schriftsteller Alberto Nessi, eine historische Figur zum Protagonisten seines Romans zu machen und mit der ihm eigenen Menschlichkeit dessen Geschichte zu erzählen. Die Auswanderung aus der Armut im Tessiner Tal ist ebenso Thema wie die Welten, die sich José in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts öffnen.

Alberto Nessi

Alberto Nessi, geboren 1940 in Mendrisio, studierte an der Universität Freiburg Literaturwissenschaft und Philosophie. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er unterrichtete italienische Literatur in Mendrisio, schrieb für Zeitungen und verfasste Hörspiele. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schweizer Grand Prix Literatur für sein Lebenswerk. Alberto Nessi lebt in Bruzella. Im Limmat Verlag sind von ihm lieferbar: «Nächste Woche, vielleicht», «Terra matta», «Schattenblüten», «Die Wohnwagenfrau», «Mit zärtlichem Wahnsinn / Con tenera follia» und «Abendzug».

Wie wird man Schriftsteller?
Ein biografischer Bericht von Alberto Nessi
Neue Zürcher Zeitung

Grand Prix Literatur
Laudatio

 

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Maja Pflug
© Georg Pflug

Maja Pflug

Geboren in Bad Kissingen, Übersetzerausbildung in München, Florenz und London, übersetzt seit über dreissig Jahren italienische Literatur ins Deutsche, u.a. P.P. Pasolini, Cesare Pavese, Natalia Ginzburg, Fabrizia Ramondino, Rosetta Loy, Alberto Nessi, Anna Felder, Giovanni Orelli und Anna Ruchat. Als Autorin veröffentlichte sie 1995 «Natalia Ginzburg. Eine Biographie», die auch ins Italienische übersetzt wurde. Sie lebt in München und Rom. Sie wurde 1987 mit dem Premio Montecchio, 1999 mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis und 2007 mit dem Jane Scatcherd-Preis ausgezeichnet. 2011 erhält sie für ihr Lebenswerk den Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis:

«Maja Pflug ist eine der verdientesten Übersetzerinnen aus dem Italienischen. Als deutsche Stimme von Natalia Ginzburg, Cesare Pavese und Fabrizia Ramondino hat sie große literarische Vielfalt und stilistisches Können bewiesen. Wie breit ihr Repertoire ist, zeigt sich auch in ihren Übertragungen von Giovanni Orelli, Alberto Nessi, Rosetta Loy und Cesarina Vighy. Ihre prägnante Übertragung von Fabrizia Ramondino Alltagsfresko La Via (Arche 2010) macht die untergründige Schlitzohrigkeit des Helden ebenso spürbar wie seine Trauer um den Wandel Italiens. Cesare Paveses Roman Die einsamen Frauen (Claassen 2008) gewann in Pflugs Neuübersetzung eine kühle Schärfe.» (Begründung der Jury)

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Ich heiße José ...

Ich heiße José, bin einunddreißig Jahre alt und Buchhändler in Lissabon. Ich bin lungenkrank und will die Welt verändern.

Lange Zeit dachte ich, ich sei der Heilige, der in meinem Geburtsort in der Apsis der Erlöserkirche dargestellt ist. Ich preschte auf meinem weißen Pferd heran und stieß dem Drachen die Lanze in den Schlund. Der aufgerissene Schlund befand sich neben dem Hauptaltar und gehörte einer großen Eidechse mit gezacktem Rücken, die in den Sonntagspredigten das Böse verkörperte. Der Glaube war das Gute, die Rieseneidechse das Böse. Und ich war der heilige Georg auf dem weißen Pferd. Jetzt will ich euch diesen Traum erzählen.

Meine Buchhandlung ist die älteste der Stadt, «seit 1727 im Dienst der Kultur». Tagsüber bediene ich die Kunden, sitze am Schreibtisch oder gehe ins Lager in der Rua da Figueira. Der Abend gehört der Politik.

Häufig kommt Eça de Queiroz in die Buchhandlung, der Genosse Eça. Wir haben uns angefreundet, und ich lese alle seine «Folhetins». Sobald die «Gazeta» erscheint, kaufe ich sie umgehend und schneide den Artikel aus. Hier vor mir auf dem Schreibtisch habe ich einen Satz von ihm liegen, der mir gefällt: «Jeder Fuß möchte Flügel sein.»

Von meinem Arbeitsplatz sehe ich die Passanten in der Rua do Chiado, jeder in sein Schweigen eingeschlossen. An manchen Nachmittagen, wenn auch das Akkordeon des Blinden an der Ecke verstummt und die Buchhandlung men9 schenleer ist, denke ich: Die Welt ist melancholisch. Der Fuß möchte Flügel sein, schafft es aber nicht. Er bleibt auf der Erde, während sich Asche auf den Dingen ablagert. Vor allem im Herbst und im Frühjahr, den Übergangszeiten. Im Mai, wenn die Blumen die Illusionen wecken, die der Oktober wieder mitnimmt.

Warum ich beschlossen habe, Tagebuch zu führen und meine Geschichte aufzuschreiben? Ich weiß es nicht, ich frage es mich. Vielleicht, weil sich der feuchte Fleck in meiner Lunge ausweitet und allmählich auch mein Denken verändert. Die Krankheit bringt Fragen und Erinnerungen mit sich. Ich würde gern mehr von meinem Leben begreifen. Zum Beispiel, was mich gedrängt hat, die anderen in mich hineinzulassen. Ich spreche nicht von Büchern, sondern von Menschen, Arbeitern, Frauen in der Fabrik. Bücher leisten einem Gesellschaft, Menschen verletzen. Doch was ist mehr wert als der Mensch?

Vielleicht ist es die Beleidigung, die meinen Entschluss herbeigeführt hat. Die Beleidigung, dass es das Böse auf der Welt gibt. Wer immer auf der Straße vorbeigeht, spiegelt sich in meinem geheimen Spiegel. Ich kann nicht so tun, als wäre nichts. Ich bin wie er. Ich bin er.

Ich will schreiben, um zu versuchen, die Zeit anzuhalten, die ihren Lauf für mich beschleunigt hat. Schreiben. Vielleicht will ich all den Schriftstellern Konkurrenz machen, die mich aus den Regalen anblicken ... Eine neue Klarheit lässt mich das Leben rückblickend erweitern, verlängert meine Tage nach hinten. Und die Dinge aus dem Dorf, wo man geboren ist, funkeln in der Erinnerung wie die Schneide der Sense in den Händen des Schnitters.

Ich habe Eça gefragt, ob die Literatur den Menschen besser machen kann, und er hat mit einem Lächeln geantwortet. Man muss Revolution machen, damit der Mensch besser wird. Der Fuß muss Flügel werden: nächste Woche, vielleicht ... Denn es weht ein neuer Wind in Lissabon: die Vorträge im Casino.

Gestern Abend, erster Vortrag: «Causas da decad ncia dos povos peninsulares nos últimos tr s séculos». Antero de Quental glich dem heiligen Franziskus, in aller Unschuld hat er die Bourgeois kaltgemacht.
Tessiner Zeitung, 30. April 2009
Der kleine Bund, 16. Mai 2009
literatur.de, Mai 2009
Heinrich Boxler, Literaturvermittler, 18. Mai 2009
P.S., die linke Zürcher Zeitung, 20. Mai 2009
WDR 5: 5-Literaturmagazin, Sendung vom 6. Juni 2009
ekz-Informationsdienst, Juli 2009
Der Landbote, 8. Juli 2009
WOZ, 17. September 2009
Tages-Anzeiger, 5. September 2009
Neue Zürcher Zeitung, 11. November 2009
Schweizer Monatshefte 973, November 2009


«Nessi macht eine historische Figur zum Protagonisten seines Romans und erzählt mit der ihm eigenen Menschlichkeit dessen Geschichte. Die Auswanderung aus der Armut im Tessiner Tal ist ebenso Thema wie die Welten, die sich José in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts öffnen. Geschickt schafft Alberto Nessi die Verbindung zum Heute und zeigt, dass Solidarität und Liebe die Voraussetzung für Gerechtigkeit sind.» Tessiner Zeitung

«Der Alltag der Menschen in den kargen Bergtälern, das Schicksal von Verstossenen und Aussenseitern, die Erinnerung an längst Verstorbene und der Auszug in die Fremde, die einen das Kindheitsland doch nie vergessen lässt, sind die Themen von Alberto Nessis Schreiben, das bei allem Realismus immer auch den Lyriker und Sprachkünstler mit in Erinnerung ruft.» Der kleine Bund

«Das Bild, das der Erzähler Alberto Nessi uns vorlegt, ist ein bisweilen etwas nostalgisches anmutendes, in vielerlei Facetten und Varianten gespiegeltes Sozialgemälde des 19. Jahrhunderts, das sich zum Teil wie eine poetisch-romantische Evokation mit einem Schuss Trauer und Wehmut, zum Teil aber auch wie ein sehr persönliches Geschichtsbuch ausnimmt, in dem wesentliche Stationen des sozialen Aufbruchs in die Moderne in Erinnerung gerufen werden.» Der kleine Bund

«Nessi vermag der Figur des Tessiner Revolutionärs Fontana, der mit seinem Schicksal zum Paradebeispiel für die Grösse und die Tragik eines gescheiterten revolutionären Aufbruchs wird, Gewicht, Vitalität und anrührende seelische Tiefe zu geben.» Der kleine Bund

«Vor allem die behutsame Erzählweise nimmt einen für Alberto Nessis schmalen Roman ein. Bis in den Satzrhythmus hinein ahmt Nessi die Empfindungswelt eines Mannes nach, der alles verändern will.» Neue Zürcher Zeitung

«Die historische Romanfigur, José Fontana, gibt dem Autor die Möglichkeit, Armut und das Leben im Tessin des 19. Jahrhunderts aufzuzeigen, ebenso auch jene der übrigen Welt. Dabei sieht man auch die Verbindungen zu heute. Alberto Nessi zeigt, dass Solidarität und Menschlichkeit das Wichtigste sind, um etwas zu verändern, gewalttätige Revolutionen kaum viel ändern können.» P.S., die linke Zürcher Zeitung

«Ein kluges und gescheites Buch ist dem Autor gelungen, anspruchsvoll, tiefgründig und literarisch versiert geschrieben.» literatur.de

«Die Qualität des Romans liegt nicht nur im grossen, sozialen Verständnis und Engagement Alberto Nessis. Es gelingen ihm immer wieder faszinierende Charakterisierungen von Personen. Dank seiner Fähigkeit, menschliche Einzelschicksale einfühlsam und detailliert darzustellen, gewinnt der Roman eine Tiefe, die zu bewegen vermag.» Heinrich Boxler, Literaturvermittler

«Auf wundersame Weise gelingt es Nessi, die politischen Erregungen des 19. Jahrhunderts einzufangen, die Erwartungen, die sich mit den grossen Heilslehren jener Zeit, vor allem Sozialismus und Kommunismus, verbinden. Marx, Bakunin und viele andere geben sich ein Stelldichein in diesem Buch. Aber: Das Buch selbst ist Literatur, kein Pamphlet. Es gibt die Atmosphäre der Zeit wieder, der Autor verzichtet aber darauf, die Dinge selbst zu bewerten. Stattdessen beschreibt er auf kunstvolle Weise eine Aufbruchstimmung, die Europa gut hundert Jahre später, 1968, noch einmal erlebte. Eine wunderbare Zeit, die verstehen hilft, wie das politische Europa wurde, was es ist. Aber kommt sie denn, die von den Intellektuellen fieberhaft ersehnte Revolution? Die Antwort gibt der Titel dieses wunderbar eleganten Buches: Nächste Woche, vielleicht.» WDR 5:5-Literaturmagazin

«Ein ungewöhnliches Migrationsleben eines ursprünglich sehr gewöhnlichen Menschen entfaltet sich vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse. Hoffnungsloses Hungertessin, zukunftsträchtiger Neuenburger Jura und schliesslich das faszinierende Labyrinth der portugiesischen Kapitale – das sind Josés wichtige Stationen, die Nessi mit viel Detailwissen und sehr lebendig nachzeichnet.» WOZ

«Nessi kennt die Geschichte und die sozialen Spannungen jener Zeit, aber er protzt nicht mit seinen Kenntnissen. Sie liefern nur den Hintergrund für die Gestaltung seiner Figur, für Ihre Gedanken, Ängste, Hoffnungen. Er ist bei aller dokumentarischen Genauigkeit eine literarische Figur, dieser José Fontana. Er spricht in Bildern, in einer oft poetischen, überaus reflektierten Sprache, selbst wenn es um grausame Ereignisse geht.» Tages-Anzeiger

«Ein zartes, leises Buch, pessimistisch und nachdenklich, aber sehr menschlich, geschrieben mit der ‹traurigen Leidenschaft› dessen, der die Hoffnung auf Brüderlichkeit trotz allem nicht aufgeben will. Breit empfohlen.» ekz-Informationsdienst

«Nessi ist nicht nur engagierter Denker, sondern auch ein sprachmächtiger Literat, der alle Töne, von wehmütiger Poesie bis bittere Ironie, meisterhaft einsetzen kann.» Der Landbote

«Nessi verschränkt Biografie und Zeitgeschichte, er malt ein Sittengemälde und zeigt, durch welch gewalttätigen Ereignisse die Schweiz und Europa in der Gegenwart ankamen. Auch wenn Fontana letztlich scheitert – sein Leben ist es wert, in Erinnerung gerufen zu werden. Und dies gelingt dem Autor auf meisterhafte und gleichzeitig berührende Weise.» Der Landbote

«Das ist gewiss kein revolutionäres Weltverbesserungsprogramm. Aber es ist eine Lehre, die unmittelbar den Bogen zum Heute schlägt und nach dem Stellenwert von Solidarität und Menschenwürde in unserer Gesellschaft fragt. Nicht zufällig findet sich im Buch auch ein Hinweis auf das Gefängnis von Abu Ghraib samt einer Aufzählung der dort begangenen Misshandlungen. Alberto Nessis Roman auf ein nostalgisch gefärbtes Historiengemälde zu verengen, hiesse seine Absicht gründlich zu verkennen. ‹Nächste Woche, vielleicht› ist ein wichtiges, ein ganz und gar aktuelles Buch.» Schweizer Monatshefte
Captcha

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