Der literarische Blick
Daniel Bruckner (Hg.), Andreas Karcher (Hg.)

Der literarische Blick

Schweizer Autorinnen und Autoren schreiben zu Schweizer Kunst des 20. Jahrhunderts aus der Sammlung Nationale Suisse

Mit Texten von Katharina Tanner, Isolde Schaad, Oscar Peer, Leo Tuor, Noëlle Revaz, Daniel de Roulet, Peter von Matt, Linard Bardill, Klaus Merz, Fabio Pusterla, Francesco Micieli, Sandra Hughes, Alberto Nessi, Gabrielle Alioth, Ilma Rakusa, Alex Capus, Christian Uetz, Werner Lutz, Corinne Desarzens, Werner Morlang, Anne Cuneo, Michel Layaz, Ivan Farron / Mit einem Vorwort von Michel Mettler / Mit einem Nachwort von Stephan Kunz

298 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit 23 ausklappbaren Farbreproduktionen
September 2008
SFr. 49.–, 52.– €
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978-3-85791-551-2

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Schlagworte

Literatur
     

Vom Bild zum Wort: 23 Schweizer Autorinnen und Autoren sind für dieses Buch eingeladen worden, sich ein Bild aus der Sammlung Nationale Suisse auszuwählen und einen Text dazu zu verfassen. Entstanden ist eine ‹literarische Galerie›, in der etwa Klaus Merz Matias Spescha begegnet oder Fabio Pusterla Niklaus Hasenböhler. Ilma Rakusa und Isolde Schaad schreiben zu Miriam Cahn, Daniel de Roulet zu Jean Tinguely, Peter von Matt zu Walter Kurt Wiemken. Alle vier Landessprachen sind vertreten, literarische Formen vom Essay bis zum Gedicht und von der Betrachtung bis zur kurzen Erzählung. Auf ausklappbaren Seiten lassen sich die Bilder beim Lesen betrachten, als Sehschule der besonderen Art, als dreifache Bereicherung durch das Bild, den Text und das Dazwischen: die Begegnung.

Autor/in schreibt zu

 

 

Gabrielle Alioth

Michael Biberstein

Parallel Attractor II, 1991

Linard Bardill

Meret Oppenheim

Le bouclier du chef, 1965

Alex Capus

Paul Camenisch

Der Pianist, 1925

Anne Cuneo

Varlin

Royal Stock Exchange in London, 1955

Corinne Desarzens

Robert Strübin

Frédéric Chopin : Prélude 19 mi b majeur, 1962

Ivan Farron

Irène Zurkinden

Rue d'Odessa en f te, 1935

Sandra Hughes

Christoph Hänsli

Sigmund Freud's couch cover, 2002

Peter von Matt

Walter Kurt Wiemken

Die Frau des Gehenkten, 1931

Klaus Merz

Matias Spescha

Meditation, 1966

Francesco Micieli

Coghuf

Le passager inconnu, 1929-33

Werner Morlang

Johann  von Tscharner

Krüge, Flasche, Äpfel, 1934

Alberto Nessi

René Auberjonois

Nu assis, 1935

Michel Layaz

Uwe Wittwer

Haus, 2002

Werner Lutz

Paul Stöckli

Tagebuchblatt, 1981

Oscar Peer

Hermann Scherer

Davoser Landschaft, 1924

Fabio Pusterla

Niklaus Hasenböhler

Paternoster I, 1984

Ilma Rakusa

Miriam Cahn

tier,1995

Noëlle Revaz

Renée Levi

Delete, 2004

Daniel de Roulet

Jean Tinguely

Skizze zu Cenodoxus, 1972

Isolde Schaad

Miriam Cahn

dies ist ein kirschbaum (vorfrühling), 2006

Katharina Tanner

Alfonso Hüppi

Sommerbild, 1986

Leo Tuor

Charles Menge

Le repas, 1969

Christian Uetz

Kurt Fahrner

Dialog, 1964

Die Dunkelkamm er der Fantasie

Michel Mettler

Die Dunkelkamm er der Fantasie

Ein Mensch steht vor einem Gemälde, in seinen Anblick vertieft und doch vibrierend gegenwärtig. Das Bild wird grösser in seinem Kopf, schliesslich omnipräsent und allumfassend; im Innern seiner Phantasie nimmt es spielend den Raum einer gesamten Welterfahrung ein – ich wüsste keine treffendere Beschreibung für den Zustand, in den ein Autor verfällt, wenn seine Arbeit Fahrt aufnimmt und der Tisch, an dem er sitzt, zur Sonde wird, mit der er die Innenräume des Daseins erkundet.

Finden wir uns als Betrachter vor einem Bild, beginnt ein symbolischer Sog zu wirken, ähnlich der Selbstermächtigung des Schreibers vor seinem weissen Blatt: Das Geschehen in diesem engen Geviert steht jetzt für die Welt schlechthin, die deutungsbedürftige, sich immer wieder allem Verstehen entziehende «Wirklichkeit ». Von solcher Wesensverwandtschaft zwischen Betrachten und Beschreiben lebt dieses Buch.

Was fasziniert die Wörtermenschen so sehr am Gemalten, dass sie es, das Sekundäre, als Stoff so oft und gern dem Leben vorziehen, von dem es doch abgeleitet ist? Das Bildnis besitzt von vornherein, was in der Schrift nie zu erlangen ist, oder nur auf beschwerlichen Umwegen: ein Nebeneinander der Stadien und Erzählelemente, das sich nicht in der Zeit, sondern über die Fläche erstreckt. Es birgt die Gleichzeitigkeit, eine Abfolge entsteht erst mit dem Tun des Betrachters, aus der Wanderschaft seines Blicks. Die Literatur hingegen bleibt Zeile für Zeile, Ereignis um Ereignis an ihre linearen Verläufe gefesselt, ans Nacheinander. Die Gesamtschau jedoch, unsichtbar für den Schreibenden, kann erst im Kopf des Lesers entstehen.

Die Verlockung des Gemalten ist also nicht weiter erstaunlich. Was aber wäre die grösste Gefahr beim Beschreiben von Bildern? Dass wir das Nachsehen haben, meine ich, und ins Nacherzählen geraten – in den Versuch, mit Worten noch einmal zu tun, was schon auf der Leinwand geschieht. Dort aber bleibt der Strich frischer und unverblümter, weil er in seinem Element ist, während die Schrift nur eine Übersetzung bietet. Dabei kommt sie jenen Schritt zu spät, der uns schon in der Schule jede Bildbeschreibung verleidet hat. Wo ihre Sprache aber in der Schwingung des betrachteten Bildes zu vibrieren beginnt, kann sie zur Türöffnerin werden, die uns durch die Leinwand treten lässt, hinter das Sichtbare in ein eigenes Reich des Ungemalten. Wenn das Wort diese Tapetentür aufstossen kann, beginnen wir lesend der Behauptung zu glauben, die jedes Beschreiben klammheimlich in den Raum stellt: dass ‹dort hinten› nämlich etwas darauf warte, aus seiner Sprachlosigkeit befreit zu werden.

Das einlässliche Betrachten einer Malerei hat etwas Kultisches. Mit unserem Blick setzen wir Energien frei, die darin gebündelt sind. Und dies wiederum ist ein Sinnbild für den Prozess, den jeder künstlerische Akt in Gang bringen will. Der Schriftsteller steht vor dem Leben wie der Liebhaber vor dem Bild: Er sucht schreibend seinen Reichtum aufzuspüren und zu entfesseln, und dies in einem Innenraum, in der Dunkelkammer seiner Phantasie: Jeder Text in diesem Buch schreibt sein eigenes Bild, als wäre die Leinwand ein lichtempfindlicher Film, der ins nächste Bad getaucht werden will, um sich weiter zu entwickeln. So wie das Gemälde auf der Staffelei seine Stadien durchlaufen hat, tut es dies auch im Auge des Betrachters, und später noch einmal im Text – dann jedenfalls, wenn dieser zur zweiten Netzhaut gerät, die noch empfindlicher wahrnimmt, was sich an vielfältigem Leben in den Tiefenschichten abspielt.

Doch auch damit ist die Reise nicht zu Ende, denn ohne die Leserin, den Leser ist noch nichts gewonnen: Sie erst treiben die Fortschreibung des Sicht- und Lesbaren um die entscheidende Haaresbreite weiter. Denn ohne die schönste unserer Gaben, die Einbildungskraft, wäre alle Malerei oder Literatur, und sei sie noch so intensiv, nur Strich und Buchstabe auf unbelebtem Grund. Doch im Entwicklerbad der Imagination pflanzen sich die Bilder in Wort oder Farbe fort, weit hinweg aus allem, was irgend mal- oder schreibbar wäre. Folgen wir ihnen durch die Tapetentür.
Sonntag, Aargauer Zeitung, 10. Oktober 2008
Der Landbote, 24. November 2008
Tages-Anzeiger, 20. Dezember 2008
Mittelland Zeitung, 20. Dezember 2008
Neue Zürcher Zeitung, 17. September 2009
Züri West, 21. Januar 2010

«Es ist Lesegenuss pur, wenn sich Leute, die schreiben können, dem Sog von Bildern stellen und den analytischen Blick dabei nicht vergessen.» Sonntag, Aargauer Zeitung

«‹Der literarische Blick› enthält Texte, die man mit anhaltender Neugier fertig liest. Die unterschiedlichen Perspektivenwechsel werfen ein helles Licht auf die literarische und künstlerische Vielfalt in der Schweiz.» Der Landbote

«Der Parcours durch die Kunstsammlung bietet neben Kostproben von Autoren aus allen Landesteilen zugleich eine Vielzahl sprachlicher Annäherungsmöglichkeiten an Kunst.» Tages-Anzeiger

«Der Band ist eine Layout-Freude.» Mittelland Zeitung

«Eine sehr ansehnliche, sorgfältig gestaltete Anthologie, die ausfaltbare Abbildungen der Gemälde mit 23 ganz unterschiedlichen Texten von Autoren wie Klaus Merz, Peter von Matt, Ivan Farron, Ilma Rakusa und Katharina Tanner vereint; dabei vermessen die entstandenen Texte vom kompakten Gedicht (Klaus Merz über Matias Spescha) über eine schweifende Bildbeschreibung (Ilma Rakusa über Miriam Cahn) bis hin zur Mini-Erzählung (Sandra Hughes über Christoph Hänsli) sämtliche Möglichkeiten eines Verhältnisses zwischen Wort und Bild, zwischen bildlicher Sprache und erzählerischer Gleichzeitigkeit.» Neue Zürcher Zeitung

«Diese Textsammlung erweist der Schweizer Kunst des 20. Jahrhundert aus der Sammlung Nationale Suisse die Ehre mit Reflektionen, Interpretationen und literarischen Annäherungen an Bildern, die ebenfalls in diesem schönen Buch zu sehen sind. So unterschiedlich die Bilder sind, so unterschiedlich sind die Textarten, und mit Lust kann darin geblättert, betrachtet und gelesen werden.» Zürich West
Wann Was Wo
13. Dez. 17
19:00 Uhr
Zehn unbekümmerte Anarchistinnen
Lesung mit Daniel de Roulet
Zentrum für Anarchie
5000 Aarau
19. Jan. 18
20:00 Uhr
Auf der Suche nach dem verlorenen Schnee
Lesung mit Leo Tuor im Gespräch mit Roman Bucheli im Leseverein Kilchberg
C. F. Meyer–Haus
8802 Kilchberg
 
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