Der reine Blick auf die Dinge /Il puro sguardo sulle cose
Remo Fasani

Der reine Blick auf die Dinge /Il puro sguardo sulle cose

Gedichte Italienisch und deutsch

Herausgegeben und übersetzt von Christoph Ferber / Mit einem Nachwort von Georges Güntert

192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
März 2006
SFr. 38.–, 38.– €
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978-3-85791-500-0

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Remo Fasanis Gedichte kommen aus der Stille, aus der Stille einer Landschaft, aus der Stille, wenn die Elemente in der Schwebe ruhen, vor dem Sturm, nach dem Schnee. Aber auch aus der Stille eines Ichs, das entrückt vom Getriebe der Welt die Bedrohungen zu bannen versucht, in Bildern einer in wenigen Strichen gezeichneten Natur: «Doch eng wird dieser Himmel / zwischen den Gipfeln; / über den Abgründen stehen / die Tannen in dunkler Phalanx.»
Mit diesem zweisprachigen Gedichtband wird der Lyriker Remo Fasani erstmals einem deutschsprachigen Publikum vorgestellt. Das Buch umfasst einen Querschnitt durch sein Schaffen von den ersten Gedichten im Jahr 1944 bis in die Gegenwart und enthält einen grossen Teil der bisher unveröffentlichten «Novinari» (Neunzeiler), sein «Vermächtnis».

Remo Fasani
© Yvonne Böhler

Remo Fasani

Remo Fasani (1922–2011), geboren im bündnerischen Mesocco, studierte in Zürich und Florenz und war Inhaber des Lehrstuhls für italienische Literatur an der Universität in Neuchâtel. Veröffentlichte neben Gedichten zahlreiche literaturkritische Bücher und übersetzte Gedichte aus dem Deutschen, u.a. von Joseph von Eichendorff. Remo Fasanis Gedichte wurden mehrfach ausgezeichnet.

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Christoph Ferber
© Yvonne Böhler

Christoph Ferber

Geboren 1954. Aufgewachsen in Sachseln, Obwalden. Studium der Slawistik, Romanistik und Kunstgeschichte in Lausanne, Zürich und Venedig. Dort Promotion mit einer Arbeit zum russischen Symbolismus. Tätigkeit als freier Übersetzer. Wohnt auf Sizilien. 2014 Auszeichnung mit dem Spezialpreis Übersetzung des Schweizerischen Bundesamts für Kultur, 2016 den Paul Scheerbart-Preis.

Übersetzungen, fast ausschliesslich lyrischer Texte, aus dem Italienischen (Gaspara Stampa, Vincenzo Cardarelli, Eugenio Montale, Salvatore Quasimodo, Attilio Lolini, Giorgio Orelli, Giovanni Orelli, Pietro de Marchi, Remo Fasani, Aurelio Buletti, Francesco Chiesa, aus dem Russischen (Michail Lermontow, Fjodor Tjutschew, Sinaida Hippius, Fjodor Sologub, Wjatscheslaw Iwanow, David Samojlow), dem Französischen (Stéphane Mallarmé, Werner Renfer), dem Polnischen (Juliusz Slowacki) und Bulgarischen (Dimtscho Debeljanow).

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Worte der Stille im Lärm der Welt

von Georges Güntert


Der nach Mexiko ausgewanderte, dem Buddhismus nahestehende toskanische Schriftsteller Carlo Còccioli berichtet in seinem Tagebuch Piccolo karma von seiner Erfahrung mit den grossen lateinamerikanischen Erzählern – García Márquez, Vargas Llosa, Carlos Fuentes – alles weltberühmte Autoren, deren Romane jahrzehntelang die Bestsellerlisten anführten, was Còccioli sehr wohl wusste. Dennoch überwiegt in seinem Kommentar nicht die Bewunderung, sondern die Kritik, die umso ernster zu nehmen ist, als sie auf das Ganze zielt: «Vielleicht ist dies gute Literatur», schreibt er, «doch ich finde daran nichts Faszinierendes. Es fehlt die Auseinandersetzung mit dem Grund unseres Daseins, dem einzigen, was zählt: il mistero dell'essere.»1

Die Erfahrung der eigenen Existenz nicht nur im gesellschaftlichen Umfeld, sondern primär im Hinblick auf das Sein: Darum kreist im Wesentlichen die Dichtung des aus dem Misox stammenden, heute in Neuchâtel lebenden Remo Fasani (geboren 1922), der als ehemaliger Literaturprofessor, als Übersetzer und als Lyriker auf ein erfülltes Leben zurückblicken darf. Sein Lebensweg hat ihn, den einstigen Bauernjungen, früh aus dem engen Gebirgstal hinausgeführt, zuerst nach Norden – an das Lehrerseminar Chur und an die Universität Zürich –, dann aber auch nach Süden in die Wiege der Italianità, durfte er doch das akademische Jahr 1950/1951 in Florenz verbringen. Hier wie dort hatte er das Glück, grossen Lehrerpersönlichkeiten zu begegnen: In Zürich studierte er bei Jakob Jud, Theophil Spoerri, Emil Staiger, Fredi Chiappelli und Reto Bezzola, bei dem er über Manzoni promovierte; in Florenz waren es so bedeutende Philologen und Literaturkenner wie Attilio Momigliano, Giuseppe De Robertis, Bruno Migliorini sowie der Kunsthistoriker Roberto Longhi, die ihn prägten. Daneben bot sich ihm die Gelegenheit, das Florentiner Literatenmilieu kennen zu lernen, in dem schon damals Mario Luzi die herausragende Gestalt war. Mit Cristina Campo (eigentlich: Vittoria Guerrini, 1923–1977), die ihn mit den Schriften Simone Weils bekannt machte und ihn in die Kunst der alten Meister, besonders Masaccios, einführte, verband ihn bald eine enge Freundschaft, die auch in seinem Werk Spuren hinterlassen hat. Der Titel unseres Bandes, Der reine Blick auf die Dinge, nimmt einen an Cristina Campo erinnernden Vers wieder auf.2 Im Geiste des Autors hätte der Titel indes auch ganz anders lauten können, beispielsweise «Meditationen» oder «Worte der Stille im Lärm der Welt». Das Gedicht Ars poetica, in dem ein «florentinisches Mädchen» auftritt, erleichtert uns den Zugang zu Fasanis Poetik:

Ars poetica

Florentinisches Mädchen,

der Spaziergang im Wald – dein Leben,

mein Leben (von denen wir uns erzählten),

die sich begegnet waren und die

sich bald trennen würden – er führte uns

zu der einsamen Bank,

auf der wir von ... Dichtung sprachen

und nicht mehr von uns.

War die Stille um uns nicht unendlich?

Gerade dies ist die Dichtung,

dieses Schweigen und dieses darin

Sich-Befinden, sagte ich,

unsere Stimmen, die darin leben.

Dies, nicht der Vers, macht

die Dichtung aus – und den Unterschied

zwischen Lyrik und Prosa.

Du verstandest; doch wolltest du, getreu

wohl dem Geist deiner Landsleute,

die Theorie und Praxis vereinen,

die Kunst, Verse zu schreiben, erlernen ...3

Dass das dichterische Wort, einmal dem Lärm des Alltags enthoben, aus der Stille zu uns spricht und gerade durch sein Entrücktsein an Bedeutungskraft gewinnt, ist eine Erkenntnis, die der junge Fasani bei Ungaretti und bei den Hermetikern (Quasimodo), seinen ersten Vorbildern, vorfinden konnte. Diese wiederum verstanden sich als Schüler Leopardis. Wer je ein Gedicht des reifen Leopardi – beispielsweise A Silvia – gelesen hat, weiss, warum der Dichter zu einer Toten spricht und sie nur durch die Kraft der Sprache wieder aufleben lässt. Leopardis Worte erklingen aus der Tiefe des Schweigens, als hätten sie das Totenreich durchquert. Das Gespräch mit einer Toten ist indessen nur ironisch denkbar: in der Literaturtheorie bezeichnet man diese Sprechsituation als ironische oder ästhetische Distanz.

(...)

Neunzeiler | Novenari

Neunzeiler

Novenari

36

Lungo il sentiero dove vado
di giorno in giorno in me assorto,
oggi un tuonare minaccioso
mi rompe il passo. E alzo gli occhi,
e vedo il cielo ottenebrarsi
e, sulla terra, abbrividire
gli alberi e l’erba. E lo saluto,
l’intenso farsi della pioggia
e il temporale e il finimondo.

36

Längs des Pfades, den ich täglich
gedankenversunken begehe,
unterbricht mir heute den Schritt
ein drohendes Donnern. Ich hebe
die Augen und sehe den Himmel
sich verfinstern und ringsum die Bäume,
die Gräser erzittern. Und ich grüss es,
das Zusammenballen des Wassers,
den Gewitterregen, die Sintflut.

37

Non l’albero, ma il suo fantasma.
Tronco e rami senza più un moto,
nemmeno al vento delle alture.
E senza il verde, ma, dov’era
esso, un arido, grigio muschio
che tutta imbozzola la pianta.
E altri, moribondi o morti,
alberi cela il fondo bosco.
O ombra, o segno della fine.

37

Der Baum nicht, aber sein Trugbild.
Regungslos Stamm, Äste, Zweige,
ja selbst im Sturmwind der Höhen.
Und an der Stelle des Grüns eine
trockene, graue Moosschicht.
die den Baumrest umwuchert.
Noch andere, sterbende, tote
Bäume im Innern des Waldes.
O Schatten, Mahnmal des Endes.

Neue Zürcher Zeitung, 30. März 2006
Die Zeit, 12. April 2006
Der Bund, 20. Mai 2006
Listen online, 1/2006
P.S., 1. Juni 2006
Der Bund, 8. Juni 2006
Tessiner Zeitung, 9. Juni 2006
Bündner Tagblatt, 17. Juni 2006
Mittelland Zeitung, 29. Juni 2006
Almanacco del Grigioni Italiano 2007
Südwest Presse, 15. Juni 2007
Kunstportal Baden-Württemberg, 11. November 2008

«Die nun erscheinenden Gedichte reichen von 1942 bis in die Gegenwart. Christoph Ferber hat sie mit Sorgfalt übersetzt. Das Hauptgewicht liegt auf Fasanis Gedanken- und Naturlyrik; aber auch seine polemischen Attacken sind mit schönen Beispielen vertreten. Die Bündner Berglandschaft ist für Fasani vom ersten bis zum jüngsten Gedichtband ein Leitmotiv geblieben; vor allem das obere Misox seiner Kindheit mit den düsteren Tannenwäldern, den kleinen und grossen Wasserfällen, der imposanten Burgruine von Mesocco und der mythischen Hochebene des Piano di San Giacomo. Später wird das Oberengadin zum bevorzugten Ort, wo Fasani im Hotel Waldhaus in Sils Maria jeden Sommer seine Ferien verbringt und die Landschaft des Hochtals erwandert.
(...)
Als Nachtrag bleibt zu erwähnen, dass dieser Band auch 40 von 99 Novenari enthält, die bisher nur zum kleinsten Teil veröffentlicht urden. Es handelt sich um neunzeilige Gedichte mit jeweils neun Silben pro Zeile. Fasani sind in dieser äusserst strengen Form Gedichte von grosser Präzision und Anmut gelungen.» Neue Zürcher Zeitung

«Seine Gedichte sind (für deutschsprachige Leser) eine wundervolle Entdeckung! Die schönsten, die späten vor allem, kreisen allein um einige Nuancen des Lichts, der Zeit, um lautlose Geräusche, leuchtenden Alpennebel, Konturem im Nichts. Und um die dünne, fast schon verlorene Grenze zwischen dem Leben und dem Tod.» Die Zeit

«Dank des übersetzerischen Brückenschlags ist nun ein Teil des beeindruckenden poetischen Werks des Misoxer Dichters auch einer der deutschsprachigen Leserschaft zugänglich.» Mittelland Zeitung

«Wie die von Christoph Ferber übersetzte zweisprachige Auswahl zeigt, lassen sich Fasanis Gedichte nicht auf die Schweiz eingrenzen, sondern gehören zur grossen italienischen Literatur. ... Ein gewaltiges Werk ist für das deutschsprachige Publikum erschlossen und doch nicht seines Geheimnisses beraubt worden.» Mittelland Zeitung

«Noch ehe Sten Nadolny die Langsamkeit in der Literatur erfand, war Fasani schon vor Ort und widersprach einem kurzfristigen Denken und dem Absehen von Verantwortungsethik. Das wird in ‹Einem Nuklearforscher› besonders deutlich: ‹doch die Jahrtausende, die unsere Nachkommen / bedrohen, die Schuldlosen, die wir vielleicht / einem Massentod weihen, erwähntest du kaum ...›
Wie Kästner spricht Fasani vom ‹Aufstand der Dinge›, von deren ‹Gewicht›. ‹Nicht zur Benennung der Dinge›, so der junge slowenische Lyriker Ales Steger in ‹Buch der Dinge«, ‹fehlen uns die Worte, sondern für die Antworten, die wir ihnen schuldig sind.› Antworten in diesem Sinn gibt Fasani auch nicht, aber er ruft die Dinge auf, in einer klaren Sprache, schwerer als Luft und so gleichzeitig ‹unsichtbar und sichtbar präsent›. Das ist seine große Kunst. Gesammelt und mit einer Umschlagzeichnung von Ivano Fasani, ‹kehrt siegreich die Stille zurück›, präzise und anmutig in einer vorzüglichen, zweisprachigen Ausgabe.» Listen

«Fasani gelingt es mit minimalem Aufwand, Bilder vor uns hinzustellen, die kraftvoll sind, und doch nicht bedrohen; die Bedrohung zeigen, aber sie nicht bannen, aber sie auch als Möglichkeit hinstellen, damit umzugehen.» Kunstportal Baden-Württemberg
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