Das Menschenbild im Bildarchiv
Ulrich Binder, Matthias Vogel, Flavia Caviezel

Das Menschenbild im Bildarchiv

Untersuchung zum visuellen Gedächtnis der Schweiz. Ein Forschungsprojekt der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, ICS/ith

144 Seiten, Klappenbroschur, vierfarbig, über 600 Fotografien
1. Aufl., Januar 2006
SFr. 40.–, 27.– €
sofort lieferbar
978-3-85791-496-6

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Schlagworte

Fotografie
     

Fotografische Bilder werden von den Massenmedien, aber auch von der Forschung zunehmend als historische Quellen entdeckt. Insbesondere die digitalen Bilder bleiben aber nicht von sich aus erhalten. Dafür sorgen Bildarchive, dort liegen die Bilder oder eben jene Auswahl, die wir künftigen Generationen überliefern. Die Verwaltung und Bewahrung von Fotografien bekommt also über die kommerziellen Aspekte hinaus eine kaum zu überschätzende kulturelle Bedeutung.
Erstmals hat nun ein Forschungsteam versucht, einen Einblick in das visuelle Gedächtnis der Schweiz zu erhalten. Aus der sehr heterogenen schweizerischen Archivlandschaft wurden 15 Beispiele ausgewählt und einer eingehenden Analyse unterzogen. Wie und nach welchen Kriterien werden die Bilder für das Archiv ausgewählt? Wie werden sie aufbewahrt und erschlossen? Und schliesslich: Wie werden sie einem Publikum wieder zugänglich gemacht?

Ulrich Binder

Ulrich Binder

Ulrich Binder, geboren 1958. Ausbildung zum Künstler in Luzern, Prag und Paris. Studium der Kunstgeschichte in Bern. Arbeitet als Kunstmaler, Autor und Dozent u. a. an der Zürcher Hochschule der Künste. Mitverfasser und Herausgeber verschiedener Publikationen zu Fotografie, Kunst und Architektur. Matthias Vogel, geboren 1955. Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Literaturkritik in Zürich, München und Berlin, Forschungs- und Lehraufträge in Zürich, Paris, London, New Haven und New York. Dozent an der Universität Basel und an der Zürcher Hochschule der Künste.

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Matthias Vogel
© Limmat Verlag

Matthias Vogel

Matthias Vogel, geboren 1955. Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Literaturkritik in Zürich, München und Berlin, Forschungs- und Lehraufträge in Zürich, Paris, London, New Haven und New York. Dozent an der Universität Basel und an der Zürcher Hochschule der Künste.

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Inhalt

Einführung

Analyse des Bildbestandes

Einleitung
Familie
Bäuerliche Arbeit
Migration
Abschliessende Überlegungen

Bilder lesen

Analyse der Archivprozesse

Selektion
Erschliessung
Zugänglichkeit
Abschliessende Überlegungen

Benutzung

Resultate und Empfehlungen

Anhang

Liste der Archive
Literaturverzeichnis

Einführung

Das Archiv nährt seit alters her Phantasien von Informations- und Wissensbeständen, die möglichst universal und allgegenwärtig sein sollen. Eine Vision legt nahe, dass dort, wo der Zugang zu diesen geistigen Schätzen offen ist, Kontroll- und Herrschaftsmechanismen abgebaut werden, die ebenfalls vom Archiv ausgehen können.1 Besonders angesichts der fortschreitenden Digitalisierung scheinen grosse, mehr oder weniger geordnete Datenmengen – seien sie als Text oder Bild gespeichert – im Augenblick und auf einen Blick verfügbar zu sein. Der beschränkte Erfahrungshorizont des Einzelnen lasse sich mit dem Medium Archiv, so das Versprechen, beliebig ausdehnen. Doch die Fülle und Mannigfaltigkeit lebensweltlicher Zusammenhänge werden sich nie im Archiv abbilden lassen. Dem widerspricht schon die Funktion des Archivs als Instrument der Ordnung und Orientierung, das die Flut alltäglicher Sinneseindrücke und Bilder reduzieren muss. Insofern lassen sich Analogien zum menschlichen Gedächtnis herstellen. Dass das Archiv ausserordentliche und einmalige Bilder häufig aussondert und nichts mehr willentlich vergisst, ist allerdings nur bedingt auf neuronale Prozesse übertragbar. Die Erzählungen, die das individuelle Gedächtnis in Gang setzt und ständig weiter schreibt, sind mit jenen, die das Gedächtnis der Archive fortlaufend entwickelt, nicht identisch.

Fragestellung

Das Forschungsprojekt ‹Das Menschenbild im Bildarchiv› ist Teil eines grösseren Forschungszusammenhangs zur Wirkungs- und Rezeptionsästhetik medialer, vor allem auch massenmedialer Bilder. Dabei geht es um die Wechselwirkung zwischen mentalen Bildern und Vorstellungen, die sich im Geiste zu Menschen- und Weltmodellen verdichten und den äusseren Bildern, mit denen wir täglich in den verschiedensten Lebenszusammenhängen konfrontiert werden – kurz: um den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Repräsentation und Imagination. Ein Vorgängerprojekt, das den Gebrauch von Bildern in Schweizer Tageszeitungen analysierte, hat gezeigt, dass es besonders im Bereich des Frauenbildes zu einer engen Musterbildung kommt, dass auf alte Stereotypen zurückgegriffen wird und die neuen Rollenangebote und Lebensmodelle, die sich in unserer Gesellschaft langsam durchsetzen, nicht visuell repräsentiert werden.2

Es ist durchaus denkbar, dass ein Zusammenhang besteht zwischen den Rückschlägen im Bereich der Rollenmuster von Mann und Frau und dem Mangel an Bildern für die neuen Lebensentwürfe. Auf diese Problematik angesprochen, verwiesen die Bildredaktionen auf das mangelnde Angebot von Seiten der Bildagenturen und Fotoarchive. Dieser Vorwurf bildet den Ausgangspunkt dieses Forschungsprojektes, das die Funktion und Qualität schweizerischer Bildarchive untersucht. Die zentrale Frage lautet: Erfüllen die zahlreichen kleineren und grösseren, kommerziellen und wissenschaftlichen Fotoarchive und Bilddatenbanken, die gegenwärtig in der Schweiz in einem starken Ausbau begriffen sind, ihre Funktionen bei der Konstitution des visuellen Gedächtnisses dieses Landes, bei der Speicherung und Auswertung von Bildinformationen für Gegenwart und Zukunft ?

Das Forschungsprojekt geht davon aus, dass die Archive selbst Medien sind, welche die anfallenden Bilder durch Selektions-, Erschliessungs- und Abrufverfahren zurichten. Ordnung im Archiv bedeutet immer auch Reduktion und führt zwangsläufig zur Musterbildung. Die dadurch generierten Vorstellungen vom Eigenen und Anderen, von der kulturellen, ethnischen, geschlechtlichen oder professionellen Zugehörigkeit prägen das Selbstbild. Bildarchive spielen deshalb bei der regionalen wie nationalen Identitätspolitik3 eine wichtige Rolle.

Ziele

Das kulturpolitische Ziel des Forschungsprojektes besteht darin, Archive anzuregen, Fotografien auszuwählen, deren Informationsgehalt im Hinblick auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft möglichst gross ist, diesen Gehalt bei der Erfassung und Speicherung der Bilder zu bewahren und ihn an die BildanwenderInnen weiterzugeben. Das unternehmerische Ziel besteht darin, die Verantwortlichen der Institutionen, die Bildarchive aufbauen und unterhalten, in die Lage zu versetzen, Kontrollaufgaben selbst wahrzunehmen und allfällige Schwachstellen abzubauen, um den kulturellen Auftrag – ein Teil des visuellen Gedächtnis des Landes zu sein – und die ökonomischen Anforderungen miteinander in Einklang zu bringen.

(...)
Kasseler Fotoforum
P.S., 20. Juli 2006 (Interview mit Matthias Vogel)
Rundbrief Fotografie, Nr. 3 / 2006
Leben & Glauben

«Der Forschungsband gehört als anregende Lektüre in die Hand jeden Archivars, der in der Bilderflut unterzugehen droht. An Hand der Schweizer Archive wird gezeigt, daß Dämme und Schleusen gebaut werden können, ohne die bewahrenden und vermittelnden Funktionen eines Archivs zu vernachlässigen. Es gibt keine Patentrezepte, aber immerhin beispielhafte Lösungen. Land ist in Sicht!» Kasseler Fotoforum
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