Zu viele Gäste stören die Ruhe des Bades.  Aber allzu ruhig ist auch ungesund
Annatina Nay

Zu viele Gäste stören die Ruhe des Bades. Aber allzu ruhig ist auch ungesund

Das Hotel Tenigerbad. Bilder und Geschichten in fünf Akten

276 Seiten, 21 x 29 cm, Klappenbroschur, Dokumente und Fotos, vierfarbig und duplex
August 2013
SFr. 48.–, 52.– €
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978-3-85791-724-0

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Im Jahre 1977 schlossen sich die Tore des Hotel Waldhaus im Tenigerbad und bis heute wurde das ehemalige Kurbad nicht wieder eröffnet. Der riesige Komplex, bestehend aus mehreren Gebäuden inklusive einer Mineralquelle, steht mitten im Nirgendwo in der Val Sumvitg, einem Seitental der Surselva. Man erzählt sich noch heute Sagen über die Entstehung des Hotels im 16. Jahrhundert und Geschichten über längst vergangene Zeiten, über die Blütezeit des Kurhotels sowie über den Konkurs und Niedergang in den 1970er-Jahren. Viele persönliche Geschichten und Schicksale sind mit dem Hotel verbunden. Über das, was in Zukunft sein könnte, wird gemunkelt und spekuliert. Seit der Schliessung tauchten immer wieder Pläne für das Hotel auf. In den lokalen Medien wurden Projekte angekündigt, aber nie realisiert. Das Buch erzählt die faszinierende und fast vergessene Geschichte des Hotels und die Geschichten und Geheimnisse, die die Leute um das «Waldhaus» spinnen, mit Bildern, Dokumenten und Texten.

Annatina Nay
© Limmat Verlag

Annatina Nay

Annatina Nay, 1983 geboren, lebt in Zürich und Trun GR. Im Sommer 2011 hat sie das Studium in Graphic Design an der Hochschule Luzern, Design & Kunst abgeschlossen. Seit September 2012 arbeitet Annatina Nay als Visuelle Gestalterin an verschiedenen Projekten.

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Das Hotel Tenigerbad

Das Hotel Tenigerbad

* im Spätmittelalter

Der Beginn der Geschichte des Tenigerbads kann im Spätmittelalter angesetzt werden.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde das Tenigerbad zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Eine Urkunde im Gemeindearchiv Sumvitg berichtet, dass das Bad damals der Gemeinde gehörte. Diese überliess es im Jahre 1580 Kasper Cunrad Wielli / Willi als ewiges Erblehen. Die Urkunde nennt als Heilquelle nur das «Bad in Val» («Boing de Valsomvig»). Die Bezeichnung Tenigerbad kam erst später hinzu und wurde erstmals 1860 und 1874 in der Literatur erwähnt.

Mitte des 17. Jahrhunderts wird Meister Jochen de Portas Eigentümer des Bades. Um 1670/74 verkaufte de Portas an Landrichter Clau Maissen. Dieser liess anstelle der einfachen Badehütte ein stattliches Badehaus und eine Kapelle erstellen («Nossadunna dalla Neiv»).

Im 18. Jahrhundert werden von Pater Placi Spescha verschiedene Eigentümer genannt: Pfarrer Johann Augustin Tgetgel de Fontana, sein Bruder Mathias Anton Tgetgel und Gion Adalbert Spazin. Von 1794 bis 1802 besass und betrieb der Statthalter Gieri Chischer aus Sumvitg das Bad. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn, Martin Chischer, die Leitung und führte es bis 1823.

Pater Placidus (Placi) Spescha (1752–1833) plante 1816, das Bad durch das Kloster Disentis übernehmen zu lassen. Mit seiner Idee stiess er beim Abt Anselm Huonder auf Ablehnung. Pater Placidus Neffe Johannes de Mont kaufte das Bad im Jahre 1823 für 500 Gulden mit allen Rechten, einschliesslich Liegenschaften, Mobiliar, Kapelle und Glocken. Um 1830 übernahm die Gemeinde Sumvitg das Bauernbad und verpachtete es an Hans Peter Jenik aus Ringgenberg (Zignau) und seinem Bruder Gili de Rungs. Die Besucher waren meist Einheimische, welche ihre Gicht und rheumatischen Beschwerden sowie Hautausschläge bei diesem «Signur Doctur» behandeln liessen.

Um 1835/40 übernahm der Politiker und Landamman Gion Antoni Schmid de Grüneck das Tenigerbad.

Zu Beginn übergab er die Leitung an seinen Schwiegersohn Franz Bertossa. Dieser ertrank 1841 zusammen mit seinem Sohn Vendelin beim Überqueren des Rheins in der Nähe von Surrein. Nach Bertossas Tod übernahm Schmid selbst die Leitung. Das Tenigerbad blieb bis zu seinem unerwarteten Tod am 6. Juli 1845 in seinem Besitz.

Von 1861 bis 1874 betrieb J.P. Wieland aus Cumpadials das Tenigerbad. 1881 übernahm Alexander Cagienard aus Rabius die Leitung und liess als neues Badehaus ein steinernes Gebäude mit einem Speisesaal und einem Salon im Erdgeschoss errichten.

1882 trat Alexander Cagienard das Tenigerbad seinem Neffen Stanislaus Caplazi ab. Um 1886 kaufte Stanislaus Caplazi das Hotel und die Quelle. Im Tenigerbad begann eine Zeit der Modernisierung. Die Kurgäste blieben während der Sommersaison von Ende Mai bis September jeweils mehrere Wochen im Tenigerbad. Der grosse Erfolg und die hohe Auslastung führten im Jahre 1907 zum Bau von zwei Waldhäusern durch die Waldhaus AG. Die zwei separaten Gebäude wurden auf einer Terrasse oberhalb des Tenigerbads errichtet. Am 5. Juli 1908 wurden die beiden Waldhäuser unter der Direktion von Robert Tuor eröffnet. Mehr als das alte Tenigerbad waren die Waldhäuser ein Mikrokosmos der architektonischen Belle Époque mit einer Infrastruktur, die es zuvor im ländlichen Raum der Surselva nicht gab. Die Häuser standen in direkter Konkurrenz zum Tenigerbad von Stanislaus Caplazi, rentierten aber nicht. Sie waren zu wenig bekannt und durften den Namen «Tenigerbad » nicht benutzen. Im Jahre 1911 übernahm die Waldhaus AG das alte Tenigerbad von Stanislaus Caplazi und stellte ihn als geschäftsführenden Direktor aller Häuser mit über 220 Betten ein.

Die Blütezeit des Fremdenverkehrs in der Schweiz wurde mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs jäh beendet. In den Waldhäusern und im alten Hotel Tenigerbad waren während des Krieges deutsche Soldaten interniert. Stanislaus Caplazi und sein Sohn Florin Caplazi führten ab 1923 die Waldhäuser und das Tenigerbad gemeinsam. Die Hochblüte der Badekultur war aber endgültig vorbei und das Tenigerbad musste sich wieder neu als Ferien- und Erholungsort etablieren. Als Stanislaus Caplazi, langjähriger Direktor und prägende Gestalt des Tenigerbads, am 15. Juni 1933 starb, führte sein Sohn Florin Caplazi die Geschäfte bis 1937 weiter.

Während des Zweiten Weltkriegs blieb das Hotel aufgrund der unsicheren weltpolitischen Lage während einer Saison (1940) geschlossen. Ab 1941 war Theo Kind-Stehli Direktor. In den Nachkriegs jahren 1946 und 1947 übernahm Gion Wieser die Leitung der Hotels. Danach führte Herr A. Willi aus Domat/Ems den Betrieb bis 1949 weiter. Im Jahre 1950 folgte Herr Hs. Gisiger aus Solothurn als Direktor, bevor das Hotel im Jahre 1951 definitiv geschlossen wurde. Die Waldhäuser gingen in den Besitz der Graubündner Kantonalbank über.

Zwischen 1953 und 1965 dienten die Hotels unter der Leitung der Schwestern Maria-Alda und Inez Ferroni aus Bonaduz als Ferienkolonien für Kindergruppen aus Belgien, Deutschland, Holland und Luxemburg.

Im Jahre 1962 wurde die Tenigerbad AG gegründet. Ernst-Ludwig Schulz aus Frankfurt am Main wurde im Jahr 1966 Hauptaktionär. Die Bauarbeiten begannen im Mai 1971. Ein Teil des alten Jugendstilgebäudes wurde abgerissen und musste einem Neubau Platz machen. Das «Hotel Tenigerbad im Somvixertal» wurde am 4. Mai 1974 wiedereröffnet und sollte ganzjährig offen gehalten werden. Die erste Saison verlief mit 4000 gebuchten Logiernächten sehr erfolgreich. Doch schon bald blieben die Gäste wieder aus und nach nur drei Betriebsjahren wurde das Hotel im Frühjahr 1977 geschlossen. Verschiedene Projekte und Pläne, dem Tenigerbad neuen Schwung zu verleihen, scheiterten. Die Gebäude blieben bis zum heutigen Tage geschlossen. Während 35 Jahren wurde das Hotel täglich vom Abwart Toni Cathomas aus Sumvitg beaufsichtigt und betreut.

August 2013: Der Buchinhalt ist zwei Jahre alt. Der ehemalige Abwart Toni Cathomas wurde am 5. Mai 2011 Besitzer der Casa GreinaÄ263. Der Kontakt mit der Familie Schulz ist nun fast gänzlich abgebrochen. Ende Oktober 2012 hat der pensionierte Abwart Herrn Ernst-Ludwig Schulz seine Schlüssel mit der Post zurückgeschickt. Seit diesem Tag hat Toni Cathomas nie wieder etwas von der Familie Schulz gehört.

Maissen, Aluis, S.122–130

Kuhn, Konrad, S. 3–39

Mündliche Quellen
La Quotidiana, 2. August 2013
Südostschweiz, 4. September 2013
Schweiz am Sonntag, 3. November 2013
Der literarische Monat, Dezember 2013
Transhelvetica, März/April 2014
Hochparterre 4/14
«Von einem ganz besonderen Wiederbelebungsversuch lesen und schauen wir in einem herrlich verschlungenen, bildreichen Buch, das der Limmat Verlag aus dem Strom der jährlichen Abschlussarbeiten gezogen hat und das nun in überarbeiteter und ergänzter Form seinen berechtigten Platz fordert in der ernst zu nehmenden Bergbuchbibliothek. Denn in gleich mehrerlei Hinsicht setzt ‹Zu viele Gäste stören die Ruhe des Bades› einen neuen Standard. (Allein schon dieser Titel!) Wo sich die Coffe-Tables biegen vor schwelgerischen Bildbänden über Hotels mit ähnlich verwitternder Grandezza, begegnet dieses Werk seinem Waldhaus mit der Art von Respekt, neben der verklärende Nostalgie nur alt wirkt. Bibliophile finden hier ein ambitioniert gedachtes und gestaltetes Buch, wie eine ehrliche letzte Ehre für einen Ort, in dessen Gemäuer so viel Zeitgeist umgeht, dass einem unheimlich wird. Auf jeder Seite beginnt eine neue Geschichte, eine neue Wehmut, eine neue Vision, eine neue Hoffnung, eine neue Unmöglichkeit. Ein gestrenges gestalterisches System hält diesen Fundus der Erinnerungen gekonnt zusammen, es treffen Google-Earth-Bilder auf historische Zeichnungen, Familienalben auf Presseartikel, Speisekarten auf Exkursionskarten, hin und her blätternd und vielen Querverweisen folgend nimmt der Sog dieser spannenden Sammlung zu.» Literarischer Monat

«Die visuelle Gestalterin Annatina Nay hat Familienalben gesichtet, sich Fotos geben lassen, hat mit Menschen geredet die mit Tenigerbad etwas zu tun hatten und Bild und Text zu einem wunderbaren Buch komponiert, das nicht nur bei jenen Wehmut weckt, die diese Perle in den Bündner Alpen kennen.» Schweiz am Sonntag

«Enstanden ist ein opulenter Abgesang in Buchform. Ein Kaleidoskop an unmittelbaren, ungefilterten Erninnerungen, geschickt verknüpft mit Querverweisen als dritte Dimension bei der Lektüre. Nay bewahrt ein wechselhaftes Stück Bündner Tourismusgeschichte.» Südostschweiz

«Hoch oben in den Bergen, abseits der Verkehrsflüsse, steht seit 100 Jahren ein Hotel: Hotel Tenigerbad, oder Bogn Tenigia, wie es auf Rätoromanisch heisst. Mit der Gewissenhaftigkeit einer Historikerin hat Annatina Nay Dokumente – ob Bilder, Quittungen oder Servietten – zusammengetragen. Mit dem Spürsinn einer Journalistin führte sie lange Gespräche mit Augenzeugen, mit Hotelangestellten und Gemeindepolitikern. Und mit dem Auge einer visuellen Gestalterin fügte sie das Material zu einer gelungenen Publikation zusammen.» Transhelvetica

«Die Forscherin und Grafikerin Annatina Nay interpretiert die Geschichte des Kurorts Tenigerbad im Val Sumvitg visuell und oral und weckt in allen Lust an der Lektüre und Interpretation der Quellen – ein gutes Vermögen von visueller Kommunikation. Faszinierend, wie ein so sorgfältig gemachtes Buch die Arbeit der Interpretation anregt, stöbernd durch die Bilder und Texte sich selbst einen Reim zu machen. Der Historiker einen anderen als der Laie, die Einheimische anders als die Fotografin.» Hochparterre
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