Derborence
Charles-Ferdinand Ramuz

Derborence

Übersetzt von Hanno Helbling / Mit Illustrationen von Peter Emch

160 Seiten, gebunden, 2 Holzschnitte
September 2003
SFr. 28.–, 28.– € / eBook sFr. 19.90
Printausgabe vergriffen
978-3-85791-439-3

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Als 1714 der erste Bergsturz auf die Weiden von Derborence niedergeht, glaubt niemand daran, dass einer der Männer, die oben waren, das Unglück überlebt haben könnte. Doch rund drei Monate später taucht der Hirt Antoine wieder im Dorf auf. Seine Frau Thérèse kann im abgemagerten und verwirrten Mann ihren Gatten kaum mehr erkennen. Antoine, der die Zeit in einer halbzerstörten Berghütte verbracht hat, gleicht wohl tatsächlich eher einem Geist, für den er gehalten wird, als einem Menschen.

Thérèse lässt sich davon nicht abschrecken. Auch nicht, als Antoine sich erneut in die Berge zurückzieht. Sie folgt ihm und holt ihn zu den Lebenden zurück. «Sie hatte das Leben, und sie ist dort gewesen, wo kein Leben mehr war; sie bringt zurück, was lebt, mitten aus dem, was tot ist.»

Charles-Ferdinand  Ramuz
© Limmat Verlag

Charles-Ferdinand Ramuz

«Ich bin 1878 zur Welt gekommen, aber sagen Sie es nicht. Ich bin als Schweizer zur Welt gekommen, aber sagen Sie es nicht. Sagen Sie, dass ich im Pays-de-Vaud zur Welt gekommen bin, einem alten savoyischen Land – das heißt dem Languedoc, dem französischen Sprachraum zugehörig –, und an den Ufern der Rhone, unweit ihrer Quelle. Ich habe Altphilologie studiert; sagen sie es nicht. Sagen Sie, dass ich bestrebt war, kein Altphilologe zu sein, was ich im Grunde nicht bin, sondern ein Enkel von Winzern und Bauern, und es war mein Wunsch, ihnen Ausdruck zu geben. Doch ausdrücken heißt erweitern. Mein tiefstes Bedürfnis ist es, zu erweitern ... Ich bin ganz jung nach Paris gekommen; in Paris und wegen Paris habe ich mich kennen gelernt. Während zwölf Jahren habe ich jedes Jahr wenigstens einige Monate in Paris verbracht; und die Reisen von Paris heim und von daheim nach Paris sind meine einzigen Reisen geblieben! (Außer jener, die ich aus Religion unternommen habe, der Rhone nach bis ans Meer, mein Meer.)»

Ramuz war mit Mitteilungen über seine Person äusserst sparsam. In seinem Tagebuch, das er vor der Veröffentlichung überarbeitete, findet man nur wenige Hinweise auf sein Privatleben. Sein umfangreicher Briefwechsel gibt nur Aufschluss über seine literarischen Projekte und über das kulturelle Leben der damaligen Westschweiz.

Ramuz wurde am 24. September 1878 in Lausanne geboren; sein Vater hatte ein Kolonialwarengeschäft und war später Weinhändler. Nach dem Collège classique besuchte Ramuz das Gymnasium und liess sich 1896 in der philosophischen Fakultät einschreiben. Ein Aufenthalt in Karlsruhe hinterliess wenig Erinnerungen, dafür den Entschluss, Dichter zu werden. Nicht ohne Schwierigkeiten erhielt er vom Vater die Erlaubnis, seine Studien in Paris fortzusetzen, um eine Doktorarbeit über den Dichter Maurice de Guérin zu schreiben. Daraus wurde nichts, dafür fand er sich in Paris als Dichter. Mehr als zehn Jahre verbrachte er – mit längeren Unterbrüchen – in Paris. Dort lernte er auch seine Frau kennen, die Malerin Cécile Cellier. Im Krieg lernte er Igor Strawinsky kennen; aus ihrer Zusammenarbeit entstand die «Histoire du Soldat».

Von 1926 an veröffentlichte der Pariser Verlag Grasset seine Werke. 1936 erhielt er den Grossen Preis der Schweizer Schillerstiftung. Ramuz starb am 23. Mai 1947 in Pully bei Lausanne.

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Hanno Helbling

Hanno Helbling

1930–2005, geboren in Zuoz, Engadin. Schulen und Studium in Zürich, Promotion in Geschichte, Deutscher Literatur und Vergleichender Literaturgeschichte 1953. Weitere Studien in Neapel, München, Rom bis 1956. Verlagslektor in Zürich bis 1958. Redaktor der Neuen Zürcher Zeitung von 1958 bis 1995; Leiter der Feuilletonredaktion von 1973 bis 1992. Seit 1994 in Rom.

Publikationen zur Geschichtstheorie, zu spätmittelalterlicher Geistesgeschichte und neuester Kirchengeschichte; Essays zu literarischen Themen. Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung; Ehrendoktor der Universität Freiburg.

Übersetzungen, vorwiegend lyrischer Texte, aus dem Französischen (Charles Ferdinand Ramuz, Benjamin Constant, Marcel Proust), Englischen (William Shakespeare, W. H. Auden) und Italienischen (Giacomo Leopardi, Eugenio Montale, Giuseppe Ungaretti, Giorgio Caproni, Mario Luzi, Dino Campana, Fabio Pusterla).

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So sahen die Nachbarn sie kommen ...

So sahen die Nachbarn sie kommen am nächsten Morgen, und die Nachbarn sagten zu ihr:

«Ach, da sind Sie ja!»

Man wunderte sich, dass sie nicht die Nacht bei ihrem Mann verbracht hatte; aber da es einmal geschehen und nichts mehr zu ändern war, sagte man:

«Das ist doch zu früh! ... Man muss ihn schlafen lassen. Diese Männer, wenn sie müde sind, man hat solche gesehn, die drei Tage schliefen ... Ja, drei Tage und drei Nächte an einem Stück.»

Es war aber schon spät, es war fast neun Uhr.

Und als Thérèse zögerte vor der Tür, sagten die Nachbarn:

«Oh, gehn Sie ruhig hinein. Entweder er schläft immer noch, und dann hört er Sie nicht; oder er ist wach, dann werden Sie ihn ja wahrscheinlich auch nicht stören ... »

Man lachte. Man hat gelacht, während sie hineinging. Die Tür war nicht zugesperrt; sie hat sie nur aufstoßen müssen. Und man hat sie nicht mehr gesehn, aber da kommt sie wieder heraus:

«Mein Gott!»

«Was gibt’s denn?»

«Habt ihr ihn nicht gesehen?»

«Wen?»

«Antoine.»

«Nein.»

«Ah! mein Gott – er ist nicht mehr da!»

Man sagte zu ihr:

«Ah, ist es nur das! Sie haben uns Angst gemacht. Er wird halt ausgegangen sein; er ist bestimmt im Dorf.»

Aber sie schüttelte den Kopf, sie schüttelte ihn viele Male.

«Oh nein», sagte sie, «ich weiß es; er ist wieder fort.»

«Fort, wohin?»

«Dort hinauf.»

Ein Beamter und ein Landjäger kamen gerade vom Tal herauf, sie sollten Antoines Aussagen aufnehmen. Sie hatten gefragt, wo er wohnte; man hatte ihnen das Haus gezeigt. Sie kommen heran; sie sehen eine Frau, die oben auf den Stufen zur Haustür den Kopf und die Arme heftig bewegt. Und sie sieht die beiden kommen und beginnt zu lachen, ein falsches Lachen.

«Ah! da sind Sie ja ... Ah! Sie kommen im richtigen Augenblick! genau im richtigen Augenblick ...»

Dann ändert sich ihr Ton:

«Oh, bitte, steigt schnell hinauf! ... Wenn er dort oben ist ... Oh bitte! ... Man weiß nicht, was da passieren kann.»

«So ist ‹Derborence› nicht allein eine der schönsten und gehaltvollsten Erzählungen des Dichters Ramuz – es ist darüber hinaus auch ein Buch, das reich ist an vitalen und spirituellen Bezügen, die den Leser zum Innehalten und Nachdenken anzuregen vermögen.» Schweizer Feuilleton-Dienst

«In einer Sprache, die sich nicht an den Massstäben klassischer Literatur orientiert, sondern das Fühlen und Denken der Leute in der ihnen eigenen Weise zu beschreiben versucht, die sich also am ‹Volksmund› schult, erzählt Ramuz, wie Antoine in eine Welt zurückkehrt, in die er sich erst wieder zurückfinden muss.» St. Galler Tagblatt

«Am stärksten beeindrucken die Landschaftsbeschreibungen: Ramuz zählt zu den Schriftstellern, die es meisterhaft verstanden haben, die Natur und Naturstimmungen zu beschreiben.» Schul- und Gemeindebibliotheken Kt. Luzern

«Das Buch ist ein ergreifendes menschliches Dokument und zugleich eine reife literarische Leistung.» Brückenbauer
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