Vom schönen Horizont / E mentre a Belo Horizonte ...
Giovanni Orelli

Vom schönen Horizont / E mentre a Belo Horizonte ...

Gedichte italienisch und deutsch

Herausgegeben und übersetzt von Christoph Ferber / Mit einem Nachwort von Georges Güntert

160 Seiten, 15 x 24 cm, gebunden mit Schutzumschlag
Oktober 2003
SFr. 38.–, 38.– €
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978-3-85791-436-2

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Leben, Tod, Heimat, Erotik, Sehnsucht sind Themen, die Orelli in seinen Gedichten zur Sprache bringt - poetisch, sinnlich, mit feiner Ironie und mit einer Vorliebe für Einsprengsel aus anderen Sprachen. Oft in traditioneller Form geschrieben, wird die überlieferte Struktur spielerisch aufgelöst, und Orelli findet eine Möglichkeit, dem Chaos der Welt die flüchtige Ordnung der Kunst entgegenzusetzen. Manchmal bezeichnet sich der Dichter als Clown oder Harlekin, der in der sinnlosen Komödie des Lebens auftritt, häufig legt er sich aber auch mit seinem eigenen Tod an.

«Orellis Humor hat einen kräftigen und hellen Klang, ob er über sich selbst oder über den heillosen Zustand der Welt lacht.» Alice Vollenweider

Giovanni Orelli
© Yvonne Böhler

Giovanni Orelli

Giovanni Orelli, geboren am 30. Oktober 1928 in Bedretto, studierte in Zürich und Mailand und war Lehrer in Lugano. Seine erste Erzählung «L'anno della valanga» machte ihn schnell bekannt. Es folgten verschiedene Romane und Gedichtbände. Auf Deutsch erschienen «Der lange Winter», «Ein Fest im Dorf» und «Monopoly». Giovanni Orelli starb am 3. Dezember 2016 in Lugano.

«Giovanni Orelli gehört gewiss zu den kühnsten, doch auch zu den heitersten Poeten dieses Landes. Ärmer wäre die italienische Literatur und wären die Literaturen der Schweiz ohne die melancholische Anarchie seiner Gedichte und seiner Prosa.» Neue Zürcher Zeitung

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Christoph Ferber
© Yvonne Böhler

Christoph Ferber

Geboren 1954. Aufgewachsen in Sachseln, Obwalden. Studium der Slawistik, Romanistik und Kunstgeschichte in Lausanne, Zürich und Venedig. Dort Promotion mit einer Arbeit zum russischen Symbolismus. Tätigkeit als freier Übersetzer. Wohnt auf Sizilien. 2014 Auszeichnung mit dem Spezialpreis Übersetzung des Schweizerischen Bundesamts für Kultur, 2016 den Paul Scheerbart-Preis.

Übersetzungen, fast ausschliesslich lyrischer Texte, aus dem Italienischen (Gaspara Stampa, Vincenzo Cardarelli, Eugenio Montale, Salvatore Quasimodo, Attilio Lolini, Giorgio Orelli, Giovanni Orelli, Pietro de Marchi, Remo Fasani, Aurelio Buletti, Francesco Chiesa, aus dem Russischen (Michail Lermontow, Fjodor Tjutschew, Sinaida Hippius, Fjodor Sologub, Wjatscheslaw Iwanow, David Samojlow), dem Französischen (Stéphane Mallarmé, Werner Renfer), dem Polnischen (Juliusz Slowacki) und Bulgarischen (Dimtscho Debeljanow).

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Sonette

Konzertstücke

Vermischte gedichte – vierzeiler

Note dell’autore

Anmerkungen

Giovanni Orelli als Lyriker, von Georges Güntert

Nachweis, Werkverzeichnis

Giovanni Orelli als Lyriker

Diesseits der Alpen ist Giovanni Orelli (Bedretto, 1928) vor allem als witzig-sarkastischer Autor von gesellschaftskritischen Kurzromanen (Monopoly, 1986) bekannt. Man bewundert sein profundes Wissen, seine Ironie und seinen spielerischen Umgang mit der Sprache, ein Talent, das besonders in den neuesten Erzählungen (Il sogno di Walacek, 1991) üppige Blüten treibt. Den Lyriker hat man bisher kaum wahrnehmen wollen, sei es, weil sich schon sein Cousin Giorgio Orelli dieser Gattung verschrieben hat, sei es, weil seine Gedichtbändchen – mit Aus-nahme des im Dialekt der Leventina verfassten Erstlings (Sant’Antoni dai padü, 1986) – jüngeren und jüngsten Datums sind. Dennoch hätte man den lyrischen Ton auch aus dem Prosawerk heraushören können: etwa aus jenen stimmungsvollen Bildern des eingeschneiten, von der Lawine bedrohten Bergdorfes (Der lange Winter, 1966), in dem die Alten in Resignation ausharren, derweil die Jungen an Auswanderung denken. Die hier vorliegende, von Christoph Ferber ins Deutsche übertragene Auswahl von Gedichten – dreissig Sonette aus den Sammlungen Né timo né maggiorana (1995) und L’albero di Lutero (1998), dazu eine Reihe von Dichtungen aus dem Concertino per rane (1990) sowie eine grössere Zahl unveröffentlichter Texte – wird vermutlich den einen oder andern Leser dazu bringen, seine Meinung hinsichtlich der wahren literarischen Begabung unseres Autors zu ändern. Wir jedenfalls sind der Ansicht, dem Lyriker Giovanni Orelli gebühre innerhalb der italienischsprachigen Literatur der Schweiz ein Ehrenplatz.

(...)

Furlana

Furlana

Furlana

Dell’inosabile osando

Perché biancovestita

desiderata sposa venga

che gli invitati abbraccia

sarò scolara alla lavagna

smarrita che al compagno

bravo dell’ultima fila

l’inosabile osando

segretissima manda

appallottolata sotto banco

una lettera e trema

se mi risolvi il problema

sarò la tua amorosa

vienimi morte: sposami.
Wagen was niemand wagt

Damit in weissem Kleid

begehrte Braut erschein

die Gäste froh empfang

werd Schülerin ich sein

vor einer Tafel blank

und wag was niemand wagt

dem Knaben der es kann

ganz heimlich unterm Bank

schick ich zerknittert zu

ein Brieflein und erbeb

wenn du den Dreisatz löst

will ich dein Herzschatz sein

komm Tod und führ mich heim.
Tages-Anzeiger, 6. November 2003
Neue Zürcher Zeitung, 22. November 2003
Basler Zeitung, 6. Februar 2004
Die Zeit, 22. Juni 2004
Tessiner Zeitung, 2./3. Juni 2005

«Geprägt von wunderbarem rhythmischem Gespür und von schmeichelnden Assonanzen kreiert Orelli lyrische Bilder, manche paradiesisch hell und gelassen, manche infernalisch finster und bitter, in denen sich ein grosses Herz spiegelt. Das schalkhafte Lachen in Verbindung mit grandioser Verknüpfungskompetenz und vorgetragen mit unbezwingbarem Charme: Dies sind die Kennzeichen Giovanni Orellis, die er in den Bücher wie in den Lesungen demonstriert.» Aargauer Zeitung

«Zwar hält er sich in diesen Gedichten mit Vorliebe an die strenge Sonett-Form; freilich nur, um diese effektvoll zu konterkarieren. Es scheint ihm eine geradezu diebische Freude zu bereiten, die verwegensten Reime zueinander zu fügen, die Assonanzen wie Irrlichter durch seine Gedichte tanzen zu lassen, mit Worten Schabernack zu treiben oder das nur ähnlich Lautende, aber gänzlich Verschiedene dennoch zusammenzuführen. So begegnet dem Leser denn in diesen Gedichten ein wortmächtiger Causeur, dessen Ausdruckskraft sich alles mit Leichtigkeit anverwandelt, der von der Gentechnologie mit der gleichen Selbstverständlichkeit handelt wie von den Folterungen in südamerikanischen Diktaturen oder von der Verzweiflung einer Kindsmörderin, dem die Trauer über den Verlust geliebter Menschen so sehr vertraut ist wie das überschäumende Glück in den Quartinen auf das Enkelkind. Und bisweilen blitzt ein irrwitziges Lachen zwischen den Versen hervor: Dann fällt er mit der gleichen Inbrunst, mit der er zuvor sich dem Eros der Sprache hingab, über seine Gedichte her: ‹auf allen vieren / kommt ihr daher›, heisst es dann von den Sonetten, ‹ihr seid meine verquer geborenen, trottenden / Ziegen – und ich bin der Ziegenbock, längst zu kastrieren›.
Das Burleske, die wilden Sprachorgien und die Zuspitzungen ins Groteske können nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Gedichte Teile eines nie endenden Totengedenkens sind. Zuletzt freilich ist es ein heiteres Totengedenken, und unter den toten Seelen wird kaum einer häufiger gedacht als jener der verstorbenen Mutter. Hier überschneiden sich denn auch und vor allem die Motivlinien aus ‹Der lange Winter› und dieser für die deutsche Ausgabe aus verschiedenen Büchern zusammengetragenen Gedichte Giovanni Orellis.» Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung

«Dass Giovanni Orelli auch als Lyriker ein Autor von grosser Kunstfertigkeit ist, dokumentiert der ebenfalls bei Limmat erschienene zweisprachige Auswahlband «Vom schönen Horizont/ E mentre a Belo Horizonte». Hier hat das lyrische Ich sowohl den Hedonismus als auch den lässigen Agnostizismus von dem frühen Romanhelden Orellis geerbt. Schon die ersten beiden Gedichte, zwei von dreissig Sonetten, zeigen, wohin die Erkenntnis-Reise geht: Sarkastisch verweigert Orelli seinem lyrischen Ich die Selbsterhöhung. Das lyrische Subjekt erscheint zwar durchweg als ketzerische Person, bereit zum Boxkampf mit dem Tod, aber zugleich wenig am Eingedenken der Nachwelt interessiert: ‹Vergesst mich, Kinder, wie auch ich meinen Vater vergessen. / Missachtet mich, wie auch ich meine Mutter missachtet.›
Der von Christoph Ferber übersetzte Band präsentiert eine Auswahl aus drei Gedichtbüchern, die zwischen 1990 und 1998 in Mailänder Verlagen erschienen sind, dazu einige boshaft ironische Vierzeiler aus den letzten beiden Jahren. Der Übersetzer hat nicht überall die Assonanzen und Reimfügungen der Sonette zu übertragen vermocht. Aber in seiner textgenauen Übertragung hat sich der vitalistische, respektlose Tonfall Orellis erhalten. Seine spielerische Sonett-Kunst ist zu frecher Entzauberung aller frommen Fundamentalismen aufgelegt: sei es zur Sabotage des Christengotts oder zur mokanten Sicht auf ‹Allah in Pantoffeln›.» Michael Braun, Basler Zeitung
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