Flug der Flüsse
Utz Bodamer, Bert Siegfried

Flug der Flüsse

Prosastücke

112 Seiten, Leinen
April 2003
SFr. 34.–, 23.50 €
vergriffen
978-3-85791-426-3

Schlagworte

Literatur
     
Zwei Autoren, ein Text: Utz Bodamer und Bert Siegfried schrieben jeweils zur gleichen Zeit am gleichen Ort einen eigenen Text. In einem einzigartigen Montage- und Überarbeitungsverfahren entstanden daraus poetische Miniaturen zu einem präzisen Datum an real benannten Plätzen der Stadt Zürich, in denen die Einzelbeiträge ununterscheidbar ineinander verschmolzen sind:

Zwei Protagonisten, ein langer und ein kurzer Mann namens Zick und Hack, gehen durch die Stadt, betrachten die Welt und helfen sich mit Schalk gegen Traurigkeit und Düsternis. Sie bleiben hier stehen und setzen sich dort hin, schauen einer Taube zu, verfolgen das Schicksal einer zerbrochenen Flasche a der Street Parade, legen sich unter Badende an die Sonne, laufen Schlittschuh auf der Kunsteisbahn, warten im Hauptbahnhof, besichtigen das Parkleben, das Schwänefüttern, den Touristenstrom, den Museumsbetrieb, das Theaterspektakel, einen Friedhof, eine Stadt.
Utz Bodamer
© Limmat Verlag

Utz Bodamer

Utz Bodamer, geboren 1948 in Waiblingen/D, arbeitet als Schauspieler und Regisseur in Zürich.

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Bert Siegfried
© Limmat Verlag

Bert Siegfried

Bert Siegfried, geboren 1946 in Zofingen, lebt als Apotheker in Zürich.

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Wandern in bestellten Feldern

Wandern in bestellten Feldern
21. Juli, Friedhof Sihlfeld

Überall hingen Kirschen gegen die Berge. Gingen im Gleichschritt auf Kies, eingehüllt in heiße Luft, Schattengründen entgegen. Auf Sockeln leblos kauernd: Frauen. Ein Torbogen. Unter dem Blattgewölbe die kalte Umhüllung. Öffnung zur Prozessionsallee. Mündet ins Kuppelgebäude. Dort Ende. Rauch und Asche.

– Hast du gesehen? Sphinxe!

Den Kiesel drückten die Schritte. Verstreute Signale von Vögeln. Überall unten unergründliches Gemurmel, verfestigt im Stein. Zick und Hack riefen die Stimmen im fröhlichen Sprechgesang ins Leben herüber: Olga-Hans-Ruth! Gottfried-Käthi-Rosa-Giuseppe-Elisabeth! Inge-Maya!

Auf Stelen saßen Katzen und schwatzten, aus Ton geformt, vom gleichen Fabrikanten, alle. Nahe der Allee saß ein altes Paar auf ewiger Bank. Der Mann las sein letztes Buch, die Frau ihr einziges. Scheu blickten sie auf. Hack hob ein eingerolltes, röhrenförmiges Gebilde vom Boden auf. Hack mit einem Stück Natur per du. Hack mit dem Ding verschwistert und verhängt. Voll des Stolzes hielt er das Wunderwerk Zick nahe an die Augen. Na klar, Platanenrinde, sagte der matt.

Auf den Boden hingelegt ein helles Tuch, leeres Erdenblatt besprüht mit Flecken von Schatten. Lang gezogen und glatt rasiert der Rasen, dazwischen schmale Plattenwege. Ein freigestelltes Feld, betriebsbereit. Dort, auf der Wiese, neben Grün und Abfall und Container, einzig aus ihr hervorstechend, stolzierte für sich alleine umher der Rabe und dachte niemals ans Grab. Der Marienliebgottkäfer, mit weißen in Reihen angeordneten Tupfen auf milchkaffeebraunem Schild, zog seinen Weg und kreuzte, oder auch nicht, den des feuersalamanderfleckgelben, schwarzbeinigen Steepelrunners. Kein Seufzer aus den groß gewachsenen Bäume. Weißer Schmetterling zirpelte. Wenig Schnitte, wenig Topfblumen. Dafür auf Einsatz lauernde Gießkannen und in geregelten Abständen eingesetzte Schlauchhalterungen. Sie erinnerten ferne an Kreuze.

Zick und Hack saßen lange am ausgesetzten Eck dieses still atmenden Parkes, bestückt mit riesigen, herrlichsten, blühendsten Bäumen. Die Parzellen, einen Meter breit und zwölf Meter lang, warteten auf das Korn.

Zick blieb am Rande des Feldes. Ihn befiel ein vergnüglich sonniges, ein heiter behagliches Zittern, eine Anwandlung frohlockte in seinem Innern: Hinter dir ist nichts mehr. Niemand holt dich ein.

Neue Zürcher Zeitung, 3. Juli 2003
Der Bund / Der kleine Bund, 2. August 2003

«Wer mit der einen oder anderen der aufgesuchten Stätten vertraut ist, erkennt freudig diese oder jenes Detail: Die Schiffsanlegepfähle beim Weinplatz etwa sind in der Tat ‹venezianisch: blau-weiss umringelt›. Doch auch den Ortsunkundigen erwartet manch hübsche Perle und Sprachspielerei.» Neue Zürcher Zeitung
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