Tausend Blicke – Kinderporträts von Emil Brunner aus dem Bündner Oberland 1943/44
Emil Brunner

Tausend Blicke – Kinderporträts von Emil Brunner aus dem Bündner Oberland 1943/44

Mit Erinnerungen der Porträtierten

Herausgegeben von Fotostiftung Schweiz / Mit Texten von Peter Pfrunder, Paul Hugger, Erika Hössli

220 Seiten, gebunden mit Fadenheftung, 190 Duplexfotografien, Grossformat

Bündner Buch des Jahres 2003


5. Aufl., Dezember 2009
SFr. 68.–, 72.– €
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978-3-85791-410-2

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Der Pressefotograf Emil Brunner (1908-1995) verbrachte sein Leben vorwiegend auf Auslandreisen. Von seinem Wohnort Braunwald aus brach er immer wieder in alle Himmelsrichtungen auf – kaum eine Gegend zwischen Spitzbergen und St. Helena, von der er nicht zahlreiche Aufnahmen über Land und Leute nach Hause brachte. Zu Brunners erstaunlichsten Arbeiten gehört aber eine umfassende Porträt-Serie, die er während des Zweiten Weltkriegs realisierte, als die Grenzen geschlossen waren. Damals unternahm der begeisterte Bergsteiger viele Hochtouren im Bündner Oberland. Bei der Rückkehr fotografierte er jeweils die Mädchen und Buben in den Bergdörfern. So entstand in den Jahren 1943/44, ohne journalistische Absicht, eine Sammlung von rund 1700 Porträts aus Trun, Breil/Brigels, Sedrun, Rabius, Sumvitg-Cumpadials, Rueras, Segnas, Vals, Uors-Surcasti, Lumbrein, Vrin, Vella.

Emil Brunners «Bergkinder»-Sammlung ist in ihrem Umfang, in der zeitlichen und geografischen Geschlossenheit sowie in ihrer ästhetischen Konsequenz einzigartig. Die Bilder sind nicht nur subtil arrangiert, sondern bilden häufig ganze Serien mit gleichbleibendem Bildausschnitt und konstanter Qualität. Ihre serielle Strenge und Einfachheit entspricht modernem Empfinden. Brunner notierte nicht einmal die Namen der Porträtierten. Dennoch gibt sein «Projekt» einen ebenso tiefen Einblick in unsere Vergangenheit wie viele klassische Fotoreportagen aus der selben Zeit. Der sorgfältige Umgang mit dem Licht bringt die individuelle, familiäre und regionale Modellierung der Gesichter, aber auch die Spuren des harten Alltags eindrucksvoll zur Geltung. In ihrer Mischung aus Verlegenheit, Stolz, Skepsis, Neugierde, Ängstlichkeit und Witz richten diese Kindergesichter immer neue Fragen an die Betrachter. Tausend Blicke, die auch nach sechzig Jahren nichts von ihrer ursprünglichen Kraft und Frische verloren haben.

Emil Brunners Fotoarchiv wurde nach dessen Tod von Paul Hugger gesichert und konnte 1999, dank Beiträgen des Bundesamts für Kultur und des Kantons Glarus, von der Schweizerischen Stiftung für die Photographie (Zürich) erworben werden. Im Bündner Kunstmuseum werden Brunners Kinderbilder zum ersten Mal öffentlich präsentiert. Da von dieser Serie nur noch wenige Originalabzüge existieren, wurde eine gezielt getroffene Auswahl aus dem Negativarchiv neu vergrössert. Zahlreiche weitere Aufnahmen werden in einer Projektion vorgestellt, ergänzt durch Erinnerungen von Porträtierten, die heute auf ihre Kindheit zurückblicken.

Postkarten mit Bildern aus diesem Buch
Fotostiftung Schweiz

Fotostiftung Schweiz

Die 1971 gegründete Fotostiftung Schweiz ist ein Ort für die Erhaltung, Erforschung und Vermittlung des fotografischen Kulturguts (www.fotostiftung.ch). Neben einer Sammlung von über 50000 Originalabzügen betreut sie die Archive und Nachlässe oder Teilnachlässe von mehr als fünfzig Fotografinnen und Fotografen. Die Fotostiftung Schweiz nimmt, zusammen mit ProLitteris, häufig auch die Urheberrechte wahr. Die aufgenommenen Archive umfassen hunderte bis hunderttausende von Bildeinheiten; sie bestehen aus Negativarchiven, Originalabzügen, Kontaktkopien, Diapositiven, elektronischen Bilddateien, Publikationsbelegen und schriftlichen Dokumenten.

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Emil Brunner
© Limmat Verlag

Emil Brunner

Emil Brunner (1908–1995) verbrachte sein Leben vorwiegend auf Auslandreisen. Von seinen Wohnorten Baden und Braunwald aus brach er immer wieder in alle Himmelsrichtungen auf – kaum eine Gegend zwischen Spitzbergen und St. Helena, von der er nicht zahlreiche Aufnahmen über Land und Leute nach Hause gebracht hätte. Das nach seinem Tod im «Chalet Mungg» zurückgebliebene fotografische Lebenswerk wird heute von der Fotostiftung Schweiz (Winterthur) betreut.

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Ein fast verschollener Nachlass und seine Irrfahrt

von Paul Hugger

 

Im Frühsommer 1996 informierte mich Jürg Zimmerli vom Limmat Verlag, auf seinem Pult sei das Schreiben eines ihm nicht bekannten Fotografen Emil Brunner von Braunwald gestrandet, welches dieser zwei Jahre früher an einen anderen Verlag gerichtet habe. Darin weise Brunner auf sein Fotoarchiv hin, das mit den zahllosen Aufnahmen aus der weiten Welt einen Verleger interessieren könnte. Dringender Handlungsbedarf schien geboten. Im Telefonbuch war unter Braunwald kein Emil Brunner mehr aufgeführt. Eine Anfrage im Bergdorf ergab, dass dieser vor Jahresfrist verstorben war. Aber – so meinte der entgegenkommende Posthalter – der fotografische Nachlass befinde sich wohl noch im betreffenden Chalet; ein Anruf beim Nachlassverwalter in Glarus würde da Klarheit bringen. Dem war so. Kurzfristig, nahm ich im Juni, zusammen mit Jürg Zimmerli, einen Augenschein in Braunwald vor. Das Chalet «Mungg», der ehemalige Wohnsitz Brunners, liegt etwas oberhalb der Kernsiedlung am Sonnenhang, behäbig, mit einem eindrücklichen Blick in die Tiefe des Tals. Es war an eine junge Familie vermietet. In der ehemaligen Dunkelkammer und dem anschliessenden Verpackungs- und Verkaufsraum stapelte sich der fotografische Nachlass. Rund herum auf Gestellen und Tischen türmten sich Berge von Schachteln mit fotografischen Vergrösserungen, Negativen, Bildlegenden, standen Leitz-Ordner mit Korrespondenzen und Belegen aus Zeitschriften und Reiseprospekten. Dazwischen lagen Geräte, Papiere, Kataloge etcetera. Stichproben zeigten, dass es sich um ein umfangreiches Oeuvre handelte, dem ohne Zweifel dokumentarischer Wert zukam. Bereits zeigten sich Spuren von Wasserschäden, verursacht durch die Feuchtigkeit, die stellenweise von der oberen Terrasse her eindrang.

Die Zukunft des Archivs erwies sich als ungesichert. Die Nachlassverwalter wollten das Haus möglichst rasch verkaufen. Was dabei mit den Bildern geschehen würde, war offen. Ich gelangte umgehend an das Bundesamt für Kultur in Bern mit der Empfehlung, den Nachlass zum bescheidenen Preis zu erwerben, den ich an Ort und Stelle vorgeschlagen hatte. Ich tat dies aus einer gewissen Tradition heraus; hatte ich doch der Bundesstelle, respektive ihrer Unterabteilung, dem Eidgenössischen Archiv für Denkmalpflege, schon manchen Nachlass vermittelt, etwa den des Zürcher Fotografen Theo Frey. Man werde sich darum kümmern, lautete die Antwort.

(Fortsetzung im Buch)

Erinnerungen

«Mein Vater pflegte uns zu scheren. Das war Routinearbeit für ihn, schor er doch jeweils im Frühjahr die Schafe. Uns liess er immerhin in der Mitte des Hauptes einen fünf bis sechs Zentimeter breiten Streifen längeres Haar stehen. Ich hasste die Haarschnittidee meines Vaters. Ich hätte jeden Kahlschlag vorgezogen. Wir waren gebrandmarkt, zum Glück nur für zwei, drei Wochen. Die Mädchen trugen Zöpfe, manche lange, dicke, auf die sie draufsitzen konnten.»

«Die Buben hatten es bequem, kein morgendliches Reissen, Stöhnen und Zanken mit Mutter, Kamm und Bürste, keine Knöpfe im Haar und keine langwierige, schmerzvolle Haarwäsche. Wir waren lauter Mädchen. War Haarwäsche angesagt, sassen wir da wie junge Hexen mit offenem Haar um eine Gelte (Blechwanne) versammelt und warteten auf Mutter, die mit entschlossener Miene und Folterwerkzeugen erschien. Wir schoben ihr gnadenlos die Schuld zu, wenn es zwickte und riss.

Mit dem Grösserwerden entwickelte sich auch der Wille und der Mut zur Frisurenvariante. Als meine ältere Schwester einmal in einer starken Minute zur Schere griff und sich ihre Zöpfe um mutige zehn Zentimeter kürzte, lachten wir sie aus, bis sie vor Scham und Wut weinte. Wir Kleineren hatten damals noch kein eigentliches Bedürfnis zur Verschönerung unserer Frisuren und auch nicht den nötigen Blick dafür, aber was ich von klein auf hasste, waren Zöpfe über den Ohren, das sah zum Heulen aus und tat weh.»

«Die Haarschneidprozedur wiederholte sich jedes Jahr, normalerweise zweimal wie der Refrain eines Liedes. Alle kamen dran. Mutter kam mit der Haarschneidmaschine, wir waren viele Kinder. Bald schnitt die Maschine nicht mehr sauber und optimal, es riss und zerrte, Haare wurden zwischen Haarmesser und festen Maschinenteilen eingeklemmt, wir schrien und tobten, Mutter riss der Geduldfaden und wehe dem, der gerade in diesem Moment unter der Maschine war!»

«Während des Sommers auf der Alp war es unmöglich den Läusen zu entkommen. Dort schlief man in lausigen Strohnestern, Hygiene war klein geschrieben. Wenn wir am 18. September von der Alp kamen, mussten wir uns mitten in der Stube auf einen Stuhl setzen. Mutter legte uns eine alte Schürze um die Schultern, und Vater erschien mit der Haarschneidmaschine und rasierte uns kahl – da halfen keine Ausflüchte. Mutter liess uns noch eine Nachbehandlung mit Petrol angedeihen.»
Basler Magazin, 29. September 2002
NZZ am Sonntag, 29. September 2002
St.Galler Tagblatt, 4. November 2002
Tages-Anzeiger, 9. November 2002
Neue Zürcher Zeitung, 20. November 2002
Bündner Nachrichten, 13. März 2003
Süddeutsche Zeitung, 22./23. März 2003
Spectrum, 5. April 2003
Neue Luzerner Zeitung, 12. April 2003
Nürnberger Zeitung, 18. Juli 2003
Coopzeitung, 6. August 2003
Neue Zürcher Zeitung, 1. März 2004
WOZ, 27. Mai 2004
Neue Zürcher Zeitung, 10. Juni 2004
Rundbrief Fotografie, 15. Juni 2004
Photographie, Juni 2004
Zolliker Bote, 9. März 2007
Tages-Anzeiger, 13. März 2007
www.quucy.com, Juli 2013

«Schatz gehoben. Brunners Kinderporträts nehmen in der Schweizer Fotogeschichte eine Sonderstellung ein.» Neue Zürcher Zeitung

«Die Kinderporträts suchen ihresgleichen in der Schweizer Fotografie des 20. Jahrhunderts.» Basler Magazin

«Emil Brunner zeigt mit seinen Bergkindern starke Persönlichkeiten. Sie begegnen der Kamera stoisch mit unverwandtem Blick, mit deutlicher Scheu, unverhohlenem Misstrauen oder Verschmitztheit und Selbstvertrauen. Ihre Blicke und Gesten rühren ans Herz.» NZZ am Sonntag

«Was für wunderbare Kindergesichter! Eine phänomenale Arbeit.» Süddeutsche Zeitung

«Brunners Sammlung ist in ihrem Umfang, in der zeitlichen und geografischen Geschlossenheit sowie in ihrer ästhetischen Konsequenz einzigartig.» Photographie

«Die Gesichter sprechen Bände in ihrer Offenheit oder Verstocktheit, ihrer vorsichtigen Zurückhaltung, Fröhlichkeit oder Traurigkeit. Die Bilder werden durch die spannende Textcollage hervorragend ergänzt.» Tages-Anzeiger

«Die Kinderporträts stellen ein eindrückliches Zeitdokument dar, in dem sich das einfache und karge Leben der Zeit spiegelt.» WoZ

«‹Tausend Blicke› sagen mehr als tausend Worte.» Schweizer Illustrierte

«Brunners Kinderporträts lassen den Betrachter alles andere als kalt.» Die Südostschweiz

«Eine Trouvaille.» SonntagsBlick

«Die unprätentiösen Aufnahmen von 1943/44 lassen eine Intensität und Wärme spüren, die den Leser im Verbund mit den Kindheitserinnerungen der Dargestellten von der ersten bis zur letzten Seite gefangen hält. Der begleitende Materialband mit der gesamten Serie lässt einen selten gewährten Einblick in ein Fotografenarchiv zu und verrät so ein wenig von der Arbeitsweise des Fotografen. Die in den Sorgfältig gedruckten und gestalteten Editionen erfolgte Offenlegung des Gesamtwerks geht zum Glück nicht so weit, dass die Kinderbilder etwas von ihrer magischen Präsenz verlören.» Kasseler Forum

«Porträts, die in ihrer photographischen Gestaltung und thematischen Konsequenz sowohl in seinem Werk als auch in der Schweizer Photographie einzigartig sind.» NZZ am Sonntag

«Emil Brunner bringt die individuelle, familiäre und regionale Modellierung der Kindergesichter, aber auch die Spuren des harten Alltags eindrucksvoll zur Geltun.» quucy.com

Bilder aus diesem Buch sind auch als Postkarten erschienen.

Kinderporträts

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