Den Wasserspiegel schneiden / Sot il pêl da l\
Leonardo Zanier

Den Wasserspiegel schneiden / Sot il pêl da l'âga

Gedichte Friaulisch und Deutsch

Übersetzt von Flurin Spescha, Uwe Hermann, Laura Pradissitto / Herausgegeben und übersetzt von Mevina Puorger Pestalozzi / Mit einem Vorwort von Ottavio Besomi

270 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
März 2002
SFr. 38.–, 38.– €
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978-3-85791-379-2

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Der vorliegende Band versammelt Gedichte des Friulaners Leonardo Zanier, die zwischen 1960 und 2000 entstanden sind. Zaniers Gedichte führen zu menschlichen Grundfragen. Sie handeln von Menschen unterwegs, von Ausgegrenzten und Gezeichneten, fremd in der Fremde und fremd in ihrer Heimat, von Menschen im Krieg, von Liebenden und Geliebten. Zaniers Poesie ist lyrisches Kondensat der Geschichte des Friauls/Karniens von der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis auf den heutigen Tag. Und seine Gedichte begleiten das Leben italienischer Emigranten in der Schweiz der Nachkriegszeit. Zaniers Credo ist poetisch und politisch zugleich, seine lyrischen Texte beispielhaft für die Geschichte vieler Individuen, die er mit wachem Auge beobachtet und mit poetischer Präzision festhält. Hier wird nichts erfunden, und doch fügen sich diese Bilder zu einem Epos, das über die Menschen des Friaul hinaus auf allgemein Gültiges verweist.
Leonardo Zanier
© Limmat Verlag

Leonardo Zanier

Leonardo Zanier, geboren 1935 in Maranzanis von Comeglians (Friaul). Wie viele Landsleute hat er länger im Ausland als in Italien gearbeitet. 1954 emigrierte er nach Marokko, dann in die Schweiz. Seit 1987 lebt er in Rom und in Zürich. Lange Jahre Engagement in Projekten gegen Armut, seit 1988 Präsident der ECAP. Er dichtet seit 1960 vorwiegend in friaulischer Sprache.

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Flurin Spescha

Flurin Spescha

1958 bis 2000, geboren in Domat/Ems (Graubünden), wo er zweisprachig aufgewachsen ist. Nach 1978 lebte er längere Zeit in den USA und Kanada. Ausgedehnte Reisen nach Frankreich, Italien und Israel. Nach der Rückkehr in die Schweiz studierte er Romanistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Daneben war er Schriftsteller und Journalist, Lehrer und Taxifahrer.

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Uwe Hermann

Uwe Hermann

1942 bis 1980, geboren in Mannheim, Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und Fremdsprachen (Italienisch und Französisch) in Bremen und Heidelberg. Unterrichtete Italienisch an der Universität Mainz/Germersheim und war Mitarbeiter des italienischen Bildungswerks ECAP-CGIL in Frankfurt. Er sammelte italienische Volkslieder und veröffentlichte 1980 die Musikkassette Il gallo rosso/Der rote Hahn mit Kampfliedern von Arbeitern und Bauern aus Italien und Deutschland. Nach seinem Tod erschien in Italien die LP Uwe Hermann singt mit deutschen und italienischen Kampf- und Liebeslieder.

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Laura Pradissitto

Laura Pradissitto

1955 im Friaul geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Deutschland. Nach dem Studium in Triest und Mainz promovierte sie in Übersetzungswissenschaften. Neben ihrer Tätigkeit als Dozentin für Dolmetschen und Übersetzen an der Universität Udine arbeitet sie freiberuflich als Übersetzerin und Konferenzdolmetscherin. Zu den übersetzten Werken gehören Essays, soziologische und sprachwissenschaftliche Veröffentlichungen sowie Reiseführer.Pra

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Mevina Puorger Pestalozzi

Mevina Puorger Pestalozzi

Mevina Puorger Pestalozzi (1956), aufgewachsen in Chur, Romanistikstudium an der Universität Zürich, Promotion über die rätoromanische Dichterin Luisa Famos. Seit 1985 Wohnsitz in Zürich, Dozentin für Rätoromanische Sprache und Literatur an der Volkshochschule Zürich und an der Universität Zürich. Übersetzt aus dem Rätoromanischen und Italienischen und ist Herausgeberin (v.a. rätoromanischer Literatur in zweisprachigen Ausgaben) für den Limmat Verlag und führt ihren eigenen Verlag. Verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

www.editionmevinapuorger.ch

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Gedichte Friaulisch und Deutsch

 

Pineda di Grau 

 

 

Gradeser Pinienhain

como cais
e certas capas
si spòstin
cu la cjasa intor
cressuda adun o robada
e rèstin tacâts
as lamieras:
il taulin cuintra la targa
radio e puartelas viertas
a fâ marinda sul savalon
sot l’ombrena dai pins
lontans da l’âga
tal mieç dal desert
das lôr machinas
  wie Schnecken
oder gewisse Muscheln
bewegen sie sich
umgeben von ihrem Haus
am Rücken angewachsen oder gestohlen
und bleiben mit
den Blechteilen verbunden:
das Tischchen neben dem Nummernschild
bei aufgedrehtem Radio und offenen Wagentüren
essen sie auf dem Sand
unter dem Schatten der Pinien
fern vom Wasser
mitten in der Wüste
ihrer Fahrzeuge

 

 

Piel

 

 

 

Haut

bielscrivint
cola il vôli
su la piel da man
cuintralûs
cuasit scussa
di madrac in muda
  während ich schreibe
fällt mein Blick
auf die Haut meiner Hand
im Gegenlicht
fast wie Schuppen
einer sich häutenden Schlange

Aus dem Vorwort

von Ottavio Besomi

(...)

Die Dichtung Zaniers ist zutiefst geprägt von seinem biografischen Weg. Er führte aus dem abgelegenen Karnien ins internationale Zürich, mit Umwegen über Rom und Marokko. Die Tatsache seiner eigenen Emigration, beobachtet an einem ganzen Volk – ein denkwürdiges und geschichtliches Ereignis –, ist Thema mehrerer Gedichte, vor allem in der ersten Sammlung. Diese Erfahrung impliziert moralische und politische Urteile, die den Menschen viel mehr als den Bürger treffen, denn die Emigration prägt die Conditio humana ganz allgemein, unabhängig von geografischen Grenzen.

Seine grosse empathische und sprachliche Sensibilität erlaubt es Zanier, die Anzeichen einer neuen Emigration zu sehen, jene der Marokkaner. Sie werden doppelt misshandelt und betrogen, einmal vom Elend in ihrer Heimat und dann von der Mafia des Landes, in dem sie Zuflucht suchen. Wie der Titel Marokkanische Händler – Cramàrs marochins es wunderbar synthetisch zusammenfasst, ist diese Emigration vergleichbar mit derjenigen der karnischen «Cramàrs», den ambulanten Gewürz- und Kräuterhändlern, die rzte und Chirurgen im ganzen Donaubecken belieferten. Viele von ihnen bekannten sich zur protestantischen Reformation – sei es aus Õberzeugung oder aus Opportunismus – und waren Fremde sowohl in der Fremde als auch in der Heimat, und sie wurden aus wirtschaftlichen und/oder religiösen Gründen oft verfolgt.

Verbunden mit der Problematik der Emigration ist die Problematik des Anderen, Fremdartigen, sei es ähnlich oder sehr verschieden. Zudem sind «ähnlich» oder «anders» völlig unterschiedliche Dinge, je nachdem, ob sie anhand der gleichen oder einer verschiedenen Gemeinschaft beurteilt werden. Sie werden vermischt oder getrennt durch Grenzen, Rechtssprechungen, Regierungen, aber auch Sprachen, Ideologien, Religionen usw. Wie schwierig, ja geradezu unmöglich es ist, solche «Grenzen» festzulegen, wird in mehreren Gedichten gesagt, die entweder von bekannten geschichtlichen und geografischen Fakten oder aber von der Tatsache ausgehen, dass eine einstimmig akzeptierte Situation, eine von Generationen vorgelebte Tradition der Sitten und Gebräuche beim näheren Hinschauen plötzlich nicht mehr anwendbar ist. Es ist die reale oder imaginäre Grenze zwischen Individuen und Völkern, die das Problem der Identität berührt.

Das Bewusstsein der Identität wird von Zanier grundsätzlich positiv gesehen, als Gesamtes aber ist es Grund zu politischer, religiöser, ideologischer und wirtschaftlicher Intoleranz, zu Unverständnis und Feindseligkeit, die – auf die Spitze getrieben – zu Krieg führt. Die Anspielungen an kürzliche Geschehnisse sind eine Aktualisierung dieser Phänomene, die nicht nur bekannte politische Vorfälle der Vergangenheit betreffen, sondern die menschliche Natur immer und überall in Besitz nehmen.

Wenn ich hier abschliessend auf grundsätzlichen Themen beharre, so darf der Gegenstand, aus dem Zanier das Gerüst für seine Gedichte baut, dennoch nicht vergessen werden: Es genügt ihm eine winzige Begebenheit, ein alltägliches Vorkommnis, individuell oder kollektiv, geschöpft aus der Vergangenheit oder der Gegenwart. Ebenso haben die Jahreszeiten mit ihren Rhythmen, ihren Extremen, der Hitze, der Kälte, Anteil an diesen Texten. Mit äusserst sensiblem Auge werden Farben, Stimmungen, Lichter und Schatten wahrgenommen, die anderen verborgen bleiben. Omnipräsent ist auch die Natur, sowohl die unversehrte als auch die verschandelte: Strände und Gebirge, Wald und Wiesen, Gewässer, Felsen, Kristalle, Blumen, Kräuter, Gestrüpp und Bäume. Sie alle werden im Wandel der Jahreszeiten beobachtet, einmal mit dem Weitwinkelobjektiv, einmal wie unter dem Mikroskop. Zu ganzen Landschaften gesellen sich Fragmente aus Stielen, Blättern oder anderen winzigen Einzelheiten, und städtische Elemente leben in der Erinnerung – seien diese weit zurück oder nah – gemeinsam mit Bruchteilen von Ereignissen aus dem Dorf und aus der Provinz. Gegebenheiten, Jahreszeiten, die Natur, aber auch von Menschen Geschaffenes werden dargestellt als Elemente der Wirklichkeit, bieten sich aber ebenso an als Metaphern, die in einer sehr feinen Wechselwirkung zwischen Andeutung und Bedeutung genauso für anderes stehen können.

Vor uns liegt eine Anthologie poetischer Texte über die Welt und ihre Menschen, Texte in Gedichtform, einer als künstlich definierten Sprache, die in ihrem Inhalt ethische und moralische Werte, Standpunkte, Urteile und Haltungen durchblicken lässt. Zanier weiss und sieht, was jenseits des Scheins liegt, mag dieser noch so gefällig, harmonisch und idyllisch sein, so können für den, der genau hinschaut, auch Grausamkeit und Blut sichbar werden. So geschieht es in der Metapher Den Wasserspiegel schneiden – Sot il pê l da l’âga (1999), mit der die Sammlung schliesst und deren Titel symbolhaft auf dem Buchumschlag erscheint, gleichsam als wolle er das Ganze umfassen. Der Standpunkt des «Ich», also des Dichters, ist immer klar, er zeigt sich offen, er will erkannt werden, und er erträgt es, fordert es sogar heraus, auch beurteilt zu werden.

Aus dem Italienischen übersetzt von Katrin Sträuli
Captcha

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