Die Bargada / Dorf an der Grenze
Aline Valangin

Die Bargada / Dorf an der Grenze

Eine Chronik

338 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
März 2002
SFr. 38.–, 38.– €
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978-3-85791-385-3

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1943 erschien in der Büchergilde Gutenberg «Die Bargada». Die Fortsetzung, «Dorf an der Grenze», wurde dann wegen politischer Brisanz nicht gedruckt und erschien erst 1982 im Limmat Verlag. Jetzt erscheint erstmals das ganze Epos. Der Hof mit dem Namen «Bargada» ist grösser als die anderen und liegt etwas abseits des Dorfs, es soll darin spuken. Die Dörfler hingegen leben eng beieinander, bei ihnen spukt es nicht, denn ihre Geheimnisse dringen alle durch die Mauern ins Nachbarhaus. Aline Valangin erzählt die Geschichte dieser ländlichen Gemeinschaft über mehrere Generationen hinweg. Sie erzählt vom Patriarchat und seiner Aufweichung durch die Abwesenheit der Männer, von Familienintrigen, Schmugglern und Partisanen, Krieg und Flüchtlingselend, hartem Existenzkampf und verzagter Resignation.

«Unbeschönigend, ohne jedes niedliche Beiwerk, in einem eigenwillig prägnanten Stil gelingen ihr namentlich starke, unverwechselbare Frauengestalten höchst beeindruckend.» Tages-Anzeiger
Aline Valangin
© Limmat Verlag

Aline Valangin

Aline Valangin (1889–1986), aufgewachsen in Bern. Aus bildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno im Onsernonetal und Ascona.

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Was sie beschäftigte, das war der Vater ...

Was sie beschäftigte, das war der Vater. Warum war er so gleichgültig gegen sie? Um ihn neu zu gewinnen, richtete sie es ein, ihn zu treffen; im Stall, im Heustock, wenn er abends ein paar Schritte in der Richtung der Fuchsenbrücke unternahm, und dort, an das Geländer gelehnt, ins Tal hinausstarrte. Bernardo verstand, daß Zoe ihm nachschlich. Es tat ihm im Herzen wohl, doch gestand er es sich nicht ein. Im Gegenteil, er grollte ihr. Was wollte das Mädchen? Sie konnte ihm nicht helfen, und er konnte ihr nicht helfen. Sie störte ihn nur in seinen Gedanken. Um sich in dieser Abwehr zu bestärken, gefiel er sich darin, Zoe zu kränken, indem er ihr, wie früher, ihre Fehler vorhielt: «Bist du zu etwas zu gebrauchen? Scheust dich ja, deine Hände zu beschmutzen!» Und was solcher Bemerkungen mehr waren, die Zoe zum Weinen brachten. «Und zimperlich ist das Bräutchen auch noch», gab er obendrein. Wenn er sich auch einredete, Zoe bedeute ihm nicht viel, so gab er doch zu, daß sie ihm gefalle. Er schaute verstohlen nach der Tochter. Schön, fand er. Wer das Mädchen einst zur Frau bekommt? Der kann sich freuen. Wer wird es sein? Keiner vom Dorf, das war sicher ... Einer von unten? Es gab ihm einen Stich. Einem von unten, dem gönnte er sie nicht.

Zu Maria Himmelfahrt war es üblich, ein junges Kaninchen zu schlachten und gebraten auf den Mittagstisch zu bringen. Bernardo mußte diesmal daran erinnert werden. «Gut, ich gehe schon», brummte er. Das Geschäft kam ihm ungelegen.

«Daß auch niemand anders das tun kann», klagte er.

«Was tun wir nicht schon an deiner Stelle», spottete Orsanna.

Bernardo holte ein Messer und rief: «So komm, Zoe, du kannst mir helfen!»

Zoe erstarrte. Nur das nicht. Sie sah den Vater flehentlich an, und schon standen Tränen in ihren Augen.

«Immer noch die alte Zimperliese», schalt Bernardo, «nimm dich zusammen!»

Zoe blieb stehen, ohne einen Wank zu tun, und biß die Zähne aufeinander.

«Nun, wird's bald», rief er und ging voraus zum Kaninchenstall. Halb tat es ihm leid, des Kindes Gefühl überflüssigerweise zu verletzen, halb ärgerte ihn Zoes Schwäche. Er beeilte sich, einen Hasen auszuwählen, und gab ihm leicht einen Schlag hinter die Ohren. Nun war das Schreckliche getan.

«Zoe», rief er wieder, «bringe mir eine Schüssel!»

Orsanna hatte die Szene mit angesehen und brachte nun, aus zahnlosem Mund leise lachend, Zoe das Gefäß, das der Bruder verlangte. «Geh, es ist vorbei, mach ihn nicht böse, bring ihm die Schüssel!»

Das Mädchen nahm sie widerwillig und trug sie langsam zum Hühnerstall, wo Bernardo stand und wartete. Er hatte den Hasen an den Hinterbeinen am niedern Dach des Häuschens aufgehängt, um ihn auszunehmen. Zoe stellte die Schüssel auf den Boden und wollte entweichen.

«Halt, halt», machte Bernardo. «So ist's nicht gemeint. Du sollst mir helfen. Halte die Schale ... So ...» Und er hob sie in halbe Höhe neben das tote Tier.
WOZ, 11. April 2002
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. April 2003
Der Bund, 31. August 2002
Frauenzeitung, Nr. 3, 2008

«Der Roman hat noch immer (oder) eher: heute wieder eine unverkennbare Aktualität, vor allem dort, wo er die Thematik von ‹Das Boot ist voll' vorwegnimmt. Aline Valangin vergegenwärtigt das Leben in einem Tessiner Dorf, dessen Bewohner tagtäglich erleben, wie Flüchtlinge an der Grenze zurück in den Tod geschickt werden.» Tages-Anzeiger

«Sie versteht es, die Unglücklichen und Ungläubigen, die Dorfrevoluzzer und die Schlaumeier zu charakterisieren. Sie schildert die Aggression der Armen, aber auch den Sinn der einfachen Leute für effektvolle Selbstdarstellung.» Neue Zürcher Zeitung

«Aline Valangin scheute sich nicht, schon kurz nach 1945 das heisse Eisen der verfehlten Schweizer Asylpolitik aufzugreifen.» Badener Tagblatt

«Sie war schön und reich und Kommunistin. Ihr Großvater war der  Friedensnobelpreisträger Elie Drucommun, und mit ihrem ersten Mann, dem legendären Strafverteidiger Wladimir Rosenbaum, hielt sie in Zürich ein  gastliches Haus, den "Baumwollhof", in dem James Joyce, C. G. Jung, Elias Canetti verkehrten und Werke von Picasso und Max Ernst die Wände zierten. Im Tessiner Orsenonetal erstand sie in einem kleinen, auf Felsen gebauten Ort namens Comologno 1929 ein Schlößchen, das aus mehr als tausend Meter Höhe über den Lago Maggiore blickt. In dieser schwer erreichbaren Idylle konnten sich jene, die vor den Nazis geflüchtet waren, für ein paar Wochen oder Monate erholen, ehe sie weiterzogen: Kurt Tucholsky, bereits von Depressionen umfangen, machte ebenso Station wie Hans Marchwitza, der proletarisch-revolutionäre Schriftsteller, der die großbürgerliche Atmosphäre durchaus genoß; aus Italien kam Ignazio Silone, er wurde der Geliebte der Hausherrin und blieb ihr, nach schmerzlicher Trennung, lebenslang ein treuer Freund. Sie war die Muse bedeutender Männer, die sie in ihren Erinnerungen als Femme fatale, brillante Intellektuelle oder warmherzige Mäzenatin zeichneten. Die Rede ist von der 1889 in Vevey geborenen, in der französischen Schweiz aufgewachsenen Aline Valangin, die ihre Karriere als Pianistin nach einem Unfall aufgeben mußte, Psychoanalytikerin wurde und mit über vierzig zu schreiben begann. (...)
Aline Valangin ist heute eine Legende, aber ihre Bücher sind kaum mehr bekannt. Sehr zu Unrecht, wie der Band zeigt, mit dem der Limmat-Verlag zwei thematisch miteinander verzahnte Romane wieder zugänglich macht. "Die Bargada" ist ein düsterer Dorfroman, in einer fiktiven Tessiner Gemeinde angesiedelt. Der Roman  erschien erstmals 1944 und wurde von namhaften Rezensenten gelobt. Im Jahr darauf stellte die Autorin die Fortsetzung fertig, in der die Geschichte des
Dorfes während des zweiten Weltkrieges erzählt wird, und dieser Roman, der womöglich sogar der bessere ist, fand erst vierzig Jahre später seinen Verlag. "Dorf an der Grenze" rechnet kompromißlos ab mit der Schweizer Flüchtlingspolitik, ja mit der Schweizer Ideologie, sich aus den großen Konflikten herauszuhalten und dabei an ihnen gut zu verdienen.» Karl-Markus Gauss, Frankfurter Allgemeine Zeitung

«Die lebendigen Schilderungen machen deutlich, dass sich Weltgeschehen immer auch aus einer unendlichen Anzahl an kleinen tektonischen Verschiebungen im Alltag zusammensetzt. Mit psychologischem Feingespür deckt Valangin umwälzende Situationen auf, in denen für den Bruchteil einer Sekunde das bisherige Leben in einem neuen Licht erscheint.» Frauenzeitung

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