No grazie
Anna Felder

No grazie

Geschichten

Übersetzt von Michael von Killisch-Horn

110 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Oktober 2001
SFr. 29.–, 29.– €
sofort lieferbar
978-3-85791-365-5

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Schlagworte

Literatur
     
Das Alltägliche ist in Anna Felders Geschichten nicht alltäglich. Mit feinsinnigem Humor beschreibt sie Situationen von scheinbarer Normalität, in denen sich ganz still, sotto voce, etwas anbahnt, das dem Vertrauten eine rätselhafte und zuweilen bedrohliche Dimension gibt. Immer kreisen diese Geschichten um Beziehungen — zwischen Menschen, die zusammenleben, zwischen Nachbarn oder zwischen Fremden, die sich zufällig begegnen und durch einen Blick, eine Geste, ein Detail zu Verbündeten werden.  
Anna Felders Texte sind musikalische Prosastücke, in denen stets auch ein melancholischer Ton mitschwingt, eine — fast tschechowsche — Wehmut über die Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens.

«Im lockeren Übergang vom prekären Alltagsgeschehen zum metaphorischen Sprechen entsteht jenes schwebende Gleichgewicht, das Anna Felders Miniaturen so anziehend macht.» Alice Vollenweider
Anna Felder
© Limmat Verlag

Anna Felder

Anna Felder, geboren 1937 in Lugano, Literaturstudium in Zürich und Paris, Promotion über Eugenio Montale, danach Tätigkeit als Italienischlehrerin und Schriftstellerin. Lebt in Aarau und Lugano. 1998 Schillerpreis für das Gesamtwerk und 2004 den Aargauer Literaturpreis.

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Michael von Killisch-Horn

Michael von Killisch-Horn

Geboren 1954 in Bremen, studierte Romanistik, Germanistik und Deutsch als Fremdsprache. Lebt in München als Übersetzer aus dem Französischen, Italienischen, Spanischen, Portugiesischen und Englischen. Aus dem Französischen übersetzte er u.a. Bücher von Jean Giono, Nancy Huston, Blaise Cendrars, Alain Vircondelet, Thierry de Duve, Marc Augé, Gérard Genette, Yves Bonnefoy, Didier Eribon, Collette Guedj, Gerhart M. Riegner; aus dem Italienischen Bücher von Alberto Moravia, Giorgio Voghera, Alessandro Barbero, Claudio Piersanti, Giuseppe Ungaretti und Anna Felder; aus dem Spanischen einen Roman von Rosa Chacel und aus dem Portugiesischen Lyrik von Al Berto und eine Geschichte Portugals von A.H. de Oliveira Marques, ausserdem Sachbuchübersetzungen aus dem Englischen. Er ist Mitherausgeber der Werkausgabe Giuseppe Ungaretti und der Literaturzeitschrift «metaphorá»

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Die sitzenden Schatten


Da Giulio morgen mit seiner Frau bei den Cairolis eingeladen ist, schlägt er vor, den Cairolis statt des üblichen Blumenstrausses «Die sitzenden Schatten» zu schenken, ein ziemlich schönes Buch: Er schliesst zur Bestätigung halb die Augen.

«Haben sie es denn nicht schon?», bemerkt seine Frau, die sich erinnert, dass die Cairolis Leute sind, die sich auf dem Laufenden halten.

«Eben», empört er sich, «und ‹Die sitzenden Schatten› gehören ja zu den Klassikern, schon als Klassiker auf die Welt gekommen, ganz etwas anderes als die Bestseller, die jeder zu Hause hat. Ein Meisterwerk von der ersten bis zur letzten Seite, es wird lange dauern, bis wieder ein ähnliches Buch erscheint.»

Giulio schlägt das Buch zum Beweis mehrmals auf den Tisch:

«Und wenn sie es gehabt haben sollten, haben sie es inzwischen weggeworfen und vergessen.

Ich habe es ganz wiedergelesen: durch und durch hervorragend, frisch, wie gerade erst geschrieben, verstehst du? Wenn sie nicht lesen können, dann blättern sie es zumindest durch, stauben es ab und geben es den Kindern zum Reinschnuppern. Sie haben doch Kinder, oder?»

«Kinder und Hunde.»

«Prächtig, prächtige Leute, die Cairolis.»

«Vorausgesetzt, es ist in der Buchhandlung vorrätig, bis morgen müssen wir es haben», erinnert ihn seine Frau.

Und tatsächlich, Bedauern in der Buchhandlung: «Die sitzenden Schatten» sind nicht vorrätig. Die gleiche Antwort in der zweiten Buchhandlung.

In der dritten dagegen, der Libreria Renzi, hebt die Verkäuferin auswendig den Finger, um das Wunder anzukündigen: Der Zufall will es, dass ein Exemplar noch vorhanden ist, ein einziges, in Englisch aber. Zu zweit stehen sie da und lächeln dem Zufall, den Schatten, dem Englisch zu: Die Verkäuferin geht sicheren Schritts zu den angelsächsischen Regalen, sucht, zieht das richtige Buch zwischen den anderen heraus und übergibt es Herrn Giulio zur Ansicht. Der, wenn er wollte, auf den doppelten Zufall setzen und versuchen könnte, sich aus irgendeinem Schattenreich das italienische Original kommen zu lassen, eine Frage der Geduld, vielleicht wochen-, vielleicht monate- oder jahrelangen Wartens, ganz unverbindlich.

Giulio überschlägt einen Augenblick die Situation der Cairolis, wer von ihnen Englisch lesen kann, kauft das Buch und bestellt vorsichtshalber, da Weihnachten vor der Tür steht, fünf Exemplare auf Italienisch, währenddessen zieht er aus der Innentasche seines Mantels, um sie ihr leibhaftig ans Herz zu legen, die eigene Ausgabe.

«Ich kann versuchen, es zu bestellen, aber zusichern kann ich natürlich nichts», schützt sich die Verkäuferin.

«Bestellen Sie auch noch fünf weitere englische Schatten», beschliesst er. Dann unvermittelt, während er bezahlt:

«Sie kennen das Buch doch, oder?»

Und da die Verkäuferin in schöner Unschuld den Kopf schüttelt, drückt Herr Giulio ihr, sozusagen als vollendete Tatsache, sein eigenes gelesenes und zerlesenes Exemplar in die Hand:

«Lesen Sie es heute Abend, Sie werden sehen, Sie legen es nicht aus der Hand, Sie werden die ganze Nacht durchlesen, was für eine Nacht, Sie werden sehen, wissen Sie, dass ich Sie beneide?»

Neue Zürcher Zeitung
Berner Zeitung, 23. Mai 2002
Tessiner Zeitung, 27. März 2015

 

 


«Die Vergänglichkeit und Zufälligkeit des Lebens ist der dunkle Hintergrund, von dem sich Anna Felders musikalische Divertissements abheben; es gibt in ihnen keine Sicherheiten, nur sanften Pessimismus und Zweifel, die sich manchmal auch selber in Frage stellen. (...) Im lockeren Übergang vom prekären Alltagsgeschehen zum metaphorischen Sprechen entsteht das schwebende Gleichgewicht, das Anna Felders Miniaturen so anziehend macht.» Alice Vollenweider, Neue Zürcher Zeitung

«Anna Felders knappe Erzählungen durchmessen den Spielraum menschlicher Zwiesprache in schlaglichtartigen Kurzsequenzen, einmal ironisch, dann wieder melancholisch. ‹Die Papierrechtecke, die der Mann in der Innentasche der Jacke trug, hatten die Ausmasse von Miniaturgräbern›, steht in der titelgebenden Geschichte «No grazie» zu lesen, und später wird man über denselben Mann erfahren: ‹Er sagte, er habe kein Zuhause, und kehrte immer nach Hause zurück.› Tatsächlich bringt die Autorin existenzielle Geworfenheit zwischen Mitgefühl und leiser Ironie auf den Punkt, und zu den besten ihrer Skizzen zählen jene, die im beinahe zu vertrauten Umfeld.» Berner Zeitung

«Anna Felders Texte sind von hoher Musikalität, Prosastücke, in denen ein melancholischer Ton mitschwingt, eine fast tschechowsche Wehmut über die Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens.» Tessiner Zeitung

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