Sinnsuche und Sonnenbad
Andreas Schwab (Hg.), Claudia Lafranchi (Hg.)

Sinnsuche und Sonnenbad

Experimente in Kunst und Leben auf dem Monte Verità

288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit etwa 50 Fotos und Abbildungen // Nur noch letzte RESTEXEMPLARE aus dem Verlagsarchiv, bitte wenden Sie sich an den Verlag.
September 2001
vergriffen
978-3-85791-369-3
     

Im Herbst 1900 erwarb eine kleine Gruppe um Ida Hofmann und Henri Oedenkoven einen Hügel oberhalb Ascona, den Monte Verità. Auf ihm gründeten sie eine lebensreformerische Kolonie und ein vegetarisches Naturheilsanatorium, in dem sie Einfachheit, «freie Ehe» und einen naturverbundenen Lebensstil pflegten. Das war der Ausgangspunkt für ein Jahrhundert faszinierender Geschichte des Monte Verità, die zahlreiche soziale und künstlerische Bewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts in Europa widerspiegelt.

Fünfzehn Einzelbeiträge beleuchten verschiedene Facetten dieser Geschichte des Monte Verità, auf dem sich einfach alles fand: Von Lebensreform bis Anarchie, von Psychoanalyse und modernem Tanz bis zur Literatur und zum Rohköstlertum reicht das Spektrum in diesem breitgefächerten Zentrum alternativen Lebens.

Andreas Schwab

Andreas Schwab

Andreas Schwab, geboren 1971 in Bern, Historiker, Organisator der Tagung «Wahrheit auf Bewährung. 100 Jahre Monte Verità».

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Claudia Lafranchi

Claudia Lafranchi

Claudia Lafranchi, geboren 1967 in Locarno, Studium der englischen Literatur und der Linguistik. PR-Verantwortliche des Centro Stefano Franscini (ETH Zürich) auf dem Monte Verità.

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Vorwort Gabriele Gendotti 7
Wahrheit auf Bewährung Andreas Schwab und Claudia Lafranchi 9
Bildseiten: Das »Salatorium« von 1900 bis 1920 19


Philosophische Zugänge

»Der Mann der Wahrheit«
Die Ideen Leo N. Tolstois und der Monte Verità
Edith Hanke 23

Im Gespräch mit Anarchisten
Max Weber in Ascona 
Sam Whimster 43

Naturgemäß leben?
Die Erfahrung von Monte Verità im Kontext der philosophischen Debatte 
Fabio Minazzi 60

Bildseiten: Von bunten Typen bevölkert … 74

Ansichten eines Sanatoriums

Ein architektonischer Rundgang 
Von den Licht- und Lufthütten bis zum Hotel Monte Verità 
Mara Folini 77

»Ich-Kultur« und »Allerlei Sport«
Der Monte Verità als Initiator und Spiegelbild neuer Körperkonzepte 
Bernd Wedemeyer 90

»Dieweilen in mir die Sehnsucht schrie –« 
Außenansichten auf den Monte Verità 
Andreas Schwab 104

Sanitarium, nicht Sanatorium!
Räume für die Gesundheit 
Albert Wirz
119

Bildseiten: »Wir tanzten im Rhythmus der Poesie« 139

Persönlichkeiten

Konflikt und Wahrheit
Die politische Dimension der Psychoanalyse bei Otto Gross 
Emanuel Hurwitz
143

Ein Theater für den Tanz 
Die Begegnung zwischen Charlotte Bara und Carl Weidemeyer 
Letizia Tedeschi 157

Auszug aus Ägypten
Margarethe Hardegger und die Siedlungs-Pioniere des Sozialistischen Bundes im Tessin
Regula Bochsler 169

Monte Gioia 
Der Monte Verità von Gusto Gräser 
Hermann Müller
187

Bildseiten: Die Epoche des Baron von der Heydt 202

Andere Orte der Wahrheit

Eine neue Ära 
New Age und »Neue Lebenszentren« 1890–1920 
Martin Green 205

Atelier Amden 
Eine Berggemeinde als Ort des sozialen und künstlerischen Experiments 
Roman Kurzmeyer 222

Der Monte Verità und das Hunzaland 
Zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen »sakralen Topographie« im Tessin und in Pakistan 
Ulrich Linse 238

Bildseiten: Ein internationales Kongresszentrum 258

Perspektiven

Kometenflug 
Alberto Nessi 261

Zu den Bildseiten 276
Bibliografie 278
Die Autorinnen und Autoren 282
Namenregister 284


Wahrheit auf Bewährung

Wahrheit auf Bewährung

Andreas Schwab und Claudia Lafranchi

 

»Experimente in Kunst und Leben« haben die hundertjährige Geschichte des Monte Verità geprägt. Er war Aufenthaltsort für viele Schriftsteller, (Lebens-)Künstler und politische Theoretiker, die auf ihm etwas suchten, was sie anderswo nicht fanden. Auf dem Monte Verità wurden neue Lebensmodelle erprobt, die durch Publikationen und Berichte wieder in die »zu überwindende« Gesellschaft zurückstrahlten. Der Ort wurde zu einem Inbegriff des frühen Aussteigertums. Gleichzeitig wurden dort auch gewöhnliche Kurgäste beherbergt, die sich von der Sonne und der schönen Lage über dem Lago Maggiore hatten anlocken lassen. Mit dem, was sie für ihre Kur auf dem Monte Verità ausgaben, hätten sie sich freilich auch einen Aufenthalt in einem guten Hotel in der Gegend Locarnos leisten können.

Von 1900 bis 1920 betrieben Ida Hofmann und Henri Oedekoven auf dem Monte Verità ein vegetarisches Naturheilsanatorium. Mit Rohkosternährung, »Lichtluftkuren« und Sonnenbädern wollten sie ihre Gäste zu einem »naturgemäßen« Leben führen. Sie verfochten hohe Ansprüche und suchten mit Frauenemanzipation, Genossenschaftswesen und Gemeinbesitz ein Modell für ein neues Leben zu schaffen. Unter ihrer Leitung entstand ein Zentrum für Sinnsucher und Lebensreformer, die sich in »Reformkleidern« ablichten ließen. Da sich aber ihre Ziele nicht erfüllten, verließen Ida Hofmann und Henri Oedenkoven 1920 den Monte Verità und wanderten über Spanien nach Brasilien aus.

Trotzdem unterschied sich der Monte Verità stark von den gewöhnlichen Hotels. Schon der Name »Monte Verità«, der von den Gründern selbst gewählt worden ist, kann als Anzeichen für die höheren Ansprüche von ihnen angesehen werden. Ein Zentrum für ein neues Leben sollte er werden und der Ausgangspunkt für eine Umgestaltung der Welt. Diese utopischen Zielsetzungen machen auch seine Bedeutung aus: als frühe Gemeinschaftsgründung hatte er eine Ausstrahlungskraft, die für die Zeit vor dem ersten Weltkrieg herausragend ist.

1923 wurde der Monte Verità an die Künstler Werner Ackermann (Pseudonym Robert Landmann), Hugo Wilkens und Max Bethke verkauft. Sie wollten ihn in eine expressionistische Künstlerkolonie umwandeln, was auch teilweise gelang. Maskenfeste und vielerlei künstlerische Aktivitäten machten den Monte Verità zu einem Anziehungspunkt für eine künstlerische Avantgarde. Doch finanzielle Schwierigkeiten zwangen die drei innovativen Neuerer schon nach zwei Jahren zur Aufgabe ihres Vorhabens. Immerhin verfasste Robert Landmann ein Buch, das über die Frühzeit des Berges unterhaltsam Auskunft gibt.1

Darauf kaufte der Bankier von Kaiser Wilhelm II., Baron Eduard von der Heydt, den Monte Verità und machte aus ihm ein Kurhotel der oberen Preisklasse. 1927 ließ er vom Architekten Emil Fahrenkamp an der Stelle des alten Zentralhauses ein Hotel im Bauhausstil errichten. Seine umfangreiche moderne Kunstsammlung und die asiatische Sammlung wurden im Hotel und im zum botanischen Garten umgewandelten Park ausgestellt. Von der Heydts Kurhotel zog so bekannte Gäste an wie den Maler und Lehrer am Bauhaus Oskar Schlemmer, den Warenhausbesitzer Max Emden, dem die Brissago-Inseln gehörten, und die Schweizer Expressionisten Ignaz Epper, Fritz Pauli und Robert Schürch.

Beim Tod Eduard von der Heydts im Jahr 1964 fiel der Monte Verità testamentarisch an den Kanton Tessin. Nach seinem Wunsch sollte er weiterhin für kulturelle Aktivitäten zur Verfügung stehen. Wenigstens teilweise dazu beigetragen hat 1989 die Gründung der Fondazione Monte Verità, an welcher der Kanton Tessin, die Gemeinde Ascona und die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich und Lausanne beteiligt sind. Seit 1989 finden im Kongresszentrum Monte Verità vielerlei Workshops und Symposien zu unterschiedlichen natur- und geisteswissenschaftlichen Themen statt, an denen Wissenschafter aus einer Vielzahl von Ländern die Gelegenheit haben, ihre Erkenntnisse auszutauschen. Der kürzlich erstellte unterirdische Hörsaal und die anderen Konferenzräume eignen sich dafür gut. Öffentliche Vorträge und künstlerische Veranstaltungen wie Konzerte oder Kunstausstellungen ziehen zudem ein breiteres Publikum an.

Wer sich über die Geschichte des Monte Verità informieren will, kann dies vor Ort in der Casa Anatta tun. Seit 1980 ist darin eine Dauerausstellung untergebracht, in der die Objekte zu bewundern sind, die Harald Szeemann für seine legendäre Ausstellung »Le mammelle della Verità« zusammengetragen hat. Die Ausstellung von 1978 über den Monte Verità mit seinen bekannten Bewohnern (Szeemann spricht von 600 Viten mit 600 verschiedenen Paradiesvorstellungen) übte eine große Anziehungskraft auf das Publikum aus. Nachdem sie am Originalstandort in Ascona gezeigt worden war, ging sie auf Wanderschaft in die Städte Zürich, Berlin, Wien und München, um von da wieder nach Ascona zurückzukehren.

Als spektakuläre Wiederentdeckung inszeniert, gab die Ausstellung, die sich der Methode der »modernen Archäologie« bediente, ein umfassendes Porträt dieses ungewöhnlichen Berges. Nicht das Rohkostsanatorium von Ida Hofmann und Henri Oedenkoven lag im Zentrum des Interesses, sondern die Darstellung einer »umfassenden Reformkulturlandschaft«, die von der Ankunft Bakunins 1869 in Locarno bis zum Bauboom von Ascona in den Fünfzigerjahren reichte.2 Es wurde gezeigt, dass wichtige Strömungen des 20. Jahrhunderts mit dem Monte Verità verknüpft waren. Die einzelnen »Mammelle della Verità«, die »Brüste der Wahrheit«, wie Szeemann die verschiedenen Bereiche nannte, umfassten die Anarchie, die Lebensreform, die Ansätze zur sexuellen Revolution und den Monte Verità der Künste. Die Verknüpfung dieser unterschiedlichen Strömungen an einem einzigen Ort sei die Voraussetzung für die Bildung einer »sakralen Topographie« im Raum Ascona gewesen.

Der Erfolg der Ausstellung in den Siebzigerjahren lag sicher auch in ihrer damaligen Tagesaktualität. Szeemann schrieb dazu: »Die Funde sind Beiträge zu heute hochaktuellen, teilweise brisanten Themen, vom philosophischen Anarchismus über Lebensreform, Kommunebildung, Sexualrevolution, Frauenemanzipation bis zur Bürgerinitiative gegen atomare Bewaffnung und für den Schutz der Umwelt.«3 In einem Interview äußerte er sich weiter: »Das Ganze ist der Versuch, so etwas wie eine Visualisierung des Begriffes der antiparlamentarischen Opposition durch die Synthese exemplarischer Viten anhand der Vertreter verschiedenster Medien und Verständigungsfeldern sichtbar zu machen. Eben: Die ideale Gesellschaft, die leider immer noch nicht zustandegekommen ist.«4

Zum heutigen Zeitpunkt steht »ideale Gesellschaft« immer noch weit entfernt von ihrer Verwirklichung. Mit dem Scheitern der großen Ideologien Faschismus und Kommunismus haben sich aber die Zweifel gemehrt, ob die Erfüllung utopischer Zielsetzungen als menschliches Projekt nicht unweigerlich zu totalitären, menschenverachtenden Systemen führt.5 Freilich hat das utopische Denken als Schnittstelle von Gegenwartskritik und Zukunftswünschen bzw. -ängsten die abendländische Geschichte seit ihren Anfängen als notwendiges Korrektiv zur Gegenwart begleitet.6 Auch andere wichtige Gründe für die Aktualität des Monte Verità in den Siebzigerjahren haben sich relativiert. Die Suche nach einem Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus ist in dieser Form als politische Forderung verschwunden, wie auch die Diskussionen um eine antiparlamentarische Opposition und um die »Kommunebildung«, die in den Jahren nach 1968 breit geführt wurden, heute ihre Brisanz eingebüßt haben.

...

Anmerkungen

1 Robert Landmann, Monte Verità, Ascona. Die Geschichte eines Berges, Berlin 1930. Erhältlich ist ein veränderter und ergänzter Neudruck, Frauenfeld 2000.

2 Harald Szeemann (Hg.), Monte Verità. Lokale Anthropologie als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen Topographie, Locarno-Milano 1978, S. 5.

3 Ebd. S. 6.

4 Harald Szeemann im Interview mit Theo Kneubühler, Basler Zeitung 24.6.1978, zit. in Harald Szeemann, Museum der Obsessionen, Berlin 1981, S. 189.

5 Joachim Fest, Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, Berlin 1991.

6 Ferdinand Seibt, Utopica. Zukunftsvisionen der Gegenwart, Düsseldorf 1972, aktualisierte Neuausgabe München 2001.
Süddeutsche Zeitung, 4. Februar 2002
literaturkritik.de, 5. Februar 2002

«(...) Dass sich die Sehnsucht nach einem besseren Leben aber nicht immer erfüllte, illustriert jetzt ein von Andreas Schwab und Claudia Lafranchi herausgegebener Band, der den Monte Verità kritisch beäugt und die weihevollen Töne über die ‹Brüste der Wahrheit», wie man sie aus Harald Szeemanns großem Ausstellungskatalog kennt, beiseite lässt. Er erzählt Geschichten wie die über den Berliner Angestellten Bruno Haucks, der sein Büroleben satt hat, wo er von morgens bis abends ‹öde Rechnungen schreiben und Briefe verfassen muss, die ihn nichts angehen», während in ihm ‹die Sehnsucht nach dem Walde, den Bergen und der Sonne schreit›. Haucks kehrt dem grauen Berlin den Rücken, um als Gärtnergehilfe auf dem Monte Verità zu arbeiten. Doch ist die Befreiung nur von kurzer Dauer. Wie viele andere wird er von Oedenkoven und Hofmann bald wieder entlassen.
Nur vordergründig erscheint der Monte Verità als ein freizügiges Gegenmodell zu den autoritären Sanatorien wie BircherBenners Klinik ‹Lebendige Kraft›. Gemeinsam war ihnen, dass sie die Ordnung der Industriegesellschaft aus den Angeln heben wollten, indem sie die bürgerliche Küche infrage stellten. Nicht anderes als ‹Lebenskunst› bedeutet ‹Diät›, und an ihr schieden sich die Geister. Das Buch lässt die disparaten Geistesströmungen auf dem ‹Wahrheitsberg› nebeneinander gewähren. Schade, dass die Herausgeber mit Begriffen wie ‹Erlebnisgesellschaft› und ‹Fitnessästhetik› unbedingt Aktualität herbeireden wollen. Nach Fitness sehen die Bilder esoterischer Tänze oder das vom nackten Wilden im Garten wirklich nicht aus.» Süddeutsche Zeitung

«(...) Anlässlich des 100jährigen Bestehens des ‹Berges der Wahrheit› richtete der Kanton Tessin Ende 2000 eine Tagung unter dem Motto ‹100 Jahre Monte Verità. Wahrheit und Bewährung› aus. Ziel der Festschrift, so die HerausgeberInnen Andreas Schwab und Claudia Lafranchi, sei eine kritische Auseinandersetzung mit der 100jährigen Geschichte des Monte Verità. Daher handele es sich bei dem Band um kein ‹typisches Jubiläumsprodukt›. Die einleitenden Worte Gabriele Gendottis, ihres Zeichens Stadträtin des Kantons Tessin und Präsidentin der Fondazione Monte Verità, haben zuvor allerdings schon auf unangenehme Weise einen gegenteiligen Eindruck erweckt. (...)
Für die Beiträge versprechen die HerausgeberInnen jedoch eine ‹offene Auseinandersetzung› mit dem Phänomen Monte Verità. Etlichen AutorInnen gelingt tatsächlich ein erfrischend kritischer, deshalb aber nicht unfreundlicher Blick auf den Berg der Wahrheit, so etwa Andreas Schwab selbst, der ihn ‹von außen› beleuchtet, Fabio Minazzi, der die ‹Erfahrungen von Monte Verità im Kontext der philosophischen Debatte› anspricht oder Edith Hanke in ihrem Aufsatz über ‹die Ideen Leo N. Tolstois›, den sie als ‹Mann der Wahrheit› lobt. Auch Hermann Müller ist hier zu nennen, der allerdings das Konkurrenzunternehmen Monte Gioia des von ihm sehr verehrten Gusto Gräser favorisiert und diesem gegenüber nur wenig Kritisches äußert. (...)» literaturkritik.de

Monte Verità

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Gruß an die Sonne

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Ein Kolonist

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«Wir tanzten mit und ohne Musik.» Mary Wigman

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