Frauen in Kosova
Elisabeth Kaestli

Frauen in Kosova

Lebensgeschichten aus Krieg und Wiederaufbau

Mit Fotografien von Alexander Kornhuber

192 Seiten, Broschur, Fotos, 1 Karte
März 2001
SFr. 32.–, 32.– €
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978-3-85791-358-7

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Schlagworte

Kosovo
     
Latife geht als Polizistin auf Patrouille, die Kinderärztin Vjosa setzt sich als Mitglied der Übergangsverwaltung für Demokratie und Gleichberechtigung ein, Jeta studiert in London Kriegswissenschaften und Adifete berät in Bern ihre Landsleute, die nach Kosova zurückkehren.

Fünfzehn Porträts zeigen, wie Frauen in Kosova den Krieg überlebt haben und den harten Nachkriegsalltag bewältigen. Elisabeth Kaestli lässt sie von ihren schwierigen Erfahrungen erzählen, aber auch von dem, was ihnen Kraft, Selbstvertrauen und Mut verleiht. Ergänzt mit Hintergrundtexten, vermittelt das Buch einen ganz konkreten Einblick in die kosova-albanische Gesellschaft, ihre Kultur und ihre aktuellen
Probleme.

 

«Ich nutzte damals die Zeit, um mich in den Armenvierteln von Pristina umzusehen, ich wollte wissen, wie diese Leute lebten, nachdem so viele ihre Arbeit verloren hatten. Nie hatte ich mir vorgestellt, dass es so viel Not und Elend gibt, wie ich es dort antraf. Ich wollte diesen Leuten irgendwie helfen. Mein Vater hatte uns gelehrt, wie man Häuser renoviert, wie man Zement anrührt, Wände streicht und vieles mehr, so half ich den Leuten bei solchen Arbeiten. Dann begann ich, Hilfsgüter zu organisieren. Ich ging von Haus zu Haus und fragte die Frauen, wie viele Familienmitglieder sie seien und was sie benötigten; dabei bemerkte ich, dass viele Frauen weder lesen noch schreiben konnten.» Igballe Rogova

«Vor meiner Flucht hatte ich das Studentenleben genossen, und ich war als Sängerin in ganz Kosova bekannt. Ich hatte mich dort als eine wichtige Person gefühlt. Und nun musste ich plötzlich in der Schweiz Toiletten putzen und den Stall misten! Zu Hause hatten wir auch eine Kuh, und ich kümmerte mich gerne um sie, ich sang bei der Arbeit. Ich tat es für meine Mutter, so machte es mir Freude. Aber dass ich all dies in einem fremden Land machen sollte, für fremde Leute, das war eine Katastrophe für mich! Ich fühlte mich als ein Nichts!» Adifete Reka

«Ich traf am Bahnhof viele arme Menschen, aber auch solche, von denen ich wusste, dass sie sehr reich waren. Ich wollte mit ihnen sprechen und hören, was sie fühlen und denken, aber alle dachten nur ans nackte Überleben, es war ihnen egal, wenn sie alles verloren, nur leben wollten sie. Auf einmal waren alle gleich, die Armen und die Reichen. Für die, die hier blieben, war die Hauptbeschäftigung, zu zählen, wie viele Menschen noch da waren, wie viele Verwandte und Bekannte.» Latife Neziri
Elisabeth Kaestli
© Lisa Schäublin

Elisabeth Kaestli

Elisabeth Kaestli, geboren 1945 in Frutigen BE, aufgewachsen in Biel / Bienne. Dolmetscherstudium in Genf und Triest. Ab 1973 als Journalistin für verschiedene Medien tätig. Seit 2000 freischaffende Journalistin und Autorin.

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Einleitung

Zum ersten Mal besuchte ich Kosova im November 1998 als Journalistin mit einer Delegation des Hilfswerkes der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS). Seit März dieses Jahres hatte es heftige Kämpfe zwischen der jugoslawischen Volksarmee, serbischen Sonderpolizeieinheiten und der kosova-albanischen Befreiungsarmee UÇK gegeben. Massaker an ganzen Familien in der Region Drenica und die Vertreibung Hunderttausender von Menschen, die sich monatelang in den Wäldern versteckten, hatten die Weltöffentlichkeit alarmiert. Nach mehreren fruchtlosen internationalen Verhandlungsversuchen hatte der amerikanische Vermittler Richard Holbrooke am 13. Oktober 1998 schließlich ein Waffenstillstandsabkommen ausgehandelt. Der Waffenstillstand sollte zwar nicht lange anhalten, doch in den kalten Novembertagen 1998 war die Situation ruhiger als in den Monaten zuvor, und es gab in Kosova wieder eine gewisse Bewegungsfreiheit.

Auf meiner Reise durch das kriegsversehrte Kosova traf ich mutige, engagierte Frauen, die ihr Schicksal in die eigene Hand genommen hatten. Viele dieser Kosova-Albanerinnen kümmerten sich unter schwierigsten Bedingungen um Flüchtlinge, andere gingen unerschrocken ihrer Arbeit im Kriegsgebiet nach. Und auf Schritt und Tritt begegneten mir Frauen, deren Brüder, Väter oder Ehemänner seit Jahren abwesend waren. Die Männer lebten als Gastarbeiter in der Schweiz, in Deutschland oder Österreich, um die Familien in der Heimat zu ernähren.

Ich realisierte, dass ich fast nichts über das Leben der Kosova-Albanerinnen wusste. Die Frauen kamen nicht vor in der Berichterstattung über Kosova – oder nur reduziert auf die Rolle von Kriegsopfern.

Bei allem Entsetzen über die Gewalt, über Krieg und Vertreibung empfand ich rasch eine Faszination für Kosova, genauer gesagt für die Frauen in Kosova. So entstand die Idee, ein Buch über das Leben kosova-albanischer Frauen zu schreiben. Es war der Lebensmut starker, herzlicher Frauen, ihre Fröhlichkeit inmitten von Schwierigkeiten und Leid, die mich beeindruckten. Spontan und pragmatisch packten sie die Arbeit an, als setzte die Not Energien in ihnen frei. Ich wollte mehr über diese Frauen erfahren und ihre Lebensgeschichten dokumentieren. Die Frauen sollten selbst zu Wort kommen.

Das Kriegsgeschehen im Winter und Frühjahr 1999 verzögerte mein Vorhaben. Während der Nato-Bombardierungen im Mai 1999 reiste ich stattdessen nach Mazedonien, um über die Situation der Vertriebenen zu berichten. Unter den Flüchtlingen traf ich mehrere Frauen, die ich im Jahr zuvor in Kosova kennen gelernt hatte. Sie waren bereits wieder an der Arbeit und setzten sich für ihre Landsleute ein.

Wenige Wochen später war der Krieg zu Ende. Traumatisierte Menschen kehrten ins zerstörte Kosova zurück. Die Männer begannen Häuser aufzubauen und Felder zu bestellen. Die Frauen versuchten, den Alltag wieder lebbar und die Gemeinschaft funktionsfähig zu machen. Es entstanden Selbsthilfeprojekte für Witwen, Spielgruppen für Waisenkinder, Kurse für junge Frauen, Beratungsstellen und vieles mehr.

All diese Frauenarbeit macht keine Schlagzeilen. Sie lässt sich nicht in gedeckten Dächern und gepflügten Aaren messen. Auch wird im öffentlichen Leben und in der Politik die Stimme der Frauen kaum wahrgenommen, sie benötigen Sprachrohre, um gehört zu werden.

Dieses Buch soll fünfzehn kosova-albanischen Frauen eine Stimme verleihen. Geschichten einzelner Menschen machen Fremdes erfahrbar, sie weisen über das Einzelschicksal hinaus auf das Zeitgeschehen und auf Gesellschaftsformen. Meine Hoffnung ist, dass sich über solche Geschichten Menschen unterschiedlicher Kulturen näher kommen.

Im Frühjahr 2000 begann ich, die Geschichten mehrerer Frauen zu sammeln und niederzuschreiben. Das Arbeitstempo wurde durch die Zwänge der Übersetzung und die Schwierigkeiten der Kommunikation und des Reisens im zerstörten Kosova bestimmt. Ich erhielt einen kleinen Einblick in die Beschwerlichkeiten des Alltagslebens im Nachkriegs-Kosova. Oft versuchte ich tagelang vergeblich, jemanden telefonisch zu erreichen, weil das Mobiltelefonnetz dauernd zusammenbrach und die Festlinien noch nicht repariert waren. So war es oft einfacher, Kilometer um Kilometer zu Fuss durch Prishtinë zu gehen und an Türen zu klopfen, als zu telefonieren. Zwar gibt es seit Kriegsende massenhaft Taxis in der Stadt, aber die meisten Taxifahrer kennen die Straßennamen nicht, die mehrmals zwischen Serbisch und Albanisch wechselten. Viele Chauffeure lebten jahrelang im Ausland, sie kennen die Straßen von Zürich oder München besser als diejenigen von Prishtinë. Zwischen einzelnen Ortschaften war die Kommunikation noch schwieriger als in Prishtinë. Oft fuhr ich mit Bus, Taxi oder mit Hilfswerksleuten direkt in die verschiedenen Ortschaften, um Abmachungen zu treffen.

Bei jedem Aufenthalt im Laufe dieses Jahres waren kleine Verbesserungen festzustellen: mehr Telefonleitungen, mehr geflickte Straßen und Brücken, Busverbindungen zwischen den Städten, zivile Flüge aus dem Ausland direkt nach Prishtinë und schließlich sogar ein Postdienst. Auch die Zahl der Cafés, Restaurants und Läden, der Internet-Cafés und der Stromgeneratoren vor den öffentlichen Lokalen nahm rasant zu. Immer wieder sorgten aber die vielen Stromunterbrüche für Dunkelheit und Kälte und legten Computer und andere Maschinen lahm.

Für dieses Buch wählte ich fünfzehn Lebensgeschichten von Frauen aus, die mich beeindruckten und die bezüglich Herkunft, Beruf und Alter unterschiedlich sind. Alle Frauen willigten ohne Umschweife ein, die Gespräche zu veröffentlichen. Sie beschreiben das Leben in Kosova aus ihrem Blickwinkel, jenem von kosova-albanischen Frauen. Deshalb werden auch die albanischsprachigen Ortsnamen verwendet, beispielsweise Prishtinë (serbisch Priština), und es wird von «Kosova» gesprochen, das auf Serbisch «Kosovo» heißt.

Nach dem Kriegsende im Sommer 1999 begann tragischerweise ein neues Kapitel von Flucht und Vertreibung, jenes der ethnischen Minderheiten, namentlich der serbischen Bevölkerung und der Roma, die nun in Kosova Repressionen und Gewalt erfuhren. Es wäre ein weiteres Projekt wert, die Geschichte von serbischen Frauen, von Roma-Frauen und Angehörigen anderer ethnischen Minderheiten darzulegen. Das vorliegende Buch beschränkt sich aber bewusst auf kosova-albanische Frauen, da es den Rahmen dieses Projektes gesprengt hätte, die Situation anderer Bevölkerungsgruppen zu dokumentieren.

Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die das Entstehen dieses Buches ermöglicht haben. Zuallererst den Frauen, die mir ihre Geschichten erzählten und sich vom Fotografen Alex Kornhuber porträtieren ließen. Dann den Übersetzerinnen, welche die Mehrheit der Gespräche überhaupt erst ermöglichten. Weiter allen, die meine Arbeit an diesem Projekt finanziell unterstützten: private Gönnerinnen, die Stiftung Gertrud Kurz, das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS), das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) und die Stiftung Ponte Projektfonds. Zudem haben mich mehrere Freundinnen, mein Mann und meine Mutter durch das Lesen und Diskutieren der Texte unterstützt.

Der Bund, 26. Mai 2001

«Frauen in Kosova ist ein Buch, das auf völlig unspektakuläre Weise ein stolzes Kapitel europäischer Frauengeschichte erzählt - ein Kapitel, das ohne das Engagement der Berner Autroin so leicht vergessen gegangen wäre.» Sämann. Evangelisch-reformierte Monatszeitung

«Elisabeth Kaestli schafft es mit dem Buch, das lückenhafte Bild, das viele durch die Medien in den letzten drei Jahren bekommen haben, zu ergänzen. Dabei fällt vielleicht mancher Leserin oder manchem Leser auf, wieviel sie oder er bis jetzt nicht wusste über die Menschen in Kosova, wieviel in der Öffentlichkeit nur oberflächlich diskutiert oder verschwiegen wurde.» Workfare Bulletin

«Die 15 Porträts zeigen, wie Frauen in Kosovo den Krieg überlebt haben und den harten Nachkriegsalltag bewältigen. Und sie zeigen Opfer, die ihre Zukunftshoffnungen nicht aufgegeben haben. Zum Beispiel die 21-jährige Bleta Bicurri, deren Vater zusammen mit zwei Onkeln vor ihren Augen von serbischen Paramilitärs ‹verhaftet› wurde und den sie bis heute nicht mehr wiedergesehen hat. Sie will ihr Albanischstudium weiterverfolgen, da sie Schriftstellerin werden möchte: ‹Schon als Kind schrieb ich Gedichte, und als Schülerin gewann ich einen Preis. Jetzt schreibe ich nicht. Wenn ich zu schreiben versuche, weine ich die ganze Nacht. Aber ich bin ganz sicher, dass ich eines Tages schreiben werde.›» Der Bund
Wann Was Wo
16.5.2018 - 30.5.2018 Serbien, Mazedonien, Kosovo
Geführte Reise mit Elisabeth Kaestli Conrad und Heini Conrad
Westbalkan
 
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