Zeiträume
Christine Tresch (Hg.), Catherine Silberschmidt (Hg.)

Zeiträume

Mit Texten von Isolde Schaad, Ilma Rakusa, Elisabeth Wandeler-Deck, Hanna Johansen

160 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
September 2000
SFr. 28.–, 18.– €
vergriffen
978-3-85791-350-1

Schlagworte

Alter
     
Aus Anlass ihres zehnjährigen Bestehens hat die Fachstelle für Gleichberechtigungsfragen des Kantons Zürich fünf Autorinnen gebeten, sich Gedanken zum Thema Zeit und Erfahrung zu machen: Wie verhalten sich persönliche Rhythmen und Bewegungen zum beschleunigten Wandel unserer Gegenwart? Verändert sich die Wahrnehmung von Zeit mit dem Älterwerden? Was kann die individuelle Zeit der gesellschaftlichen entgegenhalten?
Vorwort
von Catherine Silberschmidt

Isolde Schaad
Louise und die Schirmherrschaft

Ilma Rakusa
Jalousie: Tagtraum: Bewegliche Zeit

Anne Cuneo
Mein Freund Leslie

Elisabeth Wandeler-Deck
Sie tauchte ab.

Hanna Johansen
Nicht vergessen

Louise und die Schirmherrschaft

Isolde Schaad

Es war zu Anfang eines Jahrtausends, das nichts Richtiges mit sich anzufangen wusste. Das Angebot war zu gross. Es gab Unentwegte aus dem letzten Jahrhundert, das wusste Louise. Der Gang der Unentwegten war langsam, das Haar unter der sinkenden Sonne des Sozialstaates schütter geworden. In den mit Schuppen besäten Scheiteln der Männer liess sich die politische Anstrengung nieder und wirkte wie schmutziger Schnee. Der Zustand der mit ihnen unverheirateten Frauen war am Haaransatz zu erkennen. Der wurde regelmässig von neuem krass schwarz, oder dann rot, aufs Positivste. Louise starrte auf ihn, in der Warteschlange, an der Kasse, im Kino und im Konzert, wenn er die Sicht aufs Orchester verbaute. Die Wende von Henna zur Firma, die Sunset 2001 hiess, oder Ever Lovely, vollzog sich synchron mit dem Kurs der Grünen ins Finstere. Das Henna verzog sich in Strähnen, und die Frisur wusste nicht mehr, wo es nun langging, in dieser Epoche ohne klare Empfindung.

I

Louise, genannt Lou, zählt sich nicht zu den Unentwegten, obschon sie mit ihnen sympathisiert. Sie will ergrauen ohne seelischen Aufwand, und ohne etwas beweisen zu wollen. Sie hat sich nämlich entschlossen, das Altern in Angriff zu nehmen wie eine Pendenz. Eine Pendenz erledigt man, ohne Aufheben zu machen. Erster Akt: Louise tauscht die 40-Watt-Birne im Badezimmer mit einer 60-Watt-Birne aus: Schluss jetzt mit der Sinnestrübung und den Wolken der Illusion, Schluss mit dem Spiegelbild auf Distanz und im Dämmer. Sie blickt nun der Sache ins Auge, dort wo sie sich zeigt, als Kerbe über der Lippe, als Mal auf der Nase, als Rinne und Rune, die sich am Mundwinkel wie ein Fächer gebärden.

Aargauer Zeitung, 10. Januar 2001


«Die Zeiterfahrungen, die sich in den fünf kurzen Erzählungen spiegeln, kommen zwischen spielerischem Kurzweil und langer Weile zu liegen.» Aargauer Zeitung
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