Das Kursbuch des Fahrtenschreibers
Ernst Strebel

Das Kursbuch des Fahrtenschreibers

Roman

296 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
August 2000
SFr. 38.–, 38.– €
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978-3-85791-347-1

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Schlagworte

Literatur
     
Der Stromabnehmer einer Lokomotive reisst, im Zug sitzt ein «in der Region bekannt gewordener» Sänger, der darauf einen Anschluss verpasst und seinen Auftritt verpatzt: Stimmkrise.

Der Sänger beginnt, Tagebuch zu führen, und plötzlich ist überall Krise. Auf den 400er Linien kämpft sein Freund mit offenen Beziehungsformen und Eifersucht, auf Linie 900 findet sich ein anderer Freund mit den Sperrzonen in seinen Beziehungen und in der Gesellschaft nicht ab und gerät in vermintes Gelände. Der Sänger selbst pendelt auf 504 zwischen partnerschaftlich geteilter Hausarbeit, Kunst und Unterricht pendelt, aber die Schule wird reformiert und an Linie 600 wohnt eine andere Liebe. Auf Linie 850 gräbt er mit seiner Schwester in der Kindheit, und auf Linie 657 wird er von einem Phoniater und Bahnangestellten behandelt.

Die originelle Form dieses Romans ermöglicht vernetztes Lesen. Der leidenschaftliche Bahnfahrer nutzt die Zeit im Zug, um zu schreiben. Entsprechend spiegelt das Bahnnetz sein Beziehungsnetz: Ob man das Buch von vorne nach hinten liest, chronologisch nach Bahnfahrten oder in thematischer Reihenfolge: Hypertextartig ergeben sich Fragmente von Geschichten, durchwoben von andern, die sich allmählich zu einem vernetzten Ganzen fügen.
Ernst Strebel
© Yvonne Böhler

Ernst Strebel

Ernst Strebel, geboren 1951, lebt in Kölliken.

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251 Lausanne—Payerne—Lyss

23.5. Bahnhof Payerne: «Du nimmst den Odem weg ...»

Mein Zwerchfell wurde an diesem Schöpfungsabend eingeschrumpft, die Lunge gelähmt, jede Bronchie verengt, die Bauch- und Rückenmuskulatur blockiert, jedes Stimmband versteift, der Kehlrachenraum verstopft.

Und das in der Abatialle, in diesem weiten, hochgewölbten Raum, auf dessen tragende Akustik ich mich so gefreut hatte.

Wie ich «Seid fruchtbar alle» sang! Ohne Atem, und nach jeder Pause versuche ich, Luft in mich hinunterzupressen; den Ton drücke ich so hinaus, dass er wenigstens +bis zu den ersten Sitzreihen dringt. Ich würge, als kröchen auch aus meinem Mund zwei Schlangenleiber, wie bei einer der Kapitellfiguren hoch oben im südlichen Querhaus. Warte ich auf den nächsten Einsatz, schaue ich manchmal zu diesen uralten Gesichtern empor. In ihren kreisrunden Augen mit den ausgebohrten Pupillen sehe ich mein Entsetzen starren; auch mein Körper ist weggeschrumpft, wie der des Trikephalos Belzebub; auch ich bestehe nur noch aus einem Kopf und Händen, in denen ich krampfhaft die Schöpfung halte.

«Mehret euch!» Die Kenner schüttelten unmerklich den Kopf. Die hatten zusammen mit diesem Orchester und diesem Dirigenten an einem solchen Aufführungsort einen ganz anderen Bass erwartet.

Ich stand vor dem Publikum wie einer, der am Jüngsten Gericht vor den Auserwählten steht; jeder Ton zu meiner Rechtfertigung trat flach aus, fiel für alle Zeiten hinunter in die gähnenden Abgründe zwischen mir und den Gerechten.

«Und füllet jede Tiefe!» Das tiefe a war überhaupt nicht mehr hörbar.

Ich, der seriöse Bass!

Das Buffet hier soll eine gute Küche haben, und der Blick auf die mächtige Zeder jenseits der Gleise lädt zum Verweilen ein. Ich muss mich auffangen. Morgen ist die erste Dichterliebe-Probe.

Weiter auf Linie --»504

504 Zofingen—Aarau

27.5., Bahnhof O.: Obwohl ich nicht müde bin, sitze ich erschöpft da. Der leere Warteraum ist wohl tuend. Ich versuche, nicht an all die Leute zu denken, die mir gegenüber sassen, auf meine Stimme warteten.

Wie froh ich bin, dass ich jetzt zu Marcel fahren und mit ihm sprechen kann.

Bahnhof A., Perron 2: Nichts tun müssen. Mein Dasitzen ist legitimiert: Ich warte auf den Zug.

Neben mir hängen an einem Metallgestell Wagenschilder und klappern leicht im Luftzug des Güterzugs, der soeben durchgefahren ist. Zuoberst hängt das Schild Aarau–Muri–Rotkreuz. Auf den Schildern darunter sind noch ganz andere Strecken denkbar.

Vielleicht bin ich nie so offen, wie wenn ich auf den Zug warte.

--» 650

650 --» Zug A.—O.: In den Märchen muss der Held immer alles Geld, das letzte Stück Brot, das letzte Kleidungsstück einsetzen. Müsste einer auch seiner Kunst (dem Gesang, dem Schreiben) alles opfern? Das Zusammensein mit den Kindern, die Arbeit im Haushalt?

28.5., Zug O.—A.: Ob die Stadtsänger erfahren haben, wie schlecht ich in der «Schöpfung» war? Die Krönungsmesse habe ich sonst auf sicher, aber jetzt?
Mühsam, in diesem Regionalzug wieder und wieder abgebremst zu werden.

Nach S.: Die Fahrenden haben ihr Winterquartier auf dem Parkplatz des Freibads verlassen: Personenautos stehen in Reih und Glied.

Zug A.—O.: Der Chor empfing mich wieder freundlich. Ich presste, aber das merken die meisten ja nicht.

Bahnhof S.: Der Zug wartet schon 10 Minuten auf den Anschluss aus H. Zu müde zum Lesen, schlafen kann ich auch nicht, zu sehen gibt's nichts in diesem weissgelblichen Neonlicht.

29.5., Zug O.–A.: Aktion Gratiskaffee mit Gipfeli vor dem Bahnhof (wahrscheinlich, um uns über die Taktlücke hinwegzutrösten). Armin Hirt, sichtlich gehemmt, bediente die Pendler, die auf den Zug nach Zürich warteten. Wie wir allein waren, fluchte er über die Scheissaktion. Er sei ausgebildet, um Züge abzufertigen, nicht um Kaffee und Gipfeli anzubieten. Diese augenwischerischen Public-Relation-Aktionen der SBB! Dieses bürgerliche Scheissparlament und seine Vasallen in der Generaldirektion, präzisierten wir und machten Duzis.

30.5., Bahnhof O., Wartsaal: Endlich wieder einmal zu Carlo fahren!

--» 650

650 --» Zug A.—O.: Wie lange werden Weite und Helligkeit des Domleschgs nachwirken? Jetzt sehe ich mich, gespiegelt in den Spiegelungen, wieder in einem fünffachen Innenraum sitzen.

1.6., Bahnhof O.: Dieter und Matthias sind mit mir aufgestanden und im Pyjama ins Musikzimmer gekommen. Wie ich die Einsingübung mit dem Korkzapfen zwischen den Zähnen machte, ging Matthias hinaus und kam wenig später mit einer Brio-Lok im Mund wieder herein, stellte sich mir gegenüber auf und sang auch «liebe-lebe-liebe-lebe». Dabei fiel die Lok zu Boden und er lachte sehr. Dieter holte sich eine Brio-Weiche, nahm sie in den Mund und sang mit. Das fanden beide je länger je lustiger; ich lachte zuerst auch, aber dann brachte ich sie doch Marlene, denn sonst konnte ich meine Seele nicht in den Kelch der Lilie hineintauchen; ich war ja am Nachmittag im Haushalt.

2.6., Bahnhof O.: Zur Schwester fahren, als müsste ich ausatmen gehen. Mich erden in der alten Vertrautheit, wie in früheren schlimmen Zeiten. 

--» 850

650 Olten—Zürich

504 --»  27.5., Zug Aarau—Olten: Nach den letzten Bäumen des Bally-Parks steht der Kühlturm mächtig im Zugfenster: «Wie wird Beton zu Gras?»

Die Diskussion über das «Alte» (über den Leistungs- und Verhärtungswahn der Männer) schien, als ich den von Marcel empfohlenen Roman las, meine damalige Suche nach der «Stimme» zu bestätigen. Vielleicht gelingt es Marcel, meinen Utopie-Akku wieder etwas aufzuladen.

--» 410

410 --» Zug Olten—Aarau: … von Treffen mit einer Kollegin, die häufiger geworden und anregend sind.

Jetzt sehe ich vom Betonturm nichts mehr als die roten Lichter, die frei im Nachthimmel zu schweben scheinen. Hat der von uns entworfene Mann etwas mit dem «Neuen» zu tun ( ich habe Marcel an unsere Diskussionen über Walters Romane erinnert)?

--» 504

504 --» 30.5., Bahnhof Aarau, Perron 1: Jetzt könnte ich singen, hier, auf der roten Bank vor dem «Gaden», den Kopf bequem angelehnt an die Mauer zwischen den Fenstern.

Ein langer Güterzug ist durchgefahren. Ich habe in seinen Lärm hinein gesummt, und die Schädeldecke, die Stirn, der Kehlrachenraum, die Brust und der Bauch haben vibriert: Ich hätte den Ton in ein tragendes Forte öffnen können.

Die latente, körperlich spürbare Erinnerung an meine Töne, die in der «Schöpfung» flach vor mir verendeten, ist nach der Durchfahrt des letzten Wagens zurückgekehrt.

Zug Aarau—Zürich: Rot und Anthrazitschwarz; Orange mit weissem Mittelstreifen; gelber Mittelstreifen im Metallgrau; cremiges Ultramarinblau und Beige; Anthrazitgrau, weisser Mittelstreifen, Rauchgrau; Grün und Hellbeige; Blau, Weiss und Leuchtgelb; Feldgrün; Feuerrot; Nachtblau: die Farben meiner Welterfahrung in diesen paar hundert Metern Gleis- und Weichengewirr vor dem Hauptbahnhof: ganze Wagenkompositionen stehen bereit: österreichische, deutsche, italienische, schweizerische, die Wagen des Talgo Pendular, der umgebaute TEE-Zug, die doppelstöckigen Kompositionen der S-Bahn und die Kolibris, die Wagen der sechziger und siebziger Jahre, ganze Reihen von Loks 2000, die Euro-Night-Couchette-Wagen: Jede Abfahrt scheint möglich, die Wagen werden immer neu zusammengehängt, die Weichen nie ein für alle Mal gestellt. 

--» 900

900 --» Zug Zürich—Aarau: Ich stelle sie mir vor: Wie sie nach zehnstündiger Wanderung am Bahnhof von Preda auf einer roten Bank in der Abendsonne sitzen, nach dem stundenlangen Gehen nebeneinander nun aneinander gelehnt.

--» 504

 

410 Olten—Biel/Bienne

 
650 --» 27.5., Zug Aarau—Solothurn.: (Olten, nach der Fahrt über die Aare, gleich nach dem Bahnhof): Das nachhaltigste Bild aus jenem Roman: die junge Frau, die sich auf dem Rücken unter dieser Eisenbahnbrücke von der Strömung treiben lässt, als müsste sie nie mehr ans eindämmende Ufer zurück.

Loslassen lernen; «rilasciati», sagte Agnese in Florenz jeweils. Hier im Zug widerfährt mir das Loslassen fortwährend: Auch jener gerade, von Pappeln gesäumte Weg, der in die Ebene am Jurasüdfuss hinausführt, gleitet aus meinem Blickfeld, und ebenso die sonnenbeschienene Kalksteinfluh über dem steil ansteigenden Laubwald.

War in jenem Roman nicht auch von der Auflösung aller Grenzen die Rede, vom selbstverständlichen Verschmelzen mit den Männern und Frauen, die uns gerade nahe sind?

Wären die Verschmolzenen entspanntere SängerInnen?

Agnese lehrte mich, mit Abstand zu singen.

Nach Hägendorf: mehrere hundert Meter den Gleisen entlang die Baudienstwerkstätte der SBB, lange, leuchtend gelbe Laufkrananlagen mit breiten Kranbrücken, darunter hohe Stapel sehr langer Schienenstränge und Eisenschwellen: genug Material, um eine neue Linie zu legen, quer durch die weite Ebene, in den dunstigen Horizont hinein nach Süden; oder über die langen, geraden Grate des Kettenjuras nach Westen hin, mit einer weit gespannten Stahlbrücke, die über die schroffen Fluhfelsen der Balsthaler Klus hinwegsetzen würde.

Zug Solothurn—Olten: Mit Marcel war ich, nach einem Spaziergang der Aare entlang, im «Weissen Stier». Der ist im letzten Winter erweitert worden. Die Genossenschaft hat die oberen Stockwerke gekauft und darin ein Mittelklasse-Hotel eingerichtet. Die Beiz unten ist frisch gestrichen; gegessen wird in einem auf zwei Seiten verspiegelten Speisesaal im ersten Stock.

Ich habe ihm von meiner lähmenden «Schöpfung» erzählt: wie ich mich den höhnischen, strengen Blicken der Kenner ganz anderer Leistungen ausgesetzt sah, mich erkannt fühlte, nunmehr entlarvt als einer, der sich eine Position angemasst hat, die ihm nicht zukommt, der bestenfalls in den Chor gehört, wo es vielleicht sogar tragendere und tiefere Bässe gibt als ihn. Warum ich nicht durch den Dirigenten hätte bekannt geben lassen, in welcher Verfassung ich angekommen sei, das sei doch üblich, hätte Druck weggenommen. Ich erklärte, der blockierte Zug habe die Verspannungen, von denen mein Singen stets gefährdet ist, nur verhärtet, nicht erzeugt. Er fand das konsequent gedacht, aber zerstörerisch; auch faszinierend; er fantasiert manchmal auch davon, alles fahren zu lassen, kein Gedicht mehr zu schreiben, keine Literaturkritik, kein Hörspiel, vor allem kein Theaterstück mehr, bei dem er den Kennern ja am direktesten ausgesetzt sei. Niemandem mehr beweisen müssen, dass man jemand ist.
  (Hier im gelblichen Neonlicht bin ich gleich viermal jemand: Ich sehe mich, auf den grünen Plastikpolstern sitzend, im Fenster neben mir und im Fenster des leeren Abteils nebenan, und hinter diesen Spiegelungen auf beiden Seiten noch einmal, unschärfer, in der Spiegelung der Spiegelung. Als Fahrender in einem rüttelnden Schnellzugwagen der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre bin ich bewiesen, wenn auch mit abnehmender Deutlichkeit.)

Unser altes Thema: nicht anerkanntermassen kompetent sein, Spezialist, hervorragend wenigstens in einem eng begrenzten Bereich. Er möchte wieder einmal etwas Literaturkritisches schreiben, über das Kind in der Lyrik eines gewissen Orelli. Das verlange eine aufmerksame Lektüre der Gedichte, zudem die Berücksichtigung einer reichen literarischen Tradition. Intertextuelle Anklänge nennt man das offenbar, und daran war er heute Morgen, als er hörte, wie es polterte und Yves laut aufweinte: Er sei mit einer Legoburg in den Händen die Treppe hinuntergestiegen und gestolpert); Katrin war gerade auf Einkauf, Irène schon in der Schule; da habe er sich doch nicht weiter mit dem Kind in den Gedichten im semiotischen Spannungsfeld einer siebenhundertjährigen Tradition beschäftigen können, habe natürlich Yves in die Arme genommen und ihm dann beim Wiederaufbau geholfen; zwar kam dann Katrin heim, aber nun hatte er nicht mehr genügend Zeit, sich wieder in die Gedichte hineinzudenken, denn um zehn ging Katrin arbeiten; morgen ist er nochmals im Haushalt, dann kommen zwei Schultage, und erst dann hat er wieder einen Freiraumhalbtag, und die literarischen Anklänge verhallen bis dann wohl wieder, und auch die heute Morgen aufgetauchte Idee, Tiefenpsychologie einzubeziehen, bleibt hängig, sozusagen über dem Auflauf, den er gekocht hat, über der Legoburg, über dem Bügelbrett und über den Lektionsvorbereitungen.

Bahnhof Olten, Buffet: Ich bin erstmals seit dem Umbau hier drin. Der Raum scheint grösser als früher: Links von der Theke, wenig über der grün gepolsterten Wandbank, ist die Wand mit einer Spiegelfläche verkleidet, die durch senkrecht verlaufende Bänder von roten, grünen, gelben und blauen Glasquadraten viergeteilt ist. Auch zwischen den hohen Fenstern der beiden Längsseiten sind die oberen Wandabschnitte verspiegelt. Und in einem weit geschwungenen Bogen durchläuft von der Theke her eine Polsterbank den ganzen Raum. An einem der Tische davor sitzen drei Männer und zwei Frauen, mit A-4-Blöcken aus Umweltpapier vor sich, in eine Besprechung vertieft; noch immer, jetzt, um halb elf Uhr. Einen Generalstreik werden die ja nicht planen, aber sie sehen aus wie Vertreter einer Umweltorganisation und gerne glaube ich, dass sich in diesem Buffet seit 1918 die Leute treffen, die in der Schweiz etwas verändern möchten. Ihre Zahl wird durch den Wandspiegel gar verdoppelt, und die Sicht auf die Gleise beidseits des Buffets ist unverändert frei.

Das Grotto Ticinese allerdings, das alte, verrauchte Buffet 2. Klasse, wo alte Alkoholiker herumsassen und, wie Marcel wussste, der Vorstand der Progressiven Organisationen nach Delegiertenversammlungen manchmal essen ging und die Unruh in der Schweizer Uhr in Bewegung hielt, ist in ein «Aperto» umfunktioniert worden.

Wir haben wieder über den Dilettantismus gesprochen und dass man daraus ein neues Männer-Bild herleiten müsste. Marcel setzte an: «Dilettantismus» als eine neue Erscheinungsform des Homo universalis: «Universalität» würde dabei, anders als beim Renaissancegelehrten, nicht Wissen in möglichst vielen Wissenschaften und Fähigkeiten in verschiedenen Künsten bedeuten, sondern auch Erfahrungen in möglichst vielen alltäglichen, einen jeden von uns prägenden Bereichen einschliessen. Für den heutigen Mann hiesse das: sein Erfahrungsdefizit im Haushalt, im Familienalltag decken (wobei ihm klar sei, dass es dazu nicht der Vaterschaft bedürfe, dass ein neuer Mythos «Mann mit Kind» auf jeden Fall vermieden werden müsse). Jeder Manager, sagte Marcel – wir hatten nun einen Krautstilegratin und eine Flasche Twanner im Bauch, und er zog auch das schwarze Seidengilet, das er über dem weissen Jeanshemd trug, aus –, jeder Manager sollte, nachdem er die Arbeit für Hunderte von Angestellten geplant hat, einen Einkaufszettel für die nächsten zwei Tage schreiben oder eine Treppe mit einem anderthalbjährigen Kind hochsteigen, Tritt für Tritt, oder einen alten Mann waschen und dann anziehen, Kleidungsstück um Kleidungsstück, und dann wieder an die Arbeit gehen; ein Stadtrat sollte seine Entscheidungen treffen, nachdem er ein paar Hemden und Blusen gebügelt und Haare aus dem Ablauf der Badewanne herausgezogen hat, ein Literaturwissenschaftler sein erzähltheoretisches Modell mit rezeptionsästhetisch-semiotischer Ausrichtung am Erzählen eines Märchens während des Kochens messen; und ein Sänger – ich löste den Knopf meines graublauen Baumwollhalstuchs und steckte es, trotz Erkältungsgefahr, in die Kitteltasche –, auch ein berühmter Sänger sollte seinen Stimmbändern die Stimme zumuten, die sich überschlägt, wenn er, in der abendlichen Übermüdung, den Kindern, die in irgendeinem Verfolgungsspiel herumschreien, zubrüllt, sie sollten jetzt endlich aufräumen. Ich zog meinen Kittel, trotz leichter Zugluft im Speisesaal, aus, und wir bestellte zwei Stangen, mit denen wir auf den Homo universalis, eine Art Kreuzung zwischen Meister Proper und Karajan (oder Umberto Eco und Ecover, meinte Marcel) anstiessen, und beim Grappa gab Marcel meiner Stimmkrise die Weihe des Märtyriums und ich spüre meine leicht brennenden Stimmbänder jetzt wie ein Heiliger seine Haut, die auf dem Rost für eine ein bisschen bessere Welt verkohlt.
Bevor mein Zug einfuhr – Marcels Zug nach Fraubrunnen fuhr ein paar Minuten nach meinem – sprach er von einem neuen Hörspiel, an dem er schreibt, und …

--» 650

900 Zürich—Chur

650 --» 30.5., Zug Zürich—Chur.: Die «Dichterliebe» hervorgenommen, um beim Fahren auswendig zu lernen: «Ich hab' im Traum geweinet, mir träumte, du lägest im Grab.» Schon in Thalwil wieder weggelegt.

Der See als freie Fläche zwischen den dicht besiedelten Ufern.

Fahrenlassen.

Bahnhof Chur, Buffet: Was für ein schönes Buffet, mit all den hölzernen Intarsienmedaillons an der Wand. Über mir «Oria e Monte S.Salvatore»; mir gegenüber «Flüelen mit Bristen».

Ich überspringe einen Zug: Sitzen bleiben, als sei jede Abfahrt möglich.

Spaziergang mit Carlo von Rodels aus zum Canovasee. Lange dort gesessen, das breiteTal und die hohe Pyramide des Beverin vor uns.

Ich habe ihm von meiner lähmenden «Schöpfung» erzählt, wie ich in «Seid fruchtbar alle» mich abmühte mit dem entsetzlichen Gefühl, die Töne endeten schon in mir – wie feuchte Geschosse, die nicht zündeten, die nicht einmal Rohrkrepierer wurden, kam mir in den Sinn, in diesem von Militärerinnerungen minierten Gebiet. Er fragte nach dem Umfeld solcher Konzerte, wollte genau wissen, was ich in den Stunden vorher jeweilen mache, fand dann, ich begrenze mich halt in zu vielen Lebensbereichen, sei von zu vielen Bedingungen eingeschränkt – Haushalt, Gesangstunden, Zugfahrpläne, Proben; Leben nach Tagesbefehl. Bei mir bist du schon lange nicht mehr gewesen und die letzten Male nur kurz; wie lange es her sei, dass wir am See eine Nacht lang schwatzten, tranken (er habe übrigens wieder eine Flasche «Fontanafredda», oder ob ich keinen Grappa mehr tränke), schwammen, um dann in der Frühe zur Konditorei in Thusis zu einem ausgiebigen Frühstück zu gehn. Unmöglich, seiner Meinung nach, sich in einen «weiträumigen Gesang» hinein zu öffnen zwischen einer festen Ankunfts- und einer festen Abfahrtszeit, sozusagen; ich solle mich z.B. im Haushalt ersetzen lassen. Das wies ich vehement zurück; ich will nicht in einen alten Rollenzwang zurückfallen.

Er sagte, er sei noch immer angezogen von allem, was mit Aufhebung von Abgrenzungen zu tun habe; seit etwas mehr als einem Jahr trifft er sich ab und zu mit einer verheirateten Frau, Marianne; sie sind auf langen Bergwanderungen und Klettertouren zusammen, stundenlang nebeneinander sprechend, in steilen Abschnitten auch lange schweigend; abends verabschieden sie sich voneinander. Auch schon haben sie, sehr müde, mit der angestauten Tageshitze und davon gleichsam aufgelöst, in einem Hotel oder einer SAC-Hütte übernachtet und sind tags darauf nochmals sehr weit gegangen. Nie sehen sie sich zwischen diesen Touren.

Er erwähnte noch, aber nur kurz, eine Frau, Salome, eine Malerin mit Atelier in Basel.

Wie stets von alten RS-Bekannten gesprochen; deshalb vom Militärdienst auch; er erzählte mir von zwei Dienstverweigerern, die er verteidigte. Ab und zu übernehme er auch fettere Aufträge, aber nicht viele. Die Nachmittage und Abende wolle er, wenn immer möglich, im Atelier verbringen.

Bahnhof Zürich: Ich überspringe einen Zug und sitze hier in der grossen Bahnhofhalle vor dem «Arcade». Menschenströme Richtung Perron, Menschenströme von dorther Richtung Ausgang. Alle in Eile, dem Sonntag ein Ende zu setzen.

Nur der Rektrut und seine Freundin, die sich mir schräg gegenüber an das Geländer über den Rolltreppen lehnen, nicht; eng umschlungen stehen sie da, blicken ab und zu auf die grosse Treffpunkt-Uhr, drücken sich dann umso fester aneinander. Jetzt gehen drei Rekruten mit Effektentasche in der einen und je einem Sechserpack Bier in der andern Hand an den beiden vorbei. Morgen kannst die Knarre umarmen, grölen sie ihrem Kameraden zu. – Besetzt ihr mir einen Platz? – Erst jetzt sehe ich, dass neben ihm am Boden zwei Halbliter-Bierdosen stehen; die Deckelöffnung ist noch bei keiner eingedrückt. 

--» 650
Aargauer Zeitung, 6. September 2000
Zofinger Tagblatt, 13. November 2000
Pro Bahn, Oktober 2000
Woche, 30. November 2000

«Sprachlich gelingt es dem Autor, trotz der gewählten Form des Tagebucheintrags, das angebunden kurze Notathafte in angemessenem Rahmen zu halten. Trocken ist dieses Tagebuch nicht, ja manchmal ist es sogar fantastisch-sinnlich, etwa auf der erfundenen Bahnlinie 657, wo der Fahrtenschreiber von einem Phoniater mit seltsam skurrilen Methoden von seiner Stimmkrise befreit wird. Oder auf der ersehnten Fahrt in den Süden, nach Italien, dem erträumten Fluchtort seit Kindheitstagen. Auch durch die so genannten Präludien, in denen der Fahrtenschreiber selbst versucht, sein Leben in kurzen Skizzen und Impressionen niederzuschreiben, schafft es der Autor, das manchmal nervige Hin-und-her-Springen von Linie zu Linie vergessen zu machen, gibt dem Buch Zug. Worauf also noch warten. Steigen Sie um, lösen Sie eine Fahrkarte und lesen Sie dieses Buch.» Aargauer Zeitung

«Der Roman pendelt zwischen äusseren Streckenbeschreibungen, die auf der Klassierung der fahrplanmässigen Kurse basieren, und der Seelenreise in einem Beziehungsnetz hin und her. Strebel weist sich einerseits als präziser Kenner der Eisenbahnwelt aus und hat darüber ausführliche Recherchen angestellt. Seine Schilderungen der Bahnhöfe, Pfeifsignale, Streckenführungen und Wartsäle sind von fast greifbarer atmosphärischer Dichte. Ebenso anschaulich manifestieren sich aber anderseits auch seine Beobachtungsgabe und sein Einfühlungsvermögen über das Rollenspiel der im Roman vorkommenden Figuren. Diese sind genauso authentisch beschrieben und gewinnen vor dem geistigen Auge Gestalt und Farbe. Alles, was im Buch vorkommt, ist erlebt, auch das Erfundene.
Das ‹Kursbuch des Fahrtenschreibers› ist eine Lektüre, welche die Musse des Entdeckenwollens benötigt. Dann belohnt sie die Leser durch ihren Witz und ihre Originalität.» Zofinger Tagblatt

Bilder zum Roman

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Am Ort der Stimmkrise in Payerne

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Aus dem Postkartenalbum der Grossmutter: Gotthardlinie

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Gotthard elektrifiziertAus dem Postkartenalbum der Grossmutter: Gotthardbahn

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