Schuhwerk im Kopf
Laure Wyss

Schuhwerk im Kopf

Und andere Geschichten

64 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Januar 2000
vergriffen
978-3-85791-341-9

Schlagworte

Alter
     
Begegnungen mit alten Menschen in Vergangenheit und Gegenwart und damit auch mit sich selbst: Laure Wyss formuliert weder Rezepte fürs Altwerden noch Altersweisheiten.

Betroffen und sachlich zugleich schildert sie Erinnern und Vergessen, Schwierigkeiten des Alltags, notwendige Hilfe, Altersheim, Taschenraub, eine beschwichtigende Umgebung. Durch die kurzen, genauen Prosatexte bekommt man eine Ahnung davon, was das Leben im Alter bedeutet und fordert. Manches kommt einem bekannt vor, und doch ist alles ganz anders. Keine Theorien, aber Mitteilungen: Laure Wyss teilt ihr Altern mit uns.
Laure Wyss
© Ruth Vögtlin

Laure Wyss

Laure Wyss ist am 20. Juni 1913 in Biel/Bienne geboren und dort in die Schule gegangen. Nach der Matura (1932) Sprachstudium in Paris, Zürich, Berlin. Abschluss in Zürich, Lehrerinnenpatent für Deutsch und Französisch, Heirat. Die Kriegsjahre erlebt sie in Schweden und Davos. Sie übersetzt für den «Evangelischen Verlag», auf Anregung des Leiters Arthur Frey aus dem Schwedischen, Norwegischen und Dänischen Widerstandsschriften der skandinavischen Kirchen gegen die deutsche Besatzungsmacht.

1945 Scheidung und fortan in Zürich wohnhaft. 1946 –1948 Redaktorin beim «Schweizerischen Evangelischen Pressedienst». 1949 Geburt eines ausserehelichen Kindes und freie Journalistin. 1950—1962 als Redaktorin beim «Luzerner Tagblatt»; 1958—1967 Redaktorin beim Schweizer Fernsehen. Sie gestaltet das erste Programm für Frauen, später die Diskussionssendung «Unter uns». 1962 tritt Laure Wyss in die Redaktion des «Tages-Anzeigers» ein. 1970 Mitbegründerin des «Tages-Anzeiger Magazins». Seit ihrer Pensionierung 1976 als Schriftstellerin und freie Journalistin für Zeitungen und Radio tätig. Für ihre literarische Arbeit wird sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Werkjahr der Max-Frisch-Stiftung, dem Grossen Literaturpreis des Kantons Bern und der Goldenen Ehrenmedaille des Kantons Zürich. Laure Wyss starb am 21. August 2002 in Zürich.

 

Zur Biografie von Laure Wyss siehe auch:

Barbara Kopp: Laure Wyss. Leidenschaften einer Unangepassten

Ernst Buchmüller: Laure Wyss. Ein Schreibleben, DVD

Corina Caduff (Hg.): Laure Wyss: Schriftstellerin und Journalistin

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Gebt mir Zeit!

Ich dachte auf einmal an die Wochen, als ein Nachbar, Carlos aus Lima, mir Spanisch beizubringen versuchte. Wir lasen Texte zusammen, meistens lachten oder weinten wir über denselben Stellen, ohne uns zu genieren. Einmal hatte Carlos ein Gedicht von Jorge Luis Borges aus irgendeinem seiner Bücher kopiert, und diese Kopie, eine schlechte übrigens und voller Kraxeleien des Lehrers und der Schülerin, fiel mir kürzlich in die Hände. Mein Blick blieb haften auf zwei der letzten Zeilen dieses «Otro poema de los dones», eines Hymnus des Dankes für alle Gaben, die das Leben des Dichters reich gemacht haben. Im Pathos erinnert mich das Gedicht an die Lobpreisungen des Francesco d’Assisi, dem Gesang der Geschöpfe (Il canto delle creature). Der argentinische Dichter beginnt seine Zeilen aber nicht mit «gelobt sei …», sondern mit «gracias por», er bedankt sich für die verschiedensten Dinge und Erfahrungen, die sein Leben als Weltbürger prägten: zum Beispiel für die letzten Tage des Sokrates, für die Wortmelodie aus England, für Verlaine, für die hohen Türme von San Francisco und Manhattan, für Angelus Silesius und so weiter. Fast am Schluss das «gracias»:

por Frances Haslam, que pidiò perdòn a sus hijos
por morir tan despacio.

Frances Haslam, die englische Grossmutter des Jorge Luis, wohnt im Hause ihrer Söhne in Buenos Aires und bittet diese um Verständnis dafür, dass sie derart langsam sterbe. Was für eine merkwürdige Bitte! Noch erstaunlicher, dass dieser Satz dem Enkel so tiefen Eindruck macht, dass er ihr, viel später, dafür dankt. Als Bub hat er seine Grossmutter als alte Frau erlebt, die sich mit ihrem Tod beschäftigt und auch drüber spricht. Was die natürlichste Sache der Welt wäre, was aber selten passiert und deshalb dann den Tod eines Nächsten viel erschreckender macht. Wahrscheinlich ist es dieser Grossmutter Frances Haslam, wie jedem alten Menschen, manchmal verleidet, weiterzuleben, aber sie hat mit Respekt auf den eigenen Tod gewartet; sie hat Geduld geübt, sie wusste, dass diese letzte Lebenszeit für jeden Menschen von grösster Wichtigkeit ist, und sie selber brauche dafür viel Zeit. Sie nahm sie sich. Hat Borges schon als Kind geahnt, dass vor dem Sterben noch viel anderes abläuft als nur der Abbau der Kräfte und der Nützlichkeit; dass jetzt die äussern Stationen einer Biografie, der Erfolg und der Misserfolg keine dominierende Rolle mehr spielen, konventionelle Massstäbe ebenso wie medizinische Einschätzungen wegfallen, dass das langsame Auslöschen eines Lebens vielleicht die gnadenvolle Chance bietet, zu seinem innersten Wesen vorzudringen, nämlich vor dem Tod ein Mensch zu werden. Wer weiss, wer weiss!

 

Notiz

von Hans Baumann

Texte, die für eine Zeitungskolumne geschrieben, im Radio gelesen oder in einer literarischen Anthologie veröffentlicht wurden: in diesem Buch ist das Feld von Medien abgesteckt, in dem sich Laure Wyss mit ihrem Schreiben bewegt. Und ebenso das der Formen. Kritische Stellungnahme, autobiografische Schilderung, spielerische Fiktion ergänzen und durchdringen einander.

Es entstehen Darstellungen von Episoden, Szenen und Zusammenhängen, die sich nahe an der tatsächlichen oder möglichen Wirklichkeit bewegen. Laure Wyss nimmt diese aus ihrer ganz eigenen Perspektive wahr, sieht Details, die anderen, Teilnahmsloseren, verborgen bleiben. Damit gerät sie nicht ins Zufällige, im Gegenteil, ihre Zuneigung zum Einzelnen und dadurch Einzigartigen, Unverwechselbaren eröffnet Einsichten, die wie selbstverständlich vom Besonderen ins Allgemeine führen.

Vordergründig ist häufig vom Altwerden die Rede, vom dabei erfahrenen Verständnis und Unverständnis und von der kaum zu entwirrenden Verbindung von beidem. Dahinter aber erscheint ein Thema, das Laure Wyss seit je beschäftigt, die Bedrohung des Menschen durch Macht und Gewalt. Ob diese sich in ihrer primitivsten Ausprägung zeigt, der brachialen, oder in subtileren Formen – durch die präzise Sprache wird sie gefasst, durchleuchtet und erlebbar gemacht und damit mit Entschiedenheit und, trotz allem, hoffnungsvoll bekämpft.
www.news.ch, 2. März 2000
Bieler Tagblatt, 2. März 2000
Der Bund vom 4. März 2000
Neue Zürcher Zeitung, 22. März 2000

«Wie gestalte ich mein Alter, fragt sich die Autorin, und entfaltet Aspekte ganz eigener Art.» news.ch

«Es ist wohl noch kaum irgendwo so schonungslos offen, so lapidar, so unprätenziös exakt und doch so ermutigend und tapfer über das Alter und seine Beschwerden geschrieben worden wie im jüngsten Buch der bald 87-jährigen Laure Wyss.
Der letzte Text des Bandes, ‹Einbruch im Juni›, ist, da er 1998 bereits im legendären Literatur-Almanach abgedruckt war, zumindest für Bern nicht mehr ganz neu. Im vorliegenden Buch aber nimmt sich dieses Protokoll, das vom heimtückischen Überfall auf die damals 84-jährige Autorin und von der allmählichen Überwindung der entsprechenden körperlichen und seelischen Verletzungen handelt, ganz besonders bewegend aus. Denn nur weil jenes Trauma inzwischen fast ganz vernarbt ist, konnte dieses luzide und unbeschönigt offene, literarisch eindrucksvolle Selbstporträt entstehen, das das Alter ebenso selbstverständlich ernst nimmt wie ein Kindheitsbuch das Jungsein.» Der Bund

«So bietet Laure Wyss mit diesen Geschichten keine rasch verdauliche ‹Lebenshilfe› an. Vielmehr serviert sie Knacknüsse, an denen man bisweilen zu beissen hat. Die Texte, welche zuvor als Zeitungskolumnen oder als Einzelbeiträge in Anthologien erschienen sind, wählen zwar vorerst Alltagserscheinungen als Anreiz, unschwer verständliche Situationen. Aber sie greifen oftmals weiter bis hin zu philosophischen Überlegungen. Und unversehens wird man lesend zum Lernenden, weil diese Autorin bei allem ihr eigenen Understatement Wichtiges weiterzugeben hat. Dies vielleicht, ‹dass das langsame Auslöschen eines Lebens vielleicht die gnadenvolle Chance bietet, zu seinem innersten Wesen vorzudringen, nämlich vor dem Tod ein Mensch zu werden. Wer weiss, wer weiss!› Dazwischen setzt sie poetische Bilder mit Tiefenwirkung: In der Titelerzählung taucht etwa der Fährmann auf, der die Reisenden über den dunklen Fluss leitet und der Wahrheit, welche für diese noch nicht sichtbar ist, ins Auge blickt. In allem aber bleibt Laure Wyss, an der Sokrates seine Freude gehabt hätte, die Fragende, nie wendet sie mit apodiktischen Aussagen Gewalt an.» Neue Zürcher Zeitung
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