Kulturweg Alpen

Kulturweg Alpen

Zu Fuss vom Lac Léman ins Val Müstair. Mit Routenkarten

Mit Texten von Herbert Gruber / Herausgeber Naturfreunde Schweiz

384 Seiten, Broschur, mit über 200 Abbildungen und 30 Routenkarten
3. Aufl., Januar 2001
SFr. 42.–, 23.– €
vergriffen
978-3-85791-330-3

Schlagworte

Rundgänge
     

In 30 Kapiteln führt dieses Buch vom Lac Léman ins Val Müstair durch die Alpen. 30 Texte vermitteln Begegnungen mit alter und neuer Kultur, sie handeln von Ursteinen bei Falera und der Sprachgrenze im Pays d'Enhaut, sie erzählen vom Alpvogt im Justistal und vom Treichelschmied am Thunersee, von Worldmusic im Bleniotal und vom Fotokünstler auf dem Gotthardpass. Es geht um Natur wie um Architektur, um Saumpfade wie um neue Brücken.

Zudem liefert das Buch jene Daten, die es zur Planung einer Wanderung braucht: Distanz von A nach B, Höhenunterschied, Wegbeschaffenheit, dazu ein Kartenausschnitt, An- und Abreisemöglichkeiten, Angaben zu Hotels und Pensionen. Ob Weitwandern am Stück oder in Etappen, dieses Buch hilft weiter.

Die Route:

karteKulturweg

Herstellung einer Sehenswürdigkeit

Wie Schloss Chillon zu Schloss Chillon wurde

Christophe Büchi

Nehmen wir an: An einem hellen Tag im finsteren Mittelalter ritt der Graf von Savoyen mit seinem Tross um den Lac Léman ins Waadtland. Nachdem er das östliche Ende des Sees hinter sich gelassen hatte, kam der Trupp an eine Stelle, wo der Fels fast bis ans Wasser reicht und der Durchgang eng wird. Der Graf hiess absitzen, zeigte auf ein Inselchen, auf dem sich ein Turm erhob, und sprach: «Lasst uns hier eine Burg und ein Zollhaus bauen!»

Der Savoyer wusste, wie man eine Sehenswürdigkeit herstellt. Darum liess er nicht irgendeine mickrige Burg bauen, sondern ein richtiges Wasserschloss. Er ahnte nämlich, dass sich die Befestigungsanlage in späteren Zeiten, wenn die Druckerkunst erfunden sein sollte, auf Ansichtskarten sehr vorteilhaft ausnehmen würde.

Die Grafen von Savoyen waren im Hochmittelalter ein bedeutendes Adelsgeschlecht. Sie herrschten über den Grossen Sankt-Bernhard, die Passstrasse zwischen Aosta und Martigny, eine der bestfrequentierten Alpenübergänge der damaligen Zeit. Ihr Ehrgeiz war es, die Nord- und die Südseite der Alpentransversale zu kontrollieren, denn damit liess sich viel Geld verdienen. Die Gründung von Schloss Chillon war ein Teil dieser Politik, denn Chillon lag auf dem Weg zwischen Martigny und Lausanne. Als jedoch die Innerschweizer im 13. Jahrhundert den Gotthardpass erschlossen, verlor der Sankt-Bernhard an Attraktivität, trotz der einschlägigen Lawinenhunde mit dem Fässchen am Hals. Für den Savoyer Passstaat begann der wirtschaftliche Niedergang.

Schloss Chillon verlor im Spätmittelalter an Bedeutung. Auch kam es in späteren Jahrhunderten immer wieder zu Seuchen, die der Bevölkerung zusetzten. Wenn wieder einmal die Pest umging, veranstalteten die christlichen Waadtländer ein Pogrom: Die einheimischen Juden wurden verfolgt, im Schloss eingesperrt und umgebracht. Weil die Seuchen früher oder später zu Ende gingen, waren die Behörden überzeugt, dass sie wirkungsvolle Epidemiebekämpfung betrieben hatten.

Gefangene

Um Schloss Chillon, der «Bastille» der Savoyer, begannen gruselige Geschichten zu zirkulieren. Man erzählte sich, dass die Kerkergruft durch das Heben einer Schiebetür unter Wasser gesetzt werden konnte, und manch Häftling so ersäuft wurde.

Einer der Gefangenen war der Genfer Prior François Bonivard. Er wurde 1532 in Chillon eingekerkert, weil er seine Landsleute gegen die Savoyer Herren aufgehetzt hatte. Um Genf zu befreien, rief er die Eidgenossen zu Hilfe.

Für die Savoyer kam dies Hochverrat gleich. Vom rechtlichen Standpunkt hatten sie nicht einmal ganz unrecht, aber das hinderte die eidgenössische Propaganda nicht daran, das tyrannische Regime Savoyens anzuprangern. Die schweizerische Public Relations-Kampagne war nicht ganz uneigennützig: Ohnehin wollten die Eidgenossen, allen voran die Berner, das Waadtland in Besitz nehmen. Schon ein halbes Jahrhundert zuvor waren sie in den Burgunderkriegen ins Waadtland eingedrungen, und hatten festgestellt, dass es am Genfersee wärmer ist als an der Aare.

1536 erklärte Bern Savoyen den Krieg. Mit einigen Tausend Mann zog der bernische Seckelmeister Hans-Rudolph Nägeli in den Milden Westen. Die Eidgenossen galten als Brutalos, die keine Gefangenen machten. Ihre Reputation war so schlimm, dass die Savoyer ihnen Hunderte von Waadtländer Städten und Schlössern fast kampflos überliessen.

Auch Schloss Chillon wurde eingenommen, nachdem die Berner mit ihren am steilen Hang aufgestellten Kanonen einige Löcher ins Schlossdach geschossen hatten. Der Häftling Bonivard wurde aus der finsteren Schlossgruft befreit. Man erzählte, er habe sich zuerst geweigert, ans Tageslicht zu gehen.

Den Bernern gefiel das Schloss Chillon ungemein. Sie reparierten das Dach und machten sich daran, dem feuchten und etwas baufälligen Bauwerk ein bisschen Berner Wohnlichkeit und Gemütlichkeit zu verpassen. Sie setzten einen «Vogt von Vevey und Hauptmann von Chillon» als Schlossherrn ein und pinselten einen grossen Berner Bär auf die Schlossmauer, damit das Ganze ein bisschen Gattung machte.

Touristen

Unter der neuen Herrschaft entdeckte das Waadtland den Tourismus. (...)
TA-Medien, September 1999
Stuttgarter Zeitung, 10. September 1999

«‹Der ganze Kulturweg liesse sich›, so Projektleiter René Moor von den Naturfreunden Schweiz, ‹in 30 Tagen zurücklegen. Aber in diesem Tempo wärs eine Tour de Suisse›. Im Wanderbuch «Kulturweg Alpen» ist die 650 Kilometer lange Strecke in 30 Kapitel respektive 61 Streckenabschnitte von ein- bis siebenstündiger Dauer unterteilt. Überall – in Altdorf, Olivone, Vrin oder Klosters – kann man einsteigen und ein, zwei, drei Tage gehen. Für den Kulturweg wurden keine neuen Trassees angelegt, sondern vorhandene Strecken kombiniert. Nach welchen Kriterien? René Moor: ‹Der Kulturweg sollte alle vier Sprachregionen berühren, dabei nicht die grossen Tourismuszentren, sondern Randregionen berücksichtigen und nicht durchs Hochgebirge führen. Mit diesen Rahmenbedingungen kam das dreiköpfige Projektteam zwangsläufig auf diese Route.›
Exkurse – etwa zum Leben auf der Sprachgrenze, zur Architektur oder zur Luchspopulation – machen das Wanderbuch zur anregenden Lektüre. In erster Linie hilft das in 30 Kapitel mit Kartenausschnitten (1 : 100 000) unterteilte Buch aber bei der Planung der Route. Der Weg ist beschrieben, Distanzen, Auf- und Abstiege, Wanderzeiten und Kartennummern sind präzis vermerkt. Man wird über Varianten und Abkürzungen mit Verkehrsmitteln informiert. An- und Rückreisemöglichkeiten sind angegeben, und man erfährt, ob Restaurants, Lebensmittelläden, Post, Bank vorhanden sind, und wo man übernachten kann.
Den Kopf aber leicht und frei und der Blick verändert: Die Schweiz erscheint im Gehen ungewohnt weit und vielfältig.» TA-Medien

«Der Kulturweg Alpen, so die Absicht der Alpinisten, soll mit Brauchtum, Geschichte und Kunsthandwerk der einzelnen Regionen vertraut machen. Die Eidgenossen betrachten ihn als einen Fußweg fürs Volk, als einen Volksweg. Also mal ein Blick auf die Megalithen bei Falera und auf die rätoromanische Sprache und Poesie, dann einer auf Luchse im Saanenland. Nicht zu vergessen: Das Studium der Mentalitäten an der deutsch-französischen Sprachgrenze, alte und neue Simmentaler Häuser, Tessiner Kastanienwälder, Worldmusic aus dem Bleniotal, Jäger und Künstler aus dem Engadin, die braven Tannen des Zimmermanns und so weiter und so fort. Woher die Begeisterung für das Wandern? Die eidgenössischen Naturfreunde schwärmen von einem Gegenpol zum motorisierten Mobilitätswahn und von der Wiederentdeckung der Langsamkeit. Das wiederum kommt uns schon recht bekannt vor.»  Stuttgarter Zeitung
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