Die rote Katze / Il giat cotschen
Jon Semadeni

Die rote Katze / Il giat cotschen

Übersetzt von Mevina Puorger Pestalozzi, Franz Cavigelli

114 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
August 1998
SFr. 26.–, 26.50 €
sofort lieferbar
978-3-85791-321-1

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Der alte Chispar Rubar, erfolgreicher Anwalt und Politiker, wird auf einem Abendspaziergang von Bildern aus seinem Leben gejagt. Seine Macht als einer der Honoratioren des Dorfes war groß genug, um ruchlose Taten ungesühnt zu lassen. Doch nun holt den alten Mann die eigene Vergangenheit ein. Eindringlich und leidenschaftlich, in knapper Sprache erzählt der Engadiner Autor und Theatermann Jon Semadeni die Geschichte eines korrupten Machtmenschen in seiner quälenden Einsamkeit.
Jon Semadeni
© Limmat Verlag

Jon Semadeni

Jon Semadeni, 1910 in Vnà (Unterengadin) geboren, 1981 gestorben. Primarlehrer, Literatur- und der Geschichtsstudium in Genf und Zürich, Lehrer an den beiden Engadiner Mittelschulen Samedan und Zuoz. Dra-mati-ker, Hörspielautor, Regisseur und Schauspieler, Erneue-rer des romanischen Theaters. Gründete 1944 die Theatergruppe »La Culissa« und 1951 mit Men Rauch und Cla Biert die Kabarettgruppe »La Panaglia«, später »La travaglia dal doctor Panaglia«.

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Mevina Puorger Pestalozzi

Mevina Puorger Pestalozzi

Mevina Puorger Pestalozzi (1956), aufgewachsen in Chur, Romanistikstudium an der Universität Zürich, Promotion über die rätoromanische Dichterin Luisa Famos. Seit 1985 Wohnsitz in Zürich, Dozentin für Rätoromanische Sprache und Literatur an der Volkshochschule Zürich und an der Universität Zürich. Übersetzt aus dem Rätoromanischen und Italienischen und ist Herausgeberin (v.a. rätoromanischer Literatur in zweisprachigen Ausgaben) für den Limmat Verlag und führt ihren eigenen Verlag. Verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

www.editionmevinapuorger.ch

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Franz Cavigelli

Franz Cavigelli

1946 in Zürich geboren. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte 1976 bis 1992 Lektor beim Diogenes Verlag und nachher Programmleiter beim Manesse Verlag, seit 1992 Leiter des Bücherdienstes der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

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Aint illa s-chürdüm as muossan mias | In der Dunkelheit zeichnet sich mein Umriss

 

Aint illa s-chürdüm as muossan mias conturas: ün hom vegl per via, sulischem sulet, cun üna crotscha in man. La crotscha va ouravant e’l pè e l’ögl sieuan.

A dretta il mür in gramüsch, a schnestra la saiv.

Il god sü sur ils chomps e’l flüm cagiò fan la not amo plü profuonda. Mo’l vegl es suord e nu doda lur chanzun. El chamina ad ün chaminar, e seis pè zappa il passà e’l trapassà.

Ils pösts veiders chi badaintan giò vers il röven al sun vegls cuntschaints. Quels sun falombers ed as tegnan cun stainta vi da las lattas, sco ch’el as tegna vi da sia crotscha.

La crotscha chi uossa dandettamaing as fadima.

Eu doz il cheu e taidl.

Mias uraglias m’ingianan. Ellas dodan las vuschs dal cumün, il srantunar da la charra sün via, il s-chellam da la muaglia, la giaischla dal paster. Eu tegn il flà. – Il schlop da la giaischla es ün tun da schluppet. –

E’l tun da schluppet am tocca sco üna giaischliada!

Eu tuorn inavo. Pro la cruschada stuna salda ün mumaint e pass lura aint da Valserta.

La via veglia es creschüda aint e bod invlidada. Ella as stordscha tanter la frus-chaglia oura. In mia memoria dod eu il pluschignar illa föglia. Ils guots as ramassan, straglüschan, as stüdan e svanischan illa s-chürdüm.

Las algordanzas sun s-chüras e van ferm inavo.

I van ferm inavo e dvaintan tarabla.
In der Dunkelheit zeichnet sich mein Umriss ab: ein alter Mann allein unterwegs, in der Hand einen Stock. Der Stock geht voran, Fuss und Blick folgen.

Rechts die eingefallene Mauer, links der Zaun.

Der Wald über den Äckern und der Fluss unten machen die Nacht noch schwärzer. Doch der Alte ist taub und hört ihr Lied nicht. Er geht und geht, über Vergangenes und längst Vergangenes.

Die alten Pflöcke, gegen die Böschung hin, sind ihm alte Bekannte. Sie sind morsch und halten sich mit Mühe an den Latten aufrecht, wie er an seinem Stock.

Der Stock, jetzt hält er plötzlich inne.

Ich hebe den Kopf und lausche.

Meine Ohren täuschen mich. Sie hören die Stimmen im Dorf, das Ächzen der Karren auf der Strasse, Kuhglockengeläut, die Hirtenpeitsche. Ich halte den Atem an. – Der Peitschenknall ist ein Gewehrschuss. –

Und der Gewehrschuss trifft mich wie ein Peitschenknall!

Ich gehe zurück. Bei der Kreuzung halte ich einen Augenblick inne und schlage den Weg gegen Valserta ein.

Der alte Pfad ist verwachsen und scheint vergessen. Er schlängelt sich durch das Unterholz. In meiner Erinnerung das Tropfen der Blätter. Die Tropfen sammeln sich, leuchten auf, erlöschen und verschwinden in der Dunkelheit.

Die Erinnerungen sind dunkel und führen weit zurück.

Sie führen weit zurück, zurück zu alten Geschichten.

«Sehr stimmungsvoll ist das gemacht, in bewusst ländlich-robustem Ton, weit entfernt von der raffinierteren Geläufigkeit urbaner Literatur. Dabei ist der rätoromanische Originaltext der deutschen Übersetzung von Seite zu Seite gegenübergestellt. Die urgesteinhafte Kernigkeit betont der Gebrauch zahlreicher Absätze, jeder Satz steht strotzend für sich allein, gewinnt Bedeutung in der Isolation. Gesteigert wird das so entstehende, nicht unbeträchtliche Pathos durch grösstmögliche Verknappung der Syntax.
Doch Semadenis Erzählung erschöpft sich keineswegs in einer Beschwörung von Alter und Einsamkeit, gespiegelt in pompös finsteren Naturbildern. Der gebeugte Alte, zunächst noch scheinbar so bedauernswert, hält Rückschau auf sein Leben: das für ihn selbst und alle, die mit ihm in Berührung kamen, aus einer Kette von seelischen Verwüstungen bestand. Der nächtliche Spaziergang wird zur Vergangenheitsbeschwörung, die Landschaftspartikeln fügen sich zur Erinnerungskulisse zusammen - und mehr noch: zum Auslöser für die Rekonstruktion einer verlorenen und, wie sich herausstellt, vertanen Zeit. Die setzt sich in der Rückschau nur bruchstückhaft, ohne erkennbare Chronologie wieder zusammen, widerstrebend sozusagen. Was wie ein ins Dämonische verkehrtes Bergidyll beginnt, endet völlig überraschend als effektvolle gesellschaftskritische Schauermär.» Neue Zürcher Zeitung
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