Double
Daniel de Roulet

Double

Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle

216 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
August 1998
SFr. 34.–, 34.– €
sofort lieferbar
Titel der französischen Originalausgabe: Double. Un rapport (Canevas Editeur, St-Imier/Frasne 1998)
978-3-85791-323-5

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Schlagworte

Literatur
     
An seinem 53. Geburtstag verliert Daniel de Roulet seine Arbeit in leitender Position eines grossen Unternehmens. Eine neue Stelle wird er kaum mehr finden. Er entdeckt, dass die Polizei dahintersteckt: Seit mehr als dreissig Jahren untersuchen verschiedene Polizeistellen gegen ihn, ohne je etwas Bedeutendes herauszufinden. Auch wenn die Akten mehr als drei Kilo wiegen.
Aber was wirft man ihm eigentlich vor? Dass er einem Terroristen begegnet ist? Dass er Fritz Zorn gekannt hat? Dass er Demonstrationen organisiert hat? Oder dass er an einem System gezweifelt hat, das nachrichtenlose Vermögen schützt? Daniel de Roulet erzählt hier sein eigenes Leben und das seiner Generation am Leitfaden seines Polizeidossiers.

«Alle in diesem Text vorkommenden Personen, ob tote oder lebendige, alle Orte, alle Ereignisse sind wahr. So wahr wie die Erde flach ist, sagten die Alten. In gutem Glauben.» Daniel de Roulet
Daniel de Roulet
© Yvonne Böhler

Daniel de Roulet

Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Er lebt in Genf.

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Maria Hoffmann-Dartevelle

Maria Hoffmann-Dartevelle

1957 in Bad Godesberg geboren, studierte Romanistik und Geschichte in Heidelberg und Paris. Seit Mitte der Achtzigerjahre u.a. als freiberufliche Übersetzerin tätig. Übersetzte neben Sach- und Kinderliteratur Romane, Essays, ein Hörspiel und Liedertexte französischer, Schweizer, spanischer und südamerikanischer Autoren, darunter René Crevel, Alberto Giacometti, Marcel Lévy, Joseph Bialot, Michel Quint, Tito Topin, Daniel de Roulet, Amélie Plume, Noëlle Revaz, Pascal Rebetez, Rafael Alberti, Manuel Altolaguirre, César Aira, Rubén Blades, Silvio Rodriguez, Fito Paez.

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Zur Feier dieses ersten Projekts ...

Zur Feier dieses ersten Projekts und zwecks Programmierung meiner beruflichen Zukunft schlägt mein Arbeitgeber vor, in einer Autobahnraststätte einzukehren. Er fährt einen Sportwagen, dessen Dach man beim Aussteigen zurückklappen muß. Er bestellt eine dreifache Portion Fritten und mehrere Hamburger; denn, so erfahre ich, als er noch in Ostdeutschland lebte, hat er immer von Amerika geträumt. Jetzt, wo er es sich auf den Teller holen kann, will er nicht mehr darauf verzichten. Genußvoll drückt er die Ketchup- und Senftütchen aus und leckt sich die Finger ab wie ein verwöhntes Kind. Die Devise des Westens, meint er, laute zwar »immer mehr«, er selbst werde jedoch aufgrund der Entbehrungen in seiner Kindheit klein bleiben. Ich sehe bereits voraus, daß er bei diesem Ernährungsstil mit den Jahren mangels Höhenwachstums in die Breite gehen wird, behalte diese Überlegung aber für mich.

»Wenn der Betrieb nicht weiter wächst, geht er zugrunde«, sagt er und hofft, ich würde die Fortsetzung erraten. Aber mir muß man alles erklären.

Sein Softwarehaus zählt nur etwa zehn Ingenieure, die alle für denselben Kunden, eine große Elektronikfirma, arbeiten. Diese ist auf Spezialisten angewiesen, die die Software für ihre Hauptprodukte entwickeln. Ein günstiger Moment also, höher zu reizen. Mein gewiefter Chef plant, diesem Kunden seinen Betrieb zu verkaufen (vor allem aber seine Angestellten). Er wird einen satten Gewinn einstreichen, den er in ein neues Abenteuer zu investieren gedenkt. Mich will er im Sammelpack mitverkaufen. Ich erkläre ihm, daß ich mich beruflich noch nicht reif genug fühle. Ich hätte vor, einige Kurse zur Vertiefung meiner Kenntnisse zu belegen, und würde mir den Sprung in eine große Firma gerne noch einmal überlegen.

Er hat noch zwei Argumente auf Lager.

Erstens hätte ich mit seiner Hilfe Berufspraxis erlangt, er habe meine anfängliche Inkompetenz in Kauf genommen. In der Tat seien meine Fortschritte nach sechs Monaten so beachtlich, daß er mir eine große Zukunft voraussage. Deshalb habe er mein Gehalt seinem Kunden gegenüber dreimal so hoch beziffert, wie es in Wirklichkeit sei. Im übrigen wolle er mich, wo er mich schon mit dem Mobiliar verkaufe, auch besonders zur Geltung bringen. Und: Sollte ich ablehnen, wäre dies ein bedeutender Verlust für ihn wie für mich.

»Zweitens«, fährt er fort, seine Augen wie ein Tatare zusammenkneifend und eine Fritte schwenkend, um seine Worte zu unterstreichen, »zweitens drückt mein Kunde bei Ihrer Einstellung beide Augen vor Ihrer Vergangenheit zu.«

Mein Gesichtsausdruck verrät ihm, daß er ins Schwarze getroffen hat, obwohl ich entgegne:

»Meiner Vergangenheit habe ich nichts vorzuwerfen.«

Als Ostflüchtling hat er die Freiheit gewählt. Jetzt, wo er bei uns ist, will er sich lieber nicht einmischen …

»Was wird mir denn vorgeworfen?«

»Jedes Land hat seine Geheimpolizei. Die Stasi ist auch nicht schlimmer als euer Schnüfflerverein.«

Ich versuche herauszubekommen, woher er Bescheid weiß und wer Kontakt mit ihm aufgenommen hat. Was wird mir vorgeworfen? Und wenn es gar nicht stimmt?

Er wedelt abwehrend mit einer Fritte und will hier und jetzt eine Entscheidung von mir.

»Es ist ein gutes Geschäft für alle Beteiligten.«

»Na gut«, sage ich und klaue ihm zwei Fritten von seinem Teller.

Anschließend diskutieren wir über die geplanten Fernalarmsysteme für Atomkraftwerke. Eine spannende Arbeit, die zugleich dem Bevölkerungsschutz dient. Dann steigen wir wieder in seinen Sportwagen. Beim Schließen des Verdecks klemme ich mir einen Finger ein.
Tages-Anzeiger, 22. August 1998
Neue Zürcher Zeitung, 26. September 1998
Zur Verwechslung mit Peter Gasser: WoZ, 1. Oktober 1998; Le Temps, 19. Oktober 1998

«An den Fichenstoff ist mit Daniel de Roulet der Richtige geraten. Eine subtile Analyse und ein feiner Witz durchzieht das Buch, das frei ist von Opfergehabe, sondern versucht, die kafkaesken Irrungen und Wirrungen unseres Staatsapparates deutlich zu machen.» Paranoia City Buchhandlung, Zürich

«L'écriture du livre est précise, froide, désincarnée et efficace. Comme un rapport. Au jeu du miroir, la police s'est fait piéger. Elle peut désormais lire son histoire écrite avec ses propres mot. De Roulet (à moins que ce soit ‹R›) a retourné la langue policière contre ses maîtres.» Libération

«... comme le dit le dossier de police, ...
A coup de phrases courtes, Daniel de Roulet raconte cette longue histoire avec ironie et un certain détachement. Même si les fiches qui lui ont été consacrées pèsent plus de trois kilos, les preuves amassées contre ce rebelle sont drôlement minces. Mais rendu à sa condition d'écrivain, l'auteur romand peut sourire ...» Tribune de Genève

«Vergangenheitsermittlungen betrieben hat Daniel de Roulet in seinem Bericht «Double». Und dieser unverwechselbare Autor aus Genf hat dabei die erschreckende Erkenntnis machen müssen, dass er von den Fichenpolizisten jahrelang mit jemandem verwechselt wurde. Will das, neun Jahre nach dem Fichenskandal, noch jemand lesen? Ja – wenn es so spannend geschrieben ist, so zwingend und beunruhigend.» Sonntags-Zeitung

«Auf die Gegenwart gerichtet war allein der Vortrag Adolf Muschgs. Sei Zürich für Thomas Mann nie, im Sinne Benns, eine «tiefere Stadt» geworden, so musste Fritz Angst alias Fritz Zorn an ihr sterben. Das Leiden des Krebskranken an der Heimat des kalten Über-Ichs und dessen Analyse nach Wilhelm Reich bleibt in «Mars» «eine Inszenierung jenes Anstands, den sich der Autor zu zertrümmern vorgenommen hat», skizziert Muschg die Tragik des Buchs. Daniel de Roulets «Double» (1998) verhandelt ebenfalls das «defekte Ich» (Muschg), herangereift im Grossbürgertum, verfolgt, listig - überlebend. De Roulet hole in seinem Schelmenstück sich selbst und seine Figuren zurück in die noch nicht ganz verlorene Welt der Ambivalenz. Zum dritten Mal macht Muschg das Unbewusste in Zürich in Manfred Dierks Roman «Das dunkle Gesicht» (1999) aus: Die literarische Phantasie über C. G. Jung entwerfe Zürich als Raum für Konflikte, als Raum mit soliden Fassaden anstatt potemkinscher Kulissen einer angstbesessenen Zwangsidylle.» Alexandra M. Kedveš in: Blindheit und Aufklärung. Das Unbewusste in Zürich – ein Kongress. Neue Zürcher Zeitung vom 13. Juni 2000

«Diese Geschichte eines Zeitgenossen liest man in einem Zug, von einer Enthüllung zur nächsten gehetzt. Gelegentlich verliert man dabei etwas die Übersicht. Doch «Double» wirft auch ein grelles Licht auf die Geschichte der Schweiz der letzten Jahrzehnte, es öffnet ein neues Fenster auf das geistige Klima des Landes in den 70er und 80er Jahren. Darin erinnert es an de Roulets letzten Roman «Die blaue Linie», wo er ebenso ein - hier klar als Fiktion erkennbares - individuelles Schicksal mit dem politischen Hintergrund der Schweiz verwob.

Es ist keineswegs ein Zufall, dass in ‹Double›, unter vielen anderen Zeitzeugen, Fritz Zorn erscheint, dessen erschütternder Lebensbericht «Mars» wie kaum ein Buch davor den Geist der Zeit erkannte. Das war allerdings vor zwanzig Jahren. Auch hier holt uns die Geschichte ein, die wir doch endlich vergessen wollten. Als Doppelgänger vermummt kehrt das Verdrängte jetzt zurück.» Tages-Anzeiger

«Sein literarisches Talent zeigt sich auch daran, dass die Liebe zu «Der Sibylle» in wenigen Strichen nachgezeichnet so locker und doch anrührend eingestreut wird, dass man sich gleich mit verliebt und der Erzähler oder Autor allen Grund zur Eifersucht hätte, wäre die Betreffende nicht schon lange tot. Auch seine Ehrlichkeit zeigt sich, etwa im Eingeständnis der eigenen Feigheit: er habe 1981 einen ruchlosen Polizisten und Menschenverfolger nicht blossgestellt (der Herr hielt de Roulet für einen SP-Bezirksanwalt, folgte ihm und seiner schwangeren Frau mit der Waffe in der Hand). So konnte dieser Vertreter der getarnten Polizei zwei Jahre später in Zürich den jungen Renato (‹Dani, Michi, Renato und Max›) von hinten tödlich verletzen.
De Roulets Buch lässt auch die 68er Bewegung wieder aufleben, aber für einmal nicht als Spektakel und Genussfest, wie es die Medien alle fünf Jahre hervorkramen, sondern als politische Leidenschaft mit einem Stich ins MärtyrerhaftAsketische. Ein schönes Echo findet auch Fritz Zorns ‹Mars›. Der heisere Aufschrei des jung schon verkümmerten, krebskranken Romanisten Angst (‹Ein sehr geläufiger Name in Zürich füllt er mehrere Spalten im Telefonbuch. Zorn gibt es nicht. Aber Angst! Denn nicht nur sind bei uns die Schnüffler ängstlich, sondern die Ängstlichen werden zu Schnüfflern›) vereint sich hier mit der klaren Stimme des Filmstudenten und späteren militanten Schichtarbeiters Sauber und den sanften, aber anklägerischen Worten de Roulets. Ein Trio aus demselben grossbürgerlichen Raum, fast gleichen Alters, mit ähnlichen Leiden an der Gesellschaft. Zwei sind daran früh gestorben, der dritte schreibt immer noch. Zum Glück: so entstand, Jahre nach dem ‹Fichen-Skandal›, ein vorzüglicher Schweizer Fichen-Roman. ‹Ein Bericht›, wie der Untertitel sagt; aber nicht zuhanden der diensthabenden Aktenstelle, sondern für die Öffentlichkeit.» Neue Zürcher Zeitung
Wann Was Wo
13. Dez. 17
19:00 Uhr
Zehn unbekümmerte Anarchistinnen
Lesung mit Daniel de Roulet
Zentrum für Anarchie
5000 Aarau
 
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