Küsse und eilige Rosen

Küsse und eilige Rosen

Die fremdsprachige Schweizer Literatur – Ein Lesebuch

Übersetzt von Gabriela Zehnder, Franziska Stöcklin / Mit Fotografien von Dominique Meienberg / Herausgegeben von Chudi Bürgi, Christine Tresch, Anita Müller

260 Seiten, Paperback
Januar 1998
vergriffen
978-3-85791-294-8

Schlagworte

Literatur Restexemplare
     
Gabriela Zehnder

Gabriela Zehnder

Gabriela Zehnder, geboren 1955, lebt und arbeitet als freiberufliche literarische Übersetzerin aus dem Französischen und Italienischen im Tessin. Sie übertrug Werke von Autoren wie Ignacio Ramonet, Emmanuel Bove, Jean-Luc Benoziglio, Adrien Pasquali, René Laporte, Muriel Barbery, Giuliana Pelli Grandini, David Bosc, Corinna Bille. Neben Prosatexten übersetzt sie auch Theaterstücke und Lyrik.

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Franziska Stöcklin

Franziska Stöcklin

Geboren 1961 in Teheran/Iran, Studium der Germanistik, Slawistik und englischen Literatur in Zürich, von Herbst 1988 bis Sommer 1989 sowie Feb. 1992 bis Mai 1995 wohnhaft in Moskau, 1995 Geburt Konstantins.

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Vorwort

Ikhuoria Omonkhomion Was Charlie sagte

Baha Taher Besuch im Kloster

Ina Boesch
Entgrenzung
Gedanken zu einer transnationalen Literatur

Helena Araújo Catoctin

E.N.L. Jean-Baptiste Der alte Mann mit dem Rechen

Vaxhid Xhelili Begegnung mit Etleva

Christine Tresch
Fortwährend Duos singen ist schwierig
Vom Leben und Schreiben zwischen Mutter- und fremder Sprache

Agnes Mirtse Der Dichter und die Worte

Ananda Devi Zuviel Marie

Dorothea Trottenberg
Literarisches Asyl im Museum
Ein Gespräch mit dem russischen Autor Jurij Galperin

Chu Wen-huei Dumme Gans

Zsuzsanna Gahse
Kleine instabile Ortskunde
Vom Weggehen und Ankommen

Taha Khalil Eine andere Sehnsucht

Cikuru Batumike
Nachrichten aus dem Exil
Autoren und Autorinnen aus Schwarzafrika in der Romandie

Théophile Nouatin Die Sonntagsreisenden

Radka Donnell am Walensee

Michail Schischkin Willkommen in Z 117

Daniel Perez Don Juans Abgang 127

Christine Tresch
Wir sind die letzten Clowns
Ein Gespräch mit dem kolumbianischen Dichter und Übersetzer Mario Camelo

Rubén Salami Palenques Sehschule 141

Hans-Joachim Lanksch
Eine einzige Geschichte des Exils
Die kosova-albanische Literaturszene in der Schweiz

Shaip Beqiri Ballast

Ali Ekber Gürgöz Die Pforten zur Höll

Yusuf Yesilöz Wichtiger als ein toter Onkel

Amos Bugha Kühnheit nach allen Seiten

Al Imfeld
Brückenschläge brauchen zwei Pfeiler
Erfahrungen eines Vermittlers

Chudi Bürgi
Exotin in der Schweizer Buchwelt
Paula Charles' Erfahrungen als Autorin

Elvira Dones Hotel Steghof

Rakra Tethong Weisse Wolken

Gamil Atiya Ibrahim Kairo in den Alpen

Anita Müller
Erfolgsgeschichten
Arabische SchriftstellerInnen hier und dort

Ibrahim al-Koni Vom nicht heimgekehrten Heimkehrer

María del Pilar Llamas Journalistenmärz 225

Mario Macías Das totale Verständnis 230

Nihat Behram Hüterin der Asche

Christoph Keller
Schon besetzt
Der Theaterautor Zakes Mofokeng, ein Porträt

Mohammed Kenzi Bocariente

Nilo Tomaylla Im Tal der Ñawpa Machu

Rafik Ben Salah Besitzerstolz

Francesco Micieli
«und haben fast die Sprache in der Fremde verloren»
An Stelle eines Nachworts

Entgrenzung

Entgrenzung

Gedanken zu einer transnationalen Literatur
Von Ina Boesch

Jenseits der Grenze ist alles anders. Davon war ich als kleines Mädchen überzeugt und fieberte meinem ersten Grenzübertritt entgegen.

Zwar erlaubte die Hackordnung unter den Geschwistern nicht, dass ich als Jüngste auf der Fahrt von Zürich nach Basel aus dem Fond des dkw viel sehen konnte, aber die Erwartung des Neuen tröstete mich über den schlechten Platz hinweg. Gleichzeitig fühlte ich mich eingeklemmt zwischen Bruder und Schwester ganz behaglich, denn wer weiss, was da hinter der Grenze kommt. Und dann die Enttäuschung, die Frustration, dass die Welt hinter Basel nicht so anders war als die Welt vor Basel. Sicher, das Brot hiess pain und schmeckte auch anders, die Leute sagten bonjour und au revoir, und wir waren (irrtümlicherweise) les boches.

Diesseits der Grenze hatte, zumindest in den Fünfzigern, noch alles seine Ordnung – bis die Tschinggen kamen, fremde Fötzel, und mit ihnen eine grosse Verunsicherung. Als man endlich wahrhaben wollte (und konnte), dass man zwar Gastarbeiter gerufen hatte, aber Menschen gekommen waren, standen schon die nächsten da, zuerst die SpanierInnen, dann die TürkInnen und die TamilInnen und die JugoslawInnen. So kamen ich und all die MitbürgerInnen, die sich nicht gänzlich abschotten wollten, nicht umhin, immer wieder von neuem ins Wechselbad von Neugier und Angst zu steigen. Mit der Schwarzenbachinitiative wurde einmal mehr vor Augen geführt, dass eines der probatesten Mittel, die Angst vor dem Fremden zu bannen, die Bildung von Kategorien war.1 Also konstruierte man – ähnlich wie früher mit den Zigeunern und den Juden – die Gruppe Fremdarbeiter. Und später die Gruppe Ausländer. Dabei wurde geflissentlich übersehen, dass ein Türke aus Ostanatolien mit einer Spanierin aus Galicien herzlich wenig gemein hatte. Allmählich veränderte sich das Bewusstsein: Wie andere aufgeklärte ZeitgenossInnen begann ich mich eingehend mit dem Anderen zu beschäftigen und kam zu einem differenzierteren Bild der Fremden. Mit Einschränkungen. Zurück blieb nämlich häufig die scheinbar unverfängliche Frage nach der Andersartigkeit: Stimmt es denn nicht, dass die Tamilen anders sind, nicht besser oder schlechter, einfach anders?


Das Eigene und das Fremde

Sicher, sie reden anders, sie kleiden sich anders, sie essen anders, nur: So wie ein Bild nicht an sich schön ist, sondern nur in den Augen der Betrachtenden, so ist der Fremde nicht an sich fremd, bereichernd oder beängstigend, sondern nur aus der Sicht der anderen.2 Die Ethnologie und andere Disziplinen haben schon vor längerem erkannt, dass wir den Fremden erfinden. Die Fremden sind, wie jeder und jede von uns, «Eigene». Ihre Fremdartigkeit ist ein Konstrukt aus Projektionen und Zuschreibungen.3 Das ist ganz schön praktisch, denn indem wir andere er-finden, finden wir uns selbst – schaffen Identität. Mit anderen Worten: Wenn wir das Andere benennen, definieren wir indirekt auch das Eigene.

Da hingegen wird es kompliziert, denn was ist – ausser im Kontrast zum Andern – das Eigene? Was gilt zum Beispiel als typisch schweizerisch? Herzlich wenig, meint Hugo Loetscher in seinem Essay «Helvetische Flurbereinigung», sogar «unsere Natur ist voll von Eindringlingen und Zugewanderten»; und wenn in diesem Land nur gedeihen soll, was schon immer zu ihm gehört hat, «müssten die Kirschbäume weg. So sehr dies ein Verlust fürs Auge und für die Flasche wäre, die Kirschbäume wurden von den Römern importiert.»4 Und so müssten auch die Kartoffeln weg und die Tomaten und die Aprikosen und der Mais und der Wein. Loetscher kommt zum sarkastischen Schluss: «Wenn es uns ernst ist, würden wir eine Kommission bestellen. In ihr sollten schon wegen der zukünftigen Themenwahl auch Dichter vertreten sein, die ausschliesslich Einheimisches besingen.»5

Vom Nationalen …

In diesem Lesebuch wird alles andere als das Einheimische besungen, hier kommt das Andere zum Zug, das Fremde, das Nichtdazugehörige. Bestimmendes Auswahlkriterium war sozusagen die Negation des Schweizerischen. Eingang in diese Anthologie fand nur, wer nicht zur hiesigen Mehrheitskultur gehört, wer nicht aus Westeuropa oder den usa kommt. Kurz: Die Andern – ein Kameruner, eine Kolumbianerin, ein Chilene, ein Türke, ein Libyer, eine Albanierin. Es war die Herkunft, die über die Aufnahme in dieses Buch entschied. Einzige Bedingung war, dass die Autorinnen und Autoren in der Schweiz wohnen, dass sie sich innerhalb der festen Grenzen aufhalten, die das helvetische Territorium ausmachen, dass sie eine Aufenthaltsbewilligung haben für dieses Fleckchen Erde, das die nationale Identität festlegt.

Ein Taha Khalil, eine Radka Donnell oder ein Daniel Perez stehen für die andere Schweizer Literatur. Die exotische. Die fremdsprachige. Die fremdartige. Mit «Eine andere Sehnsucht», «am Walensee» oder «Don Juans Abgang» schreiben sie das Kontrastprogramm zur nationalen Literatur. Ob es eine einheimische Literaturspezies überhaupt gibt, müsste eine Loetschersche Kommission eruieren; ob sie jedoch fündig würde oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle, denn unbestritten wurde bei der Auswahl zu diesem Reader eine nationale Literatur gedacht. Sozusagen als Vexierbild, in dem das Andere plötzlich aufscheint. Und dieses Andere, das heisst diese anderen Literaturen gehören nur zusammen, weil sie nicht dazugehören. Denn was verbindet die ausgewählten Autorinnen und Autoren ausser der Tatsache, dass sie als fremd wahrgenommen werden und sich, mag sein, auch fremd fühlen?

Dennoch gilt: «Sozial zu existieren heisst immer auch wahrgenommen zu werden, und zwar als distinkt wahrgenommen zu werden.»6 Also ist eine solche Selektion mittels Unterscheidung gar nicht so abartig – sie verschafft Aufmerksamkeit. Und sie folgt einer langen Tradition von Lesebüchern, die auf Unterscheidungsmerkmalen basieren, der Unterscheidung zwischen den Geschlechtern, zwischen Religionen, Kulturen und Sprachen. Welches jeweils zum Zug kommt, hat unter anderem auch mit dem Zeitgeist zu tun. Denken wir an Bücher aus den siebziger Jahren, an Reader wie «Afrikanische Frauen» oder «Asiatische Frauen», als die Kategorie Frau als das Andere entdeckt und definiert wurde. Erinnern wir uns an Bücher mit Texten von AutorInnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika, als die Kategorie Dritte Welt als das Andere gefunden und benannt wurde. Vergessen wir nicht die Literatur von Minderheiten oder von Gastarbeitern, sie machten in den sechziger Jahren das Andere aus. Heute, im Zeitalter der Globalisierung, besinnt man sich, so paradox das tönt, eher wieder auf das Eigene, also steht das Nationale beziehungsweise die Unterscheidung in SchweizerInnen und AusländerInnen im Vordergrund.

… zum Transnationalen

Ich gestehe, ich wünschte mir heute, am Ende dieses Jahrtausends und hundertfünfzig Jahre nach der Gründung des schweizerischen Bundesstaats, etwas anderes. Nämlich ein Buch mit einer Auswahl von AutorInnen unabhängig des Kriteriums Herkunft, ein Lesebuch mit Texten von SchriftstellerInnen, die wie in der Philosophie der Aufklärung in erster Linie Mitglieder der Menschheit und damit WeltbürgerInnen sind und nicht Mitglieder einer Nation. Nur: Bis es zu diesem Paradigmenwechsel und zu einem Weltstaat kommt, in dem eine universale Freizügigkeit herrscht7, ist diese Auswahl legitim und aus der Perspektive des Zentrums auch ganz eigennützig, denn «unter Grenzen leiden zwar am meisten diejenigen, die ausgegrenzt werden, aber die grössten Verluste erleiden letztlich wohl jene, die sich abgrenzen, sich nicht öffnen für das, was von aussen kommt».8 Also möchte ich zu meinem Egoismus stehen und drei Wünsche formulieren: Für die Schweiz erwarte ich von den ausgegrenzten Literaturschaffenden, die innerhalb der Schweizer Grenzen leben und arbeiten, einen fremden Blick auf unser Land, Erkenntnisse, die uns im harmlosesten Fall bereichern und im besten Fall aufrütteln. Spiegelung und Widerspruch. Für die nationale Literatur, sofern es sie denn gibt, erhoffe ich von den Rändern her neue Impulse, Texte, die den Slogan «The empire writes back» zu einem Markenzeichen von Erneuerung und Dynamik machen. Für die Sprache schliesslich wünsche ich mir Offenheit und Lebendigkeit.

An der Peripherie wird also geortet, was dereinst eine transnationale Literatur sein könnte, eine Literatur, die universelle menschliche Erfahrungen vermittelt, Grenzübergänge zwischen den Kulturen und den Geschlechtern schafft und die Begrenzungen der Sprache auslotet. Eine entgrenzte Literatur.
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1 Bauman, Zygmunt. In: Moderne und Holocaust. Schweizer Radio DRS2, Passage 2 vom 5.Mai 1995.
2 ebda.
3 Heinrichs, Hans-Jürgen. Die Wissenschaft von andern. In: NZZ vom 24.Februar 1997.
4 Loetscher, Hugo. Helvetische Flurbereinigung. In: Der Waschküchenschlüssel und andere Helvetica. Zürich 1983.
5 ebda.
6 Singer, Mona. Fremd-Wahrnehmung, Unterscheidungsweisen und Definitionsmacht. In: Die Philosophin, Frühling 1997.
7 Fisch, Hansjörg. Der letzte Hort der Diskriminierung. In: NZZ vom 13./14.Dezember 1997.
8 Ackermann, Irmgard. Vorwort zu Über Grenzen. Berichte, Erzählungen, Gedichte von Ausländern. München 1987.

«Dennoch braucht man für Frankfurt nicht ganz ohne Hoffnung zu sein. Mit Recht will Christoph Vitali auch die ‹fünfte Schweizer Literatur›, in der Schweiz schreibende Emigranten, nach Frankfurt bringen In Solothurn wurde die ‹fremdsprachige Schweizer Literatur› mit einem bemerkenswerten Lesebuch (‹Küsse und eilige Rosen›, Limmat Verlag) und mit einer Lesung des in Winterthur lebenden Yusuf Yesilöz vorgestellt.» Neue Zürcher Zeitung

«Die unlängst erschienene Anthologie «Küsse und eilige Rosen» vermittelt nun erstmals einen hervorragenden Überblick über die fremdsprachige Schweizer Literaturszene.» Neue Zürcher Zeitung

«Die ausserordentliche Qualität eint die versammelten Texte, und sie ist es auch, die das Lesen zu einer einzigen Freude werden lässt. Die Vielfalt und der Reichtum des Buches lässt es einem kaum einen Moment aus der Hand legen, zwei Tage lang wird es zu einem ständigen Begleiter.» Die Hauptstadt
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