Im Zweifel gegen die Frau
Walter Hauser

Im Zweifel gegen die Frau

Mordprozesse in der Schweiz

230 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Fotos
September 1997
SFr. 34.–, 36.– €
vergriffen
978-3-85791-289-4
     
Unter dem Titel «Im Zweifel gegen die Frau» deckt Hauser auf, wie die Schweizer Strafjustiz Frauen mit unerbittlicher Strenge anpackt und im Zweifel schuldig spricht Ein aktuelles Beispiel dafür ist Ambelica E., die 1997 vom Zürcher Geschworenengericht zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, obwohl sie ihre Unschuld beteuert. Im Gegensatz dazu kommen wegen Gattenmordes angeklagte Ehemänner, die ihre Schuld bestreiten, stets ungeschoren davon. Hausers Fälle sind in allen Gegenden der Schweiz angesiedelt, in Zürichs Rotlichtviertel «Kreis Cheib» ebenso wie in den Walliser Bergtälern, dem tiefsten Glarnerland oder im Emmental. Auch einen bis heute unaufgeklärten Mordfall mit brisantem politischen Hintergrund bringt der Autor ins Rollen.Seit Anna Göldi hat sich in der Willkür der Schweizer Richter nichts geändert. In Indizienprozessen entscheiden sie nach dem Motto «Im Zweifel gegen die Frau». Zu diesem Ergebnis kommt der Journalist und promovierte Jurist Walter Hauser in seiner Recherche über die grossen Mordprozesse des 20. Jahrhunderts. Seine Forderung lautet: Der Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten» muss auch für Frauen gelten.
Walter Hauser
© Paul Seewer

Walter Hauser

Walter Hauser, geboren 1957, aufgewachsen im Kanton Glarus. Studium der Rechtswissenschaft und Promotion zum Dr. iur. in Zürich. Seit 1985 Tätigkeit als Journalist. 1992 Auszeichnung mit dem Journalistenpreis der «Berner Zeitung». Von 1987 bis 1992 Mitglied des Glarner Kantonsgerichts.

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Der Mörder ist immer die Frau

1. Kapitel

Der Mörder ist immer die Frau

5. Messermord in Zürich-Seebach: «Keine Zweifel» an Ambelicas Schuld?

«Leutselig, spontan und immer fröhlich.» So wird Ambelica E. von ihren Freunden und Bekannten geschildert. Auch ihr Chef ist über seine einstige Serviceangestellte voll des Lobes: «Sie war die grosse Zugnummer in unserem Betrieb, immer aufgestellt und guter Dinge.» Ambelica ist eine 28jährige Südafrikanerin, die zuletzt in Wädenswil am Zürichsee lebte und arbeitete. Das Geschworenengericht des Kantons Zürich sprach die junge Frau am 28. Januar 1997 schuldig - und zwar wegen des schwersten aller Delikte: Mord. Sie soll in Zürich-Seebach einen Mann, der sich als ihr Liebhaber ausgab, brutal erstochen haben.

... Das Zürcher Geschworenengericht schildert den Verbrechensablauf vom 5. April 1995 - zusammengefasst - wie folgt: Ambelica kaufte am Morgen kurz nach 9 Uhr im Coop Wädenswil ein Gemüsemesser und fuhr dann mit dem Zug zum Zürcher Hauptbahnhof. Von dort ging die Fahrt mit dem Taxi weiter nach Zürich-Seebach, wo Samir wohnte. Sie klingelte an der Haustür, ging die Treppe hoch und betrat die Wohnung.  

Das Messer nahm sie aus der Handtasche. «Wortlos» stiess sie dem «völlig überraschten Opfer» das Messer in die Brust und rannte davon. Mit der S-Bahn fuhr sie von Oerlikon über Zürich nach Wädenswil zurück. Dort kam sie um 11.14 Uhr an.

Für das Gericht lag das Motiv auf der Hand: Samir, ein marokkanischer Staatsbürger, der in Zürich-Seebach wohnte, führte mit Ambelicas Freund Roberto am 4. April 1995 ein Telefongespräch. Dabei behauptete Samir, er habe mit Ambelica intim verkehrt und könne dafür auch den Beweis liefern: ein Paar fingerlose Wollhandschuhe. Dieses Beweisstück werde er ihm andertags übergeben. Dann könner er - Roberto - sich selber ein Bild von der Untreue seiner Freundin machen. «Genau das wollte Ambelica jedoch verhindern», folgerte das Gericht. Sie habe gefürchtet, von Roberto verlassen zu werden. Einen Seitensprung hätter er ihr nicht verziehen. Denn er sei eifersüchtig gewesen und habe sie deshalb auch schon geschlagen. Das ist laut dem Geschworenengericht der Grund, weshalb die Frau nach Zürich-Seebach fuhr und Samir umbrachte. ...

Im Zweifel für den Ehemann

2. Kapitel

Im Zweifel für den Ehemann

Schweizer Gattenmordprozesse im 20. Jahrhundert

6. Erfroren auf dem Claridengletscher

«Der Angeklagte handelte nicht in Tötungsabsicht.» Am Tod seiner Ehefrau treffe ihn nur fahrlässiges Fehlverhalten, erkannte das Glarner Obergericht im April 1956. Der Fall hatte hohe Wellen geworfen: Der erfahrene Bergsteiger Emil Blatter (Name geändert) unternahm zusammen mit seiner Ehefrau Hedwig eine Hochgebirgstour auf den Clariden an der Grenze zwischen den Kantonen Glarus und Uri. Anderntags stieg der Mann allein ins Tal hinunter. Seine bergunerfahrene Frau hatte er in völlig entkräftetem Zusatnd ihrem Schicksal überlassen. Sie fand bei Sturm und Wind auf dem 3000 Meter hohen Claridengletscher den Tod.

Der Angeklagte war kaufmännischer Angestellter in einer Gemeinde am Zürichsee. Seinen Lehrerberuf hatte er aufgeben müssen. Grund dafür war eine längere Zuchthausstrafe wegen schwerer Sittlichkeitsdelikte an Schülerinnen. Psychiatrische Experten schilderten ihn als «schizoiden Psychopathen mit unbeeinflussbarem, verschrobenem Denken. Für Bekannte war er ein «rücksichtsloser Egoist». Die Ehe seiner ersten Ehefrau, von der er vier Kinder hatte, war 1949 geschieden worden. Später starb seine erste Ehefrau «unter ungeklärten Umständen.

... Trotzdem begab sich das Ehepaar Blatter am Pfingstsamstag des Jahres 1954 erneut auf eine Bergtour, diesmal ins Claridengebiet. ... Nach stundenlangem Umherirren gab Blatter endlich ein Notsignal. Er liess sechs Rufe pro Minute ertönen.

Heinrich Zweifel, der Planura-Hüttenwart, erwiderte die Signale mit Hornstössen. Da niemand antwortete, machte sich Zweifel mit zwei Leitern der Gruppe Uto auf die Suche nach den Verirrten. Als sich der Nebel ein wenig lichtete, sahen sie das Ehepaar in einer Entfernung von fünf-, dann sogar zweihundert Metern über dem Claridenpass.

Auf die Rufe der Suchmannschaft entgegnete Blatter in schriftdeutscher Sprache: «Wer sind Sie? Wo sind Sie?» Darauf Zweifel: «Hüttenwart Planura.» Doch merkwürdig: Blatter setzte mit seiner Ehefrau den Weg fort und verschwand dann im Nebel. Da Zweifel keine Antwort mehr erhielt, nahm er an, die Touristen hätten die Orientierung wieder gefunden. Er stellte deshalb die Suchaktion ein. ...

... «Der Angeklagte liess seine Frau im Schnee qualvoll sterben», entrüstete sich der Staatsanwalt. Auf dem Weg zur Claridenhütte hätte Blatter seine erschöpfte Ehefrau auf den Skis mitziehen können. Dann wäre sie wahrscheinlich gerettet worden. ...

... Die Glarner Obberrichter lehnten zwar einen Freispruch ab, doch sie erkannten auch nicht auf vorsätzliche Tötung oder gar Mord. Blatter habe den Tod seiner Ehefrau nur fahrlässig und nicht etwa mit Absicht verursacht, meinten sie und verurteilten ihn am 18. April 1956 zu einer einjährigen Gefängnisstrafe. ...
«Hausers Buch ist ein Panoptikum der Gewalttaten in der Schweiz. Es liest sich wie eine Sammlung von Kurzkrimis, die einen umso mehr schaudern lassen, weil sie alle wahr sind und weil die meisten Fälle bis heute ungeklärt geblieben sind.» Berner Zeitung

«Es ist nicht leicht, über sein Urteil, über die Urteile zu urteilen. Aber spannender Stoff bieten diese Realkrimis wirklich!» Neue Luzerner Zeitung

«Der Jurist und Journalist Walter Hauser hat sich als erster mit der Geschlechterjustiz in Schweizer Gerichten auseinandergesetzt.» Facts, Zürich

 «Männerjustiz? Ein Buch sorgt für Kontroversen: Hat die Schweiz eine Geschlechterjustiz?» Coop-Zeitung

 «Hauser fordert, dass Frauen in der von Männern dominierte Schweizer Justiz mehr Gewicht haben müssten.» Süddeutsche Zeitung, München

 «Männer sind die besseren Lügner! Hauser hat 30 spektakuläre Schweizer Mordprozesse analysiert und untersucht.» Blick

«Die Benachteiligung der Frau im Tötungsprozess hat historische Wurzeln. Das schweizerische Privatrecht gründet auf der römischen Rechtstradition, die von der Geschlechtervormundschaft geprägt ist ... Dass Frauen vor Gericht derart hart angepackt werden, hat sicherlich auch psychologische Ursachen. Wenn Männer gegen Frauen Gewalt anwenden, wird dies insgeheim als normal empfunden, irgendwie entschuldbar.» Cash, Zürich

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