Laure Wyss: Schriftstellerin und Journalistin
Corina Caduff (Hg.)

Laure Wyss: Schriftstellerin und Journalistin

200 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
August 1996
SFr. 32.–, 34.– €
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978-3-85791-277-1

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Schlagworte

Sachbuch
     
Ob sie mit einer Strafgefangenen in Hindelbank spricht, in Rom am Grab der schwedischen Königin Christina steht oder für ihren neusten Europa-Text die Schweizer Grenzen überschreitet; ob sie als Reporterin für die Printmedien unterwegs ist oder ob sie literarische Bücher publiziert: Laure Wyss schaut hin, fragt nach, hört zu und schreibt auf. Als eigenwillige Chronistin hat sie sich in der Schweizer Publizistik einen festen Platz erschrieben.

Doch nicht allein die Wahl der Themen macht Laure Wyss’ bekanntes und besonderes Engagement aus, sondern auch ihre Methode: die Recherche. Das heisst bei ihr: Reisen, Lesen, Befragen – ein Verfahren, das auch vor dem schreibenden Umgang mit den eigenen Erinnerungen nicht halt macht.

Im vorliegenden Band sind Essays, Aufsätze und Reden von Schriftstellern und Literaturkritikerinnen versammelt. Sie schildern ihre Lektüren und Begegnungen mit Laure Wyss und gehen ihren biographischen Stationen nach: zum Beispiel dem Berlin der frühen dreissiger Jahre oder dem Schwedenaufenthalt während des Krieges.

 

Mit Beiträgen von Gret Haller, Beatrice von Matt, Elsbeth Pulver, Tobias Kästli, Lothar Baier, Monica Nagler-Wittgenstein, Corina Caduff, Hugo Loetscher, Regula Stähli, Ingeborg Kaiser, Madeleine Gustafsson, Sabine Wen-Ching Wang und Irena Sgier, Ansprachen für Laure Wyss von Niklaus Meienberg, Josef Estermann, Adolf Muschg und Heiner Spiess sowie einer «Biographischen Notiz» von Laure Wyss

Vorwort

Zeitläufte: Begegnungen, Orte, Rezeption

Gret Haller: Begegnungen mit Laure Wyss
Regula Stähli: Rezeptionsgeschichten
Tobias Kästli: Kindheit und Jugend in Biel
Lothar Baier: Richtige Sprache kann etwas bewirken. Prägende Erfahrungen der 30er und frühen 40er Jahre. Ein Gespräch mit Laure Wyss
Monica Nagler: Ungeahnte Kreuzwege in Schweden Brief an Laure Wyss

Schreiben und Medien

Beatrice von Matt: Die Magie der neuen Horizonte Zum literarischen Werk von Laure Wyss
Corina Caduff: Die Fernseharbeit von Laure Wyss Ein Gespräch mit Doris Werner und Laure Wyss
Hugo Loetscher: Eine Erinnerung nicht zu missen
Irena Sgier: Laure Wyss — Grenzgängerin zwischen Literatur und Journalismus?
Elsbeth Pulver: «Da stehst du plötzlich vor Gericht». Ein verstecktes Leitmotiv im Werk von Laure Wyss

Ansprachen an Laure Wyss

Niklaus Meienberg: Anstelle eines Nachwortes
Josef Estermann: Zur Verleihung des Werkjahres der Max-Frisch-Stiftung an Laure Wyss
Adolf Muschg: Laudatio zur Verleihung des Werkjahres der Max-Frisch-Stiftung an Laure Wyss
Heiner Spiess: Wie Autorin und Verlag sich finden

Bilder

Lektüren

Ingeborg Kaiser: Störschreiben als Lebenspassion Erkundungen zu Lascar
Madeleine Gustafsson: Wer liebt eine mächtige Frau? Laure Wyss' Plädoyer für Königin Christina von Schweden
Sabine Weng-Ching Wang: Ich hatte etwas abgekriegt. Ein Leseerlebnis aus Laure Wyss' Enkelinnengeneration

Biographische Notizen von Laure Wyss

Wie es war – war es so? Biographische Notizen

Bibliographie

zu den Texten von Laure Wyss
Die Autorinnen und Autoren

Wie es war — war es so?

Wie es war — war es so?

Biographische Notizen

1913 20. 6.: Laure-Elisabeth Wyss, geboren in Biel als zweites Kind von Werner Wyss, bernischer Notar, aus Mirchel im Amt Konolfingen und Biel, und der Anna Bertha geborene Uhlmann. Wohnort: im Pasquart in Biel.

Keine Erinnerung an die Wohnung im Pasquart, wo meine Familie wohnte, auch nicht an seine Platanenbäume. Erst später habe ich die Allee wahrgenommen als den glücklichen Weg, der zu den Grosseltern Wyss führte. Sie wohnten fast am See unten, im «Römerhaus«, da gab's hohe alte Stuben, einen weissen Kachelofen, abends wurden die Gaslampen mit einem Docht angezündet. In der Küche hantierte die kleingewachsene, energische Grossmutter am Holzherd, dem potager, geschickt mit aussen tief geschwärzten Pfannen. Noch schöner, noch heiterer die lange Laube, die auf Hof und Garten ging. Die Grossmutter nähte auf einer von Hand getriebenen Singer-Nähmaschine, hie und da durften wir Kinder den Hebel drehen, es war aber schwer, den richtigen Rhythmus zu finden. Der Grossvater, «eine baumlange Erscheinung von soldatischer Haltung» (so beschreibt Robert Walser den Rektor Wyss im Tagebuch eines Schülers) trat manchmal aus seiner Studierstube auch auf die Laube, und wir durften auf seiner Gitarre die Saiten zupfen, überraschende Gnaden eines gefürchteten Gottes. So war es kaum zu fassen, dass einmal ein wunderschöner Krämerladen unterm Weihnachtsbaum stand, und es hiess, der Grossvater habe ihn gelaubsägelt und bunt angemalt. Die Grossmutter nannte die buchsbaumumrandeten Beete im Garten Boskettli, oder hörte ich das falsch? (denn bosquet meint eine Gehölzgruppe in Renaissance- und Barockgärten) und die Tagetes, ihre Lieblingsblumen, die sie in die Beete gepflanzt hatte, hiessen Stinkerli (stinketi oder stinkendi Hoffart nach von Greyerz' Berndeutschem Wörterbuch). Auf der Laube standen auch grosse Wäschekörbe. Einmal war einer gefüllt mit Fasnachtschüechli, wir sagten nie Chnöiblätz, obschon die Grossmutter mit Hilfe ihrer Schwester Mina, die aus Twann gekommen war, vom See obenabe, den Teig über dem mit weisser Küchenschürze bedeckten Knie geschickt in die nötige Dünne gezogen hatte. Einmal war ein grosser Korb gefüllt mit Kinderwäsche, Hemdchen, Jäckchen, gefältelten Blüschen aus weisser Baumwolle und Batist, alles hatte die Grossmutter selber genäht für die armen Kinder im Krieg. Auf diese Weise war der Erste Weltkrieg nach Biel gekommen, und im Grippewinter 1918 trug die Grossmutter kannenweise ihren gesunden Lindenblütentee ins Spital für die Grippekranken. Diese Grossmutter setzte sich aber auch für uns Kinder ein, wir dauerten sie, weil wir immer im Laufschritt neben unserer Mama hergingen, sie gehe viel zu schnell mit zu langen Schritten, sagte sie. Und, fast erschrocken, erlebte ich ihre Liebe zu mir, als sie aufbegehrend erzählte, sie habe mir nicht helfen können, obschon ich laut «nimm my, nimm my, Grossmueti» geschrien hätte, als die Drahtseilbahn nach Magglingen sich langsam vom Pasquart löste, was mir offensichtlich grosse Angst einflösste.

Das Attraktive bei den Grosseltern Uhlmann waren die Gerüche und die Malztäfeli. Die Malztäfeli, welche die Grossmutter selber herstellte, gingen nie aus, immer gab's eins zum Schlecken. Grossmutter holte sie aus dem Buffet mit Glastüren. In die Wohnung an der Bahnhofstrasse stieg man über ein dunkles Treppenhaus, die glatten Stufen waren hell, aus Jurakalk vermutlich. Schon hier roch es nach geröstetem Kaffee. Diese Grossmama hatte in der Küche noch eine Kaffeeröstmaschine, grüne Bohnen wurden darin über offenem Feuer gedreht, bis sie braun waren. Die Maschine sei ein Überbleibsel vom eigenen Geschäft, sagte uns die Mutter, denn unten im Haus war die Epicerie fine und Bonneterie Uhlmann gewesen, hier hatte meine Mutter als junges Mädchen helfen müssen und hier wohl auch den freundlichen Umgang mit Leuten geübt, der ihr geblieben war ein Leben lang; und dann auch das ordentliche Päcklimachen und das Knöpfen der Einpackschnur. Die Mutter wurde ungeduldig, wenn wir Kinder darin ungeschickt waren, aber wir hatten halt nie so wie sie üben können. Der Grossvater, der frühere Kaufmann, sass lieb und still im Lehnstuhl, heute würde man sagen, er sei stark abgebaut gewesen, manchmal fuhr er mit der Hand über die Plüschdecke des Tisches, gegen den Strich, mich schauderte jedesmal. Als er starb, bugsierte mich meine Mutter ans Totenbett, es war die erste Leiche, die ich sah. Nach seinem Tod war die Grossmutter noch schwärzer angezogen als vorher, sie ging immer sehr aufrecht. Viel später, als wir in Leubringen wohnten und ich ins Gymi ging, traf ich sie, auf einem Felsbrocken sitzend, im Wald, sie weinte. Meine Mutter, ihre jüngste Tochter, sei nicht nett zu ihr, sagte sie mir. Mir zerriss es das Herz vor Kummer. Und es kam mir in den Sinn, dass man immer gesagt hatte, Grossmama Uhlmann sei depressiv. Als kleines Kind hatte man mich zu ihr geschickt, um sie aufzuheitern und zu wärmen, ich sei ein so lustiges, unbekümmertes und spassiges, hiess es. Was konnte ich jetzt tun mit der Grossmama, die auf einem Stein sass und weinte?

1916—1918: in Magglingen wohnend. Herrliche Kinderzeiten.

Offenbar hielt der Arzt für unsere nervengeschwächte Mutter eine Erholung für angezeigt. Der Vater mietete eine Wohnung in einem Bauernhaus, dem Widmerhaus, in Magglingen oberhalb Biel. Für ein halbes Jahr, wir bleiben dann aber anderthalb Jahre dort.

Erinnerungen an die Eltern, die um zwei Jahre ältere Schwester, an das Haus, in dem wir wohnten, an Gleichaltrige, mit denen wir spielten, an fröhliche Besuche erst von der Magglinger Zeit an.

Der Vater, guter Berggänger, Hochtourist, geht jeden Morgen früh vor dem Haus steil den Berg hinunter, durch den Wald, in sein Büro an der Kanalgasse in Biel, kommt abends von Leuhringen (bis dort benützte er die Seilbahn), zu Fuss heim und wurde als Held begrüsst. Zuoberst in Magglingen, im Grand Hotel, wohnten französische Internierte, sie waren in Uniform und sehr freundlich, obschon wir ihnen nachriefen:

D'Franzose
Mit de rote Hose,
Mit de gäle-n-Epolette
Ässe gärn e-n-Omelette.

Natürlich wussten wir Kinder nicht, dass dieser Spottvers aus dem vorletzten Jahrhundert stammte, als Napoleons Truppen in die Schweiz kamen. Andere sprachliche Erfahrungen: Hildi, meine Schwester, und ein etwas älteres Mädchen, das Johänni, lehrten mich die Aussprache des Buchstabens r und machten sich dann ein grosses Verdienst daraus. R anstatt l gelang nach grosser Anstrengung unten auf der Treppe im Widmerhaus, nun war ich dem Gespött nicht mehr ausgeliefert und froh darüber, allerdings ging auch die Belustigung flöten, wenn ich jetzt nach «Brot», nicht nach «Blot» fragte. Matten vor und neben dem Haus, ein Stall, heuen, ein Sennenhund, das ist lebendig in der Erinnerung, eher als die freie Sicht übers Mittelland bis zur Alpenkette. Und im Winter das Schlitteln hinunter zur Combe, und die Schuhe mit Holzsohlen hiessen Holzböden. Dann, eines Sommernachmittags, etwas Unfassbares: ich erwachte in der Kammer oben vom Mittagsschlaf, die Mutter stand am Fussende des Bettes und fragte erzürnt, warum ich mir Haare abgeschnitten hätte. Ich sagte, ich hab nichts gemacht, die Mutter: «Du lügst, der kleine Finger sagt mir, dass du lügst.» Was, meine Mutter merkte nicht, dass ich die Wahrheit sagte? Sie sah dem Kind nicht an, dass es nicht log? Ich wurde bestraft, das störte mich wenig, aber eine Mutter, die nicht sieht, ob ein Kind sie anlügt ober eben nicht. Freilich lag das corpus delicti auf der Marmorplatte der Waschkommode, eine meiner blonden Strähnen, man sagte, «du hast Zapfenzieherlocken», und daneben eine kleine Schere.

1918—1926 wohnen wir in Biel, an der Dufourstrasse 140. Die Schwester geht jetzt in die Schule, nach 2 Jahren auch ich, 7jährig. 4 Jahre Primarschule im Neumarktschulhaus, 2 Jahre Sekundarschule im Plänkeschulhaus. 1926 zieht die Familie ins neu erbaute Einfamilienhaus nach Leuhringen/Evilard — der Vater gehört zu den ersten Bielern, die das tun — an den chemin des ages (ohne accent circonflexe). Der Grossvater väterlicherseits, der bald, nach dem Tode der Grossmutter, in diesem Haus mit uns leben wird, betreibt jetzt Namensforschung, sagt, dieses age habe nichts zu tun mit Alter (âge), sondern mit Pflug und sei eine Flurbezeichnung. Der Vater wird das Haus 1944 wieder verkaufen.

Das Haus am Ende der langen Dufourstrasse, die unser Schulweg wird, ragt hoch und vorläufig einsam, wir wohnen im obersten, im dritten Stock, unten gibt's ein Postbureau. Nicht weit entfernt die Uhrenfabrik Omega. Die Villa der Besitzer, einer Familie Brandt — der Name wird französisch ausgesprochen, und die Mutter redet respektvoll von einer Madame Brandt — steht neben dem Fabrikgebäude in einem etwas düsteren Garten. Auf der andern Seite des Hauses, in dem wir wohnen, eine kleinere Uhrenfabrik, dort im obersten Stock wohnt der Concierge, verbotenerweise bleibe ich manchmal dort zum Zvieri. Es gibt Brot mit viel Konfitüre. Aber ganz nahe, grad über die Strasse, die Schreinerei Zehnder, hohe Bretterbeigen auf dem Vorplatz, da darf ich drauf klettern mit dem Jüngsten der Zehnders, dem Buebi; manchmal darf ich auch auf seinem Trottinette ein paar Runden ziehen. Wie heftig habe ich mir selber ein Trottinette gewünscht, nie eins bekommen. Ich glaubte, Buebi sei mein Freund, wir trotteten auch zusammen in die Schule, die Dufourstrasse lang (der schönere Weg der Schüss entlang wird den Kindern erst später erlaubt), da, plötzlich, ein Verrat: kurz bevor seine Schule, das Dufourschulhaus, in Sicht ist, bleibt Buebi zurück, er will sich vor seinen Kameraden mit mir nicht zeigen, er sei doch kein Buebemeitli, erklärt er später. Auch das Spielen auf den Bretterbeigen nimmt ein Ende, auch die kläglichen Versuche auf dem Velo des Vaters. Es gelingt nach langen Bemühungen, dass ich ein eigenes Velo kaufen darf, ein altes, gebrauchtes, es kostete 25 oder 30 Franken, ich übte im Regenwetter, in eine Pelerine gehüllt, ich landete in einem stacheligen Zaun. Einmal brach in der nahen Uhrenfabrik ein Brand aus, nachts, Feuerwehrhorn, die Mutter weckte mich, zeigte mir das Feuer aus pädagogischen Gründen, ich hatte Angst davor. Natürlich wurde die Angst nicht kuriert, der Schrecken war panisch.


Es muss noch früher gewesen sein, ich war im Spielen auf die Mitte der Strasse gelaufen, um mit einem Stein die Linien eines Stein-Hüpfspieles in den Sand zu zeichnen, da geriet ich unter ein Pferdefuhrwerk, ein Rad lief über meine Schürze, es passierte nichts, nur überraschend Schönes. Meine Mutter hatte alles vom Fenster oben gesehen, weinte, dass ich noch lebte, trug mich die Treppe hinauf, und ich fühlte, sie hat mich doch gern. Denn sonst schimpfte sie eigentlich viel, nicht nur mit uns, sondern auch über die Roten in der Stadt Biel, die Schuld waren an Unruhen und auch, dass der Vater zu spät nach Hause kam, zu viel politisierte. Wenn sie dann aber abends — nicht immer, nur hie und da — gleich hinter der Wand, an der ich schlief, Klavier spielte, Chopin und Schumann, war ich glücklich, die Welt hörte doch noch nicht auf. Aber die Mutter nahm uns eigentlich nie in Schutz — später tat's der Vater auf stille gute Weise —, auch nicht, wenn die Bewohnerin unter uns, das Fräulein Boch, grau und bleich, heraufkam, zitterte, sie habe geglaubt, die Decke falle ihr auf den Kopf, dabei war ich nur, während eines Spiels, mit Schwung in unsern Kleiderständer gefallen. Aber allmählich sagte die Schwester, sie spiele nicht mehr mit mir, es sei ja alles gar nicht wahr, mit den Puppen, den Bären und so. Da fiel der Himmel ein. Aber endgültig dann, als Ami, mein Kapokhund, der Waschwut der Mutter zum Opfer fiel und ich seine entleerte Haut an der Wäscheleine im Estrich baumeln sah, zum Trocknen. Er hiess doch Ami. Und ich hatte ihn so getauft, weil Herr Morel, in dessen Laden am Wasenweg wir einkauften, zum Vornamen Ami hiess, Herr Ami Morel. Die Schule hatte aber ernsthaft begonnen, die Korridore im Neumarktschulhaus rochen stark, und das Fräulein Leuenberger trug eine schwarze Alpakaschürze, zu meiner Verwunderung sagte sie einmal, ich solle den andern nicht so viel vorphantasieren, als kluges Kind trüge ich ihnen gegenüber eine Verantwortung. Was meinte sie damit? Einmal strafte sie mich, weil ich in der Pause auf dem Schulhof das Läuten überhört hatte — es war Herbst, wir sprangen in die Laubhaufen der Kastanienbäume — und zu spät ins Klassenzimmer zurückkam, Fräulein Leuenberger sagte, es sei schlechter Wille von mir, das Läuten der Schulglocke könne man nicht überhören. Warum habe ich, in spätern Jahren, dieser Lehrerin nie dafür gedankt, dass sie mir das Abc beigebracht hatte, diesen Anfang von allem Wichtigen, vom Lesen und vom Schreiben? Merci, liebes Fräulein Leuenberger, merci vielmals. Aber es war halt sowieso Schluss mit vielem, der Buebi hiess jetzt Werner, und sein älterer Bruder Emil wurde jeden Morgen von einem grossen Schulkameraden abgeholt, der rief laut «Emiiuu».


Die Sekundarschulzeit ist blass an mir vorbeigegangen, im ersten Jahr, dem fünften Schuljahr, gab's Französischunterricht, das machte Spass, das mündliche Rechnen weniger. Und dann kam bald der Übertritt ins Untergymnasium Biel, die Sexta und das Lateinbuch. Das Schulgebäude an der Alpenstrasse, Affenkasten genannt, im Rektorat ein Bild meines Grossvaters, des ersten Rektors dieser Schule. Für mich verhängnisvoll, man erwartete von der Enkelin gute Leistungen, besonders, weil meine um zwei Jahre ältere Schwester diese erbrachte. Der Schulweg von Leubringen herunter, wo wir jetzt wohnten, durch den Wald am Beaumont vorbei, war, wenn wir alle Abkürzungen hinunterrannten, in 20 Minuten zu schaffen, nach Hause fuhren wir mit der Drahtseilbahn. Das Beste an der Schule, so kommt es mir heute vor, war die gesunde Mischung, wir mussten alle einander ertragen: 6 Mädchen, 20 Buben in einer Klasse, Deutsche und Welsche, Griechen, Lateiner, Realisten, vier Konfessionen (Protestanten, Katholiken, Alt-Katholiken, Juden). Am nächsten standen mir die Welschen und die Auswärtigen (von Pieterlen, Erlach, Lyss). Störend, dass der Rektor elitäre Tendenzen zeigte, Akademikersöhne schienen ihm näher zu liegen als Söhne von Fabrikanten. Viele Jahre später hatte er das Bedürfnis, mir zu sagen, ich hätte meinen Weg trotzdem gemacht. Trotzdem? Weil ich nach einem schmalspurigen Studium keine Diss schrieb, ins Ausland floh, eine Ehe auflöste? Das Lob beleidigte mich sehr. Aber vorher hatte mir mein Schulkamerad Adrien, der aus Erlach kam, mit seinem schweren Ruderboot die Schönheiten des Bielersees eröffnet und Andre Gide geschenkt, die Nourritures terrestres. Und der Musikdirektor Arbenz hatte mit uns die Schuloper Der Jasager von Bert Brecht mit der Musik von Kurt Weill aufgeführt.

In die Gymizeit fiel der Tod des Grossvaters. Es war im Hochsommer1931, ich war beim Schwimmen am See, da wurde ich vom Haus oben von der Gärtnersfrau, Frau Krebs, mit lauter Stimme aufgefordert, sofort nach Hause zu gehen. Wieder ein Hieb meiner Mutter, ahnte ich, die hatte nicht gern, wenn ich während der Mittagszeit anstatt nach Hause mit Schulkameraden zum «Krebs» radelte, zum Schwimmen und Sünnelen unten in der Gärtnerei am See, wo es herrlich war, auf dem Mäuerchen zu sitzen, dann ins Wasser, dann nass in die Kleider und steil die Alpenstrasse hinauf in die Schule, wo wir trocken und erfrischt ankamen. Es wurde aber nicht geschimpft, als ich zu Hause ankam, Bestürzung herrschte, der Grossvater war gestorben während seiner Ferien bei seiner Tochter im Schaffhausischen. Das Wort Ferien schien mir fragwürdig. War der Grossvater nicht auch ein bisschen abgeschoben worden, weil meine Mutter es mühevoll fand, dass ihr herzkranker Schwiegervater bei uns wohnte? In seinem Studierzimmer im ersten Stock empfing er manchmal einen früheren Schüler, und in sein Schlafzimmer, das daneben lag, musste man ihm an einem Tag in der Woche, den er im Bett verbrachte, die ihm verschriebenen Portionen Milch hinauftragen. Gäste und Milchtag ärgerten meine Mutter gleichermassen, auch ich ärgerte sie, weil ich, wie sie feststellte, im Aussehen dem Grossvater nachschlug und überhaupt «so eine Wyss» würde.

Jetzt war also dieser Grossvater gestorben, und ich sollte meinen Vater auf der Reise zu ihm begleiten. Wenn ich an diese Zugfahrt zurückdenke, fühle ich mich als hilfloses Kind, war aber, wie ich erst später feststellte, 18 Jahre alt. Während der ganzen langen Reise — die Züge fuhren damals langsamer, und wir mussten mehrmals umsteigen, bis wir im Schloss Laufen am Rheinfall ankamen — redete der Vater kein einziges Wort. Ich verstand seine Bedrückung nicht, der Grossvater war ja alt gewesen, 75 Jahre alt und krank. Es war Nacht, als wir im Schloss Laufen ankamen. Die Hühner, im Schlossgraben untergebracht, schliefen, und die Werkstatt des von uns Kindern geliebten Onkels Emile — er war ein Welscher, deshalb das e — beim Eingang in den Schlosshof war geschlossen. Hier hatte er uns einmal, als ich mit meiner Schwester in den Ferien war, über Nacht Stelzen geschreinert. Jetzt kam uns die Tante, schwarz gekleidet, in trauernder Haltung, entgegen und führte uns ins Totenzimmer. Hier lag der Grossvater, steif und bleich und wie ausgeleert, um seinen Kopf ein Tuch gebunden, damit der Kiefer nicht hinunterfiele. Den Gesprächen entnahm ich endlich, dass nicht ein Herzschlag das Leben meines Grossvaters beendet hatte, er hatte es sich selber genommen, dezidiert abgeschnitten, mit scharfem Rasiermesser die Adern aufgeschnitten. Er habe, so die Tante, zwei grosse Waschschüsseln unter seine Hände gelegt, damit das Blut hineinfliesse. Wegen des Rauschens des Rheinfalles habe man, nebenan im Schlafzimmer, keine Geräusche gehört, auch kein Stöhnen vernommen. Ich begriff jetzt, was meinen Vater auf der Bahnfahrt so stumm gemacht hatte und ihn auch später verstummen liess. Das Wort Selbstmord kam im Familienvokabular nie vor, es wurde verschwiegen, dass Rektor Wyss Hand an sich gelegt hatte, er wurde in Biel in Ehren begraben, so wie es sich schickte. Insgeheim verbündete ich mich damals mit dem Grossvater, fand, er habe sich in antikem Stil und elegant aus einem Leben davongemacht, das ihm verleidet war.

1932 Matura

1932/33 Paris

Ich weiss nicht, was ich studieren, was ich tun soll. Die Schwester studiert an der Uni Bern, Bern kommt für mich nicht in Frage. Aber fort, weit fort möchte ich, aus dem Elternhaus hinaus, weg von den Sorgen der Mutter. Es kommt mir zupass, dass Musikdirektor Arbenz, der mit einer Französin verheiratet ist, für die Familie seiner Schwägerin ein Au-Pair-Mädchen sucht. Die Familie lebt in Tunis beziehungsweise Karthago. Ich sehe mich schon Briefe schreiben «Carthage, le … », fahre per Velo zur Cousine Liny nach Twann, die Schneiderin ist, aus roter Baumwolle näht sie mir lange Strandhosen. Das Billet für die Überfahrt Marseille-Karthago liege für mich bereit auf einem Reisebureau an der Cannebiere in Marseille. Im letzten Augenblick aber wird der Monsieur der Familie, ein italienischer Offizier, versetzt, das Kind Marie-Constance braucht keine Demoiselle mehr, die ihr bei den Schulaufgaben hilft, alles abgeblasen. Ich flunkere meinen Eltern vor, ich hätte eine Stelle als Au-Pair-Mädchen in Paris gefunden, man lässt mich ziehen, ich habe nämlich nur die Adresse eines Home pour jeunes filles in Paris angegeben, und als ich dann eines abends spät auf einer harten Holzbank im Zug nach Paris sitze, wird mir etwas bänglich zumute. Im Home pour jeunes filles lerne ich das Vaterunser auf französisch beten, vor jeder Mahlzeit, wohne in einem Zimmer zu dritt oder viert mit andern jungen Dingern zusammen, jeden Morgen früh stürzen wir an den Kiosk, kaufen Le Figaro, lesen die Annoncen, ab per Metro, sich vorstellen gehen. Ich bilde mir bald ein, zu verhungern, unterzugehen, wenn ich nicht innert ein paar Tagen Arbeit finde. Endlich ein Angebot, ich muss Kleidchen bügeln für eine kleine Monique, sie spazieren fahren im Bois de Boulogne, es ist schon kalt, sie will sehr oft Pipi machen, auspacken, wieder einpacken, sie sagt mir «sale bete, Mademoiselle». In der Küche meiner Arbeitgeber herrscht eine elsässische Köchin, bei ihr lerne ich alle Strophen der Marseillaise auswendig. So bleibt der Wortschatz beschränkt; ich bitte meinen Vater, ob ich mich an der Sorbonne immatrikulieren dürfe?

1932, Oktober: eingeschrieben für ein Semester an der Universite de Paris, Faculte des lettres (und am College de France bei Prof. Bedier) für französische Literatur. Gleichzeitig Kurse am angegliederten Institut de Phonétique, als Abschluss ein «Certificat d'études pratiques de prononciation française». Examen März 1933.

Studentenbude am Boulevard St. Michel 129 bei weissrussischen Emigranten. Da ist der Vater der kleinen Nadia, geschieden von Nadias Mutter, ein Russe, Parteimitglied der KP, er arbeitet nachts in einer Druckerei, kommt oft zu Nadia, diskutiert mit mir, der Schweizerin. Ich befreunde mich mit Sinaida aus Odessa, Weissrussin, die Nadia Nachhilfestunden gibt. Sie war verlobt mit einem Nachkommen des Generals Kutusov, den ich aus Tolstois Krieg und Frieden kenne, Sinalda ist immer traurig, sie war Tänzerin, wird später in Dornach Antroposophin und unterrichtet Eurythmie. Andre Gide im Radmantel bei einer Brecht-Aufführung gesichtet und vor Begeisterung schier ohnmächtig geworden. In der Salle Pleyel gibt Casals ein Solokonzert. Werke des Schweizer Komponisten Konrad Beck werden uraufgeführt. Die Pitoeffs spielen Ibsens Nora. Hingerissen bin ich vor allem von Tanzabenden der beiden Sacharoffs, das Flüchtige des Tanzes bezaubert mich wie nie etwas zuvor, vielleicht werde ich deswegen später eine Arbeit schreiben über Paul Valerys L'âme et la danse. Den grossen Louis Jouvet sehe ich zum ersten Mal in Jean Giraudoux' L'Apollon de Bellac. Eine Aufführung von Rostands Cyrano de Bergerac hinterlässt nicht den Eindruck grossartiger Blankverse, sondern Hungergefühl, auf der Bühne wird viel gegessen, mein Magen krümmt sich, da ich am Essen spare und mich kläglich ernähre. Wegen Fieber lerne ich einen Arzt kennen, der auf demselben Stock wohnt und der mir etwas Disziplin beibringen will: Dr. Ong Sian Gwan, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Pasteur, ältester Sohn einer chinesischen Kaufmannsfamilie in Batavia auf Java, also niederländischer Staatsbürger. Mit Ong gehe ich in eine Vorlesung von Marie Curie mit dem schönen polnischen Gesicht. Sie trägt eine schwarze Alpakaschürze und schreibt eilig unverständliche Formeln auf eine Wandtafel. Es muss ein Jahr vor ihrem Tod gewesen sein. Ich weiss nur, dass die kleine Professorin als erste Frau an der Sorbonne Physik unterrichtet und dass sie das Radium und das Polonium zusammen mit ihrem Mann Pierre Curie entdeckte. Einige Jahre später lese ich in der von ihrer Tochter Eva geschriebenen Biographie, dass sie, 36jährig, den Nobelpreis in Physik bekam, acht Jahre später den Nobelpreis in Chemie und, vorstellbarer für mich, dass diese Marie Sklodovska in Warschau politisch-revolutionär tätig gewesen war und deshalb ihr Heimatland Polen hatte verlassen müssen. Freund Ong flüstert mir im steil aufsteigenden Auditorium ins Ohr, dass der amerikanische Präsident Harding dieser Frau da vorn an der Tafel in der grossmütterlichen Schürze 1921 ein Gramm Radium in Anerkennung ihrer Verdienste um die Krebsbekämpfung schenkte.

Ong zeigt mir chinesische Restaurants, wo gerülpst, aber nicht geredet wird, er verlässt den Kinosaal, wenn Japaner in derselben Reihe sitzen, er lehrt mich markten und gratis in der Metro fahren, er pflegt chinesische Arbeiter der Autofabrik Renault ohne Entgelt, er bringt den Bunsenbrenner aus seinem Labor nach Hause — es ist der Bunsenbrenner Metschnikovs, der das Joghurt erfunden hat, sagt Ong —, weil er unter seinem Bett einen Gasanschluss entdeckt hat und wir nun Suppe kochen können in seinem Zimmer, er schimpft mit mir, wenn ich in der Bibliothek unkonzentriert lese, er bringt eines seiner gesunden Versuchskaninchen präpariert nach Hause, schickt mich aber sonntags in die Bäckerei vis-à-vis, damit sie es braten. Besonders gern besuche ich Verwandte, sie heissen Krebs, wie meine Grossmutter, der Vorname des Cousins ist James, man nannte ihn in Neuenstadt am Bielersee den Jämsie. Er betreibt einen Blumenhandel mit Frau und zwei Töchtern (die Küche liegt unter dem Geschäft im Keller, man sieht durchs Kellerfenster und die im Trottoir eingelassenen Gitter nur Füsse und Beine der Vorübergehenden). Gegen Abend gehe ich jeweils mit den Cousinen — eine heisst Alice wie meine Grossmutter — in Häuser der Kunden, um Arrangements in den Vasen zu erneuern, die Tischdekoration zu machen und neben das Gedeck des Hausherrn die Blume für sein Knopfloch zu legen, der Stengel umwickelt mit Aluminiumpapier. Diese décoration a la boutonnière nennt Alice kurz la boutonnière. Es kommt auch vor, dass ich Blumen austrage, aber ich weiss nie, soll ich dabei die offizielle Treppe hinaufsteigen oder den Lieferanteneingang benützen. Als ich von Paris weggehe, verabschiede ich mich nicht von den Verwandten, was ich mir heute noch nicht verzeihe.

1933 Sommer. Praktikum im väterlichen Notariat an der Kanalgasse in Biel.

Der Vater wünscht sich sehr, dass ich Jus studiere, und will mich mit der Juristerei bekanntmachen. Bevor ich zu diesem Studium nein sage, muss ich ein Praktikum absolvieren und so auch meinen Pariseraufenthalt abverdienen. Im Treppenhaus fliesst ein Brunnen mit frischem Wasser aus der Römerquelle, der Vater trinkt dort Wasser aus der Hand. Am ersten Tag begrüsst mich sein Compagnon, Herr Leu, mit Versen aus Don Carlos: «Die schönen Tage von Aranjuez sind nun vorbei.» Wie geahnt, werde ich diesen Ort, das Notariat, nicht heiterer verlassen. Für Markenkleben, Dienstgänge, Schreibarbeiten beziehe ich einen Monatslohn von Fr. 30. Ich habe für die Gesamtausgabe von Andre Gides Werken subskribiert und komme in Verlegenheit, wenn ein neuer Band, der 50 Franken kostet, innerhalb von zwei Monaten erscheint. Der Buchhändler Mägli übt keine Nachsicht. Aber mein Vater kommt mir näher. Er ist immer der erste im Büro, zieht, wenn er sich an seinen Schreibtisch setzt, die steif gestärkten Manschetten aus und stellt sie aufs Bücherbord. Er unterschreibt Akten und Briefe mit einer Tintenfeder, zum Trocknen derselben benützt er keinen Tintenlappen, sondern streicht die Feder an seinem Haar sauber. Das gefällt mir sehr. Den Stenographiekurs schwänze ich.

1933 Herbst—Oktober 1936. Immatrikulation an der Uni Zürich. Studium phil. I. mit Unterbrüchen, Deutsch und Französisch. (Dozenten: Emil Ermatinger, Theophil Spoerri. Ergiebiger, handfester die Linguistik bei Jakob Jud und Rudolf Hotzenköcherle. Pädagogik: Stettbacher, Philosophie: Grisebach. Am Poly lehrt M. Clerc. Aus Interesse: Russisch-Sprachkurs bei Leontieff, Theologie bei Emil Brunner, Kunstgeschichte bei Gantner.)


Als Abschluss — vorzeitig wegen Heirat ins Ausland — (und um dem Vater ein Schlussexamen vorzuweisen) «Patent als Fachlehrer auf der Sekundarschulstufe in den Fächern Französisch und Deutsch».


Praktikum im Milchbuckschulhaus.

1934/35 Wintersemester in Berlin, Humboldt Universität. Vorlesungen beim Philosophen Spranger und Hölderlin-Vorlesung bei Romano Guardini. Ich fürchte einen Krieg.

Am 13.1.35 kommt das Saarland zum Deutschen Reich; in Dresden, an einem Beethoven-Klavierabend, steht Elly Ney vor Beginn des Konzertes am Flügel auf und lässt zu diesem Anlass das Horst-Wessel-Lied singen. Der jüdische Cellist Silberstein darf mit seinem Klingler Quartett nicht mehr auftreten. Wir demonstrieren mit stundenlangem Klatschen in der Musikakademie, wo ein Stück des verpönten Komponisten Paul Hindemith aufgeführt wird. Mundpropaganda für Veranstaltungen der Bekenntniskirche in den grossen Ausstellungshallen, Pastor Niemöller spricht.

1935 Sommer. Keine Testate im Testatheft. Es ist nicht herauszufinden, wo ich in dieser Zeit war, was ich tat oder nicht tat.

1937 Februar: Eheschliessung in Biel mit dipl. Arch. E. Z , der seit einem Jahr in Stockholm arbeitet. (E. Z. , in Zürich aufgewachsen als Sohn deutscher Eltern. Sein Vater, Professor für Tierheilkunde (Anatom) hat nach langem Wirken in Zürich eine Dozentur an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover angenommen. Dass meine Schwiegereltern — kultivierte Menschen — Deutsche sind, bringt Konflikte für mich. Seit Hindenburg Hitler als Kanzler anerkannt hat, versöhnen sie sich mit ihm — besonders nach Ausbruch des Krieges. )

1937—1942 Stockholm.

Erlernen der schwedischen Sprache. Freundschaft mit dem emigrierten deutsch-jüdischen Soziologen Berthold Josephy, der auf schwedisch über Liberalismus und Sozialismus schreibt, Freundschaften mit Emigranten und Flüchtlingen, besonders mit sogenannten Doppelemigranten (Deutsche Intellektuelle, die vor Hitler in die Sowjetunion gegangen waren, dann aber, nach den Kirow-Prozessen, von Stalin als Trotzkisten rausgeschmissen worden waren und nun, ohne Papiere und von der Polizei geplagt, in Stockholm lebten. Zusammen mit ihnen im April 1940 die Besetzung Dänemarks und Norwegens durch die deutsche Wehrmacht erlebt. Schweden ist durch den Ausbruch des Krieges im September 1939 aufgewacht aus seiner friedlichen Lethargie, aufgerüttelt dann vor allem durch den finnischen Winterkrieg — im November 39 hatte die Sowjetarmee Finnland überfallen, Kämpfe in Karelien, viele Freiwillige zogen als schwedisches Freiwilligencorps nach Finnland in den Krieg. Unruhige Zeiten, da auch wir Schweizer nicht wissen, wie lange wir die Arbeitserlaubnis von Schweden bekommen. Meine Rettung in diesen Zeiten: Dr. Arthur Frey, Leiter des Schweizerischen Evangelischen Pressedienstes in Zürich und Leiter des Evangelischen Verlages in Zollikon (Herausgabe der Barthschen Dogmatik) interessiert sich für den Kampf der skandinavischen evangelischen Kirchen Dänemarks und Norwegens gegen die Besatzungsmacht, wünscht Informationen von mir. Wahrscheinlich berichterstattete ich einiges, dann gelingt es mir, der Kanzelabkündigungen des norwegischen Bischofs Eivind Berggrav und anderer Kirchendokumente habhaft zu werden, sie ins Deutsche zu übersetzen, und Arthur Frey publiziert sie in seinem theologischen Verlag. Übersetzungen aus anderen skandinavischen Sprachen und Herausgabe anderer Titel (Thema Kirchenkampf) für denselben Verlag. Erste Begegnung mit der Macht der Worte gegen Panzer, der Glaube an Flugblätter wächst. 1942: Rückkehr in die Schweiz mit dem Ehemann Z., der zuerst auf einem Architekturbüro in Basel Arbeit findet, dann in Davos. Dumpfes Vegetieren meinerseits im Basler Gundeldingenquartier, keine Erinnerung. Dann in Davos, deutschfreundliche Umgebung, die Auseinandersetzungen werden heftiger, endlich, und dezidierter. Ich nehme den 13jährigen jüdischen Knaben Leo, der in einem Flüchtlingslager lebt, in meinen Haushalt auf. Prägend ist die Begegnung mit Jules Ferdmann, einem russischen Juden, gebürtig aus Samara (heute Kuibischev), der als junger Revolutionär im Gefängnis gesessen hatte, nach Sibirien verbannt worden war, nach Jahren fliehen konnte, Ingenieur wurde, zu BBC in Baden arbeiten kam, dann aber lungenkrank nach Leysin kam und schliesslich in Davos lebte. Ferdmann wird der Lokalhistoriker des Kurortes, gibt die Zeitschrift «Davoser Revue» heraus. In seiner Küche lerne ich das Redigieren und Korrigieren von Texten und die Sorgfaltspflicht einer Redaktion.

1945: Scheidung von E. Z. Ich ziehe von Davos nach Zürich und bekomme sofort das Wohnrecht — es ist noch Krieg, und der Zuzug in diese Stadt ist beschränkt —, da ich durch Heirat das Zürcher Bürgerrecht bekommen hatte und es bei der Scheidung nicht verlor, so wie ich den Namen des Ehemannes verlor. Beides ist mir recht.

1945—1948: Arbeit als Redaktorin beim Schweizerischen Evangelischen Pressedienst an der Stampfenbachstrasse bei Dr. Arthur Frey.

1946 und 1947 vom Evangelischen Pressedienst zwei Polenreisen ergattert. Die Reisen in ein vom Krieg total zerstörtes Land erschüttern. Warschau noch in Trümmern, aus dem Ghetto steigt Leichengeruch, Breslau (Wroclaw) eine Totenstadt. Dezember 47 bis Februar 48 im Spital wegen schwerer Infektionskrankheit.

Mitte 1948 verlasse ich, wegen Schwangerschaft, meine Stelle beim EPD und verbringe einige Monate in England (Dorset und Cornwall) als Haushalthilfe und Kindermädchen.

1949 Februar, Geburt eines Kindes. Von jetzt an freier Journalismus für verschiedene Tageszeitungen, Zeilenhonorar. Das Kind versorge ich zu Hause, nur kurze Zeit gebe ich es halbtägig in die Krippe. Noch mühsamer: Kampf um die elterliche Gewalt, die mir nicht gegeben wird, da ich den Namen des Vaters des Kindes nicht nenne und in schlechten finanziellen Verhältnissen lebe. Später Prozesse, bis vor Bundesgericht, gegen den Vater des Kindes wegen Alimenten und Besuchsrecht.

1950—1962: Redaktorin beim «Luzerner Tagblatt» (wird als Halbtagesstelle eingestuft), um eine wöchentlich erscheinende vierseitige Frauen- und Kinderbeilage zu machen, die als Kopfblatt von Luzern aus, matriziert, vier anderen freisinnigen Tageszeitungen beigelegt wird («Aargauer Tagblatt», «Schaffhauser Nachrichten», «Zürichsee-Zeitung»,«Glarner Nachrichten»). Alle redaktionellen Arbeiten in Zürich, in einem Büro, das der Wohnung angegliedert ist, hier auch das Layout komponiert und geklebt, einmal pro Woche zum Umbruch nach Luzern, heitere Zusammenarbeit mit der Mettage der Druckerei.

1958—1967 freie Mitarbeiterin, Redaktorin, Programmgestalterin, Präsentatorin beim Schweizer Fernsehen, ohne Vertrag, was mir grösste Freiheiten gibt. Aufbau eines Frauenressorts, dem «Magazin der Frau».

1962—1967 zusätzlich die Sendung «Unter Uns», Sozialreportagen. Im ganzen etwa hundert Live Sendungen auf die Beine gestellt.

Ab Ende 1962 Redaktorin beim «Tages-Anzeiger», zuerst zu 75 % angestellt, zeichnend für den 2. Bund «Leben heute» der Sonntagsausgabe des Tagi, genannt «TA 7», und für das «Extrablatt für die Jungen».

Ab 1969 Vorbereitung eines Magazins des «Tages-Anzeigers», des TAM.

1970 Intensive Redaktionsarbeit mit den Kollegen Peter Frey und Hugo Leber, vom Verlag die Möglichkeit, neue Ideen zu entwickeln und die besten Schreiber für das Magazin zu interessieren. Februar: Die erste TAM-Nummer erscheint.

1975 Pensionierung als zeichnende Redaktorin.

1975—78 zur Aufbesserung der Rente redaktionelle Mitarbeit beim TAM, Reportagen geschrieben, z. B. «Kind und Stadt», «Endstation Worben» etc.

1978—79 Betreuung der Rubrik «Journal» im TAM.

1979 Schluss der Mitarbeit am «Tages-Anzeiger».

Gerichtsberichterstatterin, Kommentatorin am Radio und endlich Bücherschreiberin.

1976—96: Zehn Buchpublikationen, diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitungen.
«Das gescheit konzipierte und spannend zu lesende Buch Laure Wyss: Schriftstellerin und Journalistin beleuchtet und würdigt mit Beiträgen von Gret Haller, Elsbeth Pulver, Beatrice von Matt, Tobias Kästli, Hugo Loetscher und anderen eine kämpferische und zugleich sensible Autorin, die leidenschaftlich schreibt – als Journalistin wie als Schriftstellerin.» Berner Zeitung

«Der anregende, informative, nicht zuletzt auch mit ein paar überraschenden Fotos ausgestattete Band erweist einer Autorin rezeptive Gerechtigkeit, die zu den großen, wichtigen Journalistinnen dieses Jahrhunderts gehört. Nicht so sehr ihres geschriebenen Werkes als vielmehr ihrer lebenslang bewiesenen integren, verlässlichen, wachen Haltung wegen, mit der sie in einer Zeit, die jeden Tag mehr vergangenen Glanz zum Erlöschen bringt, vielen Jüngeren immer noch ein Vorbild ist.» Der Bund

«Dieses Buch ist eine Art Festschrift, aber keine die die Autorin fest-schreibt, sondern Blickweisen auf ein Lebenswerk öffnet, das immer wieder neu eingesehen werden kann.» WochenZeitung
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