Der Lauf des Flusses
Anne Cuneo

Der Lauf des Flusses

Das Leben und die Abenteuer des Francis Tregian, Edelmann und Musiker

Übersetzt von Peter Sidler

620 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Januar 1995
SFr. 49.–, 30.– €
vergriffen
978-3-85791-233-7

Schlagworte

Biografie
     
Von einem Dorf in Cornwall zum Heerlager König Heinrichs IV. in Arques in der Normandie, aus dem Rom der Gegenreformation nach Amsterdam zu Beginn des goldenen Zeitalters, vom Hof der Königin Elisabeth von England ins englische Seminar von Reims, vom Musikunterricht des Komponisten Thomas Morley in London zu den Madrigalen Monteverdes in Mantua, von Rubens in Antwerpen, der am Anfang seiner Laufbahn steht, zu Shakespeare, der am Globe Theater den Hamlet niederschreibt, vom alltäglichen Leben in Paris und London zu jenem in den Dörfern des Waadtlands – ein Roman, der uns durch einen Kontinent und eine Zeit führt. Francis Tregian erlebt hautnah die Umwälzungen seiner Epoche, ausgelöst durch Religionskriege und Nationalismus, aus denen das Europa unserer Zeit hervorgegangen ist.

Der Lauf des Flusses folgt dem Leben von Francis Tregian, einem englischen Gentleman, der zur Zeit der Königin Elisabeth von England und Heinrich IV. von Frankreich lebte. Er erzählt sein Streben nach Ausgleich zwischen den beiden Mächten, die die damalige Welt auseinanderrissen, dem katholischen Glauben und der Reformation. Als künftiger Erbe eines unermesslichen Vermögens, findet sich Francis Tregian mit sechs Jahren verarmt und entwurzelt. Sein Vater, unerschütterlicher Katholik, Fundamentalist würde man ihn heute nennen, verweigert den Treueid auf die protestantische Königin seines Landes; zur Strafe wird er aller seiner Güter beraubt. Für seinen ältesten Sohn beginnt eine Zeit der Irrungen.

Eine Leidenschaft verzehrt Francis Tregian und erleuchtet sein Leben: die Musik. Darin ist er seiner Zeit voraus. Zu einer Zeit, als Claudio Monteverde niemandem, ausser einem kleinen Kreis Eingeweihter in Italien, bekannt war, sammelt er mit Begeisterung dessen Madrigale. Aus Liebe zur Musik trägt er Stücke für Klavier, Orchesterensembles und für a capella-Chöre in Sammlungen zusammen, die bis heute in ihrer Art einzigartig geblieben sind. Darunter das berühmte Fitzwilliam Virginal Book.

Im Gegensatz zu seinem Vater, einem Feuerkopf und Mann der starken Worte und Taten, blieb Francis Tregian hinter seinen Partituren verborgen und führte ein unauffälliges Leben. Die wenigen Dokumente, die überdauert haben, zeigen ihn als begabten, sensiblen und redlichen Menschen.

Anne Cuneo hat alle verfügbaren Quellen verarbeitet und das Alltagsleben jener Zeit recherchiert: Entstanden ist die Geschichte eines Humanisten, eines Menschen, der die Errungenschaften der Renaissance in sich vereinte – Toleranz und Religionsfreiheit, Moral und Kultur. Ein Leben, dessen Wechselfälle sich wie ein Roman lesen, ein Fresko, das den Leser und die Leserin in eine gleichzeitig fremde und vertraute Welt entführt.
Anne Cuneo
© Olivia Heussler

Anne Cuneo

Anne Cuneo (1936–2015), geboren in Paris kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als Kind italienischer Eltern. Ihre Familie verlässt Frankreich 1940. Kindheit in Norditalien. Nach dem Tod ihres Vaters in den letzten Kriegstagen, lebt sie mehrere Jahre in katholischen Waisenheimen und Internaten in Italien und später in Lausanne in der Schweiz, wo sie die französische Sprache lernen und sich in die neue Umgebung einleben muss. Nach dieser schwierigen Zeit verbringt sie ein Jahr in England, in Plymouth und London, und entdeckt die angelsächsische Kultur. Sehr viel später schöpft sie aus der Erinnerung an diesen wichtigen Lebensabschnitt für ihren Roman «Station Victoria» (1989). Zurück in Lausanne arbeitet sie zunächst als Telefonistin und Sekretärin, studiert anschliessend an der Universität Lausanne Geschichte, Englisch und Italienisch, arbeitet in der Werbung, unterrichtet Sprachen und reist quer durch Europa.

Sie beschäftigte sich mit nahezu allen Möglichkeiten der Literatur, mit Journalismus und Übersetzungen. Ihr Werk, sehr oft autobiographisch, ist geprägt von der Auseinandersetzung mit aktuellen Strömungen. Sie bewunderte Breton, den Surrealismus, die Tradition der grossen amerikanischen Romane, und hat versucht all ihre Vorlieben in ihr Werk einzubringen. Beispiele für ihre ästhetischen Neigungen werden sichtbar in «Gravé au Diamant», «Mortelle  Maladie», «Passage des Panoramas», «Hotel Venus». In «La Vermine» ist sie Fürsprecherin für Menschen, die am Rande leben, und mit ihrer Autobiographie «Portrait der Autorin als gewöhnlicher Frau» führt sie die Welt der Emigranten in die schweizer Literatur ein. Sie schildert den Einbruch einer Krankheit in «Eine Messerspitze Blau», nachdem sie eine schwere Krebserkrankung überwunden hatte. Als Essayistin zeichnete sie die Welt des Theaters und des Films, der sie sich verbunden fühlte: «Le Piano du Pauvre», «La Machine fantaisie», «Le Monde des Forains», «Benno Besson et Hamlet».

Nachdem sie während mehrerer Jahre vor allem für Theaterproduktionen gearbeitet und eigene und fremde Theaterstücke inszeniert und produziert hatte, beschäftigte sie sich später wiederum mit Literatur. Dabei stand ihre Biographie nicht mehr im Mittelpunkt des Schreibens. Sie fügte allerdings hinzu: «Ich empfinde, das, was ich erzähle immer noch als autobiographisch, allerdings vertieft und stärker verarbeitet, möglicherweise auch weniger anekdotisch geschildert.»

Ihre Hauptfiguren, mit denen sie sich zutiefst verbunden fühlte, drücken sich immer in der Ich-Form aus, zum Beispiel Francis Tregian in ihrem letzten Roman «Der Lauf des Flusses». Durch Francis Tregian erleben wir das Europa zu Beginn des 17. Jahrhunderts, die gekrönten Häupter, die Wirren und Kriege, die Künstler und die einfachen Menschen, aber auch die Ursprünge unserer Kultur.

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Peter Sidler

Peter Sidler

1950–2004, Journalist, Redaktor bei einer Tageszeitung und einer Presseagentur, Redaktor an der Pressestelle von Schweizer Radio DRS. Hörspielübersetzungen. Seit 1995 freiberuflich als Übersetzer und Lektor tätig.

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«Als heimlicher Bruder Hamlets verkörpert Tregian eine Zeitenwende, in der patriarchale Familienbande und die Emanzipation des Individuums in tödlichen Gegensatz zueinander geraten. Den Wünschen des Vater-Geistes entsprechen heisst bei Cuneo: den Tod riskieren und vom Vater selbst verraten werden! Mit diesem radikalen Zu-Ende-Denken des Hamlet-Themas überzeugt die Autorin um so eher, als sie es auf unspektakuläre Weise in die kunstvoll gemeisterte Stoffülle einverarbeitet. Sie hat mehr hervorgebracht als eine interessante Biographie, mehr als einen vielschichtigen Roman: ein literarisches Ereignis!» Tages-Anzeiger

«Anne Cuneo entführt uns in die Zeit der Gegenreformation und der Religionskriege, wechselt mühelos die Schauplätze und kennt sich aus in den zeitgenössischen Balladen und Volksliedern. Geglückt ist ihr vor allem eins: eine Geschichte.» Die Weltwoche

«Anne Cuneos Prosa ist vollends zur Literatur geworden, die nur noch auf sich selber verweist, zur Sprachpoesie, die keine andere Rechtfertigung mehr braucht als ihre Existenz.» Berner Zeitung

«Die Lektüre des 615 Seiten starken Buches ist ein Gewinn und ein Vergnügen zugleich. Es ist packend und dabei sprachlich perfekt geschrieben (aus dem Fanzösischen von Peter Sidler), und es vermittelt unerhört viel Wissen. Francis Tregian, der leidenschaftliche Sammler, hat in Anne Cuneo eine leidenschaftliche Verehrerin gefunden, der es nun ihrerseits gelungen ist, neugierig zu machen auf dessen gesammelte Werke.» Die Ostschweiz

«Insgesamt ist es erstaunlich und beeindruckend, wie Anne Cuneo die Überfülle an historischem Stoff, den sie sich erarbeitet hat, im Griff hält und gestalterisch bewältigt, wie souverän und einfallsreich sie andrseeits Lücken in der Quellenlage romanhaft überbrückt und ausfüllt. Es ist die solide, realitätsnahe, in Gefühlsdingen manchmal zum Überschwang neigende Erzähltradition des 19. Jahrhunderts, die in diesem umfangreichen, von Peter Sidler vorzüglich aus dem Französischen übersetzten Werk wieder auflebt.» Der Bund

«Die Beschreibungen und Inszenierungen Cuneos sind abnsolut grossartig und atemberaubend, liebevoll, raffiniert erdacht, sind einfühlsam in die Zeit und das Umfeld des 16. Jahrhunderts gesetzt.» Dorf-Zytig, Biel-Benken
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