Das Raunen des Flusses
Oscar Peer

Das Raunen des Flusses

304 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Februar 2016
SFr. 38.–, 38.– € / eBook sFr. 32.80
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978-3-85791-778-3

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Der Erzähler kehrt im Herbst seines Lebens zurück zum verlassenen Haus am Inn, an die Orte seiner Kindheit im Unterengadin. Er findet Spuren und Erinnerungen an Menschen, an Landschaften und Gerüche. Das tägliche Leben taucht wieder vor ihm auf, die Schule, Streit und Versöhnungen, wichtige Menschen, der Vater, Eisenbahner und unersättlicher Leser, die Mutter, passionierte Briefeschreiberin, die Freunde, Lehrer, das harte Leben und die manchmal eigenwilligen Grossväter.
Erinnerung und Imaginäres wechseln sich ab. Konzentriert um Orte, Themen und Personen, setzt sich die Jugendgeschichte Stück um Stück zusammen. Der Autor vermeidet die lineare Chronologie. In der Tradition einer eindrücklichen oralen Erzählkultur, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, erzeugt Oscar Peer eine einzigartige Stimmung vom Alltagsleben im Engadin der Dreissiger- und Vierzigerjahre.

Oscar Peer
© Yvonne Böhler

Oscar Peer

Oscar Peer (1928–2013), geboren und im Unterengadin aufgewachsen, gehört zu den bedeutendsten rätoromanischen Autoren der Gegenwart. Eigentlich mit einer Lehre als Maschinenschlosser angefangen, drängte ihn sein Weg nach deren Abbruch zum Lehrerberuf. Nach dem Lehrerseminar in Chur begann er ein Studium der Romanistik, das er mit einer Dissertation zum surselvischen Schriftsteller Gian Fontana 1958 abschloss. Auch danach widmete sich Oscar Peer dem Rumantsch. Mit dem «Dicziunari rumantsch, ladin-tudais-ch» ist ein Basiswerk für die romanische Sprache entstanden. Viele Jahre unterrichtete er an Mittelschulen, daneben entstand kontinuierlich sein literarisches Werk.

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Grossvater Tumasch

Grossvater hatte mit zweiundzwanzig Jahren geheiratet. Statt aber bei seiner jungen Gattin zu bleiben und sich den Schafen und Kühen zu widmen, emigrierte er auf Beschluss eines Familienrates nach Italien. In La Spezia gab es einen Kolonialwarenladen, an dem seine Eltern beteiligt waren. Er sollte dort eine kaufmännische Lehre absolvieren, um vielleicht später einmal, wenn alles gut ging, die Leitung des Geschäftes zu übernehmen. Simeon, der älteste Bruder, der sich dort vielversprechend bewährt hatte, war plötzlich an einer Grippe oder an deren ärztlichen Behandlung gestorben; Peider, ein anderer Bruder, Simeons Nachfolger im Laden, hatte eine Sardinierin aus Sassari geheiratet und war seither spurlos verschwunden. Nachforschungen blieben erfolglos. Duosch endlich, der zweitjüngste Bruder, war nach Frankreich gezogen und ebenfalls verschollen; es wurde erzählt, er habe sich in einem öffentlichen Park von Paris erschossen und sei dann, als eine Art Inconnu du Luxembourg, auf einem der riesigen Pariser Friedhöfe begraben worden – wo genau konnte später nie ermittelt werden, vermutlich weil sich die französische Polizei um den Fremden foutierte. Es gab noch drei Schwestern, doch die hatten zu Hause zu bleiben, darüber wurde nicht einmal diskutiert. Jemand musste aber in La Spezia sein, wenn man von den Mitteilhabern des Ladens nicht übervorteilt werden wollte. So blieb keine Wahl, und Grossvater zog als letzte Geschäftshoffnung nach Süden.

Ich sage noch immer «Grossvater», obwohl er damals noch ein junger Mann war, frisch verheiratet, noch nicht einmal Vater, sein erster Sohn erst noch unterwegs, während er sich an der Riviera als Kaufmann versuchte ...

Ein gutes Jahr später war er wieder zu Hause. Ich weiss nicht warum, ob man ihn vielleicht im Laden nicht brauchen konnte – Zahlen interessierten ihn nicht, im Rechnen war und blieb er eine Null –, oder ob ihm ganz einfach Italien nicht gefiel. Vielleicht war es auch wegen der jungen Gattin, die vor Heimweh starb und ihm endlich den Sohn zeigen wollte, den sie unterdessen zur Welt gebracht hatte. Sie war eine geborene Bonorand, auch ihre Familie besass ein blühendes Auslandgeschäft, in Leipzig, allerdings keinen Laden, sondern eine Gaststätte, das sogenannte «Bonorandsche Kaffeehaus».

Ich stelle mir vor, wie sie in dem bescheidenen Bauernhaus miteinander leben. Im Stall haben sie ihre paar Tiere, man hört die Schafe blöken, die Ziegen meckern, das Pferd schnauben. Es riecht nach Heu, nach Stroh und gärendem Mist. Das Kind gedeiht. Man muss es vor dem Wind schützen, der durch den Flur in die Küche hereindringt. Hie und da, wenn die Sonne höher steigt und über den Berg herab scheint, sitzen sie mit dem Kleinen auf der Laube. Ich stelle mir vor, wie Tumasch, noch ein junger Mann, hinter seinem Gaul und seinem Karren aufs Feld geht. Manchmal ist man dort ganz allein, weit und breit kein Mensch, nur unebenes Wiesengelände, ein Flurweg, ein Stoppelfeld voller Raben. Dann kommt ihm vielleicht der Laden von La Spezia in den Sinn, die Warenfülle, die vollen Kasten und Gestelle, Duft von Schokolade und Kaffee, Duft von Wohlstand und Zivilisation – während er hier eine Wiese mistet oder mit einer Holzfuhre nach Hause kommt. Je nachdem beschleicht ihn das Fernweh, vielleicht auch die Reue, nicht geblieben zu sein. Er denkt an andere, die es ausgehalten haben; die sind nicht nur reich geworden, sie haben mit der Zeit auch ein städtisch mediterranes Wesen angenommen, eine gewisse Eleganz, auch sanftere Augen, eine weichere Gesichtshaut, während man hier rauh ist wie der Wind, der aus dem Gebirge weht. Vielleicht hat er die Chance seines Lebens verpasst. Nachts träumt er, er sei wieder dort unten, er sieht die Gegend in einem magischen Glanz, das Meer, Leute, die am Strand dahinwandeln, Damen mit blumigen Hüten und Sonnenschirmen, Herren mit Spazierstock und Zigarre, beflaggte Schiffe, die am Horizont verschwinden ...
Neue Zürcher Zeitung, 6. November 2007
Südostschweiz, 9. November 2007
SBD, November 2007
Mittelland Zeitung, 22. November 2007
Schweizer Illustrierte, 17. Dezember 2007
WOZ, 10. Januar 2008
Reflexe, Schweizer Radio DRS, 15. Januar 2008
Terra Grischuna, Januar 2008
Reflexe, DRS 2, 15. Januar 2008
Züritipp, 28. Februar 2008
Rheinischer Merkur, 11. Dezember 2008


«Oscar Peer zeichnet eine Welt von gestern, mit den Tücken und Freuden der Dorfgemeinschaft in der Abgeschiedenheit eines Tals; er vermittelt uns das plastische Bild des kleinen Kerns, aber auch des erweiterten Kreises der Familie, auf dem Hintergrund der historischen Geschehnisse des Engadins in der Zwischenkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg. Dieser rote historische Faden der elf Buchkapitel, die auch als autonome Erzählungen stehen könnten, durchzieht in packender Form den ganzen Roman, der als kulturgeschichtliche Betrachtung eines Intellektuellen gelesen werden kann. Mit feiner Ironie, genauem Wissen und kritischer Distanz wird uns das Geschichtskapitel des Unterengadins in den Jahren nach der Erschliessung durch die Rhätische Bahn und während der politischen Abgrenzung zu Deutschland, Österreich und Italien geschildert. [...] Mit diesem umfangreichen Spätwerk ist Oscar Peer sowohl in seiner Muttersprache Rätoromanisch als auch in dem von ihm verehrten Deutsch ein weiteres literarisches Meisterwerk gelungen.» Neue Zürcher Zeitung

«‹Das Raunen des Flusses› ist ein sehr berührendes Buch.» Schweizer Illustrierte

«Erinnerungen hat jeder, aber nicht jeder kann sie so anschaulich zu Papier bringen wie der Schriftsteller Osca Peer - sowohl in Rätoromanisch als auch in Deutsch» Südostschweiz

«Peers Geschichten sind nicht verklärt, aber nostalgisch. Und sie sind spannend und mit der dem Rätoromanen eigenen Melancholie erzählt. Trotz lokaler Situierung und Biografie ist ‹Das Raunen des Flusses› aber weit mehr als nur literarisiertes Familien- und Dorfleben: Es ist eine mit Sprachbildern kolorierte Kulturgeschichte des Unterengadins während der 30er- und 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts.» Mittelland Zeitung

«Mit einem liebevollen Blick, aber ganz ohne Pathos, lässt der Autor sein Bild der Familie und des Unterengadins entstehen. Seine Sprache ist genau, sorgfältig und lebendig. Schön, dass er nach der rätoromanischen Fassung die deutsche folgen lässt. Ein Buch, bei dem man bedauert, dass es endet!» SBD

«Oscar Peer beschreibt auf beeindruckende Weise die einzigartige Stimmung des Alltagslebens im Engadin der Dreissiger- und Vierzigerjahre. Dabei vermeidet er ganz bewusst eine lineare Chronologie. Erinnerungen und Imaginäres wechseln sich in seinem Werk ab. So entstand ein berührendes Buch, das die Kulturgeschichte des Unterengadins beschreibt.» Rheinischer Merkur
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