Hinter den Sieben Bergen
Ernst Halter

Hinter den Sieben Bergen

Erzählungen

200 Seiten, 12 x 19 cm, gebunden mit Schutzumschlag
August 2012
SFr. 29.80, 29.80 €
sofort lieferbar
978-3-85791-685-4

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Mit diesem Buch kehrt Ernst Halter nach Zofingen zurück, Schauplatz seiner Kindheit und Jugend und seiner Erinnerungen im Buch «Die Stimme des Atems», das damit eine Art Fortsetzung findet. Alle sechs Erzählungen sind fiktiv, haben einen realen Kern und setzen einzelnen Menschen ein Denkmal. Da ist wieder der kleine Bub im Wald, der Waldarbeitern begegnet, an ihrem Feuer sitzt und unvermittelt einen Schritt aus seiner Kindheit tut. Da ist der Fabrikarbeiter Wullschleger, der einer weit zurückliegenden Rache nachsinnt. Da sind die Künstler, die verzweifeln und doch nicht wegkommen, da trifft sich eine Schulklasse nach 34 Jahren und beschweigt einen Tod, da nimmt schliesslich einer Abschied von den Eltern und fährt über die sieben Berge zur Geliebten. «Hinter den sieben Bergen» ist eine feine, wache, warmherzige und tiefsinnige Hommage an einen Landstrich, den die meisten nur als Konglomerat von Fabriken, Lagerhäusern und Wohnsiedlungen entlang von Autobahnen kennen dürften. Doch jede Landschaft hat ihre Geschichte und ihre Abgründe.

Ernst Halter
© Werner Erne

Ernst Halter

Geboren 1938 Zofingen (AG), Schweiz

1958–1966 Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Geschichte in Genf und Zürich

1962–1963: Aufenthalt in England

1967–1968: Redaktionsassistent bei der Kulturzeitschrift «du»

1968–1969: Lektor des Verlags Fretz & Wasmuth, Zürich

1970–1985: Cheflektor des Verlags Orell Füssli, Zürich

ab 1986/87: freischaffend als Schriftsteller, Publizist und Herausgeber, Redaktor, Lektor, Berater beim Offizin Verlag, Zürich, auf den Gebieten Volkskunde, Photographie, Kulturgeschichte, Kunst

Verheiratet mit der Lyrikerin und Schriftstellerin Erika Burkart.

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Über die Sieben Berge

Er öffnet den Wagen, legt den Napfkuchen, den die Mutter für ihn und Eva gebacken hat, auf den Beifahrersitz, steckt den Schlüssel ins Zündschloß, richtet sich auf und dreht sich um. Vor ihm stehen seine Eltern; wahrscheinlich sind sie jeder seiner Bewegungen mit den Augen gefolgt. Es ist Zeit, drei Finger zwischen Horizont und Sonne. Die weißen Haare seiner Mutter flammen um einen dunklen Kern – Hitze-Corona. Das Gesicht des Vaters ist halb ins Licht gedreht, die von Schatten vertieften Falten machen es groß und schwer. Er berührt die Stirne mit den Lippen, die Sonne blendet, er ertastet die Hand. Sie zittert leicht; immer wenn er wegfährt. Sie sind zu tapfer. Einmal müßte man herkommen, um nichts als Abschied zu feiern. Doch was sie nicht über die Lippen bringen, würden sie auch dann nicht sagen – als ob sie ihrem Gefühl mißtrauten. Sie lassen es beim Alltäglichen bewenden und leiden.

«Auf Wiedersehen in vierzehn Tagen, Papa.» Er ist der letzte, der Jüngste; seit er mit Eva im Turm wohnt, ist das Haus hier leer geworden, beinahe untröstlich. Er wendet sich zur Mutter und bückt sich in den Schatten ihres Gesichts. Ihre Blicke gehen ruhig in seine Augen hinüber. Die Blicke des Vaters umkreisen ihn, schubsen ihn fort, versuchen, die Unerträglichkeit des Abschieds vorwegzunehmen. Die Mutter lächelt; er fährt ihr über das feine Haar: «Lieben Dank für alles und für deinen Kuchen. Nicht wahr, ihr laßt euch Zeit; ihr habt ja Zeit und so viel zu lesen.» Sie nickt, er küßt sie auf eine Wange: «Und wie wär's 168 mit einem Abendspaziergang? Heute ist Vollmond.» Er läßt sich auf den Fahrersitz fallen und sieht zu der dunklen Silhouette der Mutter auf, zieht die Wagentür zu, lindert den Knall, indem er ihr zunickt. Er betätigt den Anlasser, läßt die Scheibe herunter: «Leb wohl, Mama, Dieu.»

«Grüß mir deine Eva.» Er nickt noch einmal, lächelt, fährt an den zwei dunklen Gestalten vorbei rückwärts auf die Straße hinaus. Ihre Schatten fallen lang über den Vorplatz der Garage. Er zögert einen Augenblick, bevor er den Gang wechselt. Immerhin kehrt seine Schwester mit ihren Buben von Zeit zu Zeit hier ein, auch der Bruder wohnt nicht allzu weit weg. Nun winkt er ein letztes Mal, beschleunigt, konzentriert sich auf den Verkehr, der an Samstagabenden in diesem Vorstadtquartier nicht stattfindet. Er fährt das Seitenfenster hoch und fühlt sich erleichtert – und im Unrecht, ohne daß ihn dies bedrückt.

Warum das Abschiedwinken sogar im Winter, wenn es stockdunkel ist und die Eltern, von den Scheinwerfern geblendet, es nicht sehen können? Wir husten aus Verlegenheit, wir lächeln aus Unsicherheit, wir summen ablenkend vor uns hin, wir schnalzen mißbilligend mit der Zunge, obwohl niemand im Zimmer ist, der uns auf dem Gedanken, auf dem wir uns ertappt haben, ertappen könnte. Obwohl wir nicht an einen allgegenwärtigen Gott glauben, handeln wir so, als ob es ihn gäbe. Für wen schaffen wir ein Alibi nach dem andern?

Er biegt zweimal links ab, und jetzt brennt die tiefe Sonne im Rückspiegel, er weicht mit dem Kopf der Blendung aus. Das Elternhaus liegt in der Südwestecke des Kantons in Südlage an einem häuserbestreuten Hang. Evas Turm steht in der Südostecke einsam auf einem Hügelzug «am Schnittpunkt von zweimal vier Winden», wie sie geschrieben hat. Man kann zwei Routen wählen, den Spazierweg und die Schnellverbindung. Auf der Autobahn und der sogenannten Todesstraße verliert man knapp drei viertel Stunden Zeit; auf den schmalen Asphalt- und Natursträßchen der Sieben Berge gewinnt man anderthalb Lebensstunden. Für die Fahrt zu den Eltern wählt er die Schnellverbindung, zurück zum Turm den saumseligen Weg, die mit jedem durchquerten Dorf und Tal spürbar schrumpfende Distanz zur Geliebten.
Mittellandzeitung, 25. August 2012
Kleine Zeitung (Wien), 7. Oktober 2012
Neue Zürcher Zeitung, 28. November 2012
P.S.-Buchbeilage, 14. März 2013


«Ernst Halter ist keiner, der es den Lesern leicht macht. Dadurch eröffnet sich aber ein ganz eigenes Universum, das aus einer früheren Zeit zu stammen scheint und gleichzeitig zeitlos ist.» Mittellandzeitung

«Die neuen Erzählungen Ernst Halters begeben sich persönlicher auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Ein so scharfsichtiger wie liebevoller Beobachter.» Kleine Zeitung, Wien

«Es ist eine unaufgeregte Landschaft, die sich zwischen Zofingen und dem aargauischen Muri ausspannt. Aber wenn einer sie so genau anschaut wie Ernst Halter in der Titelerzählung, dann offenbart sie Gesichter und Geschichten. Mit präzisem Blick nimmt der Autor vorerst eine Bestandesaufnahme vor, doch da er so etwas wie das dritte Auge besitzt, sieht er mehr als andere: Er vermag die Landschaft zu erwecken und ihre Menschen aus dem Verborgenen zu holen.» Neue Zürcher Zeitung

«Eine Verbindung von Poesie und subtiler Analyse.» Neue Zürcher Zeitung
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