Fabio Pusterla

Solange Zeit bleibt / Dum vacat

Gedichte Italienisch und Deutsch

Ausgewählt, übersetzt und mit einem Vorwort von Hanno Helbling. Postfazione di Massimo Raffaeli

2002, 180 Seiten, gebunden
ISBN 3-85791-378-9

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Kurze Inhaltsangabe

Die zweisprachige Sammlung stellt den Lyriker mit einem Querschnitt durch sein gesamtes bisheriges Werk erstmals auf Deutsch vor. Fabio Pusterlas erster Gedichtband – «Concessione all’inverno» (Zugeständnis an den Winter) – im Jahr 1985 war ein Ereignis und wurde in Italien mit dem Premio Montale ausgezeichnet. Seither hat sich diese neue lyrische Stimme mit acht Publikationen in der italienischen Literatur etabliert.

Der Widersprüchlichkeit heutiger Welterfahrung begegnet Pusterla vor allem mit einer dramatischen Syntax, deren Spannungen und Brechungen diese Gegensätze spiegeln. Dabei überschreitet er unerschrocken die Grenzen der Gemütlichkeit, durch Geröllhalden und Asphaltlandschaften weht ein eisiger Wind. Das Klima von Schmerz und Verzweiflung erinnert dabei nicht selten an Giacomo Leopardi, wie bei ihm wird die Kunst zum Trost in der Unwirtlichkeit.

Gedichte aus: Concessione all’inverno, Vorwort von Maria Corti, Casagrande, Bellinzona, 1985 (und 2001). Bocksten, Marcos y Marcos, Mailand, 1989. Le cose senza storia, Marcos y Marcos, Mailand, 1994. Pietra sangue, Marcos y Marcos, Mailand, 1999

Gedicht

Altra febbre

Sono i pinguini dai denti lunghi
le spade di fuoco i cavalli
con zoccoli dorati
sono i minuscoli mostri
che strisciano sulle colline
stritolando conigli
perché l’altissima febbre dice solo
una cosa non tanto sbagliata:
i coniglietti sono in pericolo, sempre,
gli eserciti armati.

Wieder Fieber

Es sind die langzahnigen Pinguine
die Feuerdegen die Pferde
mit den vergoldeten Hufen
es sind die winzigen Untiere
die über die Hügel kriechen
und Kaninchen zermalmen
denn das ganz hohe Fieber sagt nur
etwas gar nicht so Falsches:
Die Kaninchen sind stets in Gefahr
die Heere in Waffen.

Vorwort

von Hanno Helbling

Die Gedichte von Fabio Pusterla sind unterwegs zum Paradigma. «Ein Wort, ein Satz –: aus Chiffren steigen / erkanntes Leben, jäher Sinn …» (Benn). Der Vorgang hat einen Namen, der im Italienischen immaginare lautet; nach Auskunft des Wörterbuchs: «sich vorstellen, sich denken, sich einbilden, ahnen, ersinnen, schaffen …» Die Bewegung, die wir aus einem Text heraushören, führt vom Bild zum Gedanken, von der Szene zur Frage, vom Anblick in die Betroffenheit.

Was nicht hei¤t, da¤ die Dichtung über die Dinge rede. Sie läßt sie sprechen; und was sie sagen, ist je schon Gehörtes, Gesehenes. Die erste Bewegung, die der Text verraten muss, ist ein Wiedererkennen: Die Betroffenheit hat sich für den Anblick bereit gehalten. Was von au¤en zu kommen scheint, verwirklicht sich als ein innerer Vorgang.

«Brief aus Tinizong»; was dem Wortlaut nach hei¤en würde, es teile jemand seine Eindrücke mit, aus einer Ortschaft im Oberhalbstein, wo er eine Ferienwohnung gemietet hat oder Militärdienst leistet. Oder einfach

«Landschaft»; auch in diesem Gedicht wird der Anschein gewahrt, als zeichne jemand auf, was es zu sehen gibt: «Ein Schubkarren, /der keine Räder hat. Ein verrotteter Eimer.» Zugleich aber wird so nach «echten Zeichen» gefragt, nach «Spuren vielleicht / von einer andern, untern Welt». Die Imagination holt – für uns Lesende – die Bilder heran, die sie aus sich herausgestellt hat: die wir erst dann sehen, wenn die Wirklichkeit der Dichtung in ihnen zum Sprechen gekommen ist. Die Treppen von Albogasio als «Aufwärtsbewegung», ascensionale – der Gang der Bahrenträger führt indes abwärts. «Vielfach sind zum Hades die Pfade» (Mörike).

Zwar lesen wir die Gedichte Pusterlas – oder viele von ihnen – nicht falsch, wenn wir sie als ein Bedenken des Sichtbaren auffassen. Ein Klinikaufenthalt, Tage im Bunker, ein Besuch in Crespi d’Adda: Da gehen die Eindrücke der Reflexion voraus. Wo das Scharnier des Gedankenaustauschs mit der Realität bloßgelegt wird, tritt das Moment des Grotesken hervor, das sich hinter der scheinbar noch unbedenklichen Szene bereit gehalten hat. Und das ist die leichtere Lesart. So gibt es Beispiele für das Zugrundegehen der Welt: der Rheinaal, dem die Luft ausgeht; der hilflose Aufstand der Massen, der sich in der Trostlosigkeit eines Vorortszugs darstellt. Und Beispiele werden gewählt von jemandem, der zeigen will, da¤ … Eine leichtere Schreibart vielleicht auch. Die es möglich macht, jeweils – bildhaft, das Medium ist gegeben – zu verdeutlichen, was gemeint ist. Wir stellen dann fest, da¤ eine bestimmte Situation dem Autor «die Augen geöffnet hat»; wobei es uns überlassen bleibt, darüber nachzudenken, da¤ seine Augen dazu disponiert waren, sich in dieser Weise und Richtung öffnen zu lassen.

Oder wir verlegen uns auf die Beobachtung. Welche Anblicke machen den Dichter betroffen – oder betreffen ihn bei seiner Disposition zur Betroffenheit? Die Landschaft ist vorwiegend steinig und dunkel, das Zivilisatorische kalt und zerstörerisch, und die Menschen erscheinen, über einen sehr engen Kreis hinaus, als ein feindliches Element. Kritisiert der Autor die Welt – in poetischer Form? Er wäre nicht der erste; und nicht der erste, bei dem der Kritik durch ihr eigenes Medium (durch die Bildhaftigkeit eben) ein Element der Zustimmung beigemischt würde. Doch seine Gedichte folgen, aufs Ganze gesehen, einem anderen Muster.

Bocksten: ein Ort, wo ein Toter gefunden wurde, ein halbes Jahrtausend nach seiner Ermordung. Die Anzeichen lassen darauf schließen, da¤ ein grausames Ritual an ihm vollzogen worden war. 45Gedichte umkreisen den Fundort, evozieren Moor, Wald, Küstenlandschaft, suchen nach der Spur der Täter und des Opfers. So könnte sich eine Geschichte zusammensetzen. Was aber hier geschieht, ist eine Wendung nach innen. «Sie brachten mich hierher»: Hat der Tote zu reden begonnen? Nicht doch – ich bin es selbst.

Die besten Gedichte von Fabio Pusterla lesen sich so, da¤ der Weg vom Sehen der Dinge zur Introspektion führt und aus ihr sich die Imagination auf den Weg macht. «Das Land aus der Tiefe» – wie es «unerkannt und doch erwartet» aufsteigt von einem aufgewühlten Grund, ein Gebilde der Vorstellungskraft: «Wir müssen es sorgsam empfangen, erkunden,/sacht das Dunkel wegschieben von seinen Schauern,/sanft ihm zureden, da¤ es bleibt …» Was so «gehoben» wird, kann der Text selber sein.

Hier kommt das Paradigma in Sicht. Das Ein- und Ausatmen der Dichtung. Die rhythmische Gleichzeitigkeit des Sehens und des Zeigens, des Hörens und des Sagens; dahin ist Pusterla unterwegs.

Pressestimmen / Rezensionen

Link Pressestimmen
Link  Neue Zürcher Zeitung vom 13. Juni 2002
Link  La pagina vom 8 maggio 2002
Link  Tessiner Zeitung vom 11./12. Juli 2002
Link  Der kleine Bund vom 27. Juli 2002
Link St. Galler Tagblatt vom 25. November 2002
Link  Altravita.de vom 3. März 2003
Link Der Landbote vom 7. Januar 2004

 

Pressestimmen

«Pusterla legt gleichsam zärtlich die Hände auf diese Erde und fühlt ihren Puls. Eine Art heiterer Melancholie liegt über seinen Gedichten, das Wissen, ‹dass es für ihn nichts anderes gibt› - und auch die Gewissheit, dass die Migräne wieder aus dem Kopf weicht, den Blick wieder freigibt. Vordergründig scheinen alle Wege auf den Friedhof zu führen, doch sie geleiten auch davon weg. Eine Frage der Richtung. Und der Sprache: ‹Doch waren wir hier, um die Sprache zu hüten. / Nicht jeden Tag, nicht zu jeder Stunde / des Tages; nur dann und wann.› Solange Zeit bleibt.» Der kleine Bund

«Dass Pusterlas Gedichte bei aller Hoffnungslosigkeit und Düsternis oft einen dramatischen Glanz haben, liegt an der Unerschrockenheit, mit der er seine Dialoge mit Menschen und Landschaften bis an die Grenze führt, wo die Konturen verschwinden und das Nichts sie verschluckt. Die Erfahrungen, die er als Grenzgänger in Negativen macht, geben vielen Versen eine herausfordernde und lebendige Intensität, vor allem, wo sie sich an ein Du wenden.» Neue Zürcher Zeitung

«Der trostlose Pusterla rückt einem näher, als einem lieb ist. Pusterlas Krieg ist nicht heroisch, getragen vom Taumel der Masse, Pusterlas Krieg ist einsam, verängstigt und schon lange jenseits des Zweifels. ‹Solange Zeit bleibt› ist unangenehm aktuell, gerade weil es sich jede (nicht: jeder) Interpretation versagt. Bilder von Isolation, Stummheit, Einsamkeit und Mißtrauen gegen die Stoßrichtung der Zivilisation ziehen sich durch den Band, an keiner Stelle geben die Bilder des Schweizers einen Blick frei auf eine Alternative, eine Theorie, die Trost, Hoffnung oder auch nur Bedeutung verspricht. Adorno, der knochentrockene Frankfurter, wäre auf die Knie gegangen.

‹Alles bereit. Schon länger. Sie sollen nur kommen. / Wir harren der Dinge im Herzen der Berge.›

Vielleicht bleibt ja noch Zeit.» Kai Tippmann, Altravita.de


«Erosion wird die Alpen austilgen, sie gräbt zuerst Täler, dann steile Schluchten, unheilbare Leeren, Einsturzvorspiele, Strudel. Knirschlaute geben das Zeichen zur Flucht. So ist es verfügt. Bleiben die Seelein, mitunter ein Berglein, die ruhigen Zeiten, die kollernden Steine, die Höhlen, das moorige Flachland. Und in der Neuen Welt, nach dem Sturz der Hauptsätze und Konstruktionen, nach dem Verschwinden der Gewissheiten und der Bekräftigungen, bleiben die Einschübe, Zwischen- und Ausrufe: Pfahlbauten für morgen.   Fabio Pusterla Erodiert, asphaltiert, desillusioniert ist die Welt in den Gedichten des Tessiners Fabio Pusterla. Einwürfe sind seine Worte, nicht Konjunktionen, die Geteiltes zu einem schönen Ganzen zusammenfügen. Mit «Die Einschübe» eröffnete er 1985 seinen ersten Band Zugeständnis an den Winter, drei weitere folgten. Nun ist das Werk in einer sorgfältig gestalteten zweisprachigen Ausgabe zugänglich.» St. Galler Tagblatt (eba)

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