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Simona Ryser Helenenplatz Roman 2011, 140 Seiten, gebunden ISBN 978-3-85791-640-3
--> Extract in English
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| Hanna, Treuhänderin im Burnout, sitzt wie gelähmt vor ihrem
Computer, flüchtet in die Stadt, klaut in Warenhäusern, versucht Männer
kennenzulernen. Ihre junge Sekretärin Sabine übernimmt mehr und mehr die
Dossiers, jubelt ihr Dates unter und träumt selbst von der Liebe. Georg,
Gamedesigner im Timeout, rennt durch die Stadt, etwas Undefinierbares im
Nacken, und geistert durch die Kontaktinserate auf den Bildschirmen von
Hanna und Sabine am Helenenplatz. Drei moderne Stadtmenschen treffen und verpassen sich, gelenkt von der Stadt, ihren Strassen, Warenhäusern, Bürotürmen und Bildschirmen. Gelenkt von ihren Träumen einer Liebe, die länger hält als ein paar Nächte. Wunderbar musikalisch erzählt Simona Ryser von der Stadt, von der Arbeit
und der Liebe. «Helenenplatz» ist ein modernes Märchen im Zeitalter der
Onlineportale, auf denen einsame Singles auf der virtuellen Suche nach dem
einzig wahren Date sind: Am Stadtrand unter der Kastanie. |
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| Und dann stand Hanna auf dem
Helenenplatz, schloss die Augen, hob das Kinn zum Himmel und ließ die vor
Nässe immer schwerer werdenden Schneeflocken auf ihr Gesicht fallen. Bitte,
rief sie, bitte, und in ihrem Bitten und Klagen hörte man die Liebe, und
sie, sie mögen in ihr Wehklagen einfallen, miserella, sangen die Stimmen in
ihrem Kopf, und Hanna steht und das Klagen fließt ihr durch den Körper, il
suo dolor, die Töne neigen sich nah zueinander, wie ein Baum steht sie,
Hanna, eine geneigte Pflanze, am Boden festgemacht, Wurzeln oder Klebe, kein
Schritt mehr kann sie tun, da steht sie auf diesem Platz, wo nie zu dieser
Jahreszeit eine Person stehen bleibt und ihr Wehklagen breitet sich aus auf
dem ganzen feuchten Asphalt, un gran sospir dal cor, die Töne rieseln wie
ein Bächlein an ihr hinunter, ein Faden, ein Rinnsaal, es rinnt ihr die
Beine runter, Himmel und Erde, Tränen, geschmolzener Schnee, eine nasse Spur
verteilt sich auf dem Platz, ein flacher, dünner See, voller Wehklagen,
Zittern und Flehen. Amor, sagt sie, Amor, sie steht, den Blick zum Himmel,
bewegungslos, Amor, dove, dov’è la fè, che’l traditor giurò? Wo ist die
Treue, und aus ihrem Herzen spricht es, miserella, wo ist die Treue, die der
Verräter mir schwor, und Hanna, betrogen von der Liebe und von sich selbst,
die sich das Immer und Ewig so sehr wünscht, und noch immer stehen ihre
Beine wie angewurzelt, sie neigt sich im Winterwind, keine Blätter an den
Ästen, die Töne steigend, die Töne fallend, taci, taci, miserella, sie ist
es, aus deren geschlossenem Mund die Worte kommen: Fa’ che ritorni il mio
amor com’ei pur fu, o tu m’ancidi ch’io non mi tormenti più. Er soll
zurückkommen, il mio amor, sie soll zurückkommen, die Liebe. Amor. Taci,
taci. Doch Hannas Herz ist kalt, es liegt wie ein Stück rotes Fleisch in der Brust, die sich hebt und senkt, und kein Ausschnitt vermag der Liebe genug Liebe zu schenken. Keine Liebe. Kein Verehrer, kein Verräter, kein Liebhaber, keine Liebe. Selbst das Lied ging Hanna nur durch den Kopf, sie hätte die Melodie nicht einmal singen können, eine stumme Musik, von der nur ihr Blick nach oben in die fallenden Schneeflocken zeugte. |
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| «Die Sprache, die Ryser dafür
findet, pendelt unruhig zwischen verwischender Beschleunigung und
überscharfer Zeitlupe hin und her. Ihre Kunst besteht im rhythmischen
Zusammenspiel der beiden Tempi. Die Erzählung zoomt ganz nah an Dinge heran,
um handkehrum hochzuschnellen und den Platz oder die Stadt aus der weiten
Vogelperspektive zu überblicken.» Tagesanzeiger
«Simona Rysers neuer Roman ist ein kunstvoll gemachtes Stück Literatur, das an kubistische Malereien denken lässt: Die Autorin zerlegt das Geschehen in Fragmente, die ineinander verschoben und fortlaufend variiert werden. Das Buch übt einen flirrenden Reiz aus. Er ist vor allem durch die Sprache und die Form gegeben: Mit leichter Hand werden hier Spuren durch die Stadt gelegt, verwischt und doch wieder aufgefunden. Raum, Zeit und Menschen werden unmerklich in Bewegung versetzt. Wer einen Sinn für subtile, klug komponierte Spiele hat, wird sein ästhetisches Vergnügen an diesem Roman finden.» Basler Zeitung «Die fortschreitende Lektüre zeigt, dass die Autorin mit den Tempiwechseln geradezu lustvoll spielt, als ob sie ein dynamisch fein abgestuftes Musikstück komponieren wollte. Ebenso subtil setzt Simona Ryser Dunkelheit und Licht als Bedeutungsträger ein. Auch gelingen ihr nun Beschreibungen von anmutiger Schwerelosigkeit.» Neue Zürcher Zeitung «Der 42-jährigen Zürcher Autorin, Sängerin und Hörspielregisseurin reichen in ‹Helenenplatz› wenige Figuren und Lebensskizzen, um einem grossen Thema Gestalt zu geben: der Vereinsamung, Vereinzelung und Sprachlosigkeit in einer an Kommunikationsmöglichkeiten überreichen Welt. Doch sie tut dies nicht gradlinig. Es sind vielmehr Erzählfragmente, die Simona Ryser kunstvoll setzt, thematisch variiert und dann wieder so verzahnt, dass aus den Einzelstücken ein Erzählganzes entsteht. Ihre Figuren bewegen sich auf engem Raum, sie begegnen sich, ohne sich je wirklich zu treffen, und man zweifelt, ob sie überhaupt bei sich selbst ankommen. Immer wieder wechseln die Perspektiven. Ob Hannas, Sabines oder Georgs Innensicht: Die Erzählerin ist die Allwissende, sie ist die Marionettenmeisterin, die ihre ruhelosen Figuren über das Parkett des Lebens und hinein in ihre individuellen Verstrickungen führt.» Mittelland Zeitung «Simona Ryser versteht es ausgezeichnet, mit dem Bild des Helenenplatzes die moderne Online-Gesellschaft zu charakterisieren, deren Leben sich real auf einem kleinen Raum hinter Mauern und Türen abspielt, obwohl sie virtuell in der ganzen Welt zu Hause sind. Die Atmosphäre der Anonymität wird noch verstärkt durch die Vogelperspektive, aus der Ryser immer wieder auf den Platz blickt, und den Schnee, der die ganze Stadt zu einer Fläche ohne Farben oder Konturen werden lässt. Ausdrucksstark und anspruchsvoll, empfohlen.» EKZ Bibliotheksservice «Rysers Figuren sind einsame, getriebene, beziehungslose Zeitgenossen, die zwischen anonymen Online-Kontakten und urbanen Strassenschluchten ihr tägliches Unglück suchen und stolpernd finden.» St. Galler Tagblatt |
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