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Mit global_kids in die Zukunft
Einleitung von Eva Burkard
Marokko liegt auch in Emmen, und ein Teil von Haiti lebt in Wädenswil.
Das Mädchen aus Rio liebt den Jungen aus Peru in Kriens. Die junge Kurdin
sagt: «Eigentlich bin ich ein Bauernmädchen.» Die Punkerin liebt Krähen,
Milch und Musik von Marilyn Manson. Ihre Mutter kommt von den Philippinen.
Der junge Mann aus Kamerun träumt von den Mangobäumen seiner Heimat, in der
viele Menschen hungern. Er arbeitet als Koch in Zürich und kann es nicht
leiden, wenn Essen weggeworfen wird.
Alle sind mit allem verknüpft, neue Kulturen entstehen. Alles vermischt
sich und sucht doch das Eigene zu behalten. Das, was wir «Globalisierung»
nennen, geht durch die Menschen hindurch und verwandelt sie.
Von Secondos zu global_kids
Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung sind Eingewanderte oder Nachkommen
von solchen. Das sind über zwei Millionen Menschen. Die Grenzen zwischen
Schweizern und Ausländern verwischen sich und damit die Identitäten. Wer
gehört wohin? Wer kommt woher? Das sind Fragen, auf die es nicht nur eine
Antwort gibt.
Dieses Buch umfasst siebzehn Geschichten von Jugendlichen aus
verschiedenen Herkunftsländern, die in unterschiedlichen Städten und Dörfern
der Schweiz aufgewachsen sind. Da ist die eingebürgerte Simona, deren
-Eltern als Kinder aus Süditalien in die Schweiz kamen, deren Grossvater mit
am Bareggtunnel baute, die es nach Apulien zurückzieht, wo ihre Grossmutter
noch lebt. Und da ist Kapil, der als Sechsjähriger aus Sri Lanka flüchten
musste, nun in breitestem Berndeutsch redet, auf Deutsch und Englisch rappt
und bereit ist, in der Schweizer Armee zu dienen, sobald er eingebürgert
ist. Und wohin gehört Sinae, die ihre asiatische Herkunft nicht verleugnen
kann, aber in der Schweiz geboren wurde, kaum mehr Koreanisch spricht,
eingebürgert ist und in Zürich Anglistik studiert?
Es gibt keine Regeln, an die man sich halten kann, und jegliches Klischee
verschwindet, sobald man sich auf die Begegnung mit einem Menschen einlässt.
Wichtiger als irgendeine Form von «repräsentativer Auswahl» waren die
Aussagekraft der Geschichten und die Bereitschaft der Jugendlichen, mit mir
über Heimat, Identität, das Leben in zwei oder mehr Kulturen zu sprechen.
Gemeinsamkeiten der Porträtierten fanden sich: Es sind die Sehnsucht nach
Verständigung der Menschen untereinander und der Anspruch, als individuelle
Person erkannt und respektiert zu werden. Auch der Wunsch nach mehr Frieden
und Toleranz taucht immer wieder auf, und alle äussern ihren Dank dafür, in
der Schweiz aufwachsen zu können – der
Dank gilt in erster Linie ihren Eltern, die sie hierher gebracht haben. Als
Motiv, bei dem Buch mitzuwirken, nennen die meisten der jungen Frauen und
Männer, «dass die Menschen in der Schweiz wissen, wer wir Ausländer
eigentlich sind und wie wir hier leben».
Der Weg von der Buchidee bis zu deren Verwirklichung führte die
Fotografin Genny Russo und mich vom Begriff «Secondo» zu jenem der «global_kids»,
einem Wort, das zukunftsorientiert ist und das «Zwischen-zwei-Ländern-Sitzen»
des Secondo-Seins weiterdenkt, das Türen öffnet in eine Weite und
Vielfältigkeit, die uns alle schon längst umgeben, die oft auch Angst
machen.
Das Wort «Secondo» brachte Genny Russo mit in unsere freundschaftliche
Arbeitsbeziehung, die wir durch gemeinsame journalistische Aufträge gefunden
hatten. Den Begriff «global_kids» schenkte Professor Heinz Stefan Herzka dem
Projekt, der den Werdegang des Buches von Beginn an sanft und nachdrücklich
begleitet hat. «Die Kinder der Immigranten» war mein persönlicher
Arbeitstitel, der mir half, den Arbeitsverlauf zu gestalten, und die
Begegnungen mit den Jugendlichen bahnte.
Kinder von Immigranten sind Experten des Fremdseins und der Anpassung,
Spezialistinnen in Sachen Flexibilität und Komplexität. Sie sind
Grenzgängerinnen zwischen Diskriminierung und multikulturellem Lebensalltag.
Neue Identitätsformen entwickeln sich, wir alle leben darin, und es wird
zunehmend «normaler», in mehr als einem Land zu Hause sein zu können.
Migranten werden oft stigmatisiert, indem sie mit Negativattributen versehen
werden: «entwurzelt, heimatlos und desintegriert». Doch Mobilität und
Völkerwanderung schaffen nicht nur Opfer und Heimatlosigkeit, sondern auch
Risikobereitschaft, Neugierde und Talent zum Wagnis. Das Nicht-dazu-Gehören
bedeutet etwas Gemeinsames, das verbindet.
Zur Arbeitsweise
Ohne Vorgespräche, lediglich über einen Konzeptbrief und Telefonkontakt
habe ich mich mit den Jugendlichen einzeln getroffen. Manchmal im
Restaurant, manchmal bei ihnen oder bei mir zu Hause. Die Begegnungen -waren
begleitet von Risikofreude und Neugierde, bereit zum Zuhören die eine Seite,
bereit zum Sprechen die andere.
Nachdem ich die Gespräche auf Tonband aufgenommen und transkribiert
hatte, habe ich aus dem Material Texte gestaltet, die möglichst nahe bei den
spontanen Aussagen meiner GesprächspartnerInnen bleiben.
Mir war es wichtig, Widersprüche, Wiederholungen, auch abgebrochene Sätze
stehen zu lassen, um die Gesprächsstimmung möglichst genau wiederzugeben.
Einige Jugendliche haben mit mir Schriftdeutsch gesprochen
– meine Muttersprache
–, andere sind in der Schweizer Mundart
ihres jeweiligen Kantons geblieben.
Genny Russo hat die Texte gelesen und daraufhin die Jugendlichen
getroffen, zum einen für Porträtaufnahmen im Studio, zum anderen ist sie an
die Lebensorte der Einzelnen gereist, um dort zu fotografieren. Dabei sind
im spontanen Kontakt mit den Jugendlichen Bilder entstanden, die das jeweils
Eigene der Person in Ausschnitten zeigen.
Beeindruckend war die Bereitschaft der Jungen und Mädchen, sich mit zwei
unbekannten Frauen auf eine Nähe in Sprache und Bildern einzulassen. Ihr
Vertrauen, das Interesse an dem Projekt und die Bereitschaft, über ihre
persönlichen Erfahrungen als heranwachsende Kinder von Immigranten zu reden,
waren ernsthaft und engagiert. Dafür danken Genny Russo und ich ihnen.
Es bleibt zu wünschen, dass sich die Hoffnungen der Jugendlichen erfüllen
und dass die gemeinsame Arbeit mit ihnen Spuren hinterlassen wird.
Zürich, im Sommer 2004 |