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Claudia Honegger / Marianne
Rychner (Hrsg.) Das Ende der Gemütlichkeit Strukturelles Unglück und mentales Leid in der Schweiz 1998, 340 Seiten, broschiert |
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| Zum Buch | |||
| Dreissig Lebensgeschichten aus der Krisenzeit zeigen die widersprüchlichen Folgen, die sich aus dem gegenwärtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruch ergeben. Das Nachdenken über die eigene Lage und die Interpretation ihrer Situation gewähren Einblick in die aktuellen Kämpfe um gültige Deutungen des Zustands der Schweiz und der Welt. | |||
| Inhalt | |||
Claudia
Honegger und Marianne Rychner Peter
Schallberger Iudith
Kaspar Christoph
Müller Claudia
Honegger Peter
Schallberger Nicole
Stolz Caroline
Bühler Roger
Sidler Marianne
Rychner Mathieu
Lewerer Catherine
Moser und Thomas Gass Corina
Salis Gross und Daniel Kessler Chantal
Magnin Peter
Schallberger Claudia
Honegger Caroline
Bühler Chantal
Magnin Caroline
Bühler und Marianne Rychner Guillaume
Kaeser und Philippe Longchamp Caroline
Bühler Urs
Hafner Martin SchmeiserKnow-how-Verfall. Lebensbilanz eines Physikers Ruth
Hungerbühler Charlotte
Müller Sabine
Schläppi Hannes
Nussbaumer Ruth
Hungerbühler Christophe
Delay und Maria Domschitz Thomas
Gass und Marianne Rychner Caroline
Arni |
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| Die Autorinnen und Autoren | |||
Caroline Arni, geboren 1970 in Solothurn, Studium der Geschichte und Soziologie in Basel und Bern, Assistentin am Institut für Soziologie der Universität Bern. Caroline Bühler, geboren 1969 in Bern, Studium der Geschichte und Soziologie in Bern, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Nationalfondsprojekt «Alltagsweltliche Szenarien für die Zukunft der Schweiz» am Institut für Soziologie der Universität Bern. Christophe Delay, né en 1975 à Lausanne, Sociologue licencié à Genève en 1997, prépare actuellement un diplôme en sociologie. Maria Domschitz, née en 1964 à Zurich, Sociologue licenciée à Genève, prépare actuellement un diplôme en sociologie. Thomas Gass, geboren 1968 in Basel, Studium der Ethnologie, Soziologie und Volkswirtschaft in Bern. Assistent am Institut für Ethnologie der Universität Bern. Urs Hafner, geboren 1968 in St. Gallen, Studium der Geschichte und Soziologie in Bern, arbeitet als Historiker und Journalist. Claudia Honegger, geboren 1947 in Wald, Studium der Soziologie, Philosophie und Geschichte in Zürich, Frankfurt am Main und Paris. Seit 1990 Professorin für allgemeine Soziologie an der Universität Bern. Veröffentlichte u.a. Die Hexen der Neuzeit (1978); (zusammen mit Bettina Heintz) Listen der Ohnmacht. Zur Sozialgeschichte weiblicher Widerstandsformen (1982); Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib (1991); (zusammen mit Theresa Wobbe hrsg.) Frauen in der Soziologie (1998). Ruth Hungerbühler, Dr. phil., geboren 1953 in Walenstadt, Soziologin, arbeitet an einem Forschungsprojekt an der kommunikationswissenschaftlichen Fakultät der Universität Lugano und als Radioredaktorin. Guillaume Kaeser, né en 1973 à Genève, Sociologue licencié à Genève en 1997, prépare actuellement un diplôme en sociologie. Iudith Kaspar, geboren 1967 in Aarau, studiert seit 1995 an der Universität Bern Soziologie. Daniel Kessler, Dr. phil., geboren 1956 in Biel, Studium der Ethnologie und der Neueren Deutschen Literatur an der Universität Bern, als Partner einer Konsulentenfirma (kek) tätig, veröffentlichte u.a.: Hotels und Dörfer. Oberengadiner Hotellerie und Bevölkerung in der Zwischenkriegszeit. (1997) Mathieu Lewerer, né en 1972 à Bordeaux (France), études de sociologie à Genève et Paris, Maitrise de sociologie, réalise actuellement un diplôme de sociologie à l'Université de Genève. Philippe Longchamp, né en 1974 à Genève, Sociologue licencié à Genève en 1997, prépare actuellement un diplôme en sociologie. Chantal Magnin, geboren 1968 in Bern, Studium der Geschichte, Soziologie und Medienwissenschaft in Bern, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Abteilung für die Gleichstellung von Frauen und Männern an der Universität Bern. Catherine Moser, geboren 1971 in Bern. Studium der Ethnologie, Politikwissenschaft und allgemeinen Ökologie an der Universität Bern, Assistentin am Institut für Ethnologie der Universität Bern. Charlotte Müller, Dr. phil., geboren 1956 in Düsseldorf, Diplomsoziologin und Sonderschullehrerin, seit 1993 Assistentin am Institut für Soziologie der Universität Bern. Veröffentlichung: Denkstile im Schulalltag. Pädagogisches Handeln an der Grundschule (1998). Christoph Müller, geboren 1964 in Neuchâtel, Studium der Soziologie, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und politischen Theorie in Zürich, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Nationalfondsprojekt «Sozialwelt des Internet». Hannes Nussbaumer, geboren 1971 in St. Gallen, Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Bern, arbeitet als Journalist in St. Gallen. Marianne Rychner, geboren 1963 in Bern, Studium der Geschichte und Soziologie in Bern, arbeitet als Journalistin. Corina Salis Gross, Dr. phil., geboren 1959 in Frauenfeld, Studium der Ethnologie, Psychologie und Volkskunde in Zürich und Bern, Assistentin am Institut für Ethnologie der Universität Bern. Veröffentlichung: Sterben und Tod im Altersheim. Eine ethnologische Untersuchung zu beruflichen Strategien bei der Bearbeitung des Lebensendes (1999). Peter Schallberger, geboren 1968 in Stans, Studium der Volkswirtschaft und Soziologie in Bern, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Nationalfondsprojekt «Alltagsweltliche Szenarien für die Zukunft der Schweiz» am Institut für Soziologie der Universität Bern. Sabine Schläppi, geboren 1967 in Luzern, Studium der Psychologie und Soziologie in Bern, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Koordinationsstelle für Weiterbildung der Universität Bern. Martin Schmeiser, Dr. rer. soc., geboren 1960 in Forbach, Studium der Soziologie, Psychologie, Pädagogik und empirischen Kulturwissenschaft in Tübingen, seit 1995 Assistent am Institut für Soziologie der Universität Bern. Veröffentlichte u.a. Akademischer Hasard. Das Berufsschicksal des Professors und das Schicksal der deutschen Universität 18701920 (1994). Roger Sidler, geboren 1968 in Rohr. Studium der Geschichte und Soziologie in Bern, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesarchiv und im Schweizerischen Literaturarchiv. Nicole Stolz, geboren 1968 in Bern, Studium der Geographie und Soziologie in Bern, arbeitet bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. |
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| Pressestimmen / Rezensionen | |||
| Stimmen «Wissenschaft tendiert zu verallgemeinernden, abstrakten Aussagen; dieses soziologische Buch, dessen Autorinnen und Autoren zum Grossteil an der Uni Bern arbeiten, verhält sich anders. Es dokumentiert «strukturelles Unglück» im Zeitalter von Globalisierung und Deregulierung an Einzelschicksalen. Eine Fixerin, deren Hund ihr einziger Lebenszweck ist; ein Novartis-Laborant, der seine Arbeit nicht mehr als sinnvoll empfindet; ein Bauer, der sich immer unfreier fühlt und sich später das Leben nimmt 25 Geschichten aus der Schweiz, die unter die Haut gehen, jede in einem Anhang flankiert von den statistischen Daten und Fakten.» Facts «Was im Grossen nur als Statistik und leere Floskeln erscheint, wird beim genauen Hinschauen zu berührendem Schicksal.» Münstergass-Buchhandlung, Bern |
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RezensionenSchweizerische Anti-IdyllenDie 30 Porträts im Buch «Das Ende der Gemütlichkeit» ergeben ein spannendes Porträt der verunsicherten Schweiz. Unter all den neuen Schweizer Büchern, die in diesen Tagen den helvetischen Buchmessenauftritt in Frankfurt begleiten, gibt es eines, das wahrhaft die verunsicherte Schweiz der Gegenwart beschreibt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Büchern, die diesen Anspruch mit sich führen. Das Buch hat den klangvollen Titel «Das Ende der Gemütlichkeit», ist keine Literatur und liest sich dennoch wie gut erzählte Geschichten. Herausgeberinnen sind die Berner Soziologie-Professorin Claudia Honegger und die Berner Journalistin Marianne Rychner. Sie haben kein trockenes wissenschaftliches Zahlenmaterial über die aktuelle sozio-ökonomische Krisensituation der Schweiz vereinigt, sondern der Krise eine Stimme gegeben. Genauer: 30 Stimmen von Frauen und Männern, die Problemfelder der Gegenwart am eigenen Leib erfahren. Ein Laborant erzählt über den Leistungsdruck im Fusionsgiganten Novartis. Ein entlassener Manager versucht seine Fassungslosigkeit in Worte zu fassen. Bauern berichten über das Ernten am wirtschaftlichen Abgrund. Eine Prostituierte, ein ausgebrannter Lehrer, eine alleinerziehendeMutter, eine Pflegeheimbewohnerin, eine Kurdin oder ein Gewerkschafter und Blocher-Wähler erzählen, warum es ihnen schlecht geht. Das Autoren- und Autorinnenteam lässt die Betroffenen ganz subjektiv von ihrem «strukturellen Unglück und mentalen Leid» - so lautet der Untertitel des Buches - erzählen. Litaneien subjektiver Betroffenheit sind deshalb nicht zu befürchten. Erstens sind die Porträts im distanzierten Stil von Sozialreportagen geschrieben. Und zweitens ist jedem Porträt ein kurzer Sachtext beigestellt, der das jeweilige Problem- und Berufsfeld mit allerneustem Zahlenmaterial und einem historischen Kurzrückblick vertieft. «Das Ende der Gemütlichkeit» ist ein farbiges Porträt eines Landes in Unruhe, das allzulange seine Ruhe haben wollte. In den ungeschminkten Reden schwingt auch ein zukunftsgerichteter Wille mit, einen Ausgang aus dem lange verteidigten Alpenidyll zu suchen. Von Stefan von
Bergen |
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Vom «Ende der Gemütlichkeit» Unglückliche in der Schweiz«Das Ende der Gemütlichkeit», so lautet der Titel eines Sachbuches, herausgegeben von zwei Berner Soziologinnen über die Verliererinnen und Verlierer des gesellschaftlichen Umbruchs in der Schweiz. Dargestellt werden die Schicksale von 30 Menschen, die den Umbruch als persönliche Krise erleben. Bern. Im gesellschaftlichen Umbruch, der auch die Schweiz erschüttert, gibt es Gewinner und Verlierer. Die einen finden sich in neuen oder neu entstehenden Wertordnungen mehr oder weniger mühelos zurecht, prägen diese Ordnungen mit und steigen in ihnen beruflich und gesellschaftlich auf. Die anderen verweigern sich den neuen Ansprüchen oder sind ihnen nicht gewachsen, verlieren den Tritt, scheiden aus Beruf und gesellschaftlichem Umfeld aus oder werden ausgeschieden, stürzen ab. In der Schweizer Gegenwartsliteratur ist der Zustand des Landes in dieser hektischen Zeit bestenfalls an der Befindlichkeit ihrer Autoren abzulesen. Diese leiden zwar vielleicht an der Schweiz, aber bloss von Berufs wegen und aus höherer Warte. Autoren, jedenfalls erfolgreiche, gehören nicht zu den Verlierern. Deshalb müsste im Nachgang zu den Diskussionen in und um Frankfurt ein Sachbuch Beachtung finden, das die Schweiz aus der Froschperspektive der Verlierer thematisiert. 30 Menschen werden darin porträtiert, Menschen, die den gesellschaftlichen Umbruch als persönliche Krise erleben und nun am «Ende der Gemütlichkeit» stehen. Als Gemütlichkeit definieren die Herausgeberinnen, die Berner Soziologieprofessorin Claudia Honegger und die Sozialwissenschafterin Marianne Rychner, «was heimisch und vertraut, geschützt und beständig, warm und behaglich erscheint». Gemütlichkeit, schreiben sie im Vorwort, erfülle «das Bedürfnis nach einer eigenen, eng begrenzten Welt, nach Überschaubarkeit und Stabilität». Solche Gemütlichkeit ist den Menschen, die wir in diesem Buch antreffen, abhanden gekommen. Statt dessen fühlen sie sich verunsichert, entwurzelt, bedrängt und gehetzt. 30 Schicksale Die junge Frau, die aus dem Leistungsstress und Konformitätsdruck des Elternhauses in die Drogen geflüchtet ist und jetzt nur noch einen Lebenssinn sieht - ihren Hund. Der Top-Manager in einem Grossunternehmen, der nach der Fusion nicht mehr gebraucht wird und nun darüber nachdenkt, wie er mitgeholfen hat, sich selber und viele andere überflüssig zu machen. Die Prostituierte, die nach zehn Jahren angewidert aussteigt, aber als Ungelernte in der Rezession keine Chance hat und als 46jährige ins Sexgewerbe zurückkehrt. Der Landwirt, der sich durch die Agrarbürokratie zunehmend in seiner Selbständigkeit eingeschränkt fühlt und schliesslich keinen anderen Ausweg mehr sieht als den Freitod. Die Krankenschwester, die miterlebt, wie die Ansprüche der Patienten und damit die Qualität ihres Arbeitsplatzes dem Rationalisierungswahn geopfert werden. Der Profi-Fussballer, der das Ende seiner Karriere nahen sieht und ernüchtert feststellen muss, dass der Schweiss keinen Preis gebracht hat. Die kurdische Flüchtlingsfrau, der ausgelaugte Primarlehrer, der politisch heimatlose Gewerkschafter, die behinderte alte Frau im Pflegeheim. Was ist diesen Unglücklichen in der Schweiz gemeinsam? Wohl dies, dass sie allein sind in ihrem Unglück. Zur wirtschaftlichen und damit auch gesellschaftlichen Neuorientierung gehört offenbar, dass die Tüchtigen freie Bahn haben wie kaum je zuvor, dass aber auch die Gescheiterten mehr denn je auf sich allein gestellt sind. In der neuen Leistungsgesellschaft wird ihnen die Illusion vermittelt, dass sie sich selber an den Haaren aus dem Sumpf ziehen können, wenn sie's nur geschickt anstellen. Die Not, den Marktkräften ohnmächtig ausgeliefert zu sein, verwandle sich zum Beispiel in der esoterischen Literatur auf wundersame Weise in die Tugend individueller Allmacht, stellen die Herausgeberinnen im Vorwort fest. Dieses gesellschaftsfreie Konzept der Selbstverantwortung erfülle den doppelten Zweck, sich von denen abzusetzen, die bereits gescheitert seien, und präventiv Trost zu spenden, falls der eigene Abstieg unvermeidlich werde. Angewandte Soziologie An dieser Bestandesaufnahme des «strukturellen Unglücks und mentalen Leids in der Schweiz» haben zwei Dutzend junge Leute mitgeschrieben, grossenteils an der Universität Bern ausgebildete oder in Ausbildung stehende Sozialwissenschafterinnen und -wissenschafter. Sie haben in Anlehnung an Pierre Bourdieus Buch «La Misère du monde» mit den exemplarisch ausgewählten Unglücklichen Tonbandinterviews geführt und geben aussagekräftige Passagen nun in direkter Rede wieder. Angewandte Soziologie solcher Art ist nicht nur aufschlussreich und spannend. Sie vermag auch Anteilnahme zu wecken am Schicksal jener Mitmenschen, die im globalisierten Wettkampf auf der Strecke bleiben. Heinz Däpp |
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Tages-Anzeiger vom 12. Februar 1999Die Schweiz ist im UmbruchDas Ende der Gemütlichkeit ist mehr als der Verlust der ökonomischen Sicherheit. Ein neues Buch, das 30 Lebensgeschichten darstellt, geht den tief greifenden Änderungen nach. Arbeiten mag manchmal ungemütlich sein, aber wirklich ungemütlich wird es erst, wenn es nichts mehr zu arbeiten gibt oder wenn sich die gewohnte Arbeit von Grund auf ändert. Als Gilles Baumann vor zwei Jahren mit seinem Auto unterwegs zum Flughafen war, haben sie in den Nachrichten gerade von einer Fusion zu berichten begonnen. Dann kam ein Tunnel, und Gilles Baumann hat erst nach seiner Rückkehr aus den Ferien erfahren, dass er nun Angestellter der Novartis ist. Der 49-Jährige leitet dort als Laborant ein kleines Team, das hat er auch schon vor der Fusion getan. Und trotzdem ist jetzt alles anders, Mitarbeiter wurden aus verschiedensten Bereichen neu zusammengesetzt und mit neuen Funktionen versehen. Das vertraute Sozialnetz, langjährige eingespielte Beziehungen beruflicher und freundschaftlicher Art haben sich von einem Tag auf den anderen in Luft aufgelöst. Menschen im VisierMenschen, die an den ungemütlichen Folgen der Globalisierung leiden, stehen im Mittelpunkt des Buchs "Das Ende der Gemütlichkeit". Die beiden Herausgeberinnen, die Soziologin Claudia Honegger und die Historikerin Marianne Rychner, haben in Zusammenarbeit mit verschiedenen Sozialforschern und -forscherinnen 30 Porträts zusammengestellt, in denen Menschen vorgestellt werden, die vom strukturellen Unglück und vom mentalen Leid hier zu Lande betroffen sind. Berücksichtigt werden Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Feldern. Die Dealerin vor dem Prozess steht neben dem promovierten Physiker, der durch Langzeitarbeitslosigkeit sein Knowhow verliert. Die 46-jährige Verkäuferin, die seit zwei Jahren keine Arbeit mehr findet und nun wieder auf ihre frühere Tätigkeit als Prostituierte zurückgreift und einen Salon eröffnet, kommt zu Wort, ebenso die Ärztin aus Sarajevo, die mit dem F-Ausweis ihren Beruf nicht ausüben kann und im Provisorium lebt. So unterschiedlich Lebenswelten und Schicksale der Porträtierten auch sein mögen, allen gemeinsam ist letztlich das Thema Arbeit. Nicht einfach Arbeit im ökonomischen Sinn, sondern Arbeit als sozialer und seelischer Wert, als Sinn stiftende Kategorie, als das, womit wir uns in unserem Leben beschäftigen. Mentales LeidNatürlich ist das Ende der Gemütlichkeit auch das Ende der Illusion einer Schweiz, die nicht betroffen ist von den weltweiten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Und natürlich denken wir sofort an Arbeitslosigkeit und Gefährdung der Arbeitsplätze. Das Buch "Das Ende der Gemütlichkeit" möchte aber mehr sein. Es ist, so verrät der Untertitel, auch eine Studie über mentales Leid in diesem Land. Mentales Leid, das entsteht, weil mit dem Verlust oder der Veränderung der Funktion in dieser Gesellschaft auch angestammte Deutungsmuster verloren gehen, Deutungsmuster, mit denen wir uns unser Leben erklären und ihm in letzter Konsequenz einen Sinn geben. Das kann schlagartig eintreten wie im Falle der Arbeitslosigkeit oder schleichend wie in der tödlichen Routine eines Pflegeheims. Die dreissig Betroffenen sind gewissermassen zu unfreiwilligen Experten des sozialen Wandels geworden. In einem oft langen und schmerzhaften Prozess bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die gesellschaftlichen Veränderungen am eigenen Leibe nachzuvollziehen und neu für sich zu deuten. Breites SpektrumGenau das macht das Buch menschlich wertvoll und soziologisch interessant. Es erlaubt einen tiefen Einblick in die gesellschaftlichen Bedingungen der Bildung von Meinungen, Weltbildern und Deutungen. Das Spektrum reicht von der drogenabhängigen Frau, die trotz schwierigster Kindheit und Jugend ihre Probleme vor allem in eigenen Charaktermängeln sieht, bis zum ehemaligen Gewerkschafter, der auf einmal zum Gefolgschafter Christoph Blochers wird. Damit all diese individuellen Lebensgeschichten nicht in die Beliebigkeit abgleiten, sondern in einem gesellschaftlichen Kontext stehen, finden sich nach jeder Beschreibung die jeweiligen sozialwissenschaftlichen Zahlen und Fakten. Die Reihenfolge ist bewusst gewählt, denn sie verhindert die Degradierung der einzelnen Lebensgeschichten zur illustrativen Fallbeschreibung und überlässt den letzten Schritt der Deutung dem Leser selbst Daniel Howald |
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