Claudia Honegger / Marianne Rychner (Hrsg.)
Das Ende der Gemütlichkeit
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rd_tri.gif (899 Byte) Claudia Honegger im Gespräch mit der Berner Zeitung vom 6. Oktober 1998
rd_tri.gif (899 Byte) Claudia Honegger im Gespräch mit der Sonntags-Zeitung vom 13. September 1998

Vom Unglück in Schweizerköpfen

Um das Erwachen der Schweiz in der Krise geht es im neuen Buch der Berner Soziologieprofessorin Claudia Honegger. Sie erkennt die heile Schweiz als Kopfgeburt, deren Verlust mentale Kopfschmerzen bereitet.

Ein Interview mit Claudia Honegger von Stefan von Bergen

In Ihrem Buch kommen Globalisierungsopfer zu Wort, die mit der Veränderung nicht Schritt halten. Vertragen wir die Moderne nicht mehr?

So absolut kann man es nicht sagen. Wir befinden uns heute in einer Umbruchsituation, das wissen wir eigentlich alle. Jetzt müssen wir lernen, damit sinnvoll umzugehen. Die Gesellschaft als Ganzes wie auch wir Einzelsubjekte verlieren einige Sicherheiten. Alles, was wir etwa an nationalstaatlichen Mechanismen geschaffen haben, ist im Moment in Auflösung begriffen. Man muss sich neue transnationale Institutionen mit neuen Regeln überlegen.

Ist das, was man Globalisierung nennt, eine überdurchschnittliche Verschnellerung, ein Quantensprung?

Es war natürlich eine langsame Entwicklung, jetzt reden wir darüber, und seit ein paar Jahren gibt es dafür einen Begriff. Es ist klar, dass es eine Schrumpfung des Raums gibt. Wir werden dauernd bombardiert mit Nachrichten und Katastrophen aus der ganzen weiten Welt, die wir früher gar nicht zur Kenntnis genommen haben. Dadurch wird auch die Zeit beschleunigt. Selbst die Bauern haben nicht mehr Nischen, in denen sie ihre Zeitbegriffe bewahren können.

Verpassen in dieser Beschleunigung immer grössere Teile der Gesellschaft - etwa die alten Leute - den Anschluss?

Junge Männer fühlen sich von der Beschleunigung herausgefordert und denken, endlich passiert etwas. Sie versuchen, die Flexibilisierung vorwegzunehmen und alles ganz schnell zu machen. Wenn alle so werden müssten wie sie, dann würde tatsächlich die Gesellschaft auseinanderbrechen. Mittlerweile sind es eher wieder die Frauen, die sich zur Beharrung gezwungen sehen. In unserem Buch gibt es den Fall eines Bauern, der sich das Leben genommen hat. Er hatte wirklich Probleme, seine Position als selbstbestimmender Bauer aufrechtzuerhalten.

Sie lassen alle Personen in der Ich-Form erzählen. Warum?

Weil es Leute sind, die in Krisen stecken, die meist bedingt sind durch die allgemeine grössere Krise. Diese Leute denken ständig über die Krise nach. Wir nehmen sie als Alltagsexperten, als Deutungsexperten ernst. Wir hören uns an, was für Begründungszusammenhänge sie sich zurechtlegen mussten: warum es ihnen schlecht geht, was genau mit ihnen passiert ist.

Wie gut sind Schweizer Krisenopfer im Formulieren Ihrer Probleme?

Auch die einfachsten Leute haben ihre Deutungen, was schiefgelaufen ist, was an ihnen liegt und was an den Strukturen. Eine häufige Reaktion ist die Suche nach Sündenböcken. Bei anonymen Prozessen hat man die Tendenz, sie an etwas festmachen zu wollen: an Leuten wie Politikern oder Finanzmagnaten.

Sind die Schweizer krisen-bewusster, als man es in der angeblich trägen Schweizer Gesellschaft vermuten würde?

Das Gerücht der unbeweglichen Schweizer Gesellschaft stimmt nicht. Was im Moment aufbricht, ist unsere Heimlichkeit. Wir waren immer schon sehr stark mit der Weltwirtschaft verknüpft. Aber das sollte niemand wissen. Wir haben keine Diskussionskultur, keine Streitkultur. Wenn Schweizer früher Unglück hatten, dann versuchten sie es zu verheimlichen. Wenn einer trank oder die Arbeit verlor, war er vielleicht in der Familie aufgehoben, aber nicht mit einer gelassenen Solidarität, wie in den Mittelmeerländern. In der Schweiz ging es selten vielen schlecht. Wenn man sich vorstellt, was England seit Jahrzehnten für Arbeitslosenraten hat. Da hätten wir in der Schweiz das Gefühl, dass alles auseinanderbreche.

Bilden sich die Schweizer gerne Leid ein, das nicht oder noch nicht da ist?

Darauf spielt der Untertitel unseres Buches an: Strukturelles Unglück und mentales Leid. Es gibt Bereiche, wo das strukturelle Unglück stärker ist: wenn jemand seine Arbeit verliert. Es gibt bei uns in hohem Masse Leute, die weniger strukturelles Unglück haben, die aber im Kopf leiden. Weil sie nicht mehr mitkommen und an alten Werten festhalten. Strukturelles Unglück und mentales Leid hängen aber zusammen. Wir müssen ja immer denken, damit wir etwas tun können. Deshalb ist in unserem Buch die Krise in den Köpfen wichtig.

Verliert man also heute in der Schweiz nicht nur konkrete Sicherheiten, sondern vor allem die Unschuld?

Falls wir sie je gehabt haben. Die Schweizer haben entsetzlich viel Arbeit und Panzerung aufbringen müssen, um ihre angeblich heile Welt am Leben zu erhalten. Wir sind zwar immer noch eine kleine Insel, aber mitten in Europa. Wir kommen nicht um Europa herum und Europa nicht um uns. Die Schweiz wurde immer idealisiert oder verteufelt. Beides auf eine unsinnige Art und Weise, die wir selbst zum Teil mitgetragen haben.

Und weiter mittragen, indem wir dem Auftritt an der Frankfurter Buchmesse das angeblich ironische Motto «hoher Himmel, enges Tal» geben?

Fragen Sie mich nicht nach einem Frankfurt-Motto. Ich würde ein flächendeckenderes Motiv nehmen, weil wir weltweit mit so vielen Dingen vernetzt sind.

In Frankfurt werden alte Literaturgrössen zelebriert. Ihr Buch liegt an der Buchmesse auch auf. Soll es neueres, anderes Bild der Schweiz zeigen?

Natürlich. Es soll auch einfach informativ sein mit seinen Materialien zum Drogenproblem, zur Agrarstruktur oder zur Selbstmordrate der Schweiz. In Frankfurt hätte ich mich von Anfang nicht rein auf Literatur konzentriert. Aber ich bin nicht Christoph Vitali. Und er ist ein Ausstellungsmacher, dem die Ausstellungen am Herzen liegen.

Tönen Sie an, dass die Literatur kein aktuelles Bild der Schweiz zeigt?

In früheren Zeiten haben das Frisch oder Otto F. Walter getan. Eine aktuelle Krisensituation ist für Literaten schwierig zu bewältigen. Man steckt zu sehr mittendrin. Ein Autor hat aber den Anspruch, das ganz grosse Buch zu schreiben, in dem er alles versteht. Es ist aber schwer, Situationen zu verstehen, die sich sehr schnell verändern. Und im Moment ist es relativ schwierig, das Lokale und die Welt zusammenzubringen. Frisch und Dürrenmatt sind in die Rolle gedrängt worden, die Schweiz zu repräsentieren und über sie nachzudenken. Sie waren aber auch immer kritische Intellektuelle, die sich zu ausserliterarischem Geschehen äusserten. Das sind die wenigsten der heutigen Autoren.

Hat heute die Soziologie die Rolle, Indikator für soziale Not zu sein und einen humanen Blick auf entmenschlichte Verhältnisse zu werfen?

Es sind nur einzelne Soziologen, die das übernommen haben. Relativ viele Soziologen versuchen, gegen die Dominanz des rein ökonomischen Denkens anzuschreiben. Der ökonomische Mensch, der nur rational handelt und nur egoistisch ist, ist ja eine hoch konstruierte Angelegenheit. Irgendeine Ethik haben wir alle. Und wir haben viele irrationale Momente. Etwa wenn wir die ganze Wirtschaft auf das unberechenbare Börsenprinzip umpolen.

© Berner Zeitung

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«Die Leute sind dauernd überfordert»

«Das Ende der Gemütlichkeit» diagnostiziert die Berner Soziologin Claudia Honegger für die Schweizer Arbeitswelt. Mit Porträts untersucht sie die mentalen Kosten des ökonomischen Umbruchs. Ihr Fazit: Druck von oben und von unten verursacht breites Unbehagen.

Ein Interview mit Claudia Honegger von Thomas Hämmerli

Frau Honegger, Ihre Studie «Das Ende der Gemütlichkeit» stellt Einzelschicksale dar, die von der gestressten Krankenschwester, dem überflüssig gewordenen Manager oder der wiedereingestiegenen Prostituierten handeln. Warum arbeiten Sie als Soziologin mit dieser Methode?

Es sind Einzelfallanalysen, die genau ausgewählt worden sind und für problematische Bereiche oder Berufsfelder stehen.

Sie schildern wirtschaftliche Verlierer?

Bekannt ist, dass am unteren Rand Leute aus dem Wirtschaftskreislauf rausfallen. Daneben gibt es aber noch andere Verlierer. Nämlich die Leute, die integriert sind, aber mit den Veränderungsprozessen nicht zurechtkommen, die unter zu starkem Stress stehen, die an Ängsten leiden, dabei aber keine direkten wirtschaftlichen Verlierer sind.

Die schlagen Sie alle über einen Leisten?

Wir sind in einer Umbruchsituation, und anhand der Einzelfallanalysen kann man sich klarmachen, wie alles zusammenhängt, dass das keine Probleme sind, die man individuell oder sozialfürsorgerisch lösen kann.

Sie diagnostizieren kollektives Unbehagen als Gefühlslage der Schweiz. Ist es so schlimm?

Es ist in der Schweiz nicht schlimmer als anderswo in Europa, aber auch nicht besser. Es gibt heute diese Unübersichtlichkeit, wir sind heute viel unklarer in unseren Deutungen als früher. Wir haben keine legitimierten, institutionalisierten Deutungsmonopole wie Kirchen, Parteien oder Ideologien mehr. Alles scheint in eine Richtung zu laufen, und es gibt das Gefühl, da lasse sich nicht dagegenhalten. Das bewirkt Unbehagen.

Das Unbehagen kommt doch aus der Unsicherheit am Arbeitsplatz . . .

Ja. Es gibt Bereiche, in denen es noch einigermassen gut geht. Dort ist aber die Angst gross, dass es nicht mehr reicht, dass der Bildungsstand, den man einmal erworben hat, nicht mehr reicht, dass die Kapazität nicht mehr reicht, sich durchzusetzen gegen all die Leute, die reindrängen. Nehmen Sie Ihr Feld oder meines: Medien oder Wissenschaft. Oder die Banken, egal, da ist man drin und hat den Stress, immer weitermachen zu müssen. Man ist von oben unter Druck und von unten, weil es draussen viele Leuten hat, die rein möchten.

Die zunehmende Geschwindigkeit und Effizienz hat aber doch auch wohltuende Effekte für uns alle. Etwa, wenn aus verschnarchten Beamten flotte und kundenorientierte Dienstleister werden.

Innerhalb der Staatsbürokratie kann man sagen, dass eine gewisse Flexibilisierung auch positive Seiten haben kann.

Ihr Buch zeichnet vor allem die negativen Seiten der Entwicklung.

Nein. Gerade wenn man die Schweiz über längere Zeiträume betrachtet, sind die Öffnungsprozesse durchaus auch positiv. Der Sinn des Buches ist, zu zeigen, dass man sich wieder stärker darüber verständigen muss, worum es eigentlich geht. Ob man die zweigeteilte Gesellschaft will, in der die eine Hälfte integriert ist, unter Stress leidet und kämpft, während die andere Hälfte draussen steht und abgeschoben wird.

Das gängigste Erklärungsmuster der gegenwärtigen Umwälzung heisst Globalisierung. Gegen Globalisierungseffekte nützt es doch herzlich wenig, wenn wir rausfinden, dass wir die Arbeit gerne besser verteilt hätten.

Die Globalisierung ist eine Deutung, der durchaus objektive Entwicklungen zugrunde liegen. Die Integration in die Weltwirtschaft ist ja für die Schweiz etwas relativ Altes. Was heute ängstigt, ist eher die Zuspitzung auf ein einziges Weltsystem, die Geschwindigkeit, mit der sämtliche Bereiche erfasst werden. Natürlich kann man die Globalisierung nicht aufhalten. Aber in einem hohen Mass ist sie auch das, was wir aus ihr machen.

Nach dem Krieg verfiel die Schweiz in die Kalte-Krieg-Starre. Dann kamen die 68er und beklagten Saturiertheit und Gemütlichkeit. Heute dagegen passiert zu viel zu schnell?

Nicht zu viel, aber gelegentlich das Falsche. Wenn man an die Gesellschaft der fünfziger und sechziger Jahre denkt, enthält die heutige Entwicklung allerdings auch Chancen.

Trotzdem diagnostizieren Sie mentales Leid. Könnte man vielleicht von Verweichlichung sprechen? Die siebziger und achtziger Jahre predigten Selbstverwirklichung, die Neunziger sind die Rückkehr zum Normalfall: Das Leben als mühseliger Gang durchs Jammertal.

Diese pietistische Grundhaltung wollen wir ja wohl nicht predigen. Es ist doch so, dass im Arbeitsleben so starker Druck auf den Leuten ist, dass sie dauernd überfordert sind, und das verursacht so etwas wie mentales Leid. Und ein Gefühl der Sinnlosigkeit. Beim Jammertal kann man wenigstens dem lieben Gott die Verantwortung zuschieben. Aber wenn die ökonomischen Prozesse uns Ohnmachtsgefühle vermitteln, dann bewirkt das die Suche nach Sündenböcken oder simplen Sinnangeboten.

Sie meinen die Esoterikwelle?

Nehmen Sie den Bestseller "Das LOLA-Prinzip". Die Botschaft ist: Jeder ist zuständig für das, was ihm zustösst. Und: Auf dieser Welt kann man nichts verändern, nur sich selbst. Mit dieser Mischung aus Fatalismus und Selbstvergottung spült die Esoterikwelle die strukturelle Dimension des Unglücks weg.

Was schlägt Ihr Buch vor?

Die Studie liefert kein Rezeptwissen. Aber sie soll Denkanstösse geben und durch das Verstehen der anderen zur Verständigung über unser gesellschaftliche Lage beitragen.

© TA-Media AG

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