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Der letzte Kontinent Bericht einer Reise zwischen Kunst und Wahn Ein Bilder- und Lesebuch aus den Archiven der Waldau Herausgegeben von Michel Beretti und Armin Heusser 1997, 208 Seiten, Halbleinen, Grossformat mit 65 farbigen und 95 s/w-Bildern ISBN 3-85791-281-2 |
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| Kurze Inhaltsangabe | |||
| Die Waldau, das Berner
Psychiatriespital, und dasjenige von Münsingen haben
eine Gemeinsamkeit: Sie waren Hort zahlreicher Künstler.
Robert Walser, Adolphe Appia, Hans Morgenthaler,
Friedrich Glauser, Vaslav Nijinski und andere
aussergewöhnliche Persönlichkeiten wie der grosse
Schachspieler Hans Fahrni verbrachten hier einen Teil
ihres Lebens. Viele bleiben weiterhin kreativ. So ist der
Ort des Zwangs trotz allem ein Asyl der Freiheit, der
Platz des Leidens ein Raum der Schöpfung. Zu Beginn des Jahrhunderts gründet der Psychiater Walter Morgenthaler die nach der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg wichtigste, heute unter dem Namen »Stiftung Psychiatrie-Museum, Bern« bekannte Sammlung von Werken schizophrener Künstler. Es handelt sich um einige tausend bildnerische Arbeiten, die der Öffentlichkeit bis heute kaum zugänglich waren. Die hier vorgestellte Auswahl reich, fremdartig und doch seltsam vertraut zeigt, dass die Künstler der Waldau vor ähnliche formale und inhaltliche Fragen gestellt waren wie die künstlerische Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Die Gegenüberstellung mit Paul Klee, Andy Warhol, Jean Tinguely, Jean Dubuffet, Marcel Duchamp oder Daniel Spörri eröffnet eine neue, erstaunliche Sicht auf Verknüpfungen, Inspirationsquellen und Parallelitäten. «Der letzte Kontinent» führt durch eine Landschaft, in der Kunst, Literatur und Wahn sich zu faszinierenden Konstellationen verbinden; dieses Buch ist eine Kartographie des schöpferischen menschlichen Geistes in seinen ungewöhnlichsten Erscheinungsformen. «Ich schrecke nicht davor zurück, einen Gedanken auszusprechen, der nur auf den ersten Blick paradox anmutet, nämlich dass die Kunst der heute so bezeichneten Geisteskranken einen Schatz an Gesundheit in moralischem Sinne darstellt.» André Breton Michel Beretti, geboren 1948, Studium, Autor, Dramaturg und Regisseur beim Fernsehen und Theater in der Schweiz, Frankreich und Deutschland. Leitendes Mitglied der Pariser Staatsoper. Heute ist er freischaffender Autor und Regisseur. Armin Heusser, geboren 1952, Assistent von Jean Tinguely und Daniel Spörri bei verschiedenen Installationen und Ausstellungen. Tätigkeit am Stadttheater Solothurn als Bühnenbildner. Seit 1992 Plastiker und freier Kurator in Paris. |
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| Inhaltsverzeichnis | |||
| Das Projekt einer
Ausstellung über die Kunst von Patienten Friedrich Walthard (18181870) «Alphonse G.» (1864?) Constance Schwartzlin-Berberat (18451911) Die Psychiatrische Klinik Waldau um 1920 Adolf Wölfli (18641930) Andy Warhol (19281987) «Friedrich K.» (18661921) René Magritte (18981967) «Adrian L.» (18641927) Blaise Cendrars (18871961) «Hilde P.» (1891?) Heinrich Anton Müller (18691930) Jean Tinguely (19251991) Walter Morgenthaler (18821965) Geschichte der Sammlung des Psychiatrie-Museums Bern Wölfli, Rilke und ein paar andere «Louise N.» (18701949) «Carlo M.» (18801948) Hans Fahrni (18741939) Rosa Marbach (18811926) «Peter L.» (18601925) «Rudolf I.» (18941973) Ein Arsenal der Waffen und Schlüssel «Sebastian G.» (18981987) Paul Klee (18791940) «Bernhard E.» Adolphe Appia (18621928) «Ernst R.» (18701933?) «Julius B.» (18751960) Hans Morgenthaler (18901928) Robert Walser (18781956) Jan Peter Tripp, geboren 1945 Vaslav Nijinski (18891950) Friedrich Glauser (18961938) «Rosina L.» (18951976) Jean Dubuffet (19011985) Hinter den Gittern: die Ursprünge der Art Brut Das Abenteuer der Art Brut: eine Geschichte von Diamanten, ungeschliffen André Breton (18961966) Fritz Jenzer (19071985) Die Kreativität Geisteskranker ein «letzter Kontinent»? Bibliothek Textnachweis Bildnachweis Die Herausgeber, die Autorinnen und Autoren |
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| Stimmen zum Buch | |||
| Pressestimmen | |||
| Rezensionen Neue Zürcher Zeitung vom 16./17. August 1997 Der Atlas des letzten Kontinents Im Frühjahr 1996 hatte das «Centre Culturel Suisse» in Paris eine sehenswerte Ausstellung Über Kunst und frühe Psychiatrie in der Schweizer Waldau-Klinik präsentiert (NZZ vom 8.6.96). Es waren weniger die Kunst und Literatur prominenter Patienten wie Robert Walser oder Adolf Wölfli , die dort schwindelerregende Perspektiven auf ästhetische Verfahren der Moderne eröffneten, sondern die ausgestellten Werke der vielen namenlosen Kranken, die auf überraschende Weise Werke des Surrealismus, des Art brut oder etwa eines Joseph Beuys und Arnulf Rainer kommentierten. Den verantwortlichen Kommissaren, Michel Beretti und Armin Heusser, war es gelungen, auf anschauliche Weise deutlich zu machen, wieviel die europäischen Avantgarden auf ihrer Suche nach Inspirationsquellen jenseits der abendländischen Ratio der Kunst des «letzten Kontinents», der Kunst der Schizophrenen, verdanken. Anfang des Jahres war die Sammlung der Waldau-Klinik, dieses Schweizer Narrenschiffs, auch in der Landesbibliothek Bern zu besichtigen. Nun endlich liegt auch ein Katalog vor, der in Qualität, Ausstattung und Umfang nichts zu wünschen übriglässt. rit. © Neue Zürcher Zeitung
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. September 1997 Die Welten der
Papierarbeiter Der Psychiater Walter Morgenthaler hat mit seinem Buch «Ein Geisteskranker als Künstler» 1921, ein Jahr vor Hans Prinzhorns «Bildnerei der Geisteskranken», die Reihe der grossen Monographien zum Verhältnis zwischen Schizophrenie und Kunst eröffnet. Darin überliefert er eine Anekdote von Adolf Wölfli, die das solidarische Selbstverständnis von Künstlern wie Bernhard Luginbühl, Daniel Spoerri und Jean Tinguely geprägt hat. Der Kinästhetiker Wölfli, der keinen Flecken weissen Papiers auf dieser Welt unbemalt und unbeschriftet lassen konnte, sagte einmal, gutgelaunt auf ein halbfertiges Blatt hinweisend: «Das gibt zu tun! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie man dabei seinen Kopf anstrengen muss, um nichts zu vergessen. Man würde sicher verrückt darob, wenn man's nicht schon wäre.» Wölfli war vom 5. Juni 1895 bis zu seinem Tod am 6. November 1930 mehr als fünfunddreissig Jahre lang in der Psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt Waldau bei Bern interniert, nachdem er mehrfach versucht hatte, sich an kleinen Mädchen zu vergehen. Die Selbstironie des «Papierarbeiters», wie der Künstler Wölfli sich nicht ohne spöttischen Seitenblick auf seine papiersackklebenden Mitpatienten nannte, hielten sich seine Psychiater gerne als Behandlungserfolg ihrer vergleichsweise medikamentenfreien Arbeitstherapie zugute zu einer Zeit, als die psychiatrischen Universitätskliniken Europas in der Folge von Wilhelm Griesingers Diktum «Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten» längst zu neurologischen Untersuchungslabors umgerüstet worden waren. In der Waldau aber soll seit der Internierung des ersten «Künstler-Patienten» Friedrich Walthard, der bis zu seinem Tod 1870 die Bücher von Jeremias Gotthelf illustrierte, «eine Art von Waldau- Schule» schizophrener Künstler entstanden sein, «deren Meister Adolf Wölfli wäre». Neben zahlreichen namenlosen Mitgliedern gehörten aber auch die Schriftsteller Friedrich Glauser und Robert Walser dazu, die sich wiederum für den Schachvirtuosen und «Grossproblemmeister» Hans Fahrni interessierten. Diesen idyllischen Eindruck eines Asyls der Kunst vermittelt eine von Michel Beretti und Armin Heusser herausgegebene Dokumentation. Der im Titel angeführte «letzte Kontinent» ist jene Kreativität, von der Rilke an Lou Andreas-Salome am 10. September 1921 als Reaktion auf Morgenthalers Wölfli-Buch schrieb: «Der Fall Wölfli's wird dazu helfen, einmal über die Ursprünge des Produktiven neue Aufschlüsse zu gewinnen.» Um diesen Eindruck zu unterstreichen, rücken die Herausgeber die namenlosen und prominenten «Künstler» der Waldau nahe an die «künstlerische Avantgarde unseres Jahrhunderts» nicht immer so glücklich wie im Fall der Paarung von Adolf Wölfli und Andy Warhol, die beide ihr Collage-Prinzip durch eine Konservendose von Campbell's Tomato Soup zum Ausdruck bringen; «Kaspar O.» und Magritte verbindet nicht mehr als das assoziative Motiv der Pfeife. Die Kluft, die dabei übersprungen wird, ist der psychiatrie-historische Entstehungskontext der in der Waldau geschaffenen Werke: Wie in der Kunstästhetik des achtzehnten Jahrhunderts erscheinen sie als Selbstzweck, nicht als Studienobjekte, die auf Wunsch der Ärzte geschaffen worden sind um die Erforschung der Geisteskrankheiten zu erleichtern, während die Patienten im Gegenzug mit Erleichterungen des Anstaltslebens rechnen durften. Diese Neigung zur Romantisierung des Wahnsinns geht einher mit der leisen Nostalgie über die verlorene Kreativität von Geisteskranken im Zeitalter der Psychopharmaka. Aber wenn der Sägereiarbeiter «Adrian L.», der sich dem Vampirismus seiner Ärzte, die ihm «das Gehirn aussaugen» wollten, mehrfach durch Ausbruch aus der Irrenanstalt zu entziehen versuchte, zu einem «Flucht-Künstler» wie Harry Hondini stilisiert wird, fällt einem Salman Rushdies Bemerkung über das Untertauchen von Thomas Pynchon ein: «Er sollte das vielleicht mal versuchen, wenn es lebenswichtig ist, und nicht freiwillig.» Was bleibt, ist ein Denkmal für den Psychiater Walter Morgenthaler und die auf ihn zurückgehende Sammlung des Psychiatrie-Museums Bern. Sie dokumentiert zahlreiche unvermutete Begegnungen unter den Bewohnern des «letzten Kontinents», deren Status in den meisten Fällen aber fiktiv bleibt. Martin Stingelin © Frankfurter Allgemeine Zeitung
Der Landbote vom 12. Januar 1998 «Der letzte
Kontinent» ein Buch mit Materialien aus dem
Waldau-Archiv Dass bedeutende künstlerische Leistungen oft von den äussersten Rändern der Gesellschaft her kommen, ist in letzter Zeit immer wieder deutlich geworden. Psychiatrische Heil- und Pflegeanstalten entpuppen sich als Zentren kulturellen Schaffens. Schon dank ihrem teilweise als Museum zugänglichen Archiv nimmt die Waldau bei Bern unter ihnen eine besondere Stellung ein. Was wäre geschehen, wenn sich so hochkarätige Persönlichkeiten wie der Dichter Robert Walser, der Maler Adolf Wölfli und der Tänzer Vaslav Nijinski, die sich immerhin alle in der Waldau aufhielten, dort tatsächlich begegnet wären? Die faszinierende Vorstellung stand am Anfang einer Ausstellung, die im Centre Culturel in Paris verwirklicht wurde und, von der Schweizerischen Landesbibliothek in Bern übernommen, schliesslich zum vorliegenden Buch «Der letzte Kontinent» geführt hat. Ein vielsagender Titel: Nachdem die systematische Kolonialisierung der ganzen Welt durch Europa in unserem Jahrhundert die letzten weissen Flecken auf den Landkarten verschwinden liess, bleibt der menschliche Geist der letzte noch zu erforschende Kontinent. Zugleich aber haben neue medikamentöse Therapien jene elementare Sprache des Wahns unterdrückt, deren Zeugnisse nun von einer «Archäologie des Wahnsinns» wiederentdeckt werden müssen. Die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg mit Kunst Geisteskranker aus ganz Europa ist wohl die berühmteste ihrer Art. Ihr gegenüber ist das Archiv der Waldau am Standort selber entstanden, was die Bandbreite der Ausdrucksmöglichkeiten der hier so zahlreichen kreativen Patientinnen und Patienten um so erstaunlicher erscheinen lässt. Auch sie nahmen Innovationen der künstlerischen Avantgarde deren diesbezüglich wichtigste Vertreter konsequenterweise in die Publikation einbezogen wurden teils erstaunlich früh vorweg. Anderseits verbietet sich diesen Menschen gegenüber jede nur kunstimmanente Beurteilung, sind auch ihre oft berührenden privaten Schicksale und Leidensgeschichten in die Betrachtung einzubeziehen. In chronologischer Folge werden in kurzen Würdigungen die einzelnen Persönlichkeiten von altvertraut bis fast unbekannt vorgestellt, dazwischen einige grundsätzliche Fragen abgehandelt, mit ständigen Verweisen auf ein Lexikon, das im Anhang zahlreiche Namen und Stichwörter erläutert. Ein Porträt der Waldau um 1902 macht nicht nur mit der topographischen Situation und dem täglichen Betrieb vertraut, sondern auch mit dern Einfluss, den die wechselnden Direktoren und deren unterschiedliche Behandlungsmethoden auf die Insassen hatten. Bekannte und Unbekannte Die Geschichte der Sammlung des Psychiatrie-Museums Bern wird nachvollzogen, das seit 1993 einen Teil der Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich macht. Als Teil der Sammlung vermittelt ein ganzes Arsenal von Waffen und (Nach-)Schlüsseln etwas von der bedrohlich-aggressiven Atmosphäre, in der hier Kunst entsteht. Den Ursprüngen der Art Brut wird nachgegangen auf der Reise des Malers Jean Dubuffet 1945 in die Schweiz, wo er in der Waldau Heinrich Anton Müller und Adolf Wölfli entdeckte. Manche Künstlerpersönlichkeiten sind hier recht eigentlich zu entdecken: Der Berner Friedrich Walthard etwa, der sich als Gotthelfs geiziger Glunggenbauer Joggeli in einem beklemmenden Selbstporträt festhielt. Constance Schwartzlin-Berberat hat in der Waldau ein monumentales, erst teilweise veröffentlichtes Tagebuch verfasst, das heute durchaus auch als Schriftkunstwerk Anerkennung finden könnte. Die von Friedrich K. zu Beginn unseres Jahrhunderts mit Bleistift eingeschwärzten Zeichnungen könnten in ihrer geheimnisvoll belebten Monochromie von heute stammen. Auch Hilde P. hat ihrer psychischen Verwirrrung erstaunlich heutig anmutenden bildlichen Ausdruck verliehen. Susanna F., die seit 1910 als «WaldauGeld» eigene Banknoten zu zeichnen begann, ist nicht nur psychologisch ein hochinteressanter Fall. Louise N. hat ein weiterer so charakteristischer wie letztlich unerklärlicher Fall ebenso plötzlich mit Zeichnen aufgehört, wie sie wenige Jahre zuvor damit begonnen hatte. Verbindungen zur Waldau Doch auch über bekanntere Namen nicht nur aus der Waldau selber, sondern ebenso aus ihrem weiteren Umfeld gibt es noch Aufschlussreiches zu erfahren. Andy Warhol ist natürlich mit dabei, weil Wölfli die durch ihn berühmt gewordene Campbell-Suppenbüchse schon vierzig Jahre früher als Bildmotiv entdeckt hatte. Daniel Spoerri bezieht sich mit einer seiner ersten Assemblagen auf Anton Heinrich Müller und machte Jean Tinguely, dessen erste Maschinen denjenigen Müllers denn auch frappant ähneln, auf ihn aufmerksam. Natürlich wird auch der Psychiater Walter Morgenthaler, der Wölfli 1921 sein bahnbrechendes Buch widmete, porträtiert. Und dieses Buch wurde bald von Rainer Maria Rilke entdeckt und der psychoanalytisch geschulten Freundin Lou Andreas-Salome weiterempfohlen. Marcel Duchamp wird unter dem wichtigen Aspekt seiner Beziehung zum Schachspiel, die ihn mit dem Waldau-Insassen Hans Fahrni verbindet, gewürdigt. Zum glücklichen Aufenthaltsort wurde die Waldau schliesslich für den geniale Bühnenreformer Adolphe Appia. Martin Kraft © Der Landbote |
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