Isolde Schaad

Keiner wars

Roman

2001, 310 S., gebunden
ISBN 3-86791-367-3

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Kurze Inhaltsangabe

Zeitbild der versprengten Hoffnung

Warum ist das «Prinzip Hoffnung» auf dem Müll gelandet? Wieso hängt das Seidentop im Kirschbaum und weshalb ist Mainz die Stadt der Träume? Die WG, die jetzt Single-Haushalt heisst und in die sich die Revolte eingekapselt hat, weiss stets ein bisschen mehr. An einer kurzen Strasse einer hübschen Stadt, die zwischen Berlin und Rom liegt, auf der Achse Kuba—IKRK. 

Doch wer kennt eigentlich wen? Und wer ist der neue Typ im Fenster gegenüber? Der Reigen führt von Fenster zu Fenster, hinter dem sich so manches abspielt, was dem Image nicht bekommt.

Von Lust und Lastern erzählt dieser erotische und kriminalistisch verzwickte Roman, dessen Rätsel in den Bahnhofsuntergrund, ins Krafttraining und ins Internetcafé führen. Sechs bis neun Personen blicken vorwärts und zurück in die unvergangene Geschichte, verfolgen einander und werden verfolgt, von Blicken oder Taten. 

Textprobe

...

Seit vielen Wochen denkt Madeleine in der Küche nicht an das Essen und im Schlafzimmer nicht an das Eine. Sie denkt an das A und das E, und was sie miteinander verbinden könnte.

Sie geht nun dreimal pro Woche zu Kieser, um die kreischende Säge in den Knochen zu spüren. Als hätten Gefühle Gelenke. Die möchte sie brechen, sodass es knirscht. Sie verschiebt die Schmerzgrenze bis an den Punkt, wo es sie beinahe in Stücke reißt. Das tut gut. Seit sie das Paar verfolgt, von dem sie verfolgt wird, eine Obsession.

»Achten Sie darauf, dass die Knie sich auf einer Linie mit dem Drehpunkt der Maschine befinden, fassen Sie beide Handgriffe, bewegen Sie langsam die Unterschenkel durch Beugen des Knies. Nähern Sie Ihre Fersen dem Gesäß.«

Die Hostess rezitiert. Aber niemand kommt, um ihr den Hintern oder die Seele zu pudern, man ist hier allein mit dem scheintoten Leib. Denn alles Fleisch, das ist wie Gras, während das Skelett über Jahrtausende hält. Madeleine lächelt huldvoll zu all diesen Kiesergläubigen, winkt ihnen aus einer unerreichbaren Ferne und trainiert verbissen mit dem Rühr-mich-nicht-an-Gesicht.

Es ist Ende April, draußen rieselt der Schnee, und ihr ist, als sei sie in einem vorzeitig geöffneten Loch des Adventskalenders untergekommen. Beim Gehen wirft sie zum erstenmal einen Blick zurück und sieht jene, die nach Stunden immer noch da sind: das Eingemachte, das man in den Vorratskammern vergaß. Es muss unter dem Deckel Schimmel angesetzt haben. Daher kommt dieser Gelenkrheumatismus, der in Gesichtern eingefurcht ist; das sind Dulderinnen, üben das Krafttraining wie den Verkehr mit einem Stuntman, zweimal pro Woche im Stillhalteabkommen.

Sie muss sich immer von neuem einpauken, dass sie kein Monopol auf ihn hat. Um seine Eskapaden mit Teenagern soll die Ehefrau bangen, nicht die Geliebte. So spricht das Klischee und kichert ein bisschen. Das nennt sich der Second Prime, hat sie bei Mr. Bean gelernt, diesem Dorftrottel der bbc. Bald wird Edgar karibische Bunthemden tragen und den ganzen Tag trällern, schon morgen wird er in satt sitzenden Boxershorts auftauchen und kokett fragen, gefall ich dir, um dann eifrig in der Küche herumzustehen. Kann ich dir etwas helfen, Schatz, wollen wir einen gemütlichen Abend abhalten, wir zwei allein? Ein Mann von Format und Würde wird im Second, was sage ich, im Third Prime, regredieren, wird kindisch werden und obendrein ein scheinheiliges Aas. Verliebte alte Männer sind zum Erbarmen. Hat ihr nicht Ada damals geflüstert: Wenn du bei Kieser trainierst, geht er zur Freundin? Gleichwohl, bei Kieser fühlt sie sich weniger mies als irgendwo sonst.

Nun steht sie an der Bushaltestelle, mit überquellenden Taschen, und ist schon eins mit ihrer Verwünschung. Auf dem Buckel der Rucksack, die Handtasche, Zeitung und Knirps unter den Arm geklemmt, und gleich beginnt es zu regnen, und in der kommenden Nässe wird sich das Papier am Boden auflösen, und der Einkaufssegen wird aufs Trottoir kollern und dort vor aller Augen verenden. Nun kommt der Bus, und sie schafft es mit Mühe hinein. Wieder hat sie eingekauft, als gelte es ein Asylheim durchzufüttern. Kompensatorisches Futtern, weil Edgar eine Freundin hat. Dabei weiß sie doch, dass sie nichts fortwerfen kann. Nicht einmal Waltrauts Katze wird dieses verdorbene Zeug dann fressen. Zu Hause schleicht sie wie eine Diebin durchs Treppenhaus.

...

Stimmen zum Buch

«Die Art, wie hier Bilanz gezogen wird über das Wirken der 68er-Generation, ist frech und geistreich, doch frei von falscher Häme. Alle kriegen ihr Fett ab. Jede Generation scheitert, wenn ihre Zukunft Vergangenheit geworden ist und ihr Elan sich an den weiten Stränden des Alltags verlaufen hat. Gut, wer dann noch solchen Witz besitzt wie Isolde Schaad.» Beat Mazenauer, Solothurner / Mittelland Zeitung

«Pointierte Schreibkunst, Grösste Dichte und Genauigkeit, und damit Unterhaltsamkeit. Man kennt die Autorin als scharfe und eloquente Beobachterin sozialer Befindlichkeiten.» Neue Zürcher Zeitung

«Das ist treffsicher, scharfsinnig und mit ausserordentlichem Sprachwitz geschrieben.» Tagesanzeiger

«Hellsichtige Präsenz, Wachheit für das, was in der Luft liegt: Isolde Schaads Buch ist ein Sprachkunststück.» Die Wochenzeitung

«Isolde Schaad hat die richtige Tonlage gefunden, frech und liebevoll zugleich.» Blick

«Das ist treffsicher, scharfsinnig und mit ausserordentlichem Sprachwitz geschrieben. Schaads neuer Roman geht mit irrwitzigen Alltagssituationen nicht eben sparsam um. Ob Madeleine im Fitnesstempel zum Gebären angehalten wird - ‹Tief atmen, Frau Kündig, und pressen› - oder ob die WGler sich um den Verbleib der Werke von Lukacs im Bücherregal streiten, für das Amüsement der Leserschaft ist gesorgt. Den Gipfel des so genannt ganz normalen Wahnsinns hat man im Gemeinschaftszentrum erklommen. Statt Sozialarbeitern schwingen hier Konfliktmediatoren und wohl auch soziokulturelle Animatoren das Zepter. Aushänge laden zu Qi Gong oder Mantra-Kursen, man zeichnet und bastelt eifrig wilde Tiere, doch kaum enthüpft der jamaicanische Schwertsaugnapf-Leguan seinem angestammten Terrarium, ist man von den Wundern der Natur bereits überfordert. Der verschupften Tessinerin Fernanda wird ganz anders ob dieser gut gemeint weltfremden Fingerfarbenesoterik.

... Mit einem lachenden Auge gibt Schaad die Überspanntheit der vermoosten Hobbyrevolutionäre der Lächerlichkeit preis, mit einem weinenden konstatiert sie aber auch, wohin die Einmottung der Ideale geführt hat. Als das Journalistenidol W., von ganz unten kommend, in Zürich auftaucht und eingesteht, dass die Wahrheitsfindung wohl doch nicht zwingend zur Gerechtigkeit führe, bleibt ein schales Gefühl der Vergeblichkeit zurück.

Gerade weil die Autorin davon absieht, sich einseitig anzubiedern, kann sie allen Figuren Gerechtigkeit widerfahren lassen. Schaad lässt Gnade vor Recht ergehen, wenn sie alle Schuld nivelliert und ironisierend feststellt: ‹Keiner wars›. Dass die Menschheit es so weit gebracht hat, sich auf der Fitnessstreckbank masochistischer Leibeszucht hinzugeben oder im Füschibachshopping einkaufen zu gehen, haben alle gleichermassen auf ihre Kappe zu nehmen.» Urs Schwarz Tages-Anzeiger

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